Advent – eine gute Zeit, eine Zeit des Haushaltens

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 12.12.2021 (3. Advent) in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Drei Teelichthalter mit brennenden Kerzen warm erleuchtet inmitten von getrockneten Apfel- und Orangenscheiben, Sternanis, Zimtstanden, Beeren und Nüssen.

Liebe Gemeinde,

heute am 12. Dezember befinden wir uns gerade mitten in der Adventszeit.
In den letzten Wochen habe ich vielen Gemeindemitgliedern eine stille Zeit, eine besinnliche Zeit gewünscht.
Wahrscheinlich können Sie dasselbe berichten.
Denn in uns allen steckt die tiefe Sehnsucht, das Geheimnis von Weihnachten ganz langsam und behutsam zu lüften, nur so können wir am meisten davon haben.
Sonntag für Sonntag zünden wir eine Kerze mehr am Adventskranz an, um der Hektik des Alltags bewusst entgegenzusteuern.
Doch die Realität, den Alltag mit dem Mysterium, dem Geheimnis von Weihnachten in Einklang zu bringen, verlangt von uns viel Geduld und Kraft.

Vergangene Woche hatten wir in der Sitzung des Kirchenvorstands den neuen Haushaltsplan zu verabschieden. Da ging es in erster Linie um den sachgemäßen und verantwortlichen Umgang mit unseren Finanzen.
„Gemeinde an sich“ ist wahrhaftig kein Selbstläufer mehr. Die verantwortliche Verwaltung unseres Kindergartens, unseres Gemeindehauses und natürlich unserer Stephanuskirche, mitsamt den hauptamtlichen, nebenamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen fordert uns jedes Jahr aufs neue heraus.
Nach der Vorstellung des Haushaltsplanes durch unseren Kirchenpfleger konnten wir schon den Eindruck gewinnen, dass wir ein mittelständisches Unternehmen sind.
Auch wir hier in der Kirchengemeinde sind Ökonominnen und Ökonomen!

Die Bedeutung des guten Haushaltens griff schon Paulus in seinem Brief an die Korinther auf.

So lautet unser heutiger Predigttext zum 3. Advent:

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter (Ökonomen) über Gottes Geheimnisse.
Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.

1. Korinther 4,1-2

Die Worte des Paulus weisen uns darauf hin, dass die Adventszeit eine Zeit ist, in der wir auch als Christen Bilanz ziehen.
Nur, dass Paulus da nicht den finanziellen Haushalt meint, sondern den Umgang und das Haushalten mit den göttlichen Geheimnissen.
Nach Paulus sollen die Ökonomen der Gemeinde treu sein, zuverlässig im Handeln, aber auch in dem, was sie erreichen.

„Zielführend“ und „zielorientiert“ wären da die passenden Worte aus unserer modernen Zeit.
Der Unterschied zu einem Wirtschaftsunternehmen ist, dass wir in der Gemeinde, neben der ordnungsgemäßen Buchführung, die Geheimnisse Gottes gut verwalten.
Wir haben den Auftrag, diese Geheimnisse allen verständlich zu machen und öffentlich davon zu sprechen. Das ganze Leben eines Menschen mit allen seinen Wegen und Umwegen sollen wir mit Gott in Verbindung bringen.
Allem Gelingen, aber auch allem Scheitern sollen wir einen Sinn entlocken.
Wege zu erfrischenden Quellen aufzeigen und auf Überlebensstrategien hinweisen.

Nach Paulus muss die Adventszeit also so verstanden werden, Bilanz zu ziehen, wo wir momentan stehen, nachzuprüfen, ob wir wirklich bereit sind für das Kommen Gottes auf die Erde.

Dass diese Messlatte für uns Christen sehr hoch hängt, das wusste Paulus auch und so schreibt er weiter an seine Gemeinde:

Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht.
Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.

1. Korinther 4,3-4

Das kennen wir alle: unsere Mitmenschen neigen dazu, sich vor allem über die anderen das Maul zu zerreißen.
Und je mehr man im Fokus der Öffentlichkeit steht, desto mehr läuft man Gefahr, regelmäßig mit Kritik überhäuft zu werden.
Das gilt nicht nur für die Politiker und die Ökonomen in unserer Gesellschaft, das gilt auch für die Verantwortlichen in unseren Kirchengemeinden.
Aus eigenen Befindlichkeiten heraus und das Ganze wahrhaftig nicht wirklich im Blick habend, vielleicht auch, weil man mit dem eigenen Leben nicht zufrieden ist,
wird da über andere gemauschelt, gelästert und nicht selten gemobbt.

Paulus hält da mit einem gesunden Selbstvertrauen und mit einem tiefen Gottvertrauen dagegen.
Er lässt sich von keinem menschlichen Urteil den Weg vermiesen, sondern er nimmt allein Gottes Urteil ernst!

Danke Paulus! – Das ist wirklich eine befreiende Botschaft in der Adventszeit!

Er schickt sogar noch einen Appell hinterher. Einen Aufruf, der sich an die Geduld seiner Hörerinnen und Hörer wendet:

Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist und das Streben der Herzen offenbar machen wird.
Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.

1. Korinther 4,5

Die Adventszeit ist also auch eine Zeit der Umkehr von alltäglichen Verhaltensmustern, eine Zeit des Innehaltens, des Überdenkens:
Wie oft habe ich im vergangenen Jahr schon mal allzu schnell ein hartes Urteil über einen Mitmenschen gefällt, ohne wirklich was über sein/ihr Leben zu wissen?

Manche von uns hadern in dieser dunklen Jahreszeit auch mit sich selbst und ihrem Schicksal.
In solche Situationen hinein spricht uns Paulus Trost zu:

Am Ende rückt uns kein geringerer als Gott ins Licht!

Unsere Geduld mit anderen und auch mit uns selbst wird belohnt werden mit dem Glanz von Weihnachten.

Wir werden belohnt mit dem Kommen Gottes auf die Erde!

Das himmlische Licht umgibt uns und zeigt uns den Weg durch die größte Finsternis!

Das ist es, was wir in der Adventszeit erwarten: den Heiland, der uns heil macht, den Retter, der uns rettet und den Friedefürsten, der uns mutig macht, in unserem Leben immer wieder neu anzufangen, aufzubrechen und zuversichtlich nach vorne zu gehen.

Genau das ist das Geheimnis des Glaubens, welches wir gut verwalten sollen!

Die Wochen vor Weihnachten möchten uns Zeit und Raum geben, aus dem Alltagstrott herauszutreten, das Geheimnis des Glaubens ganz langsam zu enthüllen.

Alle unsere Sinne werden in diesen Wochen durch unser Handeln angesprochen:
Unsere Augen freuen sich über den Lichterglanz, unsere Nasen nehmen den Plätzchenduft auf, unsere Hände rascheln beim Basteln mit dem Stroh oder mit dem Glanzpapier, unsere Ohren lieben die Musik und die Lieder, die uns Beständigkeit und Geborgenheit vermitteln, unsere Spenden öffnen unsere Herzen für andere in Not.

Die Adventszeit ist eine gute Zeit, eine Zeit des Haushaltens.
Da können wir schon mal üben, wie es ist, wenn es Gott gut mit uns meint, wenn er uns im Stall an der Krippe willkommen heißt und den Lohn des Wartens gibt.

Der Friede des Herrn, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus!

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Predigt zum 2. Advent

Von Pfarrerin Dr. Judith Lena Böttcher am 05.12.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Adventskranz in der Stephanuskirche Nürnberg Gebersdorf mit zwei brennenden Kerzen zum Gottesdienst am 2. Advent

Liebe Gemeinde,

wieder ist es ein Advent, in dem viele Erwartungen enttäuscht werden. Wieder ist es ein Advent, in dem Veranstaltungen abgesagt werden. In dem wir nicht auf dem Weihnachtsmarkt unbeschwert Glühwein trinken können. Wieder keine betrieblichen Weihnachtsfeiern. Keine dichtgedrängten Kaufhäuser mit süßlicher Weihnachtsmusik, die irgendwie doch an Kindheit erinnert.

Stattdessen werden wir wieder einmal enttäuscht. Und wir leben in Sorge: Wohin soll es gehen? Wie kommen wir raus aus der schier Endlosschleife Pandemie? Wie lange müssen wir das uns, unseren Kindern, unseren Eltern noch zumuten? Wie lange noch währt die Dunkelheit?

„Er kommt, aber anders“ – so las ich auf der Titelseite der Nürnberger Nachrichten Mitte November. Neugierig ging ich näher an den Zeitungsstand. Ich entdeckte, dass es um das Thema Christkindlesmarkt ging. „Er kommt, aber anders“ – diese Zeile ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie passend für diesen Advent und wie passend eigentlich für jeden Advent!

Er kommt, aber anders

Ist es nicht eigentlich so, dass Enttäuschung in jedem Advent mitschwingt? Weil es doch nicht so besinnlich und feierlich zugeht, wie wir uns das eigentlich wünschen würden. Weil sich doch wieder Hektik und Stress breitmacht. Enttäuschte Erwartungen gehören wohl eigentlich zu jedem Advent dazu, vielleicht, weil vorher die Hoffnung so groß war, es möge diesmal anders sein.

„Er kommt, aber anders“ – so singt es auch Maria in ihrem berühmten Lied, nachdem ihr von dem Engel verkündet worden war, dass sie schwanger ist und ein Kind gebären wird, das die Welt entscheidend verändern wird. Es wird alles anders werden – das wird ihr blitzartig klar. Gott hat sich offenbart als der, der Veränderung will. Der die Ordnung dieser Welt auf den Kopf stellt und die Spielregeln des Lebens noch einmal ganz neu auslegt. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Ein solcher Gott kommt in die Welt. Er verzichtet selbst auf alle Macht, Herrlichkeit und Herrschaftsinsignien. Er wird als Baby geboren und lässt sich umsorgen und nähren von einer jungen Mutter.

„Er kommt, aber anders“ – das soll uns auch in diesem Jahr Hoffnung schenken. In unserem Predigttext aus dem Alten Testament wird diese Hoffnung nach Nahbarkeit und Menschlichkeit als Klagelied ausgedrückt.

Predigttext

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.
Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.
Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! Von alters her hat man es nicht vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Jesaja 63,15- 64,3

Hier spricht die Sehnsucht, dass Gott machtvoll in unser Leben eingreift. Dahinter steht das Bild eines strengen Vaters, der über allem steht und mit Donnerwort für Recht und Ordnung sorgen kann: „Schau doch vom Himmel herab, wo du in Heiligkeit und Pracht wohnst! Wo sind deine brennende Liebe und deine Macht?“ Und: „Reiß doch den Himmel auf und komm herab, so dass die Berge vor dir beben!“ Zu wenig spürten die Menschen damals von Gott und seinen Taten. Sie wollten sichtbare, machtvolle Zeichen, dass Gott mit ihnen ist und ihnen zur Seite steht.

Was war damals los, im 6. Jahrhundert vor Christus?

Nach vielen Jahren hatte die Besatzungsmacht Israel verlassen. Familien kehrten aus babylonischer Gefangenschaft heim. Doch was fanden sie vor? Viele Häuser waren zerstört. Felder, Jahrzehnte lang nicht gepflegt, brachten nur geringe Erträge. Gerade so viel wurde geerntet, dass man nicht hungern musste. Was besonders schmerzte: Ihren Tempel in Jerusalem hatten die gegnerischen Soldaten entweiht. Ihr Heiligtum war geschändet. Wo sie sich Gott so nahe fühlten, was ihnen über alles heilig war, – ihre Gegner zogen es in den Schmutz und verhöhnen es. So unter die Räder geraten, so durch und durch geschüttelt, täglich um das Allernotwendigste kämpfen müssen – wenn zudem noch verspottet wird, woran das Herz hängt, dann stellen sich bohrende Fragen. Was habe ich selber falsch gemacht? Haben etwa andere daran Schuld? Hat es gar mit Gott selbst zu tun? Wie kann Gott das ganze Elend zulassen? Geht ihm das nicht nahe? Müsste er nicht eingreifen?

Ich finde  diese Erwartung verständlich. Wie sehr sehne ich mich, und ich denke wir alle, immer wieder nach einem machtvollen Zeichen, dass Gott im Regiment sitzt und alles herrlich regiert. Dass endlich einer für Recht und Gerechtigkeit sorgt. Besingen wir nicht auch an Weihnachten den Gott-Held, den Wunder-Rat, den Friede-Fürst? Und steckt nicht dahinter genau diese Sehnsucht: Dass endlich einer kraftvoll Ordnung schafft?

Bei Jesaja wird diese Erwartung in ein Wort gebündelt: „‘Unser Befreier‘ – das ist von jeher dein Name.“ Beim Wort Befreier wird die Geschichte mit Gott lebendig. Als Israel in Ägypten versklavt war, war es in höchster Bedrängnis. Doch Gott hat es befreit. Daran erinnert Jesaja. Was damals geschehen ist, kann doch wieder geschehen. Gott gibt die Seinen nicht auf.

„Er kommt, aber anders“: Die Geschichte von Maria, Jesu Mutter, lehrt uns, dass wir unsere eigenen Erwartungen immer wieder in Frage stellen sollten.  Er kommt, aber bis es geschah, vergingen noch fünf Jahrhunderte. Als er dann kommt, verzichtet er auf seine unwiderstehliche Macht. Die Berge wanken nicht, und die Völker zittern nicht. Unauffällig kommt er. Er kommt im zarten Gewand eines Kindes, der erst einmal selbst völlig auf Fürsorge und liebevolle Pflege angewiesen ist. Mit dem Kind Jesus beginnt die Befreiung, die Erlösung. In ihm nimmt Gott Wohnung. Er ist nun das neue Heiligtum. Ein kostbarer Tempel, nicht aus toten Steinen erbaut.  Er kommt, und mischt sich unter die Ausgegrenzten und Erniedrigten, die Kranken und Verachteten. „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“, fragen seine Jünger einmal. Und Jesus antwortete: „Geht hin und sagt (…), was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Matthäus 11,3-5)

Auch in dieser Adventszeit 2021 müssen liebgewonnene Rituale und vertraute Traditionen wegen der Pandemie zumindest zum Teil wieder ausfallen. Vielleicht sollten wir uns nicht ärgern, sondern die Zeit nutzen, Neues zu erwarten. „Er kommt, aber anders“. Ein Literat und Blogger schreibt:

„Jedes Jahr befällt mich in der Adventszeit aufs Neue ein unbestimmtes Gefühl der Erwartung“. Diese Erwartung „blüht (…) jedes Jahr so zuverlässig in mir auf wie im März die Krokusse. (…) Es ist nicht unbedingt ein Gefühl, als würde nun alles besser werden und als würden sich meine Probleme auf wundersame Weise in Luft auflösen – aber doch die stille Hoffnung, zumindest alles in einem anderen Licht [zu] sehen.“

https://rotherbaron.files.wordpress.com/2015/11/text-advent.pdf

Was erwarten Sie von Weihnachten?

Erwartung – das ist laut Duden eine vorausschauende Vermutung, eine Annahme oder Hoffnung. Advent ist das Ineinander von Erwartungen, die zuverlässig aufblühen wie Krokusse im März: die Erwartung, dass ich selbst berührt, verändert werde. Und die Erwartung, dass die Welt eine andere wird. Alle Jahre kehrt die Erwartung wieder – und einmal wird sie für immer erfüllt sein. Denn in der Erwartung liegt bereits die Aussicht auf Vollendung. Darum sagt den verzagten Herzen – und hört es selbst: Fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Dr. Judith Lena Böttcher, Pfarrerin

Predigt zum 1. Advent

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 28.11.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf – Aktionstag für Brot für die Welt

Gottes Geist kommt über uns Menschen, Grafik/Kunstwerk

Liebe Gemeinde,

von Jeremias Traum haben wir vorhin schon erfahren. In seinem Buch im 23. Kapitel schreibt der Prophet noch die Worte, die Grundlage für die heutige Predigt zum ersten Advent sind:

Seht, die Zeit wird kommen, spricht der Herr, dass ich dem Volk Davids einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn anreden wird: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit!

Jeremia 23, 5-6

„Seht, die Zeit wird kommen …“, so beginnt der Text. Auch das ist ein Traum – eine Wunschvorstellung, etwas, das herbeigesehnt wird. 
Jeremia spricht diese Worte in eine politische Situation hinein, in eine Zeit, in der das Land unterzugehen droht. Die Zerstörung Jerusalems durch den babylonischen Herrscher Nebukadnezar im Jahr 586 vor Christus liefert den historischen Hintergrund für Jeremias Worte. Seine Heimat löste sich gerade auf, viele Menschen gingen ins Exil. – Eine Katastrophe für das damalige Volk Israel! 

Die Bilder von Vertreibung und Flucht nach dem Krieg haben auch viele Menschen aus Gebersdorf noch gut vor Augen.
Und Bilder von Vertreibung und Flucht flimmern nahezu täglich auf unseren Fernsehern in unsere Wohnzimmer.
Leider kennen wir alle auch die Gefühle der Unsicherheit in dieser unruhigen und von der Pandemie begleiteten Zeit nur allzu gut.
Genau in so eine Situation hinein erscheint nun die hoffnungsvolle Botschaft:

„Gott lässt einen gerechten Spross wachsen, der umsichtig herrscht und Recht und Gerechtigkeit im Land umsetzt!“

Die Träumenden in unserem Anspiel: 
Josef, die Schülerin von heute und das Kind aus Bangladesch sehnen sich nach Recht und Gerechtigkeit.
Wie soll ich dich Gerechten empfangen? So haben wir alle vorhin gesungen, so fragten sich unsere Träumenden.
Angesichts der schwierigen familiären Lage, die sich bei Josef darstellte, oder der klimatischen Bedrohung, die die Schülerin beschrieb oder der existentiellen Sorgen, die das Kind aus Bangladesch bewegte, ist es wirklich eine große Herausforderung, auf einen Retter, einen gerechten Friedefürsten zu hoffen. 

Im Gegensatz zu damals, als das Unglück von einem Menschen, einem Herrscher ausging, sind wir in unserer modernen Zeit, zumindest was die Klimaveränderungen angeht, als ganze Gesellschaft mitverantwortlich.
Obwohl keiner von uns bewusst an der Schraube der Erderwärmung dreht, kann doch ein jeder für sich seinen eigenen ökologischen Fußabdruck beleuchten.
Auch in unserem Land machen sich die Klimaveränderungen schon bemerkbar:
Heftigere Regenfälle und Stürme auf der einen Seite und Hitze- und Trockenperioden auf der anderen Seite.
Doch noch können wir hier in Deutschland gut leben und dank der Versicherungen auch nach Katastrophen überleben.

Anders ist es in Bangladesch, dem Land östlich von Indien.
Große Teile des Landes liegen auf der Höhe des Meeresspiegels. Als es dort in den vergangenen Jahren vermehrt zu Wirbelstürmen und Überschwemmungen ungeheuren Ausmaßes kam, spitzte sich die Lage vor allem für die vielen Kleinbauern  desaströs zu.
Deshalb wurde auch die Aktion „Brot für die Welt“ auf Bangladesch aufmerksam. Mit einem Teil der Spenden, die ab diesem Sonntag bis zum Ende des Jahres auf dem Spendenkonto eingehen, werden vor allem die Kleinbauern in den Küstenregionen unterstützt. Fachleute geben ihnen spezielles Saatgut, welches auch unter Salzwasserbedingungen eingesetzt werden kann. 
Von den Hilfsorganisationen werden auch Dämme und Schutzräume für die Familien gebaut, damit sie in ihren Regionen wohnen bleiben können.
Da die meisten Familien von der Landwirtschaft leben, sind sie nach Naturkatastrophen auf das geringe Einkommen der Väter angewiesen, die sich als Tagelöhner verdingen müssen.

Eine Welt. Ein Klima. Eine Zukunft.“ 

Aktionsplakat für die 63. Spendenaktion von Brot für die Welt.

So lautet in diesem Jahr das Motto der 63. Aktion Brot für die Welt.
Dieses Motto kann nur mit einer gehörigen Portion Hoffnung verfolgt werden.
Aufzugeben kommt da auf keinen Fall in Frage!
Jeremia hat damals die Hoffnung auf den Friedefürsten gesetzt, der sein Volk aus der Katastrophe retten sollte.
Uns ist aus der Geschichte bekannt, dass schließlich nach 50 Jahren babylonischem Exil der persische König Kyros Jeremias Volk wieder in die Heimat zurückgehen ließ.
Bis dann der von Jeremia angekündigte Friedefürst zur Welt kam, dauerte es allerdings noch 500 Jahre.

Doch das judäische Volk blieb auf dem Weg und ließ sich nicht beirren.
Genauso wenig dürfen wir uns beirren lassen, wenn wir uns in den kommenden Wochen auf den Weg nach Weihnachten machen.
Getragen von der Hoffnung, dass wir einen König erwarten, einen Wunder-Rat, einen Helden, dessen himmlisches Licht unseren Weg auf der Erde ausleuchtet, können auch wir unseren Kindern und Enkeln Mut machen!
Wir geben ihnen Hoffnung für die Zukunft, wenn wir unser tägliches Tun und Handeln im Umgang mit der Natur genau beleuchten und nur so lange unsere eigenen Interessen verfolgen, als wir diese mit einem guten Gewissen verantworten können.
Das kann unser Einkaufsverhalten betreffen, unser Reiseverhalten, unsere Mobilität im Alltag, unsere Achtsamkeit allen Lebewesen gegenüber.

Gottes Schöpfung gehört uns nicht, sie ist uns nur geliehen!

In der Zeit des 2. Weltkriegs predigte der Theologe Dietrich Bonhoeffer, dass Gott auf verantwortliche Taten wartet und darauf antwortet. 
Die feministische Theologin Dorothee Sölle lehrte in den 70-er und 80-er Jahren, dass Gott keine Hände hat, nur unsere Hände.
Damit wollte sie ausdrücken, dass wir Menschen unsere Hände einsetzen sollen, um uns gegenseitig zum Wohl zu dienen und Gott dabei zu loben.

Vor 2000 Jahren hat Gott seinen Sohn geschickt, damit alle Menschen seine Liebe erkennen. Von Palästina aus ging diese Botschaft in wenigen Jahrhunderten um den damals bekannten Erdkreis.
Und heute glaubt etwa ein Drittel der Weltbevölkerung an die frohe Botschaft Jesu. 

Diese frohe Botschaft gibt uns stets aufs Neue die Kraft, den Widrigkeiten unseres Lebens zu trotzen und mutig für ein verantwortungsvolles Leben auf diesem Planeten Erde einzustehen.

Machen wir etwas daraus! 

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Bereitsein für den Schalom / den Frieden Gottes

Predigt zum drittletzten Sonntag im Kirchenjahr vom 7.11.2021 von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter

Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich, wann waren Sie das letzte Mal im Kino?
Ich gebe zu, seit Beginn der Pandemie habe ich mich auch, dank Netflix und Co., auf das Heimkino beschränkt.
Aber egal für welches Genre ich mich entschieden habe, eine Szene mit einem großen Kuss war immer mit dabei!
Wenn Sie gerade auch so eine Szene im Kopf haben, dann sind Sie heute bei unserem Predigttext ganz nah dran!
Nach bangem Hin und Her, nach erstickter und dann doch wieder aufgeflammter Hoffnung geschieht es endlich … zwei Menschen küssen sich und reißen die Zuschauer mit in die Welt der Gefühle, der Träume, der besseren Welt.

Unser heutiger Predigttext aus dem Psalm 85 könnte, wenn er denn verfilmt wäre, ganz großes Kino sein.
Es geht um die Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk.
Sämtliche Gefühlszustände zwischen Zorn und Freude sind da mit dabei.

Predigttext in der Übersetzung der Basisbibel:

Herr, du hast dein Land wieder liebgewonnen und das Schicksal Jakobs zum Guten gewendet. Du hast deinem Volk die Schuld vergeben und alle Sünden hast du ihm verziehen. Du hast deinen ganzen Ärger aufgegeben und deinen glühenden Zorn verrauchen lassen.
Gott, du bist unsere Hilfe, stell‘ uns wieder her!
Sei nicht länger so aufgebracht gegen uns!
Willst du denn immer auf uns zornig sein?
Soll sich dein Zorn noch ausdehnen von der einen Generation auf die andere? Willst du nicht wieder neues Leben schenken?
Dann wird sich dein Volk über dich freuen.
Gott erweise uns deine Gnade und gib uns dein Heil. –

Ich will hören, was Gott zu sagen hat. Der Herr redet vom Frieden.
Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen.
Sie sollen nicht mehr zurückblicken zu den Dummheiten der Vergangenheit!
Seine Hilfe ist denen nahe, die zu ihm gehören.

Dann wohnt seine Herrlichkeit wieder in unserem Land.
Güte und Treue finden zueinander. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. Treue wächst aus der Erde empor. Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab.
Auch schenkt uns der Herr viel Gutes und unser Land gibt seinen Ertrag dazu.
Gerechtigkeit zieht vor ihm her und bestimmt die Richtung seiner Schritte.

Liebe Gemeinde,
wenn wir uns den Text verfilmt vorstellen, sehen wir in der ersten Szene, dass der Psalmbeter Gott daran erinnert, dass er schon einmal gnädig gehandelt hat. Ein Blick also in die Vergangenheit.

Dann schwenkt die Kamera in die Gegenwart: Gott wird wieder um Gnade gebeten, damit sich sein Volk freuen kann.

Die dritte Szene wirft den Blick dann auf die Zukunft. Der Psalmbeter möchte nicht nur selbst sprechen, er möchte gerne Hörer sein!
Er möchte eine Antwort von Gott. Und zwar nichts weniger, als dass Gott den Menschen seinen Frieden verspricht!

Kurze Verschnaufpause… dann ganz großes Finale, ganz großes Kino:

Gerechtigkeit und Friede küssen sich!

An dieser Stelle schauen wir das Drehbuch genauer an:

Was ist hier wohl mit Gerechtigkeit gemeint?
Die Bedeutung geht weit über unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit hinaus!
Gerechtigkeit Gottes ist mehr als gleicher Lohn für gleiche Arbeit oder mehr als gleiche Strafe für gleiches Vergehen.
Wenn der Psalmbeter auf Gottes Gerechtigkeit hofft, dann hofft er, dass Gott seinen Zorn, den er durchaus immer wieder seinem Volk gegenüber zeigt, überwinden kann und sich seinem Volk immer wieder auf’s Neue zuwendet.

Schließlich geht es um Gottes Barmherzigkeit, die die Nähe zu den Menschen sucht!
Gerechtigkeit ist also nicht das Einhalten von Prinzipien; Gerechtigkeit meint im Gebet des Psalmbeters, dass auch nach schlimmstem Versagen ein Neuanfang möglich ist, im Vertrauen darauf, dass Gott ein guter Gott ist.

Das war auch für Martin Luther so. Viele Jahre war er auf der Suche nach innerem Frieden gewesen, bis er erkannte, dass man sich Gottes Gerechtigkeit nicht verdienen kann; sie wird uns geschenkt, allein durch Gnade und allein durch den Glauben an Jesu Versöhnungstat.
Erst nachdem Luther das erkannt hatte, erhielt er einen inneren Frieden.

Liebe Gemeinde,
unser Psalm schlägt eine Brücke von Gottes Gerechtigkeit zum Frieden Gottes.
Und Frieden, hebräisch: „Schalom“, hat eine umfassende Bedeutung: „Schalom“ bedeutet „Wohlergehen“.
Lebt ein Mensch mit Schalom, so führt er ein Leben in Würde und Freiheit, erfährt Gerechtigkeit im Alltag.

In unserer Stephanus Gemeinde gibt es schon seit vielen Jahren einen Schalomladen.
Die Waren, die hier angeboten werden, ermöglichen den Produzenten ein würdevolles Leben und Arbeiten. Die Zertifizierung sorgt dafür, dass es gerecht zugeht, bei der Herstellung und beim Verkauf. So können die weltweiten Produzenten mit sich und ihrer Umgebung in Frieden leben.

Und wie sieht es bei uns hier in Nürnberg mit dem „Schalom Gottes“ aus?
Zwar ist trotz anhaltender Coronakrise die Arbeitslosigkeit auf einem relativ niedrigen Niveau, trotz Lieferengpässen gibt es ein Wirtschaftswachstum.
Aber die Beschäftigungen im Niedriglohnsektor nehmen zu. Zeitarbeit verwehrt vielen auch in unserer Gemeinde eine Planung in die Zukunft.
Die Mieten steigen in astronomische Höhen und der Traum vom Eigenheim ist gerade dabei, sich in Luft aufzulösen angesichts der horrenden Immobilienpreise.

Aber noch leben wir in einem Sozialstaat, der das Schlimmste immer wieder auffängt. Wir können im weltweiten Vergleich ziemlich gut leben!
Gott sei Dank!
Und trotzdem ist es für uns wichtig, die Zusage Gottes, seinen Schalom, immer wieder neu zu hören.
Denn die Angst vor der Macht des Virus, aber auch die Angst vor den unglaublich schnellen Veränderungen unseres Klimas macht auch vor unseren Türen nicht halt. Schalten wir die Nachrichten ein, so hören wir zwar die wohlmeinenden Zielsetzungen auf den Gesundheitsgipfeln der WHO oder die hochgesteckten Klimaziele der Konferenz in Glasgow, doch die Wohlstandsmehrung einiger Länder und die korrupten Methoden einiger Präsidenten machen es dem Schalom Gottes auf Erden nicht leicht, sich auszubreiten.

Liebe Gemeinde,
Gottes Drehbuch für diese Welt zielt auf ein gutes Ende hin.
Es verspricht uns Güte, die uns erkennen lässt, wie wir in das Weltgeschehen eingebunden sind, Güte, die uns die Augen öffnet für die Gemeinschaft mit anderen Menschen, Güte, die uns den Weg weist in ein Leben im Einklang mit der Natur, den Weg in unsere Beziehung zu unserem Schöpfer.
Gottes Drehbuch sieht unsere Rolle als treue Gläubige, die das, was Sie sagen, auch tun, auf die Verlass ist.

Wenn dann die Interessen dieser Welt zu einem Ausgleich kommen und jeder Mensch von sich sagen kann, dass er als Geschöpf und Person gesehen und behandelt wird, dann ja, dann küssen sich Gerechtigkeit und Frieden!

Bis es so weit ist, dürfen wir mit Leidenschaft die Hoffnung und die Sehnsucht danach nicht aufgeben, wenn wir zu Gott beten oder ihn mit unseren Liedern loben.
Wenn wir jeden Tag unsere Schritte den Spuren der Gerechtigkeit Gottes folgen lassen, den Frieden lieben und zur Versöhnung mit der Welt und mit Gott bereit sind, dann ja, dann wird aus dem großen Kino eine bessere Welt!

AMEN

Predigt zum Erntedankfest: „Der Segen des Gebens“

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 03.10.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Sonnenblumen am Altar der Stephanuskirche

Liebe Gemeinde,

Das Erntedankfest steht auf der Beliebtheitsskala der kirchlichen Feste ganz weit oben!
Übertroffen wird es nur vom Weihnachtsfest, bei manchen Kirchgängern evtl. noch vom Osterfest.
Diese drei Feste werfen ihre Schatten schon Wochen vorher voraus, bis sie dann am Festtag all ihre Pracht und ihren Glanz auch in den geschmückten Gotteshäusern zeigen.

Wenn wir uns heute hier umschauen, so können wir staunen über die wunderbaren Früchte der Felder und die leuchtenden Blumen der Gärten.

Erntedankaltar in der Stephanuskirche mit verschiedenen, geernteten Gemüsesorten


Am Freitagvormittag waren schon die Kindergartenkinder mit ihrem Bollerwagen hier in unserer Stephanuskirche und haben sich in einem abwechslungsreichen Gottesdienst über die eingesammelten Erntedankgaben bedankt und gefreut. 

Heute am Erntedanksonntag feiert die ganze Gemeinde auch unser Gemeindefest. 
Wir sind dankbar, dass wir uns endlich wieder versammeln dürfen und wir sind dankbar, dass wir trotz klimatischer Veränderungen noch keine Not leiden müssen.

Deshalb können wir heute ein Fest der Sinne feiern:
die Augen können sich satt sehen an der bunten Vielfalt der Früchte und Blumen, die Ohren freuen sich an der wunderbaren Musik, die uns durch das ganze Fest begleitet, sogar unsere Nasen und unser Gaumen werden sich nachher freuen über den köstlichen Bratwurstduft.

Ja, und dann ist da noch unser Predigttext zum Erntedankfest, der Dank und Freude aufnimmt.
Geschrieben hat ihn der Apostel Paulus in seinem 2. Brief an die Gemeinde von Korinth.
Ich lese die Übersetzung aus der Basisbibel:

Liebe Korinther,
das aber sage ich euch: „Wer spärlich sät, wird spärlich ernten. Und wer reichlich sät, wird reichlich ernten.“
Jeder soll so viel geben, wie er sich selbst vorgenommen hat. Er soll es nicht widerwillig tun und auch nicht, weil er sich dazu gezwungen fühlt. Denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!
Gott aber hat die Macht, euch jede Gabe im Überfluss zu schenken. So habt ihr in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit alles, was ihr zum Leben braucht. Und ihr habt immer noch mehr als genug, anderen reichlich Gutes zu tun.
So heißt es ja in der Heiligen Schrift: „Er verteilt Spenden unter den Armen. Seine Gerechtigkeit steht fest für immer.“
Gott gibt den Samen zum Säen und das Brot zum Essen. So wird er auch euch den Samen geben und eure Saat aufgehen lassen. Euer gerechtes Handeln lässt er Ertrag bringen.
Er wird euch so reich machen, dass ihr jederzeit freigiebig sein könnt. Und aus Eurer Freigiebigkeit entsteht Dankbarkeit gegenüber Gott, wenn wir eure Gaben überbringen.
Denn die Ausübung dieses Dienstes lindert nicht nur Mangel, an dem die Heiligen leiden. Sie ist auch deshalb so wertvoll, weil sie große Dankbarkeit gegenüber Gott bewirkt.
Weil ihr euch in diesem Dienst so bewährt habt, werden sie Gott loben. Denn daran sehen sie, dass ihr euch gehorsam zu der Guten Nachricht von Christus bekennt. Und an eurer Freigiebigkeit merken sie, dass ihr mit ihnen und allen Gemeinschaft haltet.
Und wenn sie für euch beten, werden sie das voll Sehnsucht nach euch tun. Denn sie haben erkannt, dass Gott euch in so reichem Maße seine Gnade geschenkt hat.
Dank sei Gott für seine Gabe, die so unbeschreiblich groß ist!

2. Kor. 9,6-15

Liebe Stephanus-Gemeinde,

nachdem Sie diesen Briefausschnitt des Paulus gehört haben, werden nicht nur die Konfirmandinnen und Konfirmanden denken: So ein Durcheinander – ganz schön schwierig dieser Text. Was will Paulus seiner Gemeinde in Korinth eigentlich sagen?

Den Älteren unter Ihnen wird aber dann doch der Satz: 
„Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!“ bekannt sein.
In früheren Jahren wurde er immer nach dem Verlesen der Kollekte gesprochen.

So viel können wir spontan sagen:
Dieser Briefabschnitt ist ein Spendenaufruf!
Ja, das gab es auch schon vor 2000 Jahren.
Paulus bekam vom Apostelkonzil im Jahr 48 n. Chr. in Jerusalem den Auftrag, in seinen neu gegründeten Gemeinden im Mittelmeerraum Spenden für die Urgemeinden zu sammeln. Die neu gegründeten Gemeinden sollten sich dadurch solidarisch zeigen, sie sollten ein Gespür bekommen, was es heißt, als Einheit der Christen im Römischen Reich aufzutreten.

Wenn wir den Paulinischen Spendenaufruf genauer unter die Lupe nehmen, sehen wir, dass Paulus ein Meister des Worts war. Er jonglierte schon damals mit Worten wie „spärlich, Zwang oder widerwillig“ und setzte diesen geschickt die Worte „fröhlich, im Überfluss, reichlich und gerecht“ gegenüber, um die Aufmerksamkeit seiner Hörer zu gewinnen.
Es fällt auf, dass Paulus dabei mehr positive Gedanken verwendet.
So schafft er es, aus einem nüchternen Spendenaufruf ein Bekenntnis zum Leben zu machen.
Es geht ihm nicht darum, dass die Hörer zum Geben aufgefordert werden und ihnen dann auch noch befohlen wird, dabei fröhlich zu sein. Nein.
Der eigentliche fröhliche Geber ist Gott!
Die Vielzahl an schönen Worten stehen für die Gaben, die wir Menschen im Überfluss von Gott bekommen haben. 
Denn eigentlich braucht es nicht viel, damit wir glücklich sind und damit wir andere glücklich machen können.
Die beiden großen Kirchen folgen sowohl an Weihnachten als auch am Erntedankfest dem biblischen Spendenaufruf des Paulus. Es ist Tradition, dass wir auch an die christlichen Kirchen in Übersee denken. 
Wir Christen hier in Deutschland zeigen uns mit unseren Spenden solidarisch mit unseren Glaubensbrüdern und Schwestern in den von der Pandemie oder von Bürgerkriegen schwer traumatisierten Gemeinden.
Das hat dann auch gar nichts mit eigener Gewissensberuhigung, selbstgefälliger Almosengabe oder gar Steuerersparnis zu tun. 
Am Erntedankfest halten wir inne und uns wird klar, dass wir hier in unserem Land mit allen Gütern reich gesegnet sind und – aus Dankbarkeit darüber – gerne geben können!

„Wer reichlich sät, wird reichlich ernten!“

Das schreibt Paulus den Korinthern, das gilt auch für uns!
Durch unsere Freigiebigkeit zeigen wir uns Gott gegenüber dankbar dafür, was wir von ihm zum Leben erhalten haben.

Natürlich ist es an den Tagen, an denen es uns gut geht, an denen wir gute Laune haben, einfach, sich als ein Beschenkter zu fühlen und etwas abzugeben.
Schwierig wird das Ganze, wenn uns die Lust am Leben vermiest wird, wenn wir selbst grad den Boden unter den Füßen verloren haben.
Dann wird es schon mal eng um’s Herz, dann fehlt die Kraft, auch noch an andere zu denken.
Paulus aber hält dagegen: Wenn wir uns ausgelaugt fühlen, ja fast schon wie welk den Kopf hängen lassen, dann dürfen, ja sollen wir uns in den Sommerregen des Wortes Gottes stellen.
Was dann passiert, weiß jeder, der einen Garten oder Balkonpflanzen hat: Langsam aber sicher werden wir uns aufrichten, saugen all die guten Nährstoffe auf, die uns dann wieder aufrecht durch’s Leben gehen lassen:

Wir blühen auf durch die Liebe, die uns geschenkt wird, 

wir blühen auf durch den Frieden, den wir mit anderen Menschen haben,

wir blühen auf durch die Zufriedenheit darüber, dass unser Glas doch halb voll ist und

wir blühen auf, wenn wir unsere Augen über all die herrlichen Erntegaben wandern lassen!

Der Segen Gottes ist die Lust am Leben!

Gott will seinen Segen über uns ausschütten für all unser Mühen, Arbeiten und Schaffen.

Liebe Gemeinde, ich bin mir sicher, wenn wir dies begreifen, wird es ein Leichtes sein, unsere Dankbarkeit gegenüber denen zu erweisen, die selbst nicht auf die Beine kommen.
Wenn Menschen in ganz Bayern heute eine Spende für „Mission eine Welt“ oder die Welthungerhilfe geben, dann geschieht Dank. Gelebter Dank!

Brot auf dem Altar der Stephanuskirche mit der Aufschrift "UNSER TÄGLICH BROT"

Und denken Sie daran: gelebter Dank macht glücklich!

Amen

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Wir freuen uns auf Sie!

Symbolbild: Bildausschnitt Gitarrist mit Gitarre

Bratwürste, Weckla und Brezen sind bestellt, Getränke gekauft und der Erntedankaltar festlich geschmückt. Unsere Musikerinnen und Musiker und unsere Sängerinnen und Sänger haben die finalen Proben erfolgreich abgeschlossen und wir freuen uns, Sie zu unserem kleinen musikalischen Gemeindefest am Erntedanksonntag begrüßen zu dürfen.

Der Bastelkreis und unser Schalomladen bieten währenddessen ihre Waren zum Verkauf an.

Beim Gottesdienst haben Sie außerdem die Gelegenheit, unsere neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden kennenzuleren. Beginn ist um 10:15 Uhr!

Hier finden Sie übrigens das geplante Programm!

Die aktuellen Coronaregeln erlauben einen Gottesdienstbesuch auch mit größerer Teilnehmerzahl, wenn eine Maske getragen wird. Sie müssen daher keine Bedenken haben, keinen Platz zu bekommen!

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Einladung zum Erntedankfest

Wir feiern dieses Jahr nach dem Erntedankgottesdienst ein kleines Gemeindefest rund um die Kirche und das Gemeindehaus. Beginn ist am 03. Oktober um 10:15 Uhr mit dem Gottesdienst in der Stephanuskirche.

Plakat Musikalisches Gemeindefest am Erntedanksonntag, 03. Oktober 2021. Beginn 10:15 Uhr Festgottesdienst mit dem Kirchenchor und Vorstellung der Konfirmandinnen und Konfirmanden.
Ab 11:30 Uhr Verkauf von Bratwurstweckla, Brezen, Getränken in der Flasche und Waren des Schalomladens und des Bastelkreises.
Musikalische Auftritte ab 12:00 Uhr bis 14:00 Uhr mit dem Posaunenchor, Rabenchor, Gitarrengruppe und Akkordeongruppe.
Ihre Stephanuskirche wünscht Ihnen ein schönes Gemeindefest!
Bitte beachten Sie die Hygienevorschriften. Im Gemeindehaus besteht Maskenpflicht.

Die drei „Gs“ des Neuen Testaments

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 15.08.2021 (11. Sonntag nach Trinitatis) in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Liebe Gemeinde,

sind Sie geimpft, genesen oder getestet?

Diese drei „Gs“ schweben seit etlichen Wochen über unseren Köpfen. Wir haben sie gerade in der Urlaubszeit, in der doch viele wegfahren wollen, schon verinnerlicht. Die drei „Gs“ geben uns nach Maßgabe der Politiker Zugang zu Orten und Veranstaltungen, die wir ohne einen Nachweis nicht besuchen dürfen.
Aufwändig und manchmal lästig sind sie und doch geben uns die drei „Gs“ die Möglichkeit – zumindest für ein paar Wochen – ein entspanntes Leben zu führen.

In der Bibel stehen drei „Gs“, die uns unser ganzes Leben lang „Entspannung“ versprechen:

Predigttext

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht
aus Gnade seid ihr gerettet – und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben,
und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.
Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen!

Epheserbrief 2,4-10

Liebe Gemeinde,
würden wir bei diesem Text, der voll mit theologischen Begriffen ist, die Methode des Bibelteilens anwenden, welche einen Text auf die Kernaussage hin reduziert, würden Sie genau die drei „Gs“ des Neuen Testaments heraushören:

aus Gnade gerettet,

durch den Glauben an Jesus Christus,

geschaffen zu guten Werken!

Hinter diesen Worten steckt die ganze Erkenntnis des Apostels Paulus,
welche auch Martin Luther sein ganzes Leben lang beschäftigt hat.
In seinen jungen Jahren versuchte Luther auf unterschiedlichste Art und Weise einen gnädigen Gott zu finden. Er pilgerte, er spendete, schließlich ging er ins Kloster und kasteite sich dort, bis ihm sein Ordensvorgesetzter Johann Staupitz das Kreuz Christi ans Herz legte und ihm sagte: Allein aus Gnade –  bist du schon erlöst!

Immer wieder höre ich in Gesprächen, dass sich kirchenferne Menschen fragen, was es denn eigentlich bringe, engagiert in Kirche und Gemeinde mitzuarbeiten, was hätten Ehrenamtliche davon?
Ich antworte darauf gerne, dass das Mitwirken und Tun Zufriedenheit bringt, es gibt dem Leben einen tiefen Sinn.
Bei Älteren höre ich oft die Frage: Bring ich’s denn noch? Kann ich noch lange mithalten?
In der Firma – in der Familie – in der Partnerschaft?
In unserem Epheserbrief steht: „Ihr seid aus Gnade gerettet!“
Nicht die Leistung zählt, auch nicht wie lange ihr mit anderen mithalten könnt, nicht, ob wir den Menschen genügen – auch nicht, ob wir mit uns selbst zufrieden sind!
Jeder Atemzug, den wir machen, ist eine Gabe Gottes, jeder Tag, den wir erleben dürfen, ist ein Geschenk Gottes.
Für Gott sind wir wertvoll, jede und jeder von uns, wir sind ihm kostbar, ohne jegliche Bedingung!

In unserem Epheserbrief heißt es dann weiter: „Gott hat uns mit Christus lebendig gemacht, auferweckt und im Himmel miteingesetzt.“
Das klingt doch super!
Ein Theologe hat das auf folgenden Nenner gebracht: „Wer sich im Himmel auskennt, der kommt auch auf der Erde zurecht!“
So einfach ist das!
Wo aber erlebe ich das – auferweckt zu sein, mit Christus gar einen Platz im Himmel zu haben?
Meine Antwort darauf:
Natürlich im sonntäglichen Gottesdienst!
In jedem Sonntagsgottesdienst feiern wir die Auferstehung Jesu.
Und dabei sind wir eingebettet in unsere Gemeinde, in die Gemeinschaft der Gläubigen, die Generationen von Menschen umfasst, in einem Sinne auch vereint mit allen Christen auf der Erde, die Gott loben, aber auch klagen und immer wieder getröstet und gestärkt werden.
Das kann durch die Vielfalt der biblischen Hoffnungsgeschichten geschehen oder durch die Feier des Heiligen Abendmahls, welches uns ganz intensiv mit hinein nimmt in den Glauben an den Auferstandenen.

Einen Platz im Himmel haben, das wird auch jedem Täufling zugesprochen:
Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind!
Gestern wurde hier in unserer Stephanuskirche wieder ein Kind getauft. Sowohl für mich als Pfarrerin als auch für die Familien ist das immer ein ganz besonderes Ereignis.
Aus der Taufe heraus kommt der neue Mensch, der alte Adam wird durch das Taufwasser ersäuft. So hat es Martin Luther beschrieben: der neue Mensch tritt lebendig hervor und ist vereint mit Christus!
Dieser Zuspruch und die Verheißung von Gottes Segen für den Lebensweg, das sind Worte mit unbeschreiblicher Kraft!

Liebe Gemeinde,

jetzt fehlt noch das dritte „G“ in unserem Epheserbrief:

 „Geschaffen zu guten Werken“

Damit wird noch einmal klar gemacht, dass wir aus menschlicher Anstrengung und Kraft heraus Gottes Güte und Liebe nicht verdienen können. Weder meine Leistungen noch meine Versäumnisse machen mich vor Gott zu dem, was ich bin, sondern allein aus Gnade, d.h., es ist allein Gottes Geschenk, das uns ihm genehm macht.

„To do-Listen“ kann ich da getrost beiseite legen, Optimierungsplanungen kann ich verwerfen, ich muss weder mich noch andere kontrollieren.

Allein an den Schöpfergott glauben und seinem Sohn vertrauen!

Klingt schon wieder einfach und ist doch manchmal so schwer!
Irgendwie möchten wir uns doch für eine Sache einsetzen,  zumindest Danke sagen für ein Geschenk.
Die Antwort der Bibel lautet: Aus Dankbarkeit kannst Du gute Werke tun! Wenn du Gottes Gnade verspürst, dann bist du frei, dann bist du stark, dann schaffst du es, auch für andere Menschen etwas zu tun.
An dieser Stelle könnten sicher viele von Ihnen Geschichten erzählen, die davon handeln, dass Sie frei aus allen Stücken anderen zur Seite standen, ohne etwas von Gott oder von den Menschen erwartet zu haben.

Ich möchte meinerseits eine kleine Geschichte erzählen:

Vor einigen Wochen hatte ich einen Einsatz in der Notfallseelsorge. Es war Sonntag. Ich hatte hintereinander zwei Gottesdienste und noch zwei Taufen am Vormittag zu halten. Gegen 13.00 Uhr kam ich nach Hause, aß mit meiner Familie zu Mittag und freute mich auf einen entspannten Nachmittag.
Aber kaum hatte ich den letzten Bissen zu mir genommen, erhielt ich den Anruf.
Ich wurde zu einer hochbetagten Dame gerufen, die gerade ihren Sohn verloren hatte. Völlig hilflos, wusste sie nicht, was sie nun machen sollte.
Es handelte sich um einen dramatischen Rettungseinsatz mit Feuerwehr und Polizei. Die schockierte Dame saß verzweifelt in ihrer Wohnung.
Ich wurde gebeten bei ihr zu bleiben bis … ja, wie lange eigentlich …?
Schließlich blieb ich bei ihr bis in die Nacht hinein, bis ich nach zermürbenden Telefonaten zu später Stunde endlich einen Heimplatz für die alte Dame aufgetrieben hatte.
Von einem entspannten Sonntag war da nicht mehr die Rede.
Das Schicksal der alten Dame aber machte mich so betroffen, dass es für mich ganz klar war, bei ihr zu bleiben. Ob mich nun der Himmel zu dieser betagten Dame geschickt hat, so wie sie es immer wieder betonte, das weiß ich nicht.
Aber es gibt ja Dinge zwischen Himmel und Erde, die können wir nicht begreifen, nur glauben!

An diesem Tag kamen mir die Worte der evangelischen Theologin Dorothee Sölle in den Sinn:
„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.“

Liebe Gemeinde,
wir sind durch Christus erlöst – befreit – auferweckt und können das Gute tun,
nicht, damit wir einen Platz im Himmel bekommen,
sondern weil wir schon einen Platz im Himmel haben!

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Ein festes Fundament

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 01.08.2021 (9. Sonntag nach Trinitatis) in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Symbolbild Fundament

Liebe Gemeinde,

sprachlos haben sie uns gemacht, die Bilder, die wir in den vergangenen Wochen in der Tagesschau und im Heute Journal gesehen haben. Reihum, innerhalb weniger Tage haben in unserem Land Unwetter viele Regionen hart getroffen. In unserer Nähe war die Gegend um Neustadt und Bad Windsheim schwer getroffen, aber kein Vergleich zu der existentiellen Katastrophe, die die Menschen in NRW und in Rheinland-Pfalz erleben mussten.
Nicht nur, dass das Wasser in den Kellern und in den Wohnungen stand, nein, dort wurden ganze Häuser von den Fluten mitgerissen. Häuser, die eigentlich schon viele Hochwasser hinter sich hatten – sie wurden einfach weggespült.
Alles Hab und Gut weg und das von einem Tag auf den andern.

Gerade zu dieser Zeit kommt da der Predigttext für den heutigen Sonntag. Beim Lesen habe ich erstmal tief Luft holen müssen.

Ich lese aus der Bergpredigt Jesu

Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.
Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“

Matthäus 7,24-27

Wenn wir diese Worte hören und sie mit unseren Bildern im Kopf verbinden, kann leicht der Eindruck entstehen, dass die Menschen, deren Häuser in den letzten Wochen mitgerissen wurden, sich besser schon vorher um ihre Fundamente hätten kümmern müssen oder Dämme und Böschungen doch schon längst besser hätten geplant und ausgebaut werden müssen.
Im Nachhinein sind wir immer schlauer. Schuldige werden gesucht angesichts einer solchen Katastrophe.

Die Bergpredigt will uns aber etwas anderes sagen

Die Fundamente Fels und Sand stehen für die Fundamente, auf denen unser Leben gegründet ist.
Unser Leben aufzubauen und über mehrere Jahrzehnte zu erhalten – das ist ein Langzeitprojekt.
Schon von Beginn an gibt es unglaublich viele Unwägbarkeiten, dass gar mancher am liebsten aufgeben möchte. Und hat man es endlich geschafft und meint, sein Leben endlich im Griff zu haben, steht man in steter Verantwortung.
Leichtfertigkeit hat verheerende Folgen und kann uns aus der Bahn werfen.

Auch in unserem Leben müssen wir auf etwas Festem bauen können.
Wir alle möchten sicher sein, dass Geschaffenes hält und nicht gleich beim ersten Unwetter wegbricht. Unser Leben gründet auf diesem Urvertrauen, das sich schon in unserer Kindheit herausgebildet hat.
Wir vertrauen darauf, dass die Menschen, die uns liebevoll begegnen, auch am nächsten Tag noch da sind.
Wir vertrauen darauf, dass wir jeden Abend ein Dach über dem Kopf haben und ein Kissen, auf das wir unseren Kopf legen können. Das sind Grundbedürfnisse ersten Ranges.

Je länger wir darüber nachdenken, desto mehr merken wir aber, dass doch alles ziemlich unsicher ist.
Beispiele aus unserem Bekanntenkreis kennen wir genug: Ehepaare, die sich auf einen gemeinsamen Ruhestand freuen, endlich Zeit für die Enkel oder fürs Reisen haben, werden aus der Bahn geworfen, wenn einer der Ehepartner eine schlimme Diagnose erhält und plötzlich stirbt. Oder wenn der Betrieb unverhofft Stellen streicht und man auf der Entlassungsliste steht. Da hilft oft auch keine Abfindung, wenn man über 50 Jahre alt ist. Da rutscht weg, was doch das Leben tragen sollte.

Jesus vergleicht in seiner Bergpredigt unser Leben mit einem Hausbau. Er betont, dass es auf das Fundament ankommt.

Vom Lebensfundament

Wie nun muss es seiner Meinung nach beschaffen sein – unser Lebensfundament?
Jesus spricht: „Wer diese meine Worte hört und danach handelt, der hat auf Fels gebaut.“
Welche Worte meint er?
Die Beispielgeschichte vom Hausbau steht ganz am Ende der Bergpredigt. Dieser Geschichte gehen ganz entscheidende Worte voraus: Vom Salz der Erde, vom Licht der Welt, vom Vergelten, vom Schwören, von der Feindesliebe und nicht zu vergessen das Vaterunser Gebet.
Und dann am Schluss seiner Bergpredigt die Aufforderung: Ihr habt gehört, was ich euch gesagt habe – jetzt lebt danach!
Wer dem Hören keine Taten folgen lässt, der hat auf Sand gebaut.
Glauben und Handeln gehören zusammen.
Das darf und kann man nicht trennen.
Sowohl unser Handeln als auch unser Unterlassen wird immer Folgen haben – gute und schlechte.

Matthäus betont das in seinem Evangelium oft genug.
Zugespitzt schreibt er sogar: „Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“
Wahrlich harte Worte.
Da müssen wir Hörer erst einmal schlucken!
Befreiende Worte des Evangeliums klingen doch eigentlich anders.
Muss ich also allen Forderungen Jesu nachkommen, um ein festes Fundament für mein Leben zu schaffen, um dann ins Reich Gottes zu kommen?

Ich denke, dass Jesus hier seinen Zuhörern keinesfalls drohen will.
Es geht ihm um ein gelingendes Leben im Hier und Jetzt, das auf andere ausstrahlt.
„Lasst euer Licht vor den Leuten leuchten!
Bezeugt das, was ihr glaubt und erhofft – durch euer Handeln und Tun!“

Und wenn wir an unsere Grenzen kommen, unsere Kräfte nachlassen und Verzweiflung sich breit macht …
Auch an diese Situation hat Jesus in der Bergpredigt gedacht:
Zwischen all dem Fordernden und Herausfordernden hat das Vaterunser in seiner Predigt einen wichtigen Platz:

Dieses Gebet tröstet uns!

Jeden Tag auf’s Neue dürfen wir Gott um Vergebung bitten, neu anfangen.
Jeden Tag bietet sich uns die Gelegenheit, aus Vergangenem zu lernen und Eingestürztes neu aufzubauen. Jesu Versprechen gilt!

Die Kraft, unser Fundament zu sichern, wird uns geschenkt, wenn wir Gott darum bitten.

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin