Mein kleiner Neffe trottet an der Hand seiner Mutter durch die Wohnung. Es ist noch immer eher ein Vorwärtsstolpern als der sichere Gang, aber er freut sich so sehr darüber, dass er alle anstrahlt. Nur wenn er alleine gehen soll, sinken die Mundwinkel zu Boden und die Hand schnellt in die Höhe, als stellte er das Kunstwerk in der Sixtinischen Kapelle nach.
„Berühr mich!“, rufen seine kleinen, zusammengedrückten Augen: Fass mich an, ich kann nicht alleine.
Die Sicherheit, gehalten zu werden, suchen wir wohl unser ganzes Leben lang. Selbst Thomas, der doch schon alles weiß, hat sich danach gesehnt.
Und auch ich wünsche mir so manches Mal eine klar verständliche Nachricht von Gott oder auch nur einen kleinen Hinweis, der mir alle Ängste nimmt. Eine einfache Berührung. Und dabei müsste ich doch nur zurückblicken. Dann würde ich sehen, an wie vielen schweren Momenten mir eine Hand wieder nach oben geholfen hat.
Vielleicht ist das Spüren dieser Hand ja eine Übungssache, und ihr tragt euch nach jedem Mal, wo ihr im Leben aufgefangen wurdet, etwas in euer Tagebuch ein. Damit ihr es zukünftig nicht vergesst, damit ihr es auch ohne Berührung fühlen und glauben könnt.
Oder ihr schaut auf die Kinder: Spätestens bei meinem nächsten Besuch wird mein Neffe durch die Küche rennen und mir den Ball über den Tisch zuwerfen. Und Gott wird derweil oben sitzen und uns freundlich anlächeln.
Vor ein paar Tagen schon haben Maria und Martha ihn um Hilfe gebeten. Ihr Bruder sei schwer krank. Jesus aber macht sich nicht gleich auf den Weg, sondern wartet noch ab. Als sei er schon gewiss, dass er ein Wunder tun wird. Vier lange Tage ist sein Freund Lazarus schon tot, als Jesus endlich bei Maria und Marta eintrifft.
Und nun, auf dem Weg zum Grab, da weint Jesus, verzweifelt über den Tod des Freundes, überwältigt vom Schmerz. Als sei auch er hilflos, als glaube er nicht mehr daran, himmlische Kraft zu bekommen, die ihm ermöglicht, einen toten Menschen wieder ins Leben zu rufen.
Jesus weint.
Und ich fühle mit ihm, ich weiß ja, wie traurig ich bin, wenn ich einen Menschen loslassen muss. Fast möchte ich Jesus trösten, so wie es mich getröstet hat, wenn jemand mich in den Arm genommen hat und mir die Tränen abgewischt hat, als ich traurig war.
Der weinende Jesus, er ist mir nah und ich ihm. Am Ende geht die Geschichte gut aus, Jesus holt Lazarus zurück ins Leben.
Ich aber will noch einen Moment stehen bleiben, will verweilen beim weinenden Jesus. So wie die Passionszeit vor Ostern es auch tut, wenn sie uns an das Leiden Jesu erinnert.
Wie wichtig ist auch das: Hinschauen, um Tod, Trauer und Schmerz nicht zu überspringen. Aushalten, dass Tränen fließen und Zweifel sich breit machen, weil der Ausgang ungewiss ist.
Denn genau da, wo das große Wunder in Frage steht, wird das kleine Wunder möglich: Menschen zeigen sich menschlich, weinen und fühlen mit, trösten und kommen einander nah.
Welche Bilder des Göttlichen sind erlaubt, notwendig, erbaulich oder schädlich? Eine eindeutige Antwort darauf hat das Christentum nie gefunden.
„Du sollst dir kein Gottesbild machen!“ heißt es einerseits im zweiten der zehn Gebote. Andererseits sind in der Christentumsgeschichte Gemälde, Fresken und Skulpturen von heiligen Frauen und Männern, Maria, Jesus Christus, dem Heiligen Geist und sogar vom Gottvater selbst entstanden. Diese füllen bis heute die Kirchen und Museen.
Müssten sie nicht verboten sein? Diese Frage ist unserem Blick auf die Vergangenheit geschuldet, der geprägt ist von den Gesetzen und Verboten der heiligen Texte und der theologischen Tradition.
Auch die ersten Christen hatten ein dringendes Bedürfnis nach Bildern. Damals war die frühe christliche Kunst schlicht, ja arm: naive Wandmalereien in Katakomben, Amulette, frommes Kunsthandwerk. Hieraus sollte sich langsam eine eigene Bildsprache entwickeln. Die ersten künstlerischen Bilder über das Leiden und die Auferstehung Jesu Christi entstanden erst im fünften Jahrhundert.
Doch das war nur der Anfang einer atemberaubenden Kunstgeschichte: Die Maler und Bildhauer der Romanik und Gotik im Mittelalter, der Renaissance (ab dem 14. Jahrhundert), später des Barocks, der Klassik sowie der Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts schufen in unterschiedlichsten Stilen eine Fülle an immer neuen christlichen Bildwerken, die sich nicht mehr zählen lassen. Das Bilderverbot scheint dabei keine Rolle gespielt zu haben. Nur die Reformatoren des 16. Jahrhunderts, die den Heiligenkult der Papstkirche bekämpften, erinnerten an den theologischen Sinn des zweiten Gebots. Es stellt klar, dass Gott nicht von dieser Welt ist und jeder menschliche Versuch, ein festes Bild von ihm zu machen und zu fixieren, verdächtig ist.
Gottesbilder sind stets in der Gefahr, Gott zu einem Götzen zu machen und zu Instrumenten klerikaler oder politischer Herrschaft zu werden. Deshalb müssen Christenmenschen, um es modern zu formulieren, ihre Glaubensbilder immer wieder infrage stellen, damit diese nicht an die Stelle des Geglaubten treten. Das Bilderverbot hat also eine befreiende Wirkung. Es kann Künstler dazu anregen, alte Bildmuster zu durchbrechen und Neues zu schaffen.
Aber wie wird diese Geschichte weitergehen? Früher hat die Spannung zwischen der Liebe zu hergebrachten Gottesbildern und der Notwendigkeit, sie zu kritisieren und durch neue Schöpfungen zu ersetzen, viele Künstlerinnen und Künstler inspiriert. Wird das im 21. Jahrhundert auch so sein? Das ist eine offene Frage.
Man kann neugierig darauf sein, welche Antworten vor allem die jungen und wachsenden Christentümer in Afrika oder Asien darauf geben werden.
Die Fastenaktion 2026 lädt ein zu 7 Wochen ohne Härte
Weit draußen im Weltall soll es einen Planeten geben, der zu einem Drittel aus Diamant besteht. Eine Welt aus dem härtesten Stoff, den wir kennen. Eine faszinierende Vorstellung.
Bei uns auf der Erde ist Härte auf andere Weise allgegenwärtig. Sie zeigt sich etwa in Unbarmherzigkeit und Gewalt. Zahllose Menschen erleben sie an Leib und Seele. Wir selbst legen oft eiserne Panzer an, um uns zu schützen. Und verletzen uns damit umso mehr. Wie anders tritt Gott unserer Welt gegenüber. Ungeschützt, mitfühlend. „Also hat Gott die Welt geliebt“, so heißt es in Johannes 3,16. Was für ein heilender Umgang!
Die Fastenaktion steht in diesem Jahr unter dem Motto „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte“. Für sieben Wochen treten wir bewusst aus der Praxis und den Bildern der Härte heraus. Wir fühlen uns ein in den Blick Gottes auf unsere Welt. Wir üben uns in einem mitfühlenden Umgang miteinander. Kein Stoff, und sei er hart wie Diamant, schützt vor den Verletzungen des Lebens. Doch Anteilnahme, ein mitfühlender Blick, ein erlösendes Wort können befreiend sein. „Sie umarmten sich lange. Sie hielten sich so fest, wie es Menschen tun, die etwas miteinander erlebt haben, was so schrecklich ist, dass sie darüber nicht sprechen können. Sie weinten.“ Vor Jahrzehnten las ich einmal diese Zeilen, die ich der Erinnerung nach wiedergebe. Das können wir tun: einander festhalten im Schmerz und auf den Weg Gottes schauen, der uns herausführen kann. Lassen Sie uns mit Gefühl durch die Passionstage gehen, auf Ostern zu. Lassen Sie uns fühlen, wie lebendig das Leben sein kann, wenn es jenseits aller Härte neu wird!
Ralf Meister, Landesbischof in Hannover und Botschafter der Aktion „7 Wochen Ohne“