Predigt zum 19. So. n. Trinitatis

Von Prädikant Wilfried Kohl am 18.10.2020 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Wer von ihnen kennt nicht Lukas Podolski, den Weltfußballer, Star des 1. FC Köln und des FC Bayern München. Er dürfte heute einer der bekanntesten Lukasse sein. Schon weniger bekannt ist Lukas der Lokomotivführer – eine Kinderbuchromanfigur des Michael Ende. 2018 kam der Film „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ in die Kinos und derzeit läuft „Jim Knopf und die wilde 13“. Auch die Augsburger Puppenkiste hat diesen Roman umgesetzt.

Noch weniger bekannt ist wahrscheinlich Lukas Cranach der Ältere – ein Zeitgenosse von Martin Luther, Maler, Grafiker und Buchdrucker, der die Reformation Luthers kräftigt mit Buchdruck und Malerei unterstützte. Lukas ist auch in Deutschland, nach Österreich, ein beliebter Jungen-Name. Der Evangelist Lukas, dessen Gedenktag wir heute begehen, ist vielleicht nur Bibelkennern und dem christlichen Glauben Nahestehenden bekannt.

„Hand auf Herz“, kannten sie die Bauernregeln zum heutigen Festtag:

„Wer an Lukas Roggen streut, es im Jahr darauf nicht bereut – und ist St. Lukas mild und warm, folgt ein Winter, dass Gott erbarm.“

So wenig bekannt, wie diese Ernte- und Wetterregeln sind, so wenig bekannt ist auch über die Evangelisten Lukas selbst.

Neben manchen weiß man jedoch, der Autor des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte, wollte 60 oder 80 nach unserer Zeitrechnung schriftlich festhalten, was Zeitzeugen von Jesus von Nazareth mit ihrem Glauben bezeugten und was Lukas bekannt war von der Urgemeinde und der Ausbreitung des Glaubens an Jesu den Auferstanden bis an die Grenzen der damaligen Welt. Lukas wollte ein Werk schaffen, was alle Zeiten überdauert und den Glauben an den einzigartigen Gott der Juden und seinem Sohn Jesus in die Herzen der Menschen bringt.

Auch der Autor unseres heutigen Predigttextes, Deuterojesaja oder 2. Jesaja genannt, wollte mit diesen für heute ausgesuchten Zeilen Gott als unseren Heiland bezeugen. Hören wir aus dem Buch des Propheten Jesaja im 43 Kapitel die Verse 8-13.

Es soll hervortreten das blinde Volk, das doch Augen hat, und die Tauben, die doch Ohren haben! Alle Völker sind zusammengekommen und die Nationen versammeln sich. Wer ist unter ihnen, der dies verkündigen kann und uns hören lasse, was früher geweissagt wurde? Sie sollen ihre Zeugen aufstellen, dass sie recht bekommen, so wird man´s hören und sagen: Es ist die Wahrheit.

Ihr seid meine Zeugen, spricht der Herr, und mein Knecht, den ich erwählt habe, damit ihr wisst und mir glaubt und erkennt, dass ich´s bin. Vor mir ist kein Gott gemacht, so wird auch nach mir keiner sein.

Ich bin der Herr, und außer mir ist kein Heiland. Ich hab´s verkündigt und habe auch geholfen und hab´s euch hören lassen; und es war kein fremder Gott unter euch. Ihr seid meine Zeugen, spricht der Herr, und ich bin Gott. Auch künftig bin ich derselbe, und niemand ist da, der aus meiner Hand erretten kann. Ich wirke; wer will´s wenden?

Jesaja 43, 8-13

Liebe Gemeinde,

„gibt es den da Oben überhaupt?!“Diese Frage stellen sich Zweifler und auch Gläubige seit Jahrtausenden und auch zu Jesajas Zeit. Insbesondere in einer solchen Ausnahmezeit, wie der babylonischen Gefangenheit, 597 -539 vor Christus. Das Volk Juda durchlebte in dieser Zeit Entbehrungen und Unterdrückung. Religionswissenschaftler machen in dieser Zeit der Bedrängnis durch die Babylonier und vorher durch die Assyrer die Entstehung des Monotheismus fest. Monotheismus heißt, ich glaube ausschließlich an einen Gott.

Jesaja will seinem blinden und tauben Volk mit Gottes Versprechen und Zusage, dass es heimkehren kann, beweisen, dass es ihren Gott Jahwe gibt. Die Götter der anderen Völker dagegen sind nur Hirngespinste, Gestirnen Abbilder und nutzloses Holz, das ohne Sinn angebetet wird.

Gott selbst tritt mit Jesajas Worten, den kosmologischen Beweis an, dass er ewig ist, indem er sagt: „Vor mir ist kein Gott gemacht, so wird auch nach mir keiner sein.“ Sie wissen, schon des Längeren stellen unsere Physiker die Frage, „Was war vor dem sogenannten Urknall?“ Eine Antwort darauf wurde bis dato nicht gefunden.

Jesaja erbringt in unserem Text einen weiteren Beweis für Gottes Einzigartigkeit. Unser Gott Jahwe hat sich nicht nur einem einzelnen Menschen offenbart, sondern vielen. Angefangen von Noah, Abraham, Jakob, Saul und David, Elia und vielen anderen Propheten. Der Gott Israels und der Vater Jesu ist kein verborgener Gott und damit einzigartig in der Religionsgeschichte. Ihr seid meine Zeugen, spricht Gott.

Und Jesajas und damit Gottes dritter Beweis ist Gottes Wirken in unserer Welt. Gott selbst sagt „ich bin der Herr und außer mir ist kein Heiland.“

Wir Christen sind aufgerufen, Gottes Wirken in der Welt und auch in unserer eigenen Lebenswelt zu bezeugen. Auch ich kann schon mehrfach den 3. Vers des Liedes „Lobe den Herrn, meine Seele“ singen – „Der mich vom Tode errettet hat“ – als täglicher Radfahrer war ich dem Tod schon mehrfach nahe.

Der Evangelist Lukas, dem wir heute gedenken, bezeugt in der Tradition des Propheten Jesaja stehend, Gottes weiteres Wirken mit dem Evangelium und der Apostelgeschichte. Jesus von Nazareth, Gottes Sohn, steht für Lukas, obwohl er ihn persönlich nie gekannt hat, für das lebenswichtigste weltgeschichtliche Ereignis und die Zeitenwende Gottes.

Die Botschaft Jesu an Güte zu glauben, statt an Gewalt, an Gnade statt an Gerechtigkeit, an Vergebung statt an Vergeltung und an Gottes unsagbare Liebe zu uns Menschen, statt an Angst und Hass. Diese geradezu menschliche und lebensschützende Botschaft Jesu ist auch nach mehr als 2000 Jahren nach Jesu Geburt nicht mal in Ansätzen von uns Menschen umgesetzt. Für Lukas jedenfalls war Jesus, der das Undenkbare nicht nur dachte und verkündigte, sondern auch noch in die Tat umsetzte, indem er Menschen heilte und von Dämonen befreite, der von Gott gesandte Heiland und Messias.

Lukas sah in Jesu freimachender Botschaft auch noch mehr soziale Konsequenzen, als die anderen Evangelisten. Hungernde werden von Gott beschenkt und Reiche gehen leer aus; „verkauft was ihr habt und gebt Almosen,….denn wo euer Schatz ist, wird auch euer Herz sein, lesen wir in Lk.12, 33ff. Und im großen Abendmahl Gottes nehmen am Schluss bei Lukas die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen teil. Nur im Lukasevangelium findet sich die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus.

Gleich zu Beginn von Jesus Wirken in Galiläa, lässt Lukas Jesus mit den Worten Jesajas sein Programm, seine Mission in seiner Heimatstadt verkündigen:

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen und den Blinden, dass sie sehen sollen und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.

Lukas 4,18-19

Daher wird Lukas, der eigene Akzente in Jesu Botschaft sah, gerne auch als Sozialist unter den Evangelisten und nicht nur als Befreiungstheologe gesehen. Lukas wollte in seinem Evangelium von Jesus Christus und in der Apostelgeschichte „Heilsgeschichte“ Gottes schreiben, die uns Menschen von Sorgen und Ängsten befreit. Vertrauen zu Gott, dass will er uns mit seinen Glaubensgeschichten vermitteln. So lässt Lukas schon zu Beginn mit der Geburt unseres Heilands durch den Engel Gottes verkünden: „Fürchtet euch nicht!“ Es geht dem Lukas auch in der Apostelgeschichte nicht um eine alleinig historische Darstellung – es geht vielmehr tatsächlich um Predigten die Lukas schrieb.

Eben ratlos bin ich jedoch, wie soll das Evangelium vom Reich Gottes unter uns Wirklichkeit werden? Kaum realistisch erscheint Jesu Botschaft in unserer Welt: Gewaltverzicht um des Friedens willens, freiwillige Armut um Gerechtigkeit zu schaffen, Helfen statt Strafen, Verstehen statt Verurteilen und Aufrichten statt Hinrichten. Wie soll uns das alltäglich als Menschen gelingen?

Ich höre sie schon die religiösen Strategen, die Disziplin, sich am Riemen reißen und Verzicht einfordern. Doch äußerer Zwang und Fremdbestimmung führt zu nichts.

Allein Freiwilligkeit, überzeugende Liebe zu uns selbst, schafft auch Vertrauen zu anderen Menschen und zu Gott. Letztlich ist es wohl Gnade oder die Zuwendung Gottes, die uns den Mut gibt an seinem Reich mitzubauen.

Oder viel besser ausgedrückt und von Konfirmanden oft gewählt als Konfirmationsspruch ist die unserem heutigen Predigttext in Jesaja 43 vorangestellte Zusage Gottes: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen. Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.“

Und zum Schluss die Frage an jeden von ihnen: „Gibt es den da oben?“

Ich weiß, dass mein Heiland lebt und ich verkündige gerne seine gute Botschaft. Amen

Prädikant Wilfried Kohl

Predigt zum 9. So. n. Trinitatis

Von Pfarrerin Gabriele Wedel am 09.08.2020 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Liebe Gemeinde!

Manchmal sind wir vor eine Aufgabe gestellt, die wir uns nicht selbst herausgesucht haben, die viel zu groß scheint. Angst macht.

Bei der Arbeit kann ich eine Aufgabe bekommen, vor der ich erst mal zurückschrecke, weil ich nicht weiß, wie ich sie schaffen soll. Jungen Eltern kann es so gehen, wenn sie mit ihrem Neugeborenen aus dem Krankenhaus nach Hause kommen. Dass sie sich am Anfang überfordert fühlen. Wie geht das jetzt mit diesem kleinen Menschen, der ganz auf uns allein angewiesen ist. Ist er gut versorgt, können wir ihm geben, was er braucht?

Oder im Alter steht ein Umzug bevor, nach einem Schlaganfall muss ich wieder den Alltag bewältigen. Wie sollen wir das machen, wie sollen wir das miteinander hinbekommen?

Wenn man vor einer schweren Aufgabe steht, vielleicht traut man sie sich erst nicht zu, meint: das können andere besser…

Wie Jeremia es erlebt? In der Bibel wird erzählt, dass er von Gott zum Prophet berufen wird. Gottes Stimme soll er sein gegenüber den Mächtigsten, den Einflussreichen seines Landes.

Aber er ist noch jung, Anfang 20.

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Jeremia 1, 4-10

Im Südreich Israels, nahe bei Jerusalem wächst Jeremia auf, als Sohn einer Priesterfamilie.

Der König und die Fürsten im Land sagen:

Wir sind eine starke Nation, keiner kann uns etwas anhaben, Ägypten steht uns zur Seite, wir tun, was uns noch mehr Macht und Ansehen bringt. So erlebt Jeremia ihre Haltung.

Wer es wagt ihre Pläne zu hinterfragen, ihre krummen Geschäfte und ihre Gier, auch ihre Gottlosigkeit anzuklagen, weil sie das Recht der Schwächsten nicht interessiert, der riskiert sein Leben. Das weiß Jeremia.

Ich habe dich zum Propheten für diese Menschen bestellt, sagt Gott. Sogar über Könige stelle ich dich. Du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen, was ich dir gebiete.

Ach Gott, ich bin doch viel zu jung. Wehrt Jeremia ab. Dahinter höre ich auch die Frage: wer von denen soll schon auf mich hören, wer wird mir glauben, dass Gott, durch mich spricht?

Jeremia ist mir sympathisch. Er ist keiner, der es genießt, im Vordergrund zu stehen, der sich aufbläht und wichtig nimmt.

Er ist keiner, der seine Sache herausbrüllt und seine Gegner klein macht. Er ist kein Blender, der die Wahrheit verdreht, zu seinen Gunsten. So wie wir es immer wieder erleben bei den Mächtigsten Männern der Welt in diesen Tagen.

Es geht ihm nicht um seine Person, seine Eitelkeit, um Macht, sondern um Gottes Gerechtigkeit. Sein werbendes Lieben, seine Kraft für die Geringsten.

So wird er ein Prophet für die Menschen, Gottes Prophet.

Einer, der es wagt, die unangenehmen Wahrheiten anzusprechen, und Unrecht ans Licht bringt, einer, der sich nicht irre machen lässt von Drohungen gegen ihn oder vom Hohn der politischen Gegner. Denn Jeremia erlebt massiv Widerstand. Trotzdem nimmt er seine Aufgabe wahr, viele Jahre lang, auch wenn es ihn unendlich viel Kraft kostet.

Auch dem Priestertum widerspricht er, seiner eigenen Herkunft. Er sagt:

Dass es nicht geht, Gottesdienst zu feiern und gleichzeitig gottvergessen zu leben und zu regieren.

Gottes Macht zu beschwören, gleichzeitig aber nur die eigene Macht im Auge zu haben.

Wenn wir so weitermachen, gehen wir alle, sehenden Auges, der Katastrophe entgegen.

Aber was er erntet, ist beißender Spott.

Mit einem Lächeln wird abgetan, was er zu sagen hat.

Er ist doch so jung. Er hat ja keine Ahnung von unseren Geschäften.

Wie aktuell diese Erfahrung ist…

Ich denke an die zahlreichen jungen Klimaaktivistinnen und Aktivisten, die seit vielen Monaten kämpfen für den Klimaschutz und nicht ablassen, sich nicht mehr abspeisen lassen wollen.

Die nicht mehr sagen: wir sind zu jung.

Es sind die leisen, scheinbar kleinen, unwichtigen Stimmen, die Großes zu sagen haben, aber von den Großen oft überhört, übertönt oder abgetan werden.

Ich bin kein Gegner des Tempolimits, aber auch kein Befürworter, aber es gibt gerade Wichtigeres zu tun sagte neulich unser Ministerpräsident.

Daneben gibt es auch die andere Stimme, die schon seit Jahren die Geschwindigkeitsbegrenzung auf bestimmten Autobahnstrecken einfordert, weil viele Leben gerettet werden könnten. Wann ist denn die Zeit da, dass die vielen Opfer im Straßenverkehr wichtig sind?

Jeremia war einer, der vieles nicht mehr hingenommen hat, der wachrütteln wollte,  so wie es Menschen auch in unserer Zeit tun:

in den USA , aber auch überall auf der Welt, Menschen des täglichen Rassismus, der Gewalt oder Ignoranz überdrüssig sind, und bei uns gegen Antisemitismus einsetzen.

Sie wollen nicht mehr hinnehmen, dass es so ist, man nichts machen kann, dass es nicht wichtig ist.

Jedes Leben zählt, eines genauso wie das andere.

Es ist ein Ruf, der viele wachgerüttelt hat.

Vor ein paar Wochen ist John Lewis gestorben.

Einer der Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung in den USA.

Seine Geschichte erinnert mich an Jeremia.

Er schloss sich schon in jungen Jahren der Bürgerrechtsbewegung an, war kein großer Redner, aber er kämpfte und stritt für die Gleichberechtigung der afroamerikanischen Bevölkerung, und ich würde sagen: letztlich für die Gleichberechtigung aller Menschen.

Über 40 mal wird er ins Gefängnis gesperrt und bei einer Demonstration fast zu Tod geprügelt von der Polizei.

Dieser Kampf wird für ihn zur Lebensaufgabe. Ein Ruf Gottes, wenn man will, weil er daran geglaubt hat, dass es wahr ist: alle Menschen sind gleich an Wert und Würde,

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete, so sagt Gott zu Jeremia, so sagt Gott zu uns.

Ich lasse dich nicht allein bei deiner Aufgabe. Was auch kommt:

Fürchte dich nicht vor ihnen. Denn ich bin bei dir. Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: siehe ich lege meine Worte in deinen Mund.

Oft ist es wohl nur eine verhaltene Stimme, vielleicht eine Stimme in mir, die auf sich aufmerksam machen will,  die sagt: das ist unrecht, da geschieht etwas, was du nicht wollen kannst..

Es ist die Stimme der Kinder, der Unmündigen, sagt die Bibel, die uns wachrüttelt: ein 6 Jähriger neulich sagte: ich mag nichts mehr von dem blöden Corona hören.

Ruf Gottes? Wo kann mit aller Vorsicht und Rücksicht, die nötig ist, trotzdem ein Raum geschaffen werden, Kindern wieder etwas Unbeschwertheit zu ermöglichen, wo bewahren auch wir uns trotz allem Zuversicht, Leichtigkeit.

Vieles erleben wir davon ja.

Gottes Ruf…wir sind immer wieder gerufen, zu sehen, zu hören, zu tun, was dem Leben dient.

Oder da sind die älteren Menschen in den Heimen, die Kranken zuhause: ihre Stimmen, ihr Klagen doch oft sehr verhalten. Und trotzdem da.

Hören wir ihn, Gottes Ruf…weil jeder kurze Anruf, Brief und Besuch, spüren lässt, dass sie nicht vergessen sind.

Oder da ist eine Stimme, die sagt:  das ist jetzt deine Aufgabe, das ist jetzt dran, Ist es der Ruf an mich?

Vielleicht ist es ein Thema aus der Kindheit, das mich nicht loslässt, das ich immer wieder wegschiebe und immer wieder kommt es hoch; Ob ich die Stimme hören kann gemeinsam mit  jemandem anderem, der mich begleitet. Dass ich mich dem Rufen stelle.

Oder das Älterwerden, mit allem, was es bringt, keine leichte Aufgabe, anzunehmen, was der Körper sagt; dass vieles langsamer gehen muss, mehr Aufmerksamkeit braucht, nicht mehr geht, aber vielleicht auch einmal ein Dank, wie viele Jahre mir mein Körper schon gedient hat.

Ruf Gottes?

Dass ich nicht sage: ich bin doch viel zu alt

ich denke an einen Opa, der in den letzten Wochen seinem Enkel dreimal die Woche über Skype Sachkundeunterricht gegeben hat, weil der Junge nicht in der Schule sein konnte, die Eltern arbeiten mussten. Für beide Seiten war es ein Gewinn, eine Freude, ganz eng und intensiv Kontakt zu haben, über tausende Kilometer Entfernung hinweg. Ruf Gottes?

Fürchte dich nicht, ruft Gott uns zu, ich bin mit dir, und er streckt  seine Hand aus zu mir, will mich anrühren, meinen Mund, damit ich auch immer wieder die rechten Worte finde, und  auch den Trost, den jemand anderes jetzt braucht von mir

Gott berührt uns, dass ich spüre: es ist gut, dass ich bin, einer kennt und liebt mich von Anfang an, so wie ich bin, er umwirbt mich mit all seiner Zuneigung, damit ich mich auf ihn einlasse, ihn   immer wieder hören kann:

fürchte dich nicht, ich bin da, ich gehe deinen Weg mit. Verlass dich drauf.

Gott hat Jeremia eine schwere Aufgabe zugemutet. Die Last ist so schwer, wie das Joch, das er später tragen wird, stellvertretend für Israel. 40 Jahre lang trägt Jeremia an seiner Aufgabe, er lernt sie zu tragen., hineinzuwachsen. All das klingt hier bei der Berufungserzählung schon an.

Aber er weiß sich nicht allein gelassen.

Wir sind immer wieder vor eine Aufgabe gestellt, die wir uns nicht heraussuchen, die uns manchmal an Grenzen bringt, aber es gibt auch die Erfahrung, dass wir über uns hinauswachsen können, im Rückblick uns wundern, wie etwas zu schaffen war, immer Kraft war, es zu tun, Menschen da sind, die unterstützen, mitten in der Krise immer noch ein Halt ist, oder andere mich halten.

Amen.

Frieden – ein Zauberwort?!

4. So. n. Trin 2020 – Predigt zu Röm. 12,17-21 von Pfarrerin Gabriele
Edelmann-Richter

Liebe Gemeinde!

Sie und ich kennen das: Zwei Menschen geraten aneinander. Der eine macht dem andern einen Vorwurf. Der andere kontert. Wut breitet sich aus. Die Stimmen werden lauter, die Gesten wilder. Einem rutscht eine Beleidigung heraus. Der andere keift zurück. Es ist alles dabei: Demütigungen, Verletzungen, Drohungen. Manchmal kommt es gar zu Handgreiflichkeiten. Tiefe Wunden sind das Ergebnis.

Solche Szenen spielen sich auf dem Schulhof ab, im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz, nicht selten auch in den Familien.
Es steckt irgendwie in uns, dass wir nach Beleidigungen zurückschlagen, meist mit Worten! 
Wie du mir, so ich dir!

Diese Verhaltensweisen waren auch schon zu Zeiten des Paulus bekannt. So schreibt er an die Gemeinde in Rom folgendes: – Es ist zugleich unser Predigttext –

„Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes. Denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr. Vielmehr: Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“

Paulus scheint die Gemeinde in Rom gut zu kennen, er weiß, wie schnell die Emotionen hochkochen können.
Er hat die Hitzköpfe vor Augen, die sich nichts gefallen lassen und mit Eifer in die Schlacht ziehen. Paulus kennt aber auch die Gedemütigten, die fast ersticken an ihrem stumm erlittenen Unrecht.

Wir haben in unserer Sprache Sprichwörter, die die Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, aber auch nach Rache und Vergeltung aufgreifen.
Wir kennen diese Sprichwörter alle: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Bösen Nachbarn nicht gefällt!“ oder: „Rache ist süß“ oder: „Auge um Auge, Zahn um Zahn!“

Wir können gut nachvollziehen, wenn jemand aus tiefstem Schmerz, Wut und Verzweiflung Rache üben will an einem Täter, der Unheil über einen geliebten Menschen gebracht hat.

Was aber ist das Böse, was ist das Gute?

 Wo stehe ich selbst? 

Kinder und auch noch Jugendliche haben ein klares Bild von Gut und Böse, Schwarz und Weiß.  Wenn ich mit meinen Schülern diskutiere, fordern sie sehr schnell die Todesstrafe, weil unsere deutsche Rechtsprechung doch zu milde sei und Gewaltverbrecher nie wieder freikommen dürften. 
Manchmal ringe ich in solchen Diskussionen um Argumente und kann ihr Anliegen durchaus nachvollziehen. 

Auch Paulus wusste, wie unendlich schwer es mitunter ist, Böses mit Gutem zu überwinden:
„Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt Frieden mit allen Menschen!“ 

Da klingt ganz deutlich durch, dass es nicht einfach ist, Frieden zu schließen.

In Wahrheit aber haben wir keine bessere Alternative!
Denn wo kämen wir hin, wenn vernünftige Regierungen nicht in mühsamen Verhandlungen und trotz schmerzlicher Rückschritte beharrlich weiter nach friedlichen Lösungen suchen würden.
Wo kämen wir hin ohne die engagierten, mutigen Bürgerinnen und Bürger, die bei Gewalt nicht wegschauen. Wo kämen wir hin ohne die Menschen, die aufeinander zugehen, wieder und wieder dem andern die Hand reichen, um irgendwann im Frieden nebeneinander zu wohnen. 

An unseren Schulen werden sogenannte Streitschlichter ausgebildet. Da lernen die Kinder schon in jungen Jahren, wie man am besten in Krisensituationen vermittelt, wie man Streithähne zu Wort kommen lässt und diese dann  versteht, wie der andere tickt und weshalb der andere so schlecht drauf ist.

Wo kämen wir hin, wenn es sie nicht gäbe, die wahren Helden des Alltags! Sie geben acht auf ihr Umfeld und schreiten mutig ein, benennen das Unrecht, fordern Gespräche ein. Und verhandeln geschickt.
Ich denke dabei auch an die Aktivisten von Amnesty International, die sich weltweit für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen, ich denke an die Aktivisten, die sich zur Zeit in den USA  verstärkt für die Gleichbehandlung der Afroamerikaner einsetzen, weil es auch  im Jahr 2020 jeden Tag ungerechte Behandlung von Afroamerikanern durch die dortige Polizei gibt.

 Ich denke aber auch an die Engagierten, die sich für einen friedvollen Umgang mit der Schöpfung einsetzen; Menschen, die einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur vorleben.

Genau so wird es in unserem Predigttext gefordert: „Überwinde, ja besiege das Böse mit Gutem!“

Ein kluger Gedanke dazu ist uns auch von dem englischen Philosophen und Staatsmann des 16. Jhds., Sir Francis Bacon, überliefert.
Er meinte: „Wer nach Rache strebt, hält seine eigenen Wunden offen!“
Das ist wahr, wo alte Wunden offenbleiben, da kann kein innerer Frieden einziehen. Da kann die Liebe keinen Raum mehr gewinnen. 

Wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass Rache nur für kurze Momente eine Genugtuung bringt. 
Niemals aber bringt Rache Frieden, Versöhnung, Liebe oder Glück.

Das Böse wird es in dieser Welt immer geben. Immer wieder bricht es in die gute Schöpfung Gottes herein. Obwohl wir durch Kultur, Erziehung, aber auch durch Gesetze versuchen, das Böse einzudämmen, müssen wir doch allezeit mit einem Ausbruch desselbigen rechnen.

Paulus appellierte damals an seine Zuhörer im Namen Jesu Christi, das Böse durch Gutes zu überwinden. Schließlich stehen Christen Jesu gegenüber in der Verantwortung, am Friedensreich Gottes mitzuwirken! 

Liebe Gemeinde,
wir müssen nicht jeden Menschen lieben können oder ihn mögen, aber wir sollen schlicht das Nötige für ihn tun –  mehr wird von uns nicht verlangt.
An dieser Stelle sind wir alle gefordert, immer wieder auch über den eigenen Schatten zu springen. 
Und wenn es manchmal nicht gelingen kann zu vergeben oder sich zu versöhnen, so kann es vielleicht doch gelingen, die Rache Gott zu überlassen. Auch das kann wahre Befreiung sein!

Wichtig ist auch, sich rechtzeitig zu versöhnen. Bei Trauergesprächen höre ich immer wieder, dass es bis zum Schluss zu keiner Versöhnung mit dem Verstorbenen kam. Versöhnung schien zu Lebzeiten unmöglich. 
Aber ohne rechtzeitige Versöhnung kann selbst nach dem Tod des anderen kein Friede ins Leben einkehren. Oftmals werden Angehörige noch lange von Albträumen begleitet. 

Mein Appell lautet deshalb:

Dem durstigen und hungrigen Feind zu trinken und zu essen geben, dann wird er vielleicht bereuen oder gar umkehren!

„Gib deinen Mitmenschen mehr, als sie erwarten und mache es mit Freude, mit einem Lächeln auf dem Gesicht!“
So hat es einmal der Friedensnobelpreisträger, der Dalai Lama, gesagt. 

Nicht immer, aber manchmal liegt es auch an uns selbst und an unserer Einstellung, ob wir Frieden halten und ihn ermöglichen.

AMEN

Predigt zum 2. So. n. Trinitatis

Von Pfarrer Armin Langmann am 21.6.2020 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Lied 445,1+2.4+5,6+7

Zeige mir, Herr, den Weg deiner Gebote, dass ich sie bewahre bis ans Ende. Unterweise mich, dass ich dein Gesetz bewahre und halte von ganzem Herzen. Führe mich auf dem Steig deiner Gebote, denn ich habe Gefallen daran.

Ps 119,33-35

Liebe Gemeinde,

in den vergangenen Wochen drehte sich viel um das Thema Home-Office und um Fern-Unterricht mithilfe von Computern. Man musste klären: Was ist Unterricht überhaupt, für Lehrer/innen und Schüler/innen. Mir hat ein Lehrer erzählt, dass die Schüler vieles, was er sich für sie ausgedacht hat, gar nicht interessiert hat, dass sie sich einfach nicht damit beschäftigt haben und jetzt, wo sie wieder in der Schule sind, nichts davon wissen.

Wo es um Unterricht gehen soll, braucht man Motivation, Neugierde, Interesse oder mit anderen Worten, einen persönlichen, eigenen Zugang. Eine Haltung des Fragens, und schließlich Auskunft auf die Frage, wie man denn zum Ziel kommen könnte.

Dass Kirche auch so etwas wie Unterricht zu halten hat, dass es bei uns auch um eine Art Lernen geht, das wollen viele gar nicht wahrhaben. Kirche soll Orte für das Ausleben von Emotionen bereitstellen – für die Vermittlung von Kompetenz, von Wissen, von Aufklärung, sieht man sie heute nicht mehr zuständig.
Vor 50 Jahren gab es noch zusätzlich zum Gottesdienst für die junge Gemeinde nach der Konfirmation die sog. „Christenlehre“, bei der darüber gesprochen wurde, was wir glauben und darüber wissen können.
Heute sehen wir: ohne tragfähige Fundamente, ohne Wissen und Übung, ist es schwer, Krisen zu bewältigen und durchzustehen und nicht den Scharlatanen und Propaganda-Rednern – sozusagen der „geistlichen AFD“ zu verfallen.

Heinrich Albert dessen Lied wir heute singen, stammte aus Lobenstein in Thüringen, besuchte das Gymnasium in Gera und kam dann nach Dresden zu seinem Vetter Heinrich Schütz, der sein musikalischer Lehrer wurde. Die Eltern waren allerdings der Meinung, dass der Heiner nicht Musik, sondern „was Gescheites“ lernen sollte und drängten ihn zum Studium der Rechtswissenschaften. Dazu schickte man ihn nach Leipzig, wo er aber nicht nur Jura studierte, sondern bei Johann Hermann Schein auch Musik belegte. Sein Leben lang, ließ Albert die Freude an der Musik, am Vertonen von Texten und das Komponieren eigener Lieder nicht los.
Wer sich ein wenig mit der Bibel befasst, der kennt den 23. Psalm, vom guten Hirten, und zum Beispiel den Psalm 100: Jauchzet dem Herrn alle Welt, oder Psalm 103,2: Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat. Und man weiß auch welches der kürzeste und der längste Psalm ist: 117 und 119.

Bibel auf dem Altar der Stephanuskirche Gebersdorf
Der kürzeste Psalm 117 in unserer Altarbibel


Dem längsten Psalm, also dem 119. hat Heinrich Albert am Ende des dreißigjährigen Krieges gewisser maßen ein Denkmal gesetzt und die wichtigsten Grundgedanken zu Liedversen umgedichtet:

Führe mich, o Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort. Sei und bleibe du auch heute mein Beschützer und mein Hort. Nirgends als von dir allein kann ich recht bewahret sein.

Er war überzeugt, Halt und Orientierung für den Lebensweg wird der gläubige Mensch im Vertrauen auf Gott finden und gewinnen. Wirklich echten Halt und sichere Orientierung gibt es nur bei Gott, dessen starke Hand die Welt und was drinnen ist erhält.

Liebe Gemeinde,

dass es Tag und Nacht wird, dass Sonne und Mond „uns scheinen“ und dass die Welt wie von einer starken Hand zusammengehalten wird, das erscheint uns meistens ganz selbstverständlich. – Obwohl wir es eigentlich wissen sollten, sagen wir immer noch: Die Sonne geht auf und unter, oder der Mond geht auf. Wir sagen auch „er nimmt zu, oder ab. Wir kommen nicht auf die Idee, zu sagen: Schau, jetzt hat sich die Erde wieder ein Stückchen gedreht!
Woher kommt das, dass es um den 21. Juni herum besonders lange hell bleibt. Darüber macht man sich meist nicht groß Gedanken. Das ist eben so.

Ich weiß noch genau, wie ich diese Frage einmal einer Konfirmandengruppe gestellt habe. Einer meldete sich und gab die exakte Antwort. „Das liegt an der Schiefe der Ekliptik!“ Einer von 20 wusste Bescheid. Das Erschütternde war, dass es den 19 anderen gar nicht aufgefallen war, dass es in diesen Tagen länger hell ist.

Genauso selbstverständlich erscheint es uns, – solange wir gesund sind – dass man in der Früh aufsteht, dass man sich auf den Weg in Arbeit macht, dass man ein Dach über dem Kopf hat, einen Beruf, eine Familie und Frieden. Das betrachtet man weithin genauso als selbstverständlich.

Erst wenn das unterbrochen wird, wenn man am eigenen Leib erfährt, es geht nicht, wenn man jemanden pflegen muß, der Hilfe braucht, dann wird manchen deutlich, was eigentlich unser Leben ausmacht: dass wir gehen, spielen, tanzen, Auto fahren können, reden, telefonieren, in die Stadt gehen… und dass das ein Grund für viel Dankbarkeit sein kann.
Wenn es Zeit ist, Abschied zu nehmen, merkt man, wie stark die Verbindung, die Beziehung zueinander gewesen ist. Wenn es Zeit ist, Abschied zu nehmen, wird uns klar, was wir vom Leben und vom Sterben gehalten haben. Was macht das Leben aus? Was ist daran wichtig? Was passiert denn, wenn ein Mensch stirbt? Was macht das mit uns, wenn es unser Vater ist, oder unsere Mutter, unsere Frau, oder unser Mann, der gestorben ist? Ist der Tod etwas Jenseitiges, oder ein Teil unseres Lebens, etwas selbstverständliches, das jeden Tag passieren kann?

Wie denken wir als Christen über den Tod und die Ewigkeit? In der Situation des Abschieds können solche Fragen aufkommen, wenn es ganz still um uns ist und wir am Grab eines geliebten Menschen stehen.

Früher hat man sich vorgestellt, Sterben sei, wie wenn man nach einer langen Reise in die Fremde endlich ans Ziel kommt. Sterben sei Reisen in die Heimat, heimkommen.
Heute sehen viele das umgekehrt: Das Leben sei die Heimat und der Tod sei die Fremde. Wirklich und Echt sei nur das Leben hier. Die schwierigste Einsicht sei die, dass das Leben endlich ist. Das Ende gehört zum Leben dazu und jeder muss mit dieser Begrenztheit zurechtkommen und eine Einstellung dazu finden. Mancher wird davon bitter. Mancher empfindet die Auseinandersetzung mit diesem Thema als unzumutbar, will vom Glauben und von Gott nichts mehr wissen, zieht sich vielleicht sogar auf ein atheistisches Weltbild zurück und will mit seiner Kirche und ihrem Gott nichts mehr zu tun haben.
Man wendet sich ab und tritt aus. Die Kirche ist leer. Viele gute Angebote werden gemacht, aber nicht abgeholt. Studien haben gezeigt: Unsere Angebote sind prima, aber die Menschen wissen nichts davon. Nun, zu Zeiten der Corona Krise, erkennen wir, dass die Krise tiefe Spuren im Leben der Menschen und der Gesellschaft hinterlässt, dass viele sehr wohl betroffen sind, obwohl man so tut, als sei alles nicht so schlimm!

Hier in Gebersdorf kann man noch die Spuren des 30jährigen gleich unterhalb der Kirche erahnen. Auf den Informationstafeln zum Hainberg kann sich heute jeder interessierte Spaziergänger und Naturfreund ein Bild machen, warum Wallenstein als Heerführer der katholischen Seite so ein erfolgreicher Feldherr gewesen ist.
Die Einquartierung der evangelischen Armee – oder zumindest ihrer Offiziere – in den Mauern Nürnbergs war für die Bevölkerung innerhalb der Stadtmauern nicht weniger belastend, als das, was die Bauern im Umland – besonders hier im Westen für ihr Getreide, ihr Vieh und ihre Frauen und Töchter von der katholischen Armee zu befürchten hatten.
Abscheulich zugerichtet wurde, wer sich widersetzte, und wen es traf, dem drohte weit mehr als Geschlechtskrankheiten und wirtschaftlicher Ruin. So viel konnte niemand trinken, um die Traumatisierung zu verschmerzen.
Wie man in der Musik der Barockzeit die Kompositionstechnik des Kontrapunkts zur Zeit von Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach pflegte, so setzten Dichter, Philosophen und Prediger der Vergänglichkeit der Welt die Hoffnung auf eine andere positive Zeit im Jenseits entgegen.

Wo im 23. Psalm der gute Hirte durch das finstre Tal führt, wird am Ende des Weges ein gedeckter Tisch warten.
Dem in der Welt wütenden Unheil wird die unendlich große Macht Gottes im Himmel entgegengestellt. Denn der Herr der himmlischen Heerscharen wird sehr wohl in der Lage sein, ein starkes Schutzschild vorzuhalten und sichere Wege und heiles Ankommen in der Lebens- oder Todesgefahr zur ermöglichen. Doch Glaube will gerade keine Vertröstung auf ein heiles Jenseits konstruieren. Das machen besonders die Gedanken von Dietrich Bonhoeffer deutlich, der in quasi auswegloser Situation nicht Verschwörungstheorien predigte. Er, der allen Anlass gehabt hätte, nach allem, was er bis dahin erlebt hatte, zu schreiben: Wir müssen uns darauf einstellen, dass es noch viel schlimmer kommt! Also etwa so: Von Bösen Mächten Tag und Nacht umgeben, befürchten wir, dass noch viel Schlimmres kommt.“
Aber er macht es nicht so. Er weiß um die Macht des Glaubens und deshalb übt er in seinem Denken und Reden eine andere Haltung ein:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“
In diesem Sinn verstehe ich auch Heinrich Albert, wenn er dichtet:

Meinen Leib und meine Seele samt den Sinnen und Verstand, großer Gott ich Dir befehle unter deine starke Hand. Herr, mein Schild, mein Ehr und Ruhm, nimm mich auf, dein Eigentum. Deinen Engel zu mir sende, der des bösen Feindes Macht, List und Anschlag von mir wende und mich halt in guter Acht, der auch endlich mich zur Ruh trage nach dem Himmel zu.

H. Albert 1642 EG

Gebet

Wir rufen zu Dir, Schöpfer des Lebens, Schöpfer der Welt: Höre unsre Stimmen, wenn wir rufen, sei uns gnädig und erhöre uns. Unser Leben ist wie Gras, das heute grünt, wie die Blume, die heute blüht und morgen ist das Gras dürr und die Blume verblüht – und doch ist unser Leben in deiner Hand.
Wir rufen zu Dir, Christus unser Herr und Bruder: Lass die Kraft der Versöhnung hineinwirken in diese Welt, dass Menschen einander die Hände reichen und entdecken, dass sie Brüder und Schwestern sind in einem Geist und unter einem Herrn, dass sie erfahren, wie sie gemeinsam Verantwortung übernehmen und die Welt verantwortlich gestalten können.
Wir rufen zu Dir, Heiliger Geist: unsere Zuversicht, unsre Stärke und Licht, auf Dich vertraun wir und fürchten uns nicht! Du gibst uns den Odem des Lebens. Die leitest uns durch dein Wort, den Weg der Wahrheit und des wahrhaftigen Lebens.

Vater unser

Pfarrer Armin Langmann