Stolpern und Vertrauen

Monatsspruch April: Jesus spricht zu Thomas: Weil du mich gesehen hast,
darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! Johannes 20,29


Mein kleiner Neffe trottet an der Hand seiner Mutter durch die Wohnung. Es ist noch immer eher ein Vorwärtsstolpern als der sichere Gang, aber er freut sich so sehr darüber, dass er alle anstrahlt. Nur wenn er alleine gehen soll, sinken die Mundwinkel zu Boden und die Hand schnellt in die Höhe, als stellte er das Kunstwerk in der Sixtinischen Kapelle nach.

„Berühr mich!“, rufen seine kleinen, zusammengedrückten Augen: Fass mich an, ich kann nicht alleine.

Die Sicherheit, gehalten zu werden, suchen wir wohl unser ganzes Leben lang. Selbst Thomas, der doch schon alles weiß, hat sich danach gesehnt.

Und auch ich wünsche mir so manches Mal eine klar verständliche Nachricht von Gott oder auch nur einen kleinen Hinweis, der mir alle Ängste nimmt. Eine einfache Berührung. Und dabei müsste ich doch nur zurückblicken. Dann würde ich sehen, an wie vielen schweren Momenten mir eine Hand wieder nach oben geholfen hat.

Vielleicht ist das Spüren dieser Hand ja eine Übungssache, und ihr tragt euch nach ­jedem Mal, wo ihr im Leben aufgefangen wurdet, etwas in euer Tagebuch ein. Damit ihr es zukünftig nicht vergesst, damit ihr es auch ohne Berührung fühlen und glauben könnt.

Oder ihr schaut auf die Kinder: Spätestens bei meinem nächsten Besuch wird mein Neffe durch die Küche rennen und mir den Ball über den Tisch zuwerfen. Und Gott wird derweil oben sitzen und uns freundlich anlächeln.

Jan Simowitsch

Jesus, ganz menschlich

Monatsspruch März: Da weinte Jesus.
Johannes 11,35

Vor ein paar Tagen schon haben Maria und Martha ihn um Hilfe gebeten. Ihr Bruder sei schwer krank. Jesus aber macht sich nicht gleich auf den Weg, sondern wartet noch ab. Als sei er schon gewiss, dass er ein Wunder tun wird. Vier lange Tage ist sein Freund Lazarus schon tot, als Jesus endlich bei Maria und Marta eintrifft.

Und nun, auf dem Weg zum Grab, da weint Jesus, verzweifelt über den Tod des Freundes, überwältigt vom Schmerz. Als sei auch er hilflos, als glaube er nicht mehr daran, himmlische Kraft zu bekommen, die ihm ermöglicht, einen toten Menschen wieder ins Leben zu rufen.

Jesus weint.

Und ich fühle mit ihm, ich weiß ja, wie traurig ich bin, wenn ich einen Menschen loslassen muss. Fast möchte ich Jesus trösten, so wie es mich getröstet hat, wenn jemand mich in den Arm genommen hat und mir die Tränen abgewischt hat, als ich traurig war.

Der weinende Jesus, er ist mir nah und ich ihm. Am Ende geht die Geschichte gut aus, Jesus holt Lazarus zurück ins Leben.

Ich aber will noch einen Moment stehen bleiben, will verweilen beim weinenden Jesus. So wie die Passionszeit vor Ostern es auch tut, wenn sie uns an das Leiden Jesu erinnert.

Wie wichtig ist auch das: Hinschauen, um Tod, Trauer und Schmerz nicht zu überspringen. Aushalten, dass Tränen fließen und Zweifel sich breit machen, weil der Ausgang ungewiss ist.

Denn genau da, wo das große Wunder in Frage steht, wird das kleine Wunder möglich: Menschen zeigen sich menschlich, weinen und fühlen mit, trösten und kommen einander nah.

Tina Willms

Frühlingsspuren

Monatsspruch Februar: Du sollst fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, dass der Herr, dein Gott, dir und deiner Familie gegeben hat. Deuteronomium 26,11


„Hallo, Mama“. Mein (damals siebenjähriger) Sohn klingt vergnügt, als er den Ranzen in die Ecke stellt. Er holt sogar gleich seine Brotdose heraus. „Hallo“, sage ich. Und kann mir die Frage nicht verkneifen: Wie war’s in der Schule? „Gut“, sagt er. „Die Lehrerin war mit uns draußen. Wir haben Frühlingsspuren gesucht.“ Ich bin überrascht. Frühlingsspuren suchen? Vermutlich steht das eher nicht auf dem Lehrplan. „Und?“, frage ich, „Habt ihr welche gefunden?“„Ja“, sagt er. „In einem Garten gab es Schneeglöckchen. Bei dem Weg mit den großen Bäumen waren so kleine Blumen in Gelb. Und im Wald war ein Specht.“ „Tolle Idee“, denke ich und freue mich, dass die Lehrerin den Kindern nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen beibringt. Immer zu zweit, Hand in Hand, sind die Kinder losgezogen, haben sich umgeschaut, haben „Guck mal, da!“ gerufen, sind umhergesprungen, wenn sie etwas entdeckt haben. Sie haben die frische Luft gespürt, den Hauch Frühling darin, haben Krokusse und Winterlinge, Meisen und Amseln kennengelernt. Und vielleicht sind auch andere Kinder vergnügt nach Hause gekommen.

Bis heute wirkt die Idee dieser Lehrerin bei mir nach. Ende Februar sage ich mir: Jetzt gehe ich los, um Frühlingsspuren zu suchen. Meine Sinne schärfen sich, ich spüre die Luft auf der Haut und freue mich an den ersten Farbklecksen am Boden. Ich lausche den Vögeln und versuche, sie in den Zweigen zu entdecken. Und ich denke an die Kinder, die längst erwachsen geworden sind. Aber wer weiß, vielleicht machen auch sie sich manchmal noch auf, um an einem Tag im Februar die ersten Frühlingsspuren zu suchen.

Tina Willms

Um der Liebe Willen

Monatsspruch Januar 2026: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele
und mit ganzer Kraft. Deuteronomium 6,5

Du sollst, du sollst, du sollst! Mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft! Das klingt so groß, so anspruchsvoll, dieses „Du sollst“ mit seinem dreimaligen „ganz“; zu groß, fast so, als ließe es sich nicht schaffen. Als diese Worte gesagt werden, steht Israel an einem Übergang, im Grenzland zwischen Gestern und Morgen. Gestern, vergangen, das heißt: Aus der Knechtschaft befreit, davongekommen, als die Feinde ganz nah waren. Die Wüste ist durchquert. Wenn es bedrohlich wurde, doch nie allein gewesen, versorgt mit dem, was vom Himmel fiel, in der Nacht geleitet von einem Feuerschein. Morgen, zukünftig, das heißt: Das gelobte Land vor Augen, wo Milch und Honig fließen. Sich niederlassen nach der Wüstenzeit, ausruhen dürfen, zu Hause sein.

Und hier, im Grenzland, zwischen dem „Hinter uns“ und dem „Vor uns“ lässt Gott sich vernehmen: Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.

„Ich bin da“ war der Name Gottes gestern, im Wüstenland. „Ich bin da“ wird der Name sein, wohin auch immer du zukünftig ziehst. Und Gott sehnt sich nach einer Antwort auf dieses Da-Sein. Gott zu antworten heißt, auch bei ihm zu bleiben. In der Liebe zu wohnen, die er selbst ist. Da-Sein, Lieben, treu sein, so, wie Gott es zuerst getan hat und immer wieder, immer noch tut.

Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese so großen Worte, sie verlangen mir nichts Übermenschliches ab. Sie bitten darum zu bleiben. Bleiben bei ihm, Gott, der da war und da sein wird, in seiner Liebe, gestern, heute und morgen.

Tina Willms

Im Aufwind Gerechtigkeit

Monatsspruch Dezember 2025: Gott spricht: Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln. Maleachi 3,20


Der Gleitschirm liegt hinter mir am Boden und leuchtet in der Sonne. Ich ziehe ihn hoch, laufe ein paar Schritte, Kribbeln im Bauch, und dann: Schweben.

Zwanzig Minuten trägt mich der Schirm, ich höre den Wind in den Leinen sirren. Mein Blick schweift über die Felsen, Wälder und Weiden, die Dörfer und den Fluss, der sich als opalblaues Band durch das Tal schlängelt. Und das Schwere wird leicht. Der Aufwind unter dem großen roten Flügel über mir: Er hält mich.

Nicht im, aber am Himmel sein, nah dran, tatsächlich fühlt sich das himmlisch an.

Beim Gleitschirmfliegen sind es das Tuch und der Wind darin, die mich tragen. Wie himmlisch mag es erst sein, von Heil getragen zu werden und in eine Landschaft zu schauen, über der die Sonne der Gerechtigkeit aufgegangen ist? Ich gerate ins Träumen, klinke mich in biblische Bilder ein, lasse den Blick schweifen über das
Land, das Gott selber malt. Alles ist neu geworden, Grün überwuchert die Wüsten, wo Wind den Sand verwehte, blühen nun Farben.

Wolf und Lamm haben Frieden geschlossen, Kindern droht keine Gefahr, wenn sie spielen. Menschen, die sich feind waren, reichen einander die Hand. Sie schmieden ihre Schwerter zu Pflugscharen. Schmerz und Geschrei verstummen, der Tod wird begraben und steht nicht mehr auf.

Wie ein Aufwind ist dieses Träumen. Er trägt mich und lässt mich in Gottes Visionen schweben. Wenn ich dann wieder im Alltag lande, bleibt das Gefühl, gehalten zu sein und weiter zu sehen als vorher.

Tina Willms

Segnet die, die euch verfluchen

Monatsspruch Januar 2025: Jesus Christus spricht: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen! Lukas 6,27-28

Im Supermarkt streiten sich zwei Kinder. Geschwister, vermutlich. Ich denke zuerst noch: „Ach, niedlich.“ Doch es bleibt nicht bei den kleinen Neckereien der einen Schwester. Die andere lässt das nicht auf sich sitzen und zieht der ersten an den Haaren. Als Antwort bekommt sie einen Tritt gegen das Schienbein und kurz darauf weinen beide kläglich.

So weit, so normal. Auch viele Erwachsene streiten sich so. Ich kenne diesen Reflex auch von mir: Wenn jemand mich angreift, mich ärgert oder bloßstellt, will ich zurückschlagen. Mich wehren. Aktiv werden. Nicht selten entsteht daraus eine Spirale der Gewalt, bei der niemand mehr gewinnen kann.

Jesus schlägt deshalb vor, in so einer Situation anders zu reagieren. Gar nicht so, wie es dem ersten Impuls entspricht. Im Lukasevangelium steht es folgendermaßen:

„Jesus Christus spricht: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen!“

Lk 6,27-28

Viele Menschen finden diese Aufforderung skandalös oder dumm. Wer sich nicht wehrt, gilt als schwach. Dabei liegt eine unheimliche Stärke darin, nicht zurückzuschlagen. Nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern der Spirale der Gewalt zu entkommen. Ich stelle mir vor, wie die beiden Schwestern als Erwachsene in einen Streit geraten und die zweite einen Moment innehält. Wie sie in die Augen ihrer Schwester blickt. Und sie sich dann friedlich auseinandersetzen. So zu handeln, darin liegt viel Kraft und viel Glaube.

Anna Berting

Mache dich auf

Monatsspruch Dezember 2024: Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Jesaja 60,1

„Mache dich auf und werde licht.“ Der Kanon, der aus der Kommunität Gnadenthal in Hessen stammt und ein Bibelwort aus dem Buch Jesaja aufgreift, ist ein beliebtes Lied in der Adventszeit. Mehrstimmig gesungen erklingt er kraftvoll und lässt erahnen, dass mit dem Kommen Gottes in die Welt etwas Großes passiert. „Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt.“

Die Weihnachtszeit steckt voller Lichtsymbolik. Jede Woche brennt eine Kerze mehr am Adventskranz, bis schließlich an Heiligabend der Weihnachtsbaum hell erstrahlt. „Mache dich auf und werde licht; denn dein Licht kommt“. Dieser kurze, einprägsame Text enthält zwei Aussagen. Gottes Licht kommt in die Welt. Und: Wir selbst sind aufgefordert, in der Welt licht zu werden. Was beim Singen zunächst nicht auffällt: ‚licht werden‘ wird kleingeschrieben. Es geht um mehr, als einfach eine Kerze anzuzünden.

‚licht werden‘, das bedeutet: aktiv werden. Weihnachtspäckchen für Obdachlose packen, Spenden an die Tafel und „Brot für die Welt“, an Heiligabend die Türen des Gemeindehauses für Menschen öffnen, die alleine sind: Viele Christinnen, Christen und Kirchengemeinden tun in diesen Tagen genau das. Sie machen sich auf und werden licht für die Schwächsten in der Gesellschaft. Für diejenigen, die dieses Licht besonders brauchen. All dies tun sie in der Nachfolge Jesu. Denn es ist genau das, was auch Jesus gemacht hat: Er ist zu uns in die Welt gekommen und für uns licht geworden.

Detlef Schneider

Worauf warten wir noch

Monatsspruch November 2024: Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt. 2. Petrus 3,13

Was erwarten Sie für das Leben nach dem Tod? Gar nichts – oder Glückseligkeit? Gerechtigkeit wird dort herrschen, sagt der 2. Petrusbrief. Und er teilt damit die gleiche Hoffnung wie das gesamte Neue Testament: In Gottes neuer Welt wird es endlich gerecht zugehen! Dort wird Gottes guter Wille ganz und gar geschehen. Das sind die paradiesischen Verhältnisse, die uns erwarten. Doch in unserer alten Welt sind wir davon leider weit entfernt.

Durch den Klimawandel erleben wir eine globale Bedrohung der Schöpfung. Es gibt viel zu viele Menschen, denen es am Nötigsten fehlt. Und es gibt viel zu viele korrupte Politiker, die den Armen ihre Rechte vorenthalten. Wann hören diese Ungerechtigkeiten endlich auf?

Und wie sieht es bei uns im persönlichen Bereich aus? Jesus Christus, Gottes Sohn, lehrte die Seinen, so zu Gott zu beten: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ (Matthäus 6,10) Jesus stellte seinen Nachfolgerinnen und Jüngern Gottes neue Welt klar vor Augen. Schon in der alten Welt sollen sich die göttlichen Verhältnisse ausbreiten. Deshalb: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit.“ (Matthäus 6,33) Das Ziel, das uns einst erwartet, ist klar, und auch der Auftrag, den wir hier in aller Vorläufigkeit erfüllen sollen. Es wäre ja auch widersinnig, an Gottes Willen vorbei seine eigenen kleinen Reiche aufbauen zu wollen. Worauf warten wir noch?

Reinhard Ellsel

Wendepunkt

Monatsspruch Oktober 2024: Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. KLGL 3,22-23 (L)

Eine lange, fast endlose Klage geht dem Monatsspruch voraus. Einer zählt auf, was er erleben muss: Er sitzt in der Finsternis, die Haut wird faltig und er selber bitter. Wie von Steinen vermauert scheinen alle Wege aus der Not. Da klagt er Gott an: Du hast mir das angetan, hast mir aufgelauert, mich zum Gespött gemacht und aus dem Frieden vertrieben. Dann ein kleines Gebet: Denk an mich! Sieh mich an!
Und plötzlich der Monatsspruch, wie ein Wendepunkt: „Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, …“ Als habe sich das Gefühl, von Gott verlassen und vergessen zu sein, in Vertrauen gewandelt.

Was hat diese Wende ausgelöst? Man könnte denken, es sei das kleine Gebet gewesen. Vielleicht war es so. Im Moment, in dem ich aus der Anklage eine Anrede mache, spüre ich schon: Er könnte ja doch noch da sein, der Gott, von dem ich mich beinahe abgewandt hatte. Er, dem ich mein Elend vorgeworfen habe, vielleicht hat er doch Gutes im Sinn?

Aber eigentlich glaube ich, dass etwas anderes eine ebenso wichtige Rolle gespielt hat.

Dass der Betende alles, wirklich alles, was ihm auf der Seele lag, aussprechen durfte. Niemand hat ihm den Mund verboten, als er Gott anklagte, ja, gar beschimpfte.
Auch Gott selbst hat sich nicht verteidigt, hat ihn nicht in die Schranken gewiesen: „Was fällt dir ein?“ Und dann, als alles, jede Frage und jede Klage, zum Himmel geschrien ist, da ist es, als ob eine Mauer zerbröselt, die Gott verstellt. Dahinter wird er ganz neu erkennbar: als Liebender, der Zukunft schenkt.

Tina Willms

Fern und doch nah

Monatsspruch September 2024: Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Jeremia 23,23

Wie kann jemand nah und fern sein? Und das womöglich zugleich? Ich denke an meinen Vater, der vor langer Zeit gestorben ist. Manchmal erinnere ich mich an ihn und dann ist es so, als sei er da. Mir wird warm bis in die Fingerspitzen. Wie aber ist es mit Gott, den ich weder sehen noch anfassen kann? Wie kommt er mir nah? So, dass ich mich an ihn erinnern kann und er spürbar bleibt, auch, wenn er fern ist? Manche Menschen erzählen von spektakulären Gotteserfahrungen. So etwas hat es in meinem Leben nicht gegeben. Aber mir wurde früh erzählt von Gott, er (ja, er!) wurde sozusagen vorausgesetzt. Mittags und abends beteten wir. Sonntags besuchte ich den Kindergottesdienst. So selbstverständlich wie die Eltern war auch Gott da. So habe ich Erinnerungen und ein Urvertrauen mitbekommen, dass das immer so ist, unabhängig davon, ob ich Gott als nah oder fern empfinde. Ob man ein solches Vertrauen auch später im Leben noch lernen kann? Indem man so lebt, als ob es Gott gibt und er (oder sie) in der Nähe sei? Ich schaffe mir Rituale, um ihm Raum zu geben. Ich lese biblische Worte, die Losungen etwa, und breite vor Gott aus, was mich bewegt. Ich nehme mir auch eine Weile, in der ich lausche. Wenn es still bleibt, gestehe ich Gott sein Schweigen zu. Ich bleibe da, auch wenn er fern zu sein scheint. Ja, ich kann leben, als sei er da. Vielleicht spüre ich ihn und mir wird warm bis in die Fingerspitzen. Vielleicht spüre ich nichts. Dann will ich einüben zu vertrauen: Selbst, wenn Gott fern ist, kann er doch da sein, mir nah.

Tina Willms