Anderen helfen! Wem? Wie? Warum? Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 13. Sonntag nach Trinitatis 2022 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zu Lukas 10,25-37

Liebe Gemeinde,

die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, die wir vorhin als Evangeliumslesung gehört haben, ist wohl eine der bekanntesten biblischen Erzählungen.
Unzählige Male habe ich diese Geschichte meinen Schülern erzählt.
Die Jüngeren hatten jedes Mal großes Mitleid mit dem Verletzten. Beim Nachspielen der Geschichte wollten die meisten Kinder den Helfenden, den Samariter spielen. Sie fragten nicht, wer der am Boden Liegende war, welchen Beruf er hatte, ob er arm oder reich war.
Allein das Elend bedauerten die Kinder.

Bei den Konfirmanden sieht es schon anders aus. 
Nicht selten melden sich sofort Freiwillige, die die Räuber spielen möchten, obwohl die ja in der Erzählung nur als Ursache des Leids genannt werden und eigentlich keine Rolle mehr spielen. Die Opferrolle hingegen will keiner übernehmen.

In der Oberstufe ging es dann nicht mehr um Rollenspiele. Oft haben wir heiß darüber diskutiert, wie verlogen doch der Priester und auch der Levit waren, die aufgrund ihres Berufsstandes mit dem Opfer nichts zu tun haben wollten und den Schwerverletzten einfach liegen ließen.

Ursprünglich berichtet der Evangelist Lukas, dass der Erzählung Jesu die Frage eines Schriftgelehrten vorausging, der wissen wollte, was ein frommer Mensch tun solle, um das ewige Leben zu erlangen.
Natürlich wollte der Schriftgelehrten den Wanderprediger Jesus damit auf die Probe stellen. Er wollte sehen, ob sich Jesus mit den heiligen Schriften auskenne.
Jesus durchschaute die Fangfrage und drehte den Spieß um.
„Was steht in den Schriften?“  So stellte er geschickt die Gegenfrage und der Schriftgelehrte antwortete – wie aus der Pistole geschossen – mit dem Doppelgebot der Liebe aus den Büchern Levitikus und Deuteronomium:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst!“
Darauf sagte Jesus: „Du hast recht geantwortet, tu das, so wirst du leben!“
Der Schriftgelehrte aber ließ nicht locker:
„Wer ist denn mein Nächster?“ wollte er wissen.
Da erzählte ihm Jesus die Geschichte vom Überfallenen.

Für den Zuhörer, den Schriftgelehrten vor 2000 Jahren, war das eine provokante Erzählung.
Denn ausgerechnet ein Samaritaner, ein verachteter, ja religiöser Außenseiter mit eigenen religiösen Bräuchen, Gebeten und Liedern erfüllte mit seinem Handeln jenes Gebot, das in der hebräischen Bibel eine ganz zentrale Stellung einnimmt!
Dieses Doppelgebot der Liebe besagt ja, dass die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Mitmenschen untrennbar zusammengehören!
In den Büchern Mose gibt es keine Einschränkung dazu, ob sich das gute Handeln und Tun nur am eigenen Volk, nur an den Verwandten, Freunden oder auch an Fremden ausrichten solle.

Genau das nimmt Jesus zum Anlass für seine Erzählung.
Und macht damit wieder einen erfolgreichen Schachzug.
Ganz einleuchtend macht Jesus seinen Zuhörern klar, dass der Mensch Anteil am echten Leben hat, wenn er im rechten Augenblick dem Menschen hilft, der seine Hilfe braucht, egal welcher Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Profession der Hilfsbedürftige ist.

Liebe Gemeinde,

vor 2000 Jahren lautete die Frage:
Was soll man als guter Mensch machen, um das ewige Leben zu erhalten.

Wie würden wir heute die Frage formulieren?
Vielleicht so: 
Was ist der Sinn meines Lebens?
Was soll ich aus meinem Leben machen?
Warum hat mich Gott ins Leben gerufen?
Bin ich berufen – und wenn ja wozu?

Es wäre sicher sehr spannend, wenn wir jetzt miteinander ins Gespräch kämen.
Denn jede/r von uns hat seine eigene Geschichte mit Gott.
In unserer Stephanusgemeinde gibt es etliche, die hier eine sinnvolle Aufgabe für sich entdeckt haben.
Mal mehr, mal weniger schenken sie von ihrer Zeit her.
Ich kenne aber auch viele, die sagen: „Mögen tu ich wohl, doch ich weiß nicht, wem und wie und ob ich das auch schaffe…“
Dabei denke ich, dass kaum einer von uns einem Verletzten oder akut Hilfsbedürftigen die spontane Hilfe verweigern würde.

Doch es gibt bei uns auch viele Angebote, sich für andere öfters einzusetzen.
Ich denke da an den Besuchsdienst für unsere Senioren, an die Integration unserer sozial benachteiligten Kinder im Kindergarten, in der Schule, an die Mithilfe bei gemeinsamen Festen, oder überhaupt in Nürnberg an die Obdachlosenhilfe, an die Hospizarbeit, an die Tafeln… 

Liebe Gemeinde,

Jesus legt mit seiner Erzählung alle Aufmerksamkeit auf den Mitmenschen, ohne jegliche Bedingung. 
Damit will er uns auch sagen, dass ein jeder von uns jeden Tag Liebe und Zuwendung empfangen kann, wenn er/sie dazu bereit ist, auch jeden Tag ein wenig vom eigenen Glück an den Nächsten weiterzugeben.

In den nächsten Monaten werden wir es vermehrt wahrnehmen und sehen, dass Menschen in Not geraten. Wer Gott begegnen will, der verschließe seine Augen nicht, ja, der suche die Nähe des bedürftigen Menschen. Denn Gott begegnet uns im bedürftigen Menschen.
Wer an seinem Nächsten vorbeigeht, der geht an Gott vorbei! 

Die Fragen des 2002 verstorbenen Schriftstellers Wilhelm Willms beschreiben diese Nähe zum und das eigene Angewiesensein auf den Nächsten auf eindrückliche Weise:
Willms schreibt:

wussten sie schon
dass die nähe eines menschen
gesund machen
krank machen
tot und lebendig machen kann

wussten sie schon
dass die nähe eines menschen 
gut machen böse machen
traurig und froh machen kann

wussten sie schon
dass das wegbleiben eines menschen
sterben lassen kann
dass das kommen eines menschen
wieder leben lässt

wussten sie schon
dass das zeithaben für einen menschen
mehr ist als geld

wussten sie schon
dass das anhören eines menschen
wunder wirkt
dass das wohlwollen
zinsen trägt
dass ein vorschuss an vertrauen
hundertfach zurückkommt (…)

wussten sie das alles schon

Liebe Gemeinde, 

mit diesem Wissen wünsche ich Ihnen einen guten Start in die neue Woche.
Viel Kraft für die anstehenden Aufgaben und Vertrauen in das Band der Liebe, das uns mit den Mitmenschen verbindet und das uns in schweren Zeiten trägt.  

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.  

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Das Scherflein der Witwe

Predigt von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter zum 8. Sonntag nach Trinitatis, 07.08.2022 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zu Markus 12,41-44

Liebe Gemeinde,
nach jedem Gottesdienst leeren wir die Messingbüchsen oder die Körbchen und die Opferstöcke und freuen uns über die Einlagen, die wir je zur Hälfte an die von der Landeskirche angeordnete Stelle und unserer Gemeindearbeit zuführen.
Manchmal kommt es da auch vor, dass ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen kann.
Denn neben Münzen und Scheinen finden sich da auch Chips für Einkaufswägen, Knöpfe, ausländische Münzen, Heftklammern usw.
Tja, welche Gründe hinter so einer geschmacklosen Einlage stehen, darüber kann ich nur spekulieren. Schließlich macht jeder mit sich selbst aus, wieviel oder was er aus seinem Besitz für wohltätige und gemeinnützige Zwecke spendet.

Es wäre aus unserer heutigen Sicht aber auch unangemessen, die Gottesdienstbesucher beim Spenden zu beobachten.

In unserem heutigen Predigttext aus dem Markusevangelium geht es um eine am Jerusalemer Tempel beobachtete Szene, die uns gerade deshalb aufhorchen lässt:

Und Jesus setzte sich dem Opferkasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Opferkasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. Und Jesus rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich ich sage euch: diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt, diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“

Mk 12,41-44

Liebe Gemeinde,

wie verhält sich Jesus da am Tempel? Aus unserer Sicht ist es, wie bereits erwähnt, unangebracht, ja ein „No go“, die Leute dabei zu beobachten, wieviel sie in den Opferstock oder in die Körbchen/Büchsen einwerfen.

Doch Jesus geht es nicht um die eigentliche Höhe der Spende.
Jesus hat eine andere Absicht. Sein Blick geht tiefer.
Auch wenn wir vielleicht eine Diskussion darüber angefangen hätten, was denn nun gerade diese zwei kleinen Münzen gebracht haben und ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, dass die Witwe ein Brot für sich gekauft hätte.
Jesus zeigt hier, trotz der merkwürdigen äußeren Umstände, wieder einmal sehr deutlich, dass er einen anderen Blick, dass er andere Maßstäbe hat als wir. Er sieht in das Herz der Witwe.
Was die Witwe in den Gotteskasten gegeben hat, war herzlich wenig – gewiss, aber es ist von Herzen gekommen. Mit großer Selbstverständlichkeit ließ die Witwe ihre Münzen in den Gotteskasten fallen. Mehr hatte sie offensichtlich nicht, aber sie hätte immer noch die beiden Scherflein teilen und eines für sich zurückbehalten können. Sie teilte nicht auf in die Kategorien „Behalten“ und „Geben“.
Sie fasste keinen Gedanken, was sie vielleicht noch brauchen würde. Nein, sie hat alles gegeben und machte von sich und ihrem Tun kein großes Aufheben. 

Jesus zeigt an dem Beispiel der Witwe auf, dass es vor Gottes Auge nicht darauf ankommt, eine große Leistung zu vollbringen und daraus gar einen Anspruch im Ansehen vor Gott abzuleiten. Die Witwe verlässt sich ohne große Worte auf Gott und vertraut darauf, dass er ihr auch weiterhin Möglichkeiten zum Leben lässt.

Diese kleine Erzählung gehört zur Abfolge von entscheidenden Gedanken und Äußerungen, die Jesus nach seinem Einzug in Jerusalem seinen Anhängern noch mit auf den Weg geben möchte, ehe er dann den Weg ans Kreuz geht.
In den Versen, die unserer kleinen Erzählung vorausgehen, spricht er von seiner Vollmacht, vom Neid und der Missgunst der Menschen, von der Steuer, die man dem Kaiser geben soll und was nun eigentlich das höchste Gebot ist, auch davon, was nach dem Tod kommt.
Das sind allesamt Gedanken zur „richtigen“ Nachfolge. Damit bereitet er seine Jünger und seine Anhänger auf die Zeit ohne ihn vor.
Kurz vor dem Ende seines irdischen Weges möchte Jesus seinen Zuhörern etwas ganz Besonderes mitgeben.
Keine ethisch-moralischen Worte mit erhobenem Finger sollen es sein, nein, es sollen Worte sein, die seinen Zuhörern ganz tief ins Herz dringen.
Jesus sieht in der Hingabe der Witwe ein unglaublich großes Vertrauen, das sie ihrem Schöpfer gegenüber hat.
Am Tempel, wo über den Glauben gelehrt wird, will die Frau mit dem, was ihr zur Verfügung steht, ihre Dankbarkeit zeigen. Sie drückt mit ihrer Gabe aus, wie sehr sie ihr Schicksal und ihr Leben in die Hand Gottes legt. 
Sie vertraut darauf, dass ihr Weg behütet bleibt, obgleich sie als Witwe finanziell am Abgrund steht.
Denn zur damaligen Zeit gab es weder eine Witwenversorgung in Form einer Rente, noch konnten sich die Frauen in erlernten Berufen selbst etwas verdienen.
Sie mussten sich auf die Mildtätigkeiten ihrer alten Familie verlassen. 
Und wenn das nicht klappte, waren sie verlassen.

Obwohl wir in einem reichen Land leben mit einer Sozialversorgung, gibt es bei uns immer mehr arme Menschen. Im Alltag sehen wir diese Menschen kaum.
Doch wenn ich an der Ausgabestelle der Tafeln in Stein oder an der Sigmundstraße vorbeifahre, erschrecke ich, wenn ich sehe, dass die Schlangen von Monat zu Monat länger werden.
Viele Menschen schämen sich, weil sie nichts haben, denn Wohlstand gilt als Zeichen der eigenen Tüchtigkeit. 
Wer nichts hat, hält sich möglichst im Hintergrund. Es soll ja keiner merken, wie es ihm geht. Wer nichts hat, kann sich nicht beteiligen am Leben. Hat kein Geld für Urlaub, kein Geld für modische Kleidung, kein Geld für die dritten Zähne. Die Kinder können nicht in einen Sportverein, können nicht mithalten mit den anderen, deren teuren Turnschuhen und neuesten Handys.

Die Witwe, die Jesus beobachtet, ist anders. Sie will trotz Armut beteiligt sein. Sie zeigt mit ihrer Spende: Dieser Tempel ist auch mein Tempel. Nicht bloß der Tempel der Wohlhabenden. Sie hält sich nicht raus. 

Liebe Gemeinde,
was Jesus also meinte, als er seine Jünger auf die Frau aufmerksam machte, war, dass jeder, egal was er hat, was er ist, welchen Platz er in der Gesellschaft einnimmt, darauf vertrauen darf, von Gott gehört zu werden.
Und umgekehrt, dass jeder vertrauen darf in und Zuflucht suchen darf bei Gott.

Von dieser Frau können wir lernen: 
Geben, sich hingeben tut gut!
Das kann auch sein, wenn wir unser Leben Gott übergeben.
Aber für uns moderne Menschen ist das eine echte Herausforderung! 
Denn am liebsten haben die meisten von uns ihr Leben selbst im Griff!
Selbstbestimmen, wo es lang gehen soll. Kalkulieren, überlegen und dann Entscheidungen treffen, die wir dann natürlich auch selbst verantworten müssen.
Ja, das klingt gut, solange wir jung, stark, mutig und selbstbewusst sind.
Trifft uns aber im Laufe unseres Lebens ein Schicksalsschlag, sieht es schon ganz anders aus.
Da werden wir plötzlich lahmgelegt. Da brechen vertraute Beziehungen weg, da tauchen plötzlich existentielle Probleme auf.

Was dann?
Dann wird es entscheidend, dass wir uns auf unsere Fundamente besinnen, darauf, woher wir kommen, 
darauf, worin wir den Sinn unseres Daseins legen. 

Jesu Botschaft für uns lautet heute:
Pflege dein Vertrauensverhältnis zu Gott – auch durch die guten Zeiten hindurch – das gibt dir dann Stärke und Mut in schlechten Zeiten!
Unser Glück finden wir, wenn wir die Hoffnung, dass wir mit Jesus im Licht stehen, nicht aufgeben, wenn uns Visionen nach vorne treiben.

Dass Gott uns dafür belohnt, mit mehr als wir uns vorstellen können, daran möchte ich glauben! 

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Im Gebet geborgen sein

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am Sonntag Rogate, 22.05.2022 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zu Lukas 11, 5-13

Frau hält die Hände zum Gebet gefaltet und blickt dabei nach oben.
Grafik auf Holz.

Liebe Gemeinde,

immer wieder höre ich von Menschen den Satz: Frau Pfarrerin, beten Sie für mich, das ist doch Ihre Aufgabe!
Nun ja, das mach ich gerne. Doch manchmal kommt mir die Aufforderung auch mit einem spöttischen Unterton entgegen. Mag es daran liegen, dass die Menschen in unserer säkularisierten Welt nur noch von den Kirchenvertretern das Beten erwarten oder dass die Menschen keinen Bezug mehr zum Beten haben?
Manchmal erscheint es mir auch so, dass das Sprechen über das Beten ein Tabu ist oder so persönlich, dass es keinen was angeht.

Woran mag es liegen, dass sich im Gegensatz zu den Kindern die Erwachsenen zum „Thema Gebet“ eher nicht äußern?
Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir uns beim Beten verletzlich zeigen.
Denn wenn wir beten, geht es um Gefühle der Freude, der Liebe, aber auch der Enttäuschung, der Angst, der Wut. Diese großen Gefühle tragen wir, weil wir sie keinem Menschen zumuten wollen, vor Gott.

In Augenblicken des Betens entsprechen wir nicht mehr dem Bild, das doch ein jeder von uns haben soll: stark zu sein, optimistisch zu sein, entspannt zu sein. Nein, beim Beten sind wir verletzlich, weil wir da ganz ehrlich sind.
Ein weiterer Grund, weshalb sich Erwachsene nicht übers Beten äußern wollen, liegt darin, dass viele Menschen große Zweifel haben, ob Beten überhaupt was bringt.
Denn das Gegenüber, Gott, an den sich die Gläubigen wenden, kann ja nicht bewiesen werden.
Könnte ja alles nur fromme Einbildung sein.

Wenn wir uns die Katastrophen der letzten Monate ansehen, kann schon auch der Frömmste unter uns Zweifel in Bezug auf die Allmacht Gottes haben:
Wann endlich bereitet er dem Krieg in der Ukraine ein Ende?
Warum lässt er stets neue Corona-Varianten auftauchen?
Und was ist mit dem ganz persönlichen Unglück, wenn trotz intensiven Betens der Partner stirbt, die Kinder sich scheiden lassen, der Erbstreit sich nicht beilegen lässt?

Solche Ereignisse treffen uns ins Herz, das Gebet verliert seine Unschuld und uns drängt sich die Frage auf, was vermag ein Gebet und was nicht?

Unseren heutigen Predigttext haben wir vorhin als Evangeliumslesung schon gehört.
In seiner Rede versucht Jesus seinen Anhängern und Freunden die Augen dafür zu öffnen, was Beten bedeutet.
Dabei ist er nicht zimperlich. Seine Ausführungen sind nicht von sanften Worten geprägt, sondern von drastischen Bildern:
Da klingelt ein Mann mit Vehemenz seinen Freund mitten in der Nacht heraus, weil er für seinen Überraschungsgast bei sich zuhause nichts mehr im Vorratsschrank findet.
Jesus erzählt auch von einem Sohn, der seinen Vater um einen Fisch bittet, den Fisch bekommt, nicht etwa eine Schlange.
Erzählt wird von einem zweiten Sohn, der seinen Vater um ein Ei bittet, das Ei bekommt, nicht etwa einen Skorpion.

Liebe Gemeinde,

wie damals Jesu Zuhörer, so werden auch Sie sagen: Na, das ist doch selbstverständlich, dass wir einem guten Freund aushelfen und dass es ein Vater mit den Söhnen gut meint!
Dennoch wissen alle Eltern, dass man den Kindern nicht alle Wünsche erfüllen darf.
Nur das, was man als Eltern mit gutem Gewissen verantworten kann, kann gewährt werden. Aus der Pädagogik wissen wir: Geben Eltern immer nach und erfüllen jeden Wunsch, wird es das Kind im Leben schwer haben, da es keinen Verzicht gewohnt ist.

Wie verhält es sich nun mit unseren Bitten, die wir an Gott richten? Was erwarten wir da von Gott?
Jesus verspricht in seiner Rede: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt und wer da sucht, der findet und wer da anklopft, dem wird aufgetan!“
Hmm … Eins zu eins auf unser Leben und auf unsere Wünsche umsetzen, lässt sich das sicher nicht.
Denn auf welche Weise wir auch immer an Gott glauben, wir wissen doch, dass Gott keine Maschine ist, die uns per Knopfdruck unseren Wunsch erfüllt.
Entscheidend ist doch, wie wir uns Gott vorstellen.
Wir Christen glauben daran, dass Gott uns begleitet, dass Gott in unser Leben hineinwirkt, dass Gott uns Lasten auferlegt, aber uns auch hilft, sie zu tragen!

Gott ist nicht der Verursacher des Übels, sondern der Tröster und der Begleiter durch das Übel hindurch!
Wie Gott im Einzelnen wirkt, weiß keiner von uns.
Keiner von uns kann die Existenz Gottes beweisen.

Aber was wir können ist, Gott radikal zu vertrauen!
Wir können uns faszinieren lassen von den biblischen Geschichten, die von Gottes Macht erzählen, wie sie sein Volk und auch die ersten Christen erfahren haben.
Wie die Gläubigen aber auch immer wieder auf die Probe gestellt wurden und dem Schöpfer trotz allem bis heute vertrauen.
Durch seine Menschwerdung in Jesus hat sich Gott dem Elend der Welt ausgesetzt.
Gott weiß, wie es uns geht, wenn wir von Sorgen und Angst geplagt werden.
Durch seinen Sohn hat er alles selbst durchgemacht.

Gott kennt unsere Gedanken, ehe wir diese in Worte fassen.
Deshalb ist es für Gott nicht wichtig, wie wir unsere Bitten formulieren, ob wir sie in das Vaterunser hineinlegen oder in einen Psalm oder ob wir frei heraus sprechen, alleine oder in der Gruppe. Selbst ein Satz oder ein Schrei zum Himmel genügen.

Gebete sind für uns wichtig, um uns zu befreien.
Beim Beten geht es um unseren Sinneswandel, d.h. das ewige Kreisen unserer Gedanken hat ein Ende, wir geben unseren Gedanken eine Richtung. Die Richtung hin zu Gott!
Beten bedeutet, alles bei Gott abzuladen, uns zu erleichtern, damit wir wieder nach vorne laufen können.
Und aus der Bitte um Hilfe kann dann die Frage:
„Was kann ich tun?“ werden.

Ich bin sicher, dass viele von uns von so einer Wandlung erzählen können.
Manche mögen das „Schicksal“ oder „Glück“ nennen.
Christen nennen das „Fügung“ oder „Vorsehung“.

Gottes Möglichkeiten auf unser Beten zu reagieren sind dabei unendlich:
Das können schon mal Worte eines Freundes sein oder biblische Worte, die uns zugesprochen werden.
Wir dürfen auf die Kraft des Heiligen Geistes hoffen, der uns im Gebet eine tiefe Freude und eine heitere Gelassenheit schenkt.
So verlieren die Widrigkeiten unseres Lebens ihre Macht, wenn wir unser Leben im Gebet ganz Gott anvertrauen.
Dann geht der Himmel über uns auf.
Heute und in den Zeiten, die vor uns liegen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Predigt zum Sonntag Reminiszere

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 13.03.2022 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zu Matthäus 26,36-46

Liebe Gemeinde,
geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie stundenlang wachliegen und einfach nicht einschlafen können?
Aufregende Tage bescheren uns solche Situationen.
Zu viele ungelöste Fragen, zu große Probleme verfolgen uns nicht selten bis in die Nacht hinein. 
In den letzten beiden Wochen haben mir Menschen aus unserer Gemeinde immer wieder gesagt, dass sie seit Beginn der russischen Angriffe auf die Ukraine von großen Ängsten geplagt werden.
Für etliche Gebersdorfer ist es fast wie ein Dejavu, wenn sie die Bilder der Überraschungsangriffe, die Bilder der brutalen Zerstörung und die Bilder der Flüchtlingsströme in den Nachrichten sehen. 

In unserer Gemeinde leben Menschen, die so eine Katastrophe noch selbst miterlebt haben. Kein Wunder, wenn man da nicht einschlafen kann.
Ohnmächtig sind wir grad momentan.

Viele Menschen in Deutschland versuchen mit Spenden oder auch mit der Aufnahme von Flüchtlingen irgendwas zu tun, um die Anspannung zu lösen. Denn nichts ist schlimmer, als in der Schockstarre zu verharren und der Katastrophe ins Auge blicken zu müssen.

Schließlich hilft auch beten, sonst hält man es nicht aus.
Unser heutiger Predigttext passt sehr gut zu unserer momentanen Lage: 
Da geht es auch um einen, der wach liegt, nicht schlafen kann, weil er nicht weiß, wie es weitergeht, weil er spürt, dass sich Schlimmes anbahnt.

Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete. Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. Jesus sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir! Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst! Und er kam zurück zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! Und Jesus kam zurück und fand sie wieder schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. Und er ließ sie und ging abermals hin und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte. Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiterschlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

Mt. 26,36-46

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte trifft mich ins Herz, sooft ich sie höre.
Sie macht mich traurig und wütend zugleich. 
Denn Jesus, der für seine Freunde alles gab, was möglich war, wird in der höchsten Not allein gelassen. In seiner Angst und Einsamkeit bleibt ihm nur noch das Gebet zu seinem himmlischen Vater.
Wenige Tage vorher wurde Jesus noch gefeiert, sein Einzug nach Jerusalem hat die Menschen begeistert. Dank und Freundlichkeit kamen ihm, dem Prediger, dem Hoffnungsbringer, dem Wundertäter entgegen. 
Dann tags drauf sein Auftreten im Tempel. Da hat er den Geldwechslern und Händlern mit Worten und Taten seine Meinung kundgetan. Ein starker Jesus, ein furchtloser Jesus!
Und dann – nach dem Passahabendmahl mit seinen Jüngern, der Gang hinaus zum Garten Gethsemane – diese Einsamkeit!

Jesus ahnte, was auf ihn zukommt. Die Uhr tickte. Nur elf seiner Jünger kamen mit hinaus in den Garten. Judas hatte anderes zu tun…
Gerne hätte Jesus Rückendeckung von seinen Freunden gehabt. „Wachet und betet mit mir!“, so hat er zu ihnen gesagt.
Doch die Jünger sind zu müde, zu schwach. Sie schlafen ein. Jesus hadert mit seinem Schicksal. 
Schließlich hadert er auch mit Gott. Sollte sein irdischer Auftrag schon beendet sein? 
Jesus kämpft um die Einsicht zu dem, was nun auf ihn zukommt.
Schließlich ist er bereit, den schweren Weg zu gehen: Er spricht: „Wenn es nicht möglich ist, dass dieser Kelch an mir vorübergeht, dann werde ich ihn trinken. Gottes Wille soll geschehen!“

Liebe Gemeinde,
Sie alle wissen, wie die Geschichte weitergeht.
Jesus stellt sich souverän den römischen Soldaten. Er vermeidet einen Kampf, heilt sogar noch das Ohr des Malchus und lässt sich abführen. 

Welch‘ eine Geschichte! 
Weshalb hat sie Matthäus in sein Evangelium aufgenommen? 

Ich denke, es ist eine dramaturgische Notwendigkeit!
Denn nur wenn wir Leser und Hörer des Wortes diese schlaflose Nacht Jesu vor Augen haben, wird uns klar, welche Bedeutung der Karfreitag für uns hat, wie nah uns Gott im Leiden kommt. 
Und dann können wir auch verstehen, welch‘ große Kraft schließlich vom Ostergeschehen ausgeht, von diesem Geschehen, das dem Tod und der Finsternis alle Macht nimmt:
Jesus steht an unserer Seite. Auch er kennt Angst, Sorgen und Zweifel. All das, was uns im Alltag begleitet. 

Im Gebet dürfen wir darauf vertrauen, dass er uns versteht, dass er unsere Gedanken kennt, ehe wir sie aussprechen.
Wir wissen gerade nicht, wie es weitergehen wird mit dem Krieg in der Ukraine, was den Menschen dort noch alles bevorsteht. Wir wissen auch nicht, welche Auswirkungen dieser Krieg auf unsere Zukunft hier in Deutschland haben wird. 
Eigentlich bräuchten wir alle eine Rückkehr zur Normalität, die uns wegen Corona schon seit zwei Jahren versagt ist. Aber schon wieder steht die nächste Herausforderung vor der Tür.
Woher sollen wir die Kraft nehmen, das alles zu schaffen?

Liebe Gemeinde,
wohl dem, der Freunde hat, die nicht schlafen, sondern wachen, die bereit sind, mit anzupacken und in der Not zu helfen.
Und wenn uns dann die Einsamkeit und auch die Hilflosigkeit überkommt? 
Dann tut es gut, sich Jesus anzuvertrauen, sich Gott zuzuwenden und zu sagen: 

„Dein Wille geschehe! Wie im Himmel so auf Erden!“

Darum – lasst uns stark bleiben im Glauben daran, dass Krieg niemals eine Lösung ist!
Lasst uns stark bleiben im Glauben daran, dass Gott unsere Gebete erhört und uns die Kraft gibt, Zeichen des Friedens in unserer Welt weiterzugeben!

Weder Dunkelheit noch Krieg dürfen unsere Welt beherrschen!

Denn unser Gott ist ein Gott des Friedens, des Lebens und des Lichts!

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Advent – eine gute Zeit, eine Zeit des Haushaltens

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 12.12.2021 (3. Advent) in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Drei Teelichthalter mit brennenden Kerzen warm erleuchtet inmitten von getrockneten Apfel- und Orangenscheiben, Sternanis, Zimtstanden, Beeren und Nüssen.

Liebe Gemeinde,

heute am 12. Dezember befinden wir uns gerade mitten in der Adventszeit.
In den letzten Wochen habe ich vielen Gemeindemitgliedern eine stille Zeit, eine besinnliche Zeit gewünscht.
Wahrscheinlich können Sie dasselbe berichten.
Denn in uns allen steckt die tiefe Sehnsucht, das Geheimnis von Weihnachten ganz langsam und behutsam zu lüften, nur so können wir am meisten davon haben.
Sonntag für Sonntag zünden wir eine Kerze mehr am Adventskranz an, um der Hektik des Alltags bewusst entgegenzusteuern.
Doch die Realität, den Alltag mit dem Mysterium, dem Geheimnis von Weihnachten in Einklang zu bringen, verlangt von uns viel Geduld und Kraft.

Vergangene Woche hatten wir in der Sitzung des Kirchenvorstands den neuen Haushaltsplan zu verabschieden. Da ging es in erster Linie um den sachgemäßen und verantwortlichen Umgang mit unseren Finanzen.
„Gemeinde an sich“ ist wahrhaftig kein Selbstläufer mehr. Die verantwortliche Verwaltung unseres Kindergartens, unseres Gemeindehauses und natürlich unserer Stephanuskirche, mitsamt den hauptamtlichen, nebenamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen fordert uns jedes Jahr aufs neue heraus.
Nach der Vorstellung des Haushaltsplanes durch unseren Kirchenpfleger konnten wir schon den Eindruck gewinnen, dass wir ein mittelständisches Unternehmen sind.
Auch wir hier in der Kirchengemeinde sind Ökonominnen und Ökonomen!

Die Bedeutung des guten Haushaltens griff schon Paulus in seinem Brief an die Korinther auf.

So lautet unser heutiger Predigttext zum 3. Advent:

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter (Ökonomen) über Gottes Geheimnisse.
Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.

1. Korinther 4,1-2

Die Worte des Paulus weisen uns darauf hin, dass die Adventszeit eine Zeit ist, in der wir auch als Christen Bilanz ziehen.
Nur, dass Paulus da nicht den finanziellen Haushalt meint, sondern den Umgang und das Haushalten mit den göttlichen Geheimnissen.
Nach Paulus sollen die Ökonomen der Gemeinde treu sein, zuverlässig im Handeln, aber auch in dem, was sie erreichen.

„Zielführend“ und „zielorientiert“ wären da die passenden Worte aus unserer modernen Zeit.
Der Unterschied zu einem Wirtschaftsunternehmen ist, dass wir in der Gemeinde, neben der ordnungsgemäßen Buchführung, die Geheimnisse Gottes gut verwalten.
Wir haben den Auftrag, diese Geheimnisse allen verständlich zu machen und öffentlich davon zu sprechen. Das ganze Leben eines Menschen mit allen seinen Wegen und Umwegen sollen wir mit Gott in Verbindung bringen.
Allem Gelingen, aber auch allem Scheitern sollen wir einen Sinn entlocken.
Wege zu erfrischenden Quellen aufzeigen und auf Überlebensstrategien hinweisen.

Nach Paulus muss die Adventszeit also so verstanden werden, Bilanz zu ziehen, wo wir momentan stehen, nachzuprüfen, ob wir wirklich bereit sind für das Kommen Gottes auf die Erde.

Dass diese Messlatte für uns Christen sehr hoch hängt, das wusste Paulus auch und so schreibt er weiter an seine Gemeinde:

Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht.
Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.

1. Korinther 4,3-4

Das kennen wir alle: unsere Mitmenschen neigen dazu, sich vor allem über die anderen das Maul zu zerreißen.
Und je mehr man im Fokus der Öffentlichkeit steht, desto mehr läuft man Gefahr, regelmäßig mit Kritik überhäuft zu werden.
Das gilt nicht nur für die Politiker und die Ökonomen in unserer Gesellschaft, das gilt auch für die Verantwortlichen in unseren Kirchengemeinden.
Aus eigenen Befindlichkeiten heraus und das Ganze wahrhaftig nicht wirklich im Blick habend, vielleicht auch, weil man mit dem eigenen Leben nicht zufrieden ist,
wird da über andere gemauschelt, gelästert und nicht selten gemobbt.

Paulus hält da mit einem gesunden Selbstvertrauen und mit einem tiefen Gottvertrauen dagegen.
Er lässt sich von keinem menschlichen Urteil den Weg vermiesen, sondern er nimmt allein Gottes Urteil ernst!

Danke Paulus! – Das ist wirklich eine befreiende Botschaft in der Adventszeit!

Er schickt sogar noch einen Appell hinterher. Einen Aufruf, der sich an die Geduld seiner Hörerinnen und Hörer wendet:

Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist und das Streben der Herzen offenbar machen wird.
Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.

1. Korinther 4,5

Die Adventszeit ist also auch eine Zeit der Umkehr von alltäglichen Verhaltensmustern, eine Zeit des Innehaltens, des Überdenkens:
Wie oft habe ich im vergangenen Jahr schon mal allzu schnell ein hartes Urteil über einen Mitmenschen gefällt, ohne wirklich was über sein/ihr Leben zu wissen?

Manche von uns hadern in dieser dunklen Jahreszeit auch mit sich selbst und ihrem Schicksal.
In solche Situationen hinein spricht uns Paulus Trost zu:

Am Ende rückt uns kein geringerer als Gott ins Licht!

Unsere Geduld mit anderen und auch mit uns selbst wird belohnt werden mit dem Glanz von Weihnachten.

Wir werden belohnt mit dem Kommen Gottes auf die Erde!

Das himmlische Licht umgibt uns und zeigt uns den Weg durch die größte Finsternis!

Das ist es, was wir in der Adventszeit erwarten: den Heiland, der uns heil macht, den Retter, der uns rettet und den Friedefürsten, der uns mutig macht, in unserem Leben immer wieder neu anzufangen, aufzubrechen und zuversichtlich nach vorne zu gehen.

Genau das ist das Geheimnis des Glaubens, welches wir gut verwalten sollen!

Die Wochen vor Weihnachten möchten uns Zeit und Raum geben, aus dem Alltagstrott herauszutreten, das Geheimnis des Glaubens ganz langsam zu enthüllen.

Alle unsere Sinne werden in diesen Wochen durch unser Handeln angesprochen:
Unsere Augen freuen sich über den Lichterglanz, unsere Nasen nehmen den Plätzchenduft auf, unsere Hände rascheln beim Basteln mit dem Stroh oder mit dem Glanzpapier, unsere Ohren lieben die Musik und die Lieder, die uns Beständigkeit und Geborgenheit vermitteln, unsere Spenden öffnen unsere Herzen für andere in Not.

Die Adventszeit ist eine gute Zeit, eine Zeit des Haushaltens.
Da können wir schon mal üben, wie es ist, wenn es Gott gut mit uns meint, wenn er uns im Stall an der Krippe willkommen heißt und den Lohn des Wartens gibt.

Der Friede des Herrn, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus!

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Predigt zum 2. Advent

Von Pfarrerin Dr. Judith Lena Böttcher am 05.12.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Adventskranz in der Stephanuskirche Nürnberg Gebersdorf mit zwei brennenden Kerzen zum Gottesdienst am 2. Advent

Liebe Gemeinde,

wieder ist es ein Advent, in dem viele Erwartungen enttäuscht werden. Wieder ist es ein Advent, in dem Veranstaltungen abgesagt werden. In dem wir nicht auf dem Weihnachtsmarkt unbeschwert Glühwein trinken können. Wieder keine betrieblichen Weihnachtsfeiern. Keine dichtgedrängten Kaufhäuser mit süßlicher Weihnachtsmusik, die irgendwie doch an Kindheit erinnert.

Stattdessen werden wir wieder einmal enttäuscht. Und wir leben in Sorge: Wohin soll es gehen? Wie kommen wir raus aus der schier Endlosschleife Pandemie? Wie lange müssen wir das uns, unseren Kindern, unseren Eltern noch zumuten? Wie lange noch währt die Dunkelheit?

„Er kommt, aber anders“ – so las ich auf der Titelseite der Nürnberger Nachrichten Mitte November. Neugierig ging ich näher an den Zeitungsstand. Ich entdeckte, dass es um das Thema Christkindlesmarkt ging. „Er kommt, aber anders“ – diese Zeile ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie passend für diesen Advent und wie passend eigentlich für jeden Advent!

Er kommt, aber anders

Ist es nicht eigentlich so, dass Enttäuschung in jedem Advent mitschwingt? Weil es doch nicht so besinnlich und feierlich zugeht, wie wir uns das eigentlich wünschen würden. Weil sich doch wieder Hektik und Stress breitmacht. Enttäuschte Erwartungen gehören wohl eigentlich zu jedem Advent dazu, vielleicht, weil vorher die Hoffnung so groß war, es möge diesmal anders sein.

„Er kommt, aber anders“ – so singt es auch Maria in ihrem berühmten Lied, nachdem ihr von dem Engel verkündet worden war, dass sie schwanger ist und ein Kind gebären wird, das die Welt entscheidend verändern wird. Es wird alles anders werden – das wird ihr blitzartig klar. Gott hat sich offenbart als der, der Veränderung will. Der die Ordnung dieser Welt auf den Kopf stellt und die Spielregeln des Lebens noch einmal ganz neu auslegt. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Ein solcher Gott kommt in die Welt. Er verzichtet selbst auf alle Macht, Herrlichkeit und Herrschaftsinsignien. Er wird als Baby geboren und lässt sich umsorgen und nähren von einer jungen Mutter.

„Er kommt, aber anders“ – das soll uns auch in diesem Jahr Hoffnung schenken. In unserem Predigttext aus dem Alten Testament wird diese Hoffnung nach Nahbarkeit und Menschlichkeit als Klagelied ausgedrückt.

Predigttext

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.
Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.
Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! Von alters her hat man es nicht vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Jesaja 63,15- 64,3

Hier spricht die Sehnsucht, dass Gott machtvoll in unser Leben eingreift. Dahinter steht das Bild eines strengen Vaters, der über allem steht und mit Donnerwort für Recht und Ordnung sorgen kann: „Schau doch vom Himmel herab, wo du in Heiligkeit und Pracht wohnst! Wo sind deine brennende Liebe und deine Macht?“ Und: „Reiß doch den Himmel auf und komm herab, so dass die Berge vor dir beben!“ Zu wenig spürten die Menschen damals von Gott und seinen Taten. Sie wollten sichtbare, machtvolle Zeichen, dass Gott mit ihnen ist und ihnen zur Seite steht.

Was war damals los, im 6. Jahrhundert vor Christus?

Nach vielen Jahren hatte die Besatzungsmacht Israel verlassen. Familien kehrten aus babylonischer Gefangenschaft heim. Doch was fanden sie vor? Viele Häuser waren zerstört. Felder, Jahrzehnte lang nicht gepflegt, brachten nur geringe Erträge. Gerade so viel wurde geerntet, dass man nicht hungern musste. Was besonders schmerzte: Ihren Tempel in Jerusalem hatten die gegnerischen Soldaten entweiht. Ihr Heiligtum war geschändet. Wo sie sich Gott so nahe fühlten, was ihnen über alles heilig war, – ihre Gegner zogen es in den Schmutz und verhöhnen es. So unter die Räder geraten, so durch und durch geschüttelt, täglich um das Allernotwendigste kämpfen müssen – wenn zudem noch verspottet wird, woran das Herz hängt, dann stellen sich bohrende Fragen. Was habe ich selber falsch gemacht? Haben etwa andere daran Schuld? Hat es gar mit Gott selbst zu tun? Wie kann Gott das ganze Elend zulassen? Geht ihm das nicht nahe? Müsste er nicht eingreifen?

Ich finde  diese Erwartung verständlich. Wie sehr sehne ich mich, und ich denke wir alle, immer wieder nach einem machtvollen Zeichen, dass Gott im Regiment sitzt und alles herrlich regiert. Dass endlich einer für Recht und Gerechtigkeit sorgt. Besingen wir nicht auch an Weihnachten den Gott-Held, den Wunder-Rat, den Friede-Fürst? Und steckt nicht dahinter genau diese Sehnsucht: Dass endlich einer kraftvoll Ordnung schafft?

Bei Jesaja wird diese Erwartung in ein Wort gebündelt: „‘Unser Befreier‘ – das ist von jeher dein Name.“ Beim Wort Befreier wird die Geschichte mit Gott lebendig. Als Israel in Ägypten versklavt war, war es in höchster Bedrängnis. Doch Gott hat es befreit. Daran erinnert Jesaja. Was damals geschehen ist, kann doch wieder geschehen. Gott gibt die Seinen nicht auf.

„Er kommt, aber anders“: Die Geschichte von Maria, Jesu Mutter, lehrt uns, dass wir unsere eigenen Erwartungen immer wieder in Frage stellen sollten.  Er kommt, aber bis es geschah, vergingen noch fünf Jahrhunderte. Als er dann kommt, verzichtet er auf seine unwiderstehliche Macht. Die Berge wanken nicht, und die Völker zittern nicht. Unauffällig kommt er. Er kommt im zarten Gewand eines Kindes, der erst einmal selbst völlig auf Fürsorge und liebevolle Pflege angewiesen ist. Mit dem Kind Jesus beginnt die Befreiung, die Erlösung. In ihm nimmt Gott Wohnung. Er ist nun das neue Heiligtum. Ein kostbarer Tempel, nicht aus toten Steinen erbaut.  Er kommt, und mischt sich unter die Ausgegrenzten und Erniedrigten, die Kranken und Verachteten. „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“, fragen seine Jünger einmal. Und Jesus antwortete: „Geht hin und sagt (…), was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Matthäus 11,3-5)

Auch in dieser Adventszeit 2021 müssen liebgewonnene Rituale und vertraute Traditionen wegen der Pandemie zumindest zum Teil wieder ausfallen. Vielleicht sollten wir uns nicht ärgern, sondern die Zeit nutzen, Neues zu erwarten. „Er kommt, aber anders“. Ein Literat und Blogger schreibt:

„Jedes Jahr befällt mich in der Adventszeit aufs Neue ein unbestimmtes Gefühl der Erwartung“. Diese Erwartung „blüht (…) jedes Jahr so zuverlässig in mir auf wie im März die Krokusse. (…) Es ist nicht unbedingt ein Gefühl, als würde nun alles besser werden und als würden sich meine Probleme auf wundersame Weise in Luft auflösen – aber doch die stille Hoffnung, zumindest alles in einem anderen Licht [zu] sehen.“

https://rotherbaron.files.wordpress.com/2015/11/text-advent.pdf

Was erwarten Sie von Weihnachten?

Erwartung – das ist laut Duden eine vorausschauende Vermutung, eine Annahme oder Hoffnung. Advent ist das Ineinander von Erwartungen, die zuverlässig aufblühen wie Krokusse im März: die Erwartung, dass ich selbst berührt, verändert werde. Und die Erwartung, dass die Welt eine andere wird. Alle Jahre kehrt die Erwartung wieder – und einmal wird sie für immer erfüllt sein. Denn in der Erwartung liegt bereits die Aussicht auf Vollendung. Darum sagt den verzagten Herzen – und hört es selbst: Fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Dr. Judith Lena Böttcher, Pfarrerin

Predigt zum 1. Advent

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 28.11.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf – Aktionstag für Brot für die Welt

Gottes Geist kommt über uns Menschen, Grafik/Kunstwerk

Liebe Gemeinde,

von Jeremias Traum haben wir vorhin schon erfahren. In seinem Buch im 23. Kapitel schreibt der Prophet noch die Worte, die Grundlage für die heutige Predigt zum ersten Advent sind:

Seht, die Zeit wird kommen, spricht der Herr, dass ich dem Volk Davids einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn anreden wird: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit!

Jeremia 23, 5-6

„Seht, die Zeit wird kommen …“, so beginnt der Text. Auch das ist ein Traum – eine Wunschvorstellung, etwas, das herbeigesehnt wird. 
Jeremia spricht diese Worte in eine politische Situation hinein, in eine Zeit, in der das Land unterzugehen droht. Die Zerstörung Jerusalems durch den babylonischen Herrscher Nebukadnezar im Jahr 586 vor Christus liefert den historischen Hintergrund für Jeremias Worte. Seine Heimat löste sich gerade auf, viele Menschen gingen ins Exil. – Eine Katastrophe für das damalige Volk Israel! 

Die Bilder von Vertreibung und Flucht nach dem Krieg haben auch viele Menschen aus Gebersdorf noch gut vor Augen.
Und Bilder von Vertreibung und Flucht flimmern nahezu täglich auf unseren Fernsehern in unsere Wohnzimmer.
Leider kennen wir alle auch die Gefühle der Unsicherheit in dieser unruhigen und von der Pandemie begleiteten Zeit nur allzu gut.
Genau in so eine Situation hinein erscheint nun die hoffnungsvolle Botschaft:

„Gott lässt einen gerechten Spross wachsen, der umsichtig herrscht und Recht und Gerechtigkeit im Land umsetzt!“

Die Träumenden in unserem Anspiel: 
Josef, die Schülerin von heute und das Kind aus Bangladesch sehnen sich nach Recht und Gerechtigkeit.
Wie soll ich dich Gerechten empfangen? So haben wir alle vorhin gesungen, so fragten sich unsere Träumenden.
Angesichts der schwierigen familiären Lage, die sich bei Josef darstellte, oder der klimatischen Bedrohung, die die Schülerin beschrieb oder der existentiellen Sorgen, die das Kind aus Bangladesch bewegte, ist es wirklich eine große Herausforderung, auf einen Retter, einen gerechten Friedefürsten zu hoffen. 

Im Gegensatz zu damals, als das Unglück von einem Menschen, einem Herrscher ausging, sind wir in unserer modernen Zeit, zumindest was die Klimaveränderungen angeht, als ganze Gesellschaft mitverantwortlich.
Obwohl keiner von uns bewusst an der Schraube der Erderwärmung dreht, kann doch ein jeder für sich seinen eigenen ökologischen Fußabdruck beleuchten.
Auch in unserem Land machen sich die Klimaveränderungen schon bemerkbar:
Heftigere Regenfälle und Stürme auf der einen Seite und Hitze- und Trockenperioden auf der anderen Seite.
Doch noch können wir hier in Deutschland gut leben und dank der Versicherungen auch nach Katastrophen überleben.

Anders ist es in Bangladesch, dem Land östlich von Indien.
Große Teile des Landes liegen auf der Höhe des Meeresspiegels. Als es dort in den vergangenen Jahren vermehrt zu Wirbelstürmen und Überschwemmungen ungeheuren Ausmaßes kam, spitzte sich die Lage vor allem für die vielen Kleinbauern  desaströs zu.
Deshalb wurde auch die Aktion „Brot für die Welt“ auf Bangladesch aufmerksam. Mit einem Teil der Spenden, die ab diesem Sonntag bis zum Ende des Jahres auf dem Spendenkonto eingehen, werden vor allem die Kleinbauern in den Küstenregionen unterstützt. Fachleute geben ihnen spezielles Saatgut, welches auch unter Salzwasserbedingungen eingesetzt werden kann. 
Von den Hilfsorganisationen werden auch Dämme und Schutzräume für die Familien gebaut, damit sie in ihren Regionen wohnen bleiben können.
Da die meisten Familien von der Landwirtschaft leben, sind sie nach Naturkatastrophen auf das geringe Einkommen der Väter angewiesen, die sich als Tagelöhner verdingen müssen.

Eine Welt. Ein Klima. Eine Zukunft.“ 

Aktionsplakat für die 63. Spendenaktion von Brot für die Welt.

So lautet in diesem Jahr das Motto der 63. Aktion Brot für die Welt.
Dieses Motto kann nur mit einer gehörigen Portion Hoffnung verfolgt werden.
Aufzugeben kommt da auf keinen Fall in Frage!
Jeremia hat damals die Hoffnung auf den Friedefürsten gesetzt, der sein Volk aus der Katastrophe retten sollte.
Uns ist aus der Geschichte bekannt, dass schließlich nach 50 Jahren babylonischem Exil der persische König Kyros Jeremias Volk wieder in die Heimat zurückgehen ließ.
Bis dann der von Jeremia angekündigte Friedefürst zur Welt kam, dauerte es allerdings noch 500 Jahre.

Doch das judäische Volk blieb auf dem Weg und ließ sich nicht beirren.
Genauso wenig dürfen wir uns beirren lassen, wenn wir uns in den kommenden Wochen auf den Weg nach Weihnachten machen.
Getragen von der Hoffnung, dass wir einen König erwarten, einen Wunder-Rat, einen Helden, dessen himmlisches Licht unseren Weg auf der Erde ausleuchtet, können auch wir unseren Kindern und Enkeln Mut machen!
Wir geben ihnen Hoffnung für die Zukunft, wenn wir unser tägliches Tun und Handeln im Umgang mit der Natur genau beleuchten und nur so lange unsere eigenen Interessen verfolgen, als wir diese mit einem guten Gewissen verantworten können.
Das kann unser Einkaufsverhalten betreffen, unser Reiseverhalten, unsere Mobilität im Alltag, unsere Achtsamkeit allen Lebewesen gegenüber.

Gottes Schöpfung gehört uns nicht, sie ist uns nur geliehen!

In der Zeit des 2. Weltkriegs predigte der Theologe Dietrich Bonhoeffer, dass Gott auf verantwortliche Taten wartet und darauf antwortet. 
Die feministische Theologin Dorothee Sölle lehrte in den 70-er und 80-er Jahren, dass Gott keine Hände hat, nur unsere Hände.
Damit wollte sie ausdrücken, dass wir Menschen unsere Hände einsetzen sollen, um uns gegenseitig zum Wohl zu dienen und Gott dabei zu loben.

Vor 2000 Jahren hat Gott seinen Sohn geschickt, damit alle Menschen seine Liebe erkennen. Von Palästina aus ging diese Botschaft in wenigen Jahrhunderten um den damals bekannten Erdkreis.
Und heute glaubt etwa ein Drittel der Weltbevölkerung an die frohe Botschaft Jesu. 

Diese frohe Botschaft gibt uns stets aufs Neue die Kraft, den Widrigkeiten unseres Lebens zu trotzen und mutig für ein verantwortungsvolles Leben auf diesem Planeten Erde einzustehen.

Machen wir etwas daraus! 

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Bereitsein für den Schalom / den Frieden Gottes

Predigt zum drittletzten Sonntag im Kirchenjahr vom 7.11.2021 von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter

Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich, wann waren Sie das letzte Mal im Kino?
Ich gebe zu, seit Beginn der Pandemie habe ich mich auch, dank Netflix und Co., auf das Heimkino beschränkt.
Aber egal für welches Genre ich mich entschieden habe, eine Szene mit einem großen Kuss war immer mit dabei!
Wenn Sie gerade auch so eine Szene im Kopf haben, dann sind Sie heute bei unserem Predigttext ganz nah dran!
Nach bangem Hin und Her, nach erstickter und dann doch wieder aufgeflammter Hoffnung geschieht es endlich … zwei Menschen küssen sich und reißen die Zuschauer mit in die Welt der Gefühle, der Träume, der besseren Welt.

Unser heutiger Predigttext aus dem Psalm 85 könnte, wenn er denn verfilmt wäre, ganz großes Kino sein.
Es geht um die Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk.
Sämtliche Gefühlszustände zwischen Zorn und Freude sind da mit dabei.

Predigttext in der Übersetzung der Basisbibel:

Herr, du hast dein Land wieder liebgewonnen und das Schicksal Jakobs zum Guten gewendet. Du hast deinem Volk die Schuld vergeben und alle Sünden hast du ihm verziehen. Du hast deinen ganzen Ärger aufgegeben und deinen glühenden Zorn verrauchen lassen.
Gott, du bist unsere Hilfe, stell‘ uns wieder her!
Sei nicht länger so aufgebracht gegen uns!
Willst du denn immer auf uns zornig sein?
Soll sich dein Zorn noch ausdehnen von der einen Generation auf die andere? Willst du nicht wieder neues Leben schenken?
Dann wird sich dein Volk über dich freuen.
Gott erweise uns deine Gnade und gib uns dein Heil. –

Ich will hören, was Gott zu sagen hat. Der Herr redet vom Frieden.
Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen.
Sie sollen nicht mehr zurückblicken zu den Dummheiten der Vergangenheit!
Seine Hilfe ist denen nahe, die zu ihm gehören.

Dann wohnt seine Herrlichkeit wieder in unserem Land.
Güte und Treue finden zueinander. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. Treue wächst aus der Erde empor. Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab.
Auch schenkt uns der Herr viel Gutes und unser Land gibt seinen Ertrag dazu.
Gerechtigkeit zieht vor ihm her und bestimmt die Richtung seiner Schritte.

Liebe Gemeinde,
wenn wir uns den Text verfilmt vorstellen, sehen wir in der ersten Szene, dass der Psalmbeter Gott daran erinnert, dass er schon einmal gnädig gehandelt hat. Ein Blick also in die Vergangenheit.

Dann schwenkt die Kamera in die Gegenwart: Gott wird wieder um Gnade gebeten, damit sich sein Volk freuen kann.

Die dritte Szene wirft den Blick dann auf die Zukunft. Der Psalmbeter möchte nicht nur selbst sprechen, er möchte gerne Hörer sein!
Er möchte eine Antwort von Gott. Und zwar nichts weniger, als dass Gott den Menschen seinen Frieden verspricht!

Kurze Verschnaufpause… dann ganz großes Finale, ganz großes Kino:

Gerechtigkeit und Friede küssen sich!

An dieser Stelle schauen wir das Drehbuch genauer an:

Was ist hier wohl mit Gerechtigkeit gemeint?
Die Bedeutung geht weit über unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit hinaus!
Gerechtigkeit Gottes ist mehr als gleicher Lohn für gleiche Arbeit oder mehr als gleiche Strafe für gleiches Vergehen.
Wenn der Psalmbeter auf Gottes Gerechtigkeit hofft, dann hofft er, dass Gott seinen Zorn, den er durchaus immer wieder seinem Volk gegenüber zeigt, überwinden kann und sich seinem Volk immer wieder auf’s Neue zuwendet.

Schließlich geht es um Gottes Barmherzigkeit, die die Nähe zu den Menschen sucht!
Gerechtigkeit ist also nicht das Einhalten von Prinzipien; Gerechtigkeit meint im Gebet des Psalmbeters, dass auch nach schlimmstem Versagen ein Neuanfang möglich ist, im Vertrauen darauf, dass Gott ein guter Gott ist.

Das war auch für Martin Luther so. Viele Jahre war er auf der Suche nach innerem Frieden gewesen, bis er erkannte, dass man sich Gottes Gerechtigkeit nicht verdienen kann; sie wird uns geschenkt, allein durch Gnade und allein durch den Glauben an Jesu Versöhnungstat.
Erst nachdem Luther das erkannt hatte, erhielt er einen inneren Frieden.

Liebe Gemeinde,
unser Psalm schlägt eine Brücke von Gottes Gerechtigkeit zum Frieden Gottes.
Und Frieden, hebräisch: „Schalom“, hat eine umfassende Bedeutung: „Schalom“ bedeutet „Wohlergehen“.
Lebt ein Mensch mit Schalom, so führt er ein Leben in Würde und Freiheit, erfährt Gerechtigkeit im Alltag.

In unserer Stephanus Gemeinde gibt es schon seit vielen Jahren einen Schalomladen.
Die Waren, die hier angeboten werden, ermöglichen den Produzenten ein würdevolles Leben und Arbeiten. Die Zertifizierung sorgt dafür, dass es gerecht zugeht, bei der Herstellung und beim Verkauf. So können die weltweiten Produzenten mit sich und ihrer Umgebung in Frieden leben.

Und wie sieht es bei uns hier in Nürnberg mit dem „Schalom Gottes“ aus?
Zwar ist trotz anhaltender Coronakrise die Arbeitslosigkeit auf einem relativ niedrigen Niveau, trotz Lieferengpässen gibt es ein Wirtschaftswachstum.
Aber die Beschäftigungen im Niedriglohnsektor nehmen zu. Zeitarbeit verwehrt vielen auch in unserer Gemeinde eine Planung in die Zukunft.
Die Mieten steigen in astronomische Höhen und der Traum vom Eigenheim ist gerade dabei, sich in Luft aufzulösen angesichts der horrenden Immobilienpreise.

Aber noch leben wir in einem Sozialstaat, der das Schlimmste immer wieder auffängt. Wir können im weltweiten Vergleich ziemlich gut leben!
Gott sei Dank!
Und trotzdem ist es für uns wichtig, die Zusage Gottes, seinen Schalom, immer wieder neu zu hören.
Denn die Angst vor der Macht des Virus, aber auch die Angst vor den unglaublich schnellen Veränderungen unseres Klimas macht auch vor unseren Türen nicht halt. Schalten wir die Nachrichten ein, so hören wir zwar die wohlmeinenden Zielsetzungen auf den Gesundheitsgipfeln der WHO oder die hochgesteckten Klimaziele der Konferenz in Glasgow, doch die Wohlstandsmehrung einiger Länder und die korrupten Methoden einiger Präsidenten machen es dem Schalom Gottes auf Erden nicht leicht, sich auszubreiten.

Liebe Gemeinde,
Gottes Drehbuch für diese Welt zielt auf ein gutes Ende hin.
Es verspricht uns Güte, die uns erkennen lässt, wie wir in das Weltgeschehen eingebunden sind, Güte, die uns die Augen öffnet für die Gemeinschaft mit anderen Menschen, Güte, die uns den Weg weist in ein Leben im Einklang mit der Natur, den Weg in unsere Beziehung zu unserem Schöpfer.
Gottes Drehbuch sieht unsere Rolle als treue Gläubige, die das, was Sie sagen, auch tun, auf die Verlass ist.

Wenn dann die Interessen dieser Welt zu einem Ausgleich kommen und jeder Mensch von sich sagen kann, dass er als Geschöpf und Person gesehen und behandelt wird, dann ja, dann küssen sich Gerechtigkeit und Frieden!

Bis es so weit ist, dürfen wir mit Leidenschaft die Hoffnung und die Sehnsucht danach nicht aufgeben, wenn wir zu Gott beten oder ihn mit unseren Liedern loben.
Wenn wir jeden Tag unsere Schritte den Spuren der Gerechtigkeit Gottes folgen lassen, den Frieden lieben und zur Versöhnung mit der Welt und mit Gott bereit sind, dann ja, dann wird aus dem großen Kino eine bessere Welt!

AMEN