
Welche Bilder des Göttlichen sind erlaubt, notwendig, erbaulich oder schädlich? Eine eindeutige Antwort darauf hat das Christentum nie gefunden.
„Du sollst dir kein Gottesbild machen!“ heißt es einerseits im zweiten der zehn Gebote. Andererseits sind in der Christentumsgeschichte Gemälde, Fresken und Skulpturen von heiligen Frauen und Männern, Maria, Jesus Christus, dem Heiligen Geist und sogar vom Gottvater selbst entstanden. Diese füllen bis heute die Kirchen und Museen.
Müssten sie nicht verboten sein? Diese Frage ist unserem Blick auf die Vergangenheit geschuldet, der geprägt ist von den Gesetzen und Verboten der heiligen Texte und der theologischen Tradition.
Auch die ersten Christen hatten ein dringendes Bedürfnis nach Bildern. Damals war die frühe christliche Kunst schlicht, ja arm: naive Wandmalereien in Katakomben, Amulette, frommes Kunsthandwerk. Hieraus sollte sich langsam eine eigene Bildsprache entwickeln. Die ersten künstlerischen Bilder über das Leiden und die Auferstehung Jesu Christi entstanden erst im fünften Jahrhundert.
Doch das war nur der Anfang einer atemberaubenden Kunstgeschichte: Die Maler und Bildhauer der Romanik und Gotik im Mittelalter, der Renaissance (ab dem 14. Jahrhundert), später des Barocks, der Klassik sowie der Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts schufen in unterschiedlichsten Stilen eine Fülle an immer neuen christlichen Bildwerken, die sich nicht mehr zählen lassen. Das Bilderverbot scheint dabei keine Rolle gespielt zu haben. Nur die Reformatoren des 16. Jahrhunderts, die den Heiligenkult der Papstkirche bekämpften, erinnerten an den theologischen Sinn des zweiten Gebots. Es stellt klar, dass Gott nicht von dieser Welt ist und jeder menschliche Versuch, ein festes Bild von ihm zu machen und zu fixieren, verdächtig ist.
Gottesbilder sind stets in der Gefahr, Gott zu einem Götzen zu machen und zu Instrumenten klerikaler oder politischer Herrschaft zu werden. Deshalb müssen Christenmenschen, um es modern zu formulieren, ihre Glaubensbilder immer wieder infrage stellen, damit diese nicht an die Stelle des Geglaubten treten. Das Bilderverbot hat also eine befreiende Wirkung. Es kann Künstler dazu anregen, alte Bildmuster zu durchbrechen und Neues zu schaffen.
Aber wie wird diese Geschichte weitergehen? Früher hat die Spannung zwischen der Liebe zu hergebrachten Gottesbildern und der Notwendigkeit, sie zu kritisieren und durch neue Schöpfungen zu ersetzen, viele Künstlerinnen und Künstler inspiriert. Wird das im 21. Jahrhundert auch so sein? Das ist eine offene Frage.
Man kann neugierig darauf sein, welche Antworten vor allem die jungen und wachsenden Christentümer in Afrika oder Asien darauf geben werden.
Johann Hinrich Claussen
