Ein festes Fundament

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 01.08.2021 (9. Sonntag nach Trinitatis) in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Symbolbild Fundament

Liebe Gemeinde,

sprachlos haben sie uns gemacht, die Bilder, die wir in den vergangenen Wochen in der Tagesschau und im Heute Journal gesehen haben. Reihum, innerhalb weniger Tage haben in unserem Land Unwetter viele Regionen hart getroffen. In unserer Nähe war die Gegend um Neustadt und Bad Windsheim schwer getroffen, aber kein Vergleich zu der existentiellen Katastrophe, die die Menschen in NRW und in Rheinland-Pfalz erleben mussten.
Nicht nur, dass das Wasser in den Kellern und in den Wohnungen stand, nein, dort wurden ganze Häuser von den Fluten mitgerissen. Häuser, die eigentlich schon viele Hochwasser hinter sich hatten – sie wurden einfach weggespült.
Alles Hab und Gut weg und das von einem Tag auf den andern.

Gerade zu dieser Zeit kommt da der Predigttext für den heutigen Sonntag. Beim Lesen habe ich erstmal tief Luft holen müssen.

Ich lese aus der Bergpredigt Jesu

Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.
Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“

Matthäus 7,24-27

Wenn wir diese Worte hören und sie mit unseren Bildern im Kopf verbinden, kann leicht der Eindruck entstehen, dass die Menschen, deren Häuser in den letzten Wochen mitgerissen wurden, sich besser schon vorher um ihre Fundamente hätten kümmern müssen oder Dämme und Böschungen doch schon längst besser hätten geplant und ausgebaut werden müssen.
Im Nachhinein sind wir immer schlauer. Schuldige werden gesucht angesichts einer solchen Katastrophe.

Die Bergpredigt will uns aber etwas anderes sagen

Die Fundamente Fels und Sand stehen für die Fundamente, auf denen unser Leben gegründet ist.
Unser Leben aufzubauen und über mehrere Jahrzehnte zu erhalten – das ist ein Langzeitprojekt.
Schon von Beginn an gibt es unglaublich viele Unwägbarkeiten, dass gar mancher am liebsten aufgeben möchte. Und hat man es endlich geschafft und meint, sein Leben endlich im Griff zu haben, steht man in steter Verantwortung.
Leichtfertigkeit hat verheerende Folgen und kann uns aus der Bahn werfen.

Auch in unserem Leben müssen wir auf etwas Festem bauen können.
Wir alle möchten sicher sein, dass Geschaffenes hält und nicht gleich beim ersten Unwetter wegbricht. Unser Leben gründet auf diesem Urvertrauen, das sich schon in unserer Kindheit herausgebildet hat.
Wir vertrauen darauf, dass die Menschen, die uns liebevoll begegnen, auch am nächsten Tag noch da sind.
Wir vertrauen darauf, dass wir jeden Abend ein Dach über dem Kopf haben und ein Kissen, auf das wir unseren Kopf legen können. Das sind Grundbedürfnisse ersten Ranges.

Je länger wir darüber nachdenken, desto mehr merken wir aber, dass doch alles ziemlich unsicher ist.
Beispiele aus unserem Bekanntenkreis kennen wir genug: Ehepaare, die sich auf einen gemeinsamen Ruhestand freuen, endlich Zeit für die Enkel oder fürs Reisen haben, werden aus der Bahn geworfen, wenn einer der Ehepartner eine schlimme Diagnose erhält und plötzlich stirbt. Oder wenn der Betrieb unverhofft Stellen streicht und man auf der Entlassungsliste steht. Da hilft oft auch keine Abfindung, wenn man über 50 Jahre alt ist. Da rutscht weg, was doch das Leben tragen sollte.

Jesus vergleicht in seiner Bergpredigt unser Leben mit einem Hausbau. Er betont, dass es auf das Fundament ankommt.

Vom Lebensfundament

Wie nun muss es seiner Meinung nach beschaffen sein – unser Lebensfundament?
Jesus spricht: „Wer diese meine Worte hört und danach handelt, der hat auf Fels gebaut.“
Welche Worte meint er?
Die Beispielgeschichte vom Hausbau steht ganz am Ende der Bergpredigt. Dieser Geschichte gehen ganz entscheidende Worte voraus: Vom Salz der Erde, vom Licht der Welt, vom Vergelten, vom Schwören, von der Feindesliebe und nicht zu vergessen das Vaterunser Gebet.
Und dann am Schluss seiner Bergpredigt die Aufforderung: Ihr habt gehört, was ich euch gesagt habe – jetzt lebt danach!
Wer dem Hören keine Taten folgen lässt, der hat auf Sand gebaut.
Glauben und Handeln gehören zusammen.
Das darf und kann man nicht trennen.
Sowohl unser Handeln als auch unser Unterlassen wird immer Folgen haben – gute und schlechte.

Matthäus betont das in seinem Evangelium oft genug.
Zugespitzt schreibt er sogar: „Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“
Wahrlich harte Worte.
Da müssen wir Hörer erst einmal schlucken!
Befreiende Worte des Evangeliums klingen doch eigentlich anders.
Muss ich also allen Forderungen Jesu nachkommen, um ein festes Fundament für mein Leben zu schaffen, um dann ins Reich Gottes zu kommen?

Ich denke, dass Jesus hier seinen Zuhörern keinesfalls drohen will.
Es geht ihm um ein gelingendes Leben im Hier und Jetzt, das auf andere ausstrahlt.
„Lasst euer Licht vor den Leuten leuchten!
Bezeugt das, was ihr glaubt und erhofft – durch euer Handeln und Tun!“

Und wenn wir an unsere Grenzen kommen, unsere Kräfte nachlassen und Verzweiflung sich breit macht …
Auch an diese Situation hat Jesus in der Bergpredigt gedacht:
Zwischen all dem Fordernden und Herausfordernden hat das Vaterunser in seiner Predigt einen wichtigen Platz:

Dieses Gebet tröstet uns!

Jeden Tag auf’s Neue dürfen wir Gott um Vergebung bitten, neu anfangen.
Jeden Tag bietet sich uns die Gelegenheit, aus Vergangenem zu lernen und Eingestürztes neu aufzubauen. Jesu Versprechen gilt!

Die Kraft, unser Fundament zu sichern, wird uns geschenkt, wenn wir Gott darum bitten.

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Predigt über das Vaterunser

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 16.05.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zum Sonntag Rogate

https://youtu.be/aM89gc7eDlw

Liebe Brüder und Schwestern, 

Rogate! heißt dieser Sonntag. Betet! – Aber wie? Mit dieser Frage sind schon die Jünger an Jesus herangetreten, den sie ja immer wieder beten sahen. Die Antwort, die er den Jüngern gibt, steht in der Mitte der Bergpredigt und ist heute unser Predigttext. Es ist das Vaterunser. Ich lese es im Zusammenhang und wähle für das Gebet selbst meine wörtliche Übersetzung:

Christius spricht: Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. […] Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. […] Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: 

Unser Vater in den Himmeln, 
geheiligt werde dein Name, 
es komme deine Königsherrschaft, 
es geschehe dein Wille – wie im Himmel auch auf der Erde!
Unser Brot für morgen gib uns heute!
Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldnern!
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel!

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Matthäus 6,5-15

In wenigen, einfachen Worten nimmt Jesus uns hinein in das Vertrauen zwischen ihm und dem Vater, seinem Vater und unserem Vater. So beten heißt als Geschwister beten. – – – Im Gegensatz zu schwülstigen Gebetsanreden, wie sie in Antike und Orient üblich waren, spricht Jesus unseren Gott einfach mit Vater an, aramäisch vielleicht nur mit „Abba“, Papa. – Nun leben wir in Zeiten einer völlig überhitzten Gender-Debatte und manche runzeln bei der Anrede „Vater“ für Gott die Stirn. Ich halte mich kurz dazu: Natürlich ist Vater nur eine Metapher. Gott ist WIE ein Vater. Das zeigt schon der einzige Zusatz: „im Himmel“. Wir haben einen Vater neben unserem leiblichen Vater. Einen unsichtbaren neben dem sichtbaren. Einen mächtigeren neben dem nur manchmal mächtigen und sterblichen Vater. Wir alle wissen, was ein guter Vater sein kann – und zwar auch, wenn wir’s nicht erlebt haben. „Vater“ steht für einen frommen Juden wie Jesus für die Verbindung von Liebe mit gerechter Strenge; für das Oberhaupt der eigenen Sozialgruppe, sprich Familie.

„Vater“ ist als der Erzeuger auch der Ursprung, – der, ohne den es mich nicht gäbe, weil er mich wollte. Ein „Vater“ ist für Jesus eine Autorität – und genauso der, der mir barmherzig unter die Arme greift. 

Geheiligt werde: Dein Name

Der Name ist in der Bibel immer mit der Macht des Trägers verbunden. Dann: Dein Reich komme; wörtlich: Kein abgegrenztes Gelände, sondern deine Königsherrschaft komme. Und: Dein Wille geschehe. Damit bitten wir, dass Gott sich bei uns durchsetzt – im Großen und Ganzen wie auch in unserem einzelnen Leben. So wie das Reich Gottes, seine Herrschaft, überall aufgeleuchtet hat, wo Jesus auftrat, – wo er geheilt und versöhnt hat, aber auch ermahnt hat, so bitten wir, dass es auch bei uns passiert. Dass bei uns weitergeht, was mit Jesus begonnen hat: das Reich Gottes ist mitten unter euch! Überall, wo das Reich Gottes hinkommt, ist es, wie wenn der Himmel die Erde berührt. Und wer darum bittet, der stellt sich mit seinem Denken, Wollen und Tun darauf auch ein. So wie ein Reisender am Bahnsteig, wenn es heißt: „Der Zug fährt ein!“. Dann raffe ich mein Gepäck, taste nach meiner Fahrkarte, drücke vielleicht noch die Zigarette ausdrückt. Der Zug komme! Dein Reich genauso! Ich stelle mich drauf ein.

Also verändert uns das Beten. Da können uns andere Mächte und Menschen noch so gewaltsam ihre Macht aufzwingen wollen, sie sind doch auch nur Geschöpfe unseres gemeinsamen Schöpfers. So hat das Beten fast einen rebellischen Zug. Oder zumindest: es verleiht mir einen festen Stand. Denn es zeigt mir, wo oben und unten ist. Betend bin ich so, wie ich bin: Mensch, Sünder, geliebtes Kind, zum Himmel ausgerichtet, aufrecht. Betend entthrone ich die, die sich zu Götzen aufspielen. Ich lasse mir mein Menschsein gefallen und lasse Gott Gott sein. 

Dein Wille geschehe

Nochmal: Dein Wille geschehe. Das ist hier weniger defensiv gemeint als das Gebet Jesu in Gethsemane: „Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Wir beten hier nicht um das demütige Annehmen unseres Schicksals, sondern wie beim Namen und beim Reich darum, dass Gott sich durchsetzt. Aber was will Gott denn? Gott will, dass allen Menschen geholfen werde, heißt es im 1. Tim. Gott will uns helfen durch die 10 Gebote und das Kreuz, durch Gesetz und Versöhnung. Er will den Tod der Sünde und das Leben der Liebe. Er will die ewige Ehe von Liebe und Gerechtigkeit. Und wie sie im Himmel gelebt wird, so soll sie auch hier auf der Erde Raum greifen. 

Halten wir kurz inne nach den ersten drei Bitten und achten darauf, was Jesus hier besonderes macht. Wenn wir – naiv sag ich mal – beten, dann bitten wir um Aktivität:

„Gott, mach bitte das und das!“ Oder wir bitten ihn, dass er uns zur Aktivität verhilft: „Gott, schenk mir Kraft, oder deinen Geist, dass ich das und das schaffe“ – oder ähnlich. – Jesus dagegen lässt uns um etwas Passives bitten, um ein Geschehen, um das sich der allmächtige Gott ohnehin kümmert. Gott wird seinen Namen, seine Herrschaft, seinen Willen ohnehin durchsetzen. Warum also darum bitten? Weil Gott und Jesus wollen, dass all dies nicht an uns vorbei oder ohne uns geschieht, sondern durch uns hindurch – mit uns zusammen. Gottes Name ist an sich schon heilig, aber er soll auch durch uns und bei uns geheiligt werden. Sein Reich kommt eh! Aber wir bitten, dass wir uns drauf einstellen, dass wir drin sind und nicht draußen! Und sein Wille soll auch durch und bei uns umgesetzt werden. Durch diese eigentümlichen Formulierungen macht uns Jesus zu Kooperationspartnern Gottes – sicher nicht auf Augenhöhe, aber so, dass wir uns nicht auf die Aufgabenteilung zurückziehen können: Ach, das macht schon Gott – und das kann ja dann noch ich machen. Wie beim Gottessohn Jesus selbst soll auch bei uns ununterscheidbar sein, was an unserem Tun Gottes- und was Menschen-Werk ist.

Bitte nach dem täglichen Brot

Keine Bitte erdet unseren christlichen Glauben so wie die Bitte nach dem täglichen Brot. Das berühmte Wort von Bert Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“ – Jesus hat es gewusst und beherzigt. Unser tägliches Brot steht für alles Lebenswichtige: Nahrung, Kleidung, Gesundheit natürlich auch, ein Dach über dem Kopf, die Arbeit, den Respekt der anderen, der mich leben lässt. 

Die deutsche Übersetzung verschleiert die Pointe der Bitte: Wörtlich heißt es nämlich: Unser Brot für morgen gib uns heute. Also: Nimm uns die Sorge, wie wir über den morgigen Tag kommen, damit uns unsere leiblichen Bedürfnisse nicht einschnüren. Aber Hamstern, Horten, Sich Bereichern; das ist nicht gemeint. Denn Gott weiß, wie leicht uns der irdische Vorrats-Luxus bindet und wie leicht wir dann seinen Namen, sein Reich, seinen Willen auf die Plätze zwei, drei, vier hintanschieben. Nur die Sorge um den nächsten Tag soll uns, wenn wir abends zu Bett gehen, genommen sein. Wir können ruhig schlafen, weil wir mit dem Nötigen für morgen versorgt sind. Und nur wer diesem Nötigsten nicht hinterherhecheln und betteln muss, behält auch seine Würde. Die hat Jesus mit seiner Bitte für uns im Blick. 

So führt uns diese Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ auch zur Dankbarkeit, dass Gott uns schon so lange und für die meisten von uns – nicht alle! – so verlässlich die Sorge um unser Auskommen abnimmt. Doch auch hier hat die Corona-Krise unsere Selbstverständlichkeiten ins Wanken gebracht. Wer kauft ein, wer bringt mich zum Arzt? Wie regle ich dringende Geschäfte, wenn persönlicher Kontakt und Rat gar nicht möglich sind? – – – Wieviele Unternehmer bitten heute: Unseren täglichen Umsatz gib uns heute! Denn daran ist oft gar nichts mehr selbstverständlich. – Auch dafür steht das „tägliche Brot“ und so gewinnt die Brot-Bitte zur Zeit wieder ungeahnte Brisanz. 

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Niemand von uns lebt, ohne dass er anderen weh tut. Ich bleibe dir etwas schuldig, weil ich gefangen bin in mir selbst. Ich verstricke mich in meinen Willen, verfolge meine Ziele und füge dir Schmerz zu. Ich verletze dich: manchmal ohne es zu wollen, manchmal nehme ich‘s bewusst in Kauf, um meine Interessen durchzusetzen. Und es ist zu einfach zu sagen, wir sind eben Menschen und es ist eben so: damit machen wir es uns zu leicht. Als könnten wir nicht anders. Wir können in der Tat nicht alles davon abstellen. Aber wir können mehr verbessern, als wir meist zuzugeben bereit sind.

Auch bei dieser Bitte ist die Übersetzung problematisch, weil sie verdeckt, dass Jesus hier ziemlich un-evangelisch denkt. Da Luther von Johannes und Paulus aus denkt, sind wir evangelisch gewöhnt, dass Gott immer in Vorleistung geht und wir mit dem, was er uns schenkt, dann wuchern können. Mit seiner Liebe, seinem Geist, seiner Gerechtigkeit geht das so. Am deutlichsten zeigt es sich vielleicht in der Säuglingstaufe. Gott adoptiert mich zu seinem Kind, bevor ich noch irgendetwas begreifen oder tun kann. – Jesus aber lässt uns hier wörtlich bitten: Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben. – Wir sind es also, die in Vorleistung gehen und wenn Gott sieht, dass diese Bedingung erfüllt ist, dann ist er willig, auch uns zu vergeben. Interessanterweise wird nur diese Bitte direkt nach dem Vaterunser von Jesus nochmals festgeklopft:

„Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“

Matthäus 6, 14f

Nun darf man diese Bedingung allerdings nicht herausschneiden aus dem ganzen Vaterunser mit der schlichtintimen Anrede: Unser Vater oder „Papa“. Das Gebet bittet ja nicht, dass Gott aufgrund meines Tuns eine Beziehung zu mir erst eröffne, sondern es setzt ja diese Beziehung, die Gott angeknüpft hat, schon voraus. Und also bitten wir in der Vergebungsbitte, dass wir im Beziehungsraum mit Gott – da, wo Versöhnung herrscht – bleiben. Wie bei den ersten drei Bitten zu Name, Herrschaft und Wille so wird auch hier deutlich: Was Gott will und tut – etwa vergeben – das tut er nicht ohne uns oder statt unser, sondern mit und durch uns. Und er schaut eifersüchtig, ob wir das auch umsetzen. Wenn nicht, zieht er sich selbst auch zurück und vergibt nicht. Wir können uns das gut an einer Mutter mit zwei Kindern vorstellen. Die jüngere Tochter Mira, sie ist 12, hat von ihrer älteren Schwester Jenny ordentlich eins ausgewischt gekriegt. Der älteren Jenny tut das aber inzwischen leid. Nun müsste Mira ihr das vergeben, wenn ihr Verhältnis wieder eingerenkt werden soll. Allerdings hat Mira wiederum ihrer Mutter gegenüber ordentlich was ausgefressen, was die Familie im Ganzen noch viel mehr belastet. Wenn Mira jetzt bitten würde: Mama, vergib mir meine Schuld. Ob ich auch der Laura vergebe, geht nur uns zwei was an und kann dir ja egal sein. – Wenn sie so bitten würde, merken wir: Da stimmt was nicht, charakterlich, bei Mira. Wenn sie hingegen kommt und sagt: Mama, bitte vergib mir. Übrigens hab ich der Laura auch schon vergeben. Es soll doch bei uns allen wieder Friede sein.“ Dann klingt das schon anders – und so eben will Jesus, dass wir Gott, unseren Vater, um Vergebung bitten.

Führe uns nicht in Versuchung

Auch in der sechsten und letzten Bitte geht es um die Überwindung von Egoismus, Zwist und Schuld. Die Bitte ist ins Gerede gekommen, seit Papst Franziskus im Jahr 2017 dafür plädierte, die Bitte umzuformulieren. „Führe uns nicht in Versuchung“ erwecke fälschlich den Eindruck, Gott wolle uns womöglich versuchen, was doch in Wahrheit allein Sache des Teufels sei. Deshalb solle es nun heißen: Und lass uns nicht in Versuchung geraten. Im Französischen und Italienischen wird inzwischen auch so gebetet. In Wahrheit ist an dieser Stelle die Übersetzung völlig eindeutig: Führe uns nicht in Versuchung! Der griechische Urtext kann nichts anderes heißen. Allerdings: Die Frage, ob wir Menschen selbst in Versuchung hineinstolpern, ob uns der Teufel da hinführt oder Gott – diese Alternativen spielen für Jesus hier keine Rolle. Sondern er spricht wie in den anderen Bitten von Gott so, dass er die gesamte Wirklichkeit in seinen Händen hält – und will, dass wir mit ihm kooperieren. Wir kommen in Versuchungen, wir begegnen dem Bösen: Jesus lässt uns hier bitten, dass uns das Böse nicht übermannt. Wer hier wie der Papst ein dunkles Gottesbild herausliest, missversteht Jesus an dieser Stelle. Allerdings ist Gott nicht der Oberpfleger auf einem sozialpädagogischen Ponyhof. Er nimmt sich zuweilen heraus, unseren Glauben, unsere Treue zu testen. Bei Abraham war das so, der zum Schein seinen versprochenen Sohn opfern sollte. Auch bei Hiob lässt Gott dem Teufel freien Lauf zur Versuchung. Und auch bei Jesus selbst war es so: Nach der Taufe, berichtet Matthäus, „wurde Jesus vom [Hl.] Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.“ (4,1) Wenn also etwas wie der Teufel mitgedacht ist, dann ist auch er abhängig von Gottes Führung. Jesus weiß also aus eigener Erfahrung genau, was er uns hier bitten lässt.

Es war für ihn schon schwer, der Versuchung zu widerstehen, als der Teufel „ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zeigte und sprach: Das alles will ich dir geben“. Wieviel schwerer ist es für uns. Z.B. die CoronaPandemie jetzt, die so viele krank macht und etliche tötet. Ein listiges Zeug ist das. Die Gefahr redet uns nämlich wieder ein, dass körperliche Gesundheit das Allerwichtigste ist – Gesundheit und Geld. // Bildung, die Seele und Gott können warten. Auch so geht Versuchung! Deshalb sollen wir den Vater bitten, dass er uns tunlichst nicht auf die Probe stellt. Einem kühl-kontrollierenden Chef gegenüber traut man sich das nicht, aber einem liebenden Vater schon: „Bitte, Papa, mach’s mir nicht zu schwer – und halte das Böse bitte gleich und vollständig weg von mir!“ Mit „dem Bösen“ ist auch hier nicht der Teufel gemeint, sondern alles, was für uns schlecht ist. Insofern war die alte Übersetzung mit „Übel“ eindeutiger. Ein Ponyhof ist aber auch hier nicht heraufbeschworen. Jesus weiß, dass es kein Leben gibt, das dem Bösen nicht begegnet. Gerade versucht uns Gott eben doch mit der Pandemie – und wehe denen, die sagen: Das sei der Teufel.

Aus Gottes Hand haben wir alle Prüfung zu nehmen – in der Hoffnung auf den, der uns prüft. Darum weist die Schlussbitte „Erlöse uns“ voraus in Gottes Ewigkeit, wenn wir endlich total von der Liebe und dem Vertrauen umschlossen sein werden, die wir jetzt im Gebet erahnen. 

Ich komme zum Schluss

Mit Jesu Gebet lassen wir uns hineinziehen in das Vertrauen zwischen Vater und Sohn. Wir werden zu Kindern Gottes, die vertrauensvoll mit ihrem Vater sprechen können, voller Zuversicht, dass unser Vater uns geben wird, was wir brauchen. Beten ist Einstimmen in die Liebe, die Gott längst schon für uns hat. Uns ausrichten auf das, was das Leben trägt – und auf das, was uns hinausträgt über dieses Leben in den Himmel, wo der König unser Vater ist. 

Amen. 

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer