Predigt „Das große Abendmahl“ zu Wandbildern von Karl Hemmerlein

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 04.07.2021 (5. Sonntag nach Trinitatis) in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Das große Abendmahl, Wandbild von Karl Hemmerlein zum Lukasevangelium in der Stephanuskirche Nürnberg. Gemalt auf dem Bogen zur Altarnische.
Bilderzyklus in der Stephanuskirche – Alle Fotos: Dr. M. Dreher

Liebe Mitchristen hier in der Stephanuskirche,

Sie haben hier in Ihrer Kirche etwas Außergewöhnliches: Diesen Bilderzyklus, den Karl Hemmerlein etwa 1930 um den Bogen zur Altarnische malte. Er zeigt, wie die meisten von Ihnen sicherlich wissen, Einzelszenen aus Jesu Gleichnis vom Großen Abendmahl, das in der Bildenden Kunst ganz ganz selten nur darstellt ist.

Kurz ein paar Worte zum Maler: Karl Hemmerlein wurde 1896 in Fürth geboren und starb auch dort im Jahr 1970. Er war also noch ein junger Künstler Mitte 30, als er diese Bilder hier schuf, – aber schon auf der Höhe seines Ruhms: 1931 wurde diese Stephanuskirche geweiht und im selben Jahr malte Hemmerlein in der neugebauten Klinikums-Kapelle in Fürth eine riesige Himmelfahrtsszene und prompt verlieh ihm 1932 die Stadt Nürnberg den Albrecht-Dürer-Preis – und das einem Fürther! Das will was heißen. Aber ab 1934 erhielt er Ausstellungsverbot für den Rest der Nazizeit und seine Himmelfahrt in Fürth wurde wenige Jahre nach ihrer Erschaffung als „entartet“ übertüncht. Dabei hat Hemmerlein immer wieder Auftragswerke für Nazis gemalt, etwa ein repräsentatives Hitler-Porträt für den früheren Fürther Oberbürgermeister. Seltsam. Wieder so ein Mensch, der in unsere drei Schubladen „Nazi“, „Widerständler“, „unpolitischer Mitläufer“ nicht reinpasst. – Zurück zu den Bildern und zum Gleichnis. Wir haben hier die Fassung, wie der Evangelist Lukas in Kap. 14 das Gleichnis überliefert. Das möchte ich gleich betonen, weil uns Matthäus dasselbe Gleichnis erzählt, aber in einer Variante, zu der man ganz andere Bilder hätte malen müssen.

Wie sehen wir den Bilderzyklus heute?

Ich stelle mir vor, wie ein normaler Mensch von heute, der das Gleichnis gar nicht kennt, z.B. ein neuer Konfirmand, dieses Bild betrachten würde. Er sieht sieben Szenen, die jeweils ohne Boden und Hintergrund – typisch für Hemmerlein zu der Zeit – um den Bogen gruppiert sind. Jede steht für sich und doch sind alle sieben durch die Farben und v.a. durch die Körperhaltungen aufeinander bezogen. Der Bilderbogen zerfällt nicht und wird zusammengehalten durch die Tischszene in der Mitte oben. Darauf streben die beiden Seiten zu. Die zentrale Figur ist am leichtesten zu erkennen: Das muss Jesus sein, mit Heiligenschein. Wer sich nur ein bisschen auskennt in christlicher Kunst, den erinnert dieser Tisch mit dem gefalteten Tischtuch an unzählige Abendmahls-Bilder. Das „normale“, das „letzte“ Abendmahl kann aber nicht gemeint sein, denn wir sehen keine 12 Jünger, sondern links einen alten und einen jungen Mann; rechts eine alte und eine junge Frau. Auf dem Tisch stehen außer Brot auch zwei Schalen mit etwas wie Äpfeln drin.

Abendmahlszene aus "Das große Abendmahl" in der Stephanuskirche von Karl Hemmerlein

Also die Menschen, jung und alt, essen mit Jesus. Hm. Wo, wann und warum bleibt unklar. – In den je drei Szenen links und rechts erkennt man eine Figur überall wieder: Den Mann im blauen Gewand, der alle auf den Tisch mit Jesus hinweist. Die anderen Menschen streben dreimal von ihm weg, dreimal folgen sie ihm. Aber was sollen die Ochsen und das Kornfeld?

Predigttext

Jetzt wird es Zeit, das Gleichnis zu hören. Jesus ist am Sabbat zu Gast bei einem Ober-Pharisäer in Jerusalem und hat schon Gleichnisse und anderes gelehrt, da gibt ihm ein anderer Gast das Stichwort:

Da aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!

Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist schon bereit!

Da fingen sie alle an, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und ein andrer sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Wieder ein andrer sprach: Ich habe eine Frau geheiratet; darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn.

Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Verkrüppelten und Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Denn ich sage euch: Keiner der Männer, die eingeladen waren, wird mein Abendmahl schmecken.

Lukas 14,15-24

Das Gleichnis in der Stephanuskirche

Also: Ein offenbar reicher Mann veranstaltet ein großes Abendessen – und da muss man wissen, dass es damals in Palästina üblich war, zweimal einzuladen. Erst gibt’s eine Voreinladung, dann bereitet der Gastgeber alles zu und wenn’s soweit ist, geht nochmal ein Bote herum und sagt den Gästen: So, es ist soweit, ihr könnt kommen. Der Satz des Knechts: „Kommt herzu, denn es ist alles bereit“, ist in unsere Abendmahls-Liturgie eingegangen. Viele, heißt es, waren eingeladen, jetzt aber finden ALLE Ausreden, um nicht zu kommen. Die drei, von denen im Einzelnen erzählt wird, sind also nur Beispiele. Der erste muss seinen neu gekauften Acker begutachten. Der zweite hat für seine Felder neue Ochsen gekauft und muss schauen, ob sie was taugen. Der dritte hat frisch geheiratet und will von seiner Braut nicht weg. Die drei haben wir eher im unteren Bereich hier dargestellt.

Es sind also Geschäfte und Belange des normalen, weltlichen Lebens, die sie abhalten, die Einladung anzunehmen. Wir alle kennen so etwas auch: „Du, ich habe mir ein neues Auto gekauft und muss es in Wolfsburg abholen. An dem Freitag kann ich leider nicht zu deiner Grill-Party kommen. Sonst gerne, aber grad da, geht es nicht.“ – „Meine Lieben, danke für die Einladung zu Pauls Konfirmation. Aber gerade an dem Sonntag muss ich zur Kommunion meines Patenkindes. Ich hoffe, ihr versteht das.“ Klar, sowas kennen wir. Und es ist auch in der Regel gar nicht böse gemeint. Ja, sagen wir’s ruhig: Diese drei Menschen, die hier absagen, sind keine Bösen.

Trotzdem wird der Hausherr bei Jesus jetzt „zornig“. Einmal sicherlich, weil plötzlich alle absagen und er mit seinem vielen Essen allein dasteht. Zum anderen – und das ist noch viel wichtiger –, weil sich in den an sich nachvollziehbaren Ausreden eine Prioritätensetzung zeigt: „Ja, eigentlich, lieber Gastgeber, würden wir dir schon die Ehre geben, aber unsere eigenen Belange – und sind sie noch so alltäglich – sind uns trotzdem näher und wichtiger.“ Sie verstehen offensichtlich nicht, wie wichtig dem Gastgeber sein Fest, wie wichtig ihm seine Gäste sind und wie wichtig vielleicht er selbst für sie ist.

Ich erzähle Ihnen, wie ich das selbst erlebt habe:

Letztes Jahr wurde ich 50 und wollte ein Fest in einem schlossartigen Saal veranstalten. Also schickte ich ein Jahr zuvor ein „Save-the-date“ wie das Neudeutsch heißt an die Gäste raus. Auch an meinen Onkel und Paten, zu dem ich regelmäßig Kontakt hatte und der mir nahe und wichtig ist. Die meisten sagten da schon zu; er auch. Als das Fest dann näherrückte, sagte er wieder ab, weil er an diesem Wochenende – entweder an seinem Buch weiterschreiben oder mal wieder mit seiner Frau in Urlaub fahren wolle. Pa! Ich konnte mir aussuchen, was von beidem ihm wichtiger wäre als meine Einladung. Da war ich vielleicht sauer – und bin es ehrlich gesagt bis heute. Aber „sauer“ trifft es noch gar nicht. Ich bin natürlich tief enttäuscht, weil ich merke, dass mein Onkel gar nicht der ist, als den ich ihn sehe und dass ihm unsere Beziehung lang nicht soviel wert ist, wie ich dachte. Das schmerzt. Und daher kommt der Zorn. 

Aber jetzt macht der Hausherr, der bei Jesus natürlich für Gott steht, etwas anderes, als ich es getan hätte. Er schickt den Knecht, seinen Einlader noch zweimal los, um seine Fest-Tafel doch noch irgendwie zu füllen. Die erste Runde geht in die Stadt an die Armen, die Krüppel, die Blinden und Lahmen. Die zweite Runde geht nach außerhalb der Stadt an die Wege und Zäune, also an die Landstreicher und Tagelöhner.

Man kann zusammenfassen: Der Hausherr holt sich gesundheitlich oder sozial unreines, ausgestoßenes Gesindel ins Haus. Leute, mit denen angesehene, etablierte Herrschaften der Gesellschaft nichts zu tun haben wollen. Das macht es den Hörern des Gleichnisses – also auch uns – schwer, sich in diese Botschaft einzuklinken. Denn mit welcher Gruppe wollen wir uns identifizieren? Sind wir die Ersteingeladenen, die absagen und nichts von Gott abbekommen? Oder sind wir verachtete Außenseiter? Beides will man nicht sein. Wenn wir überhaupt bereit sind, hier eine Botschaft für uns zu hören – und das sollen wir natürlich – dann geht das nicht ohne Kränkung unseres Egos ab.

Die Gemeinde, für die der Evangelist Lukas schreibt, dürfte das so verstanden haben, dass mit der ersten Runde innerhalb der Stadt die Mission unter Juden, v.a. in Jerusalem gemeint war – so wie sie Lukas in der ersten Hälfte der Apostelgeschichte beschreibt. Die zweite Runde sollte ein Bild für die sog. Heidenmission sein – also unter Nicht-Juden im nordöstlichen Mittelmeer-Gebiet, so wie sie Lukas in der zweiten Hälfte der Apostelgeschichte darstellt. Zu dieser letzten Heiden-Gruppe von den Wegen und Zäunen zählte die Lukas-Gemeinde sich wohl auch selbst und war dankbar, „auf den letzten Drücker“ noch mit rein-genötigt worden zu sein.

Zurück zum Gleichnis

Schauen wir uns nochmal die Hilfsbedürftigen der ersten Ersatzsammlung an: Jesus selbst beschreibt sein Auftreten gegenüber den Jüngern Johannes des Täufers einmal so:

„Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt“

Matthäus 11,5f

Anderswo sagt er zu seinen eigenen Jüngern:

„Geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel“

Matthäus 10,6

Das war die Sendung, mit der Jesus angetreten ist: Natürlich hat er sich auch werbend an die Schriftgelehrten und Pharisäer gewandt. Die sind wohl  im Gleichnis sogar ursprünglich mit den zuerst Eingeladenen, ehrwürdigen Gästen gemeint gewesen. Aber je deutlicher die sich verschließen, desto mehr wirbt Jesus um die Außenseiter, die der barmherzige Gott eben keinesfalls weniger haben will als die Angesehenen. Und wenn sich zeigt, dass den Angesehenen ihr Ansehen wichtiger ist als Gott, dann begnügt sich Gott eben mit den Nicht-Angesehenen. Denn das Ansehen unter Menschen interessiert ihn ohnehin nicht.  Diese Reihe der Hilfsbedürftigen klang und klingt in jüdischen Ohren sehr vertraut, weil alle diese schon beim Propheten Jesaja genannt werden als die, deren sich Gott in der endgültigen Heilszeit erbarmt.i Wenn in unserem Gleichnis der Hausherr also Arme und Krüppel, Blinde und Lahme zum Festmahl einlädt, dann ist nicht gemeint: Die kriegen halt auch mal einen schönen Abend in ihrem verzweifelten Leben – so als Tropfen auf den heißen Stein, sondern: Sie werden durch dieses Fest heil gemacht. Sie bleiben in der heilvollen Beziehung mit ihrem unverhofften Gastgeber.

i „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden; dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und jubeln wird die Zunge des Stummen." (Jes 35,5.6) „Und an jenem Tag werden die Tauben die Worte des Buches hören, und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen. Und die Sanftmütigen werden ihre Freude in dem HERRN mehren, und die Armen unter den Menschen werden frohlocken in dem Heiligen Israels" (Jes 29,18.19).

Was hat das mit uns zu tun?

So! So schön und interessant das alles sein mag, – es bleibt die Frage. Was hat das mit uns zu tun? Karl Hemmerlein hat die Frage mit seinen Bildern beantwortet – in ganz spezieller Hinsicht. Er malt ja das Gleichnis um den Bogen zum Altar herum. Und er malt Jesus als Gastgeber des großen Festes in Abendmahls-ähnlicher Art. Soll heißen: Jesus lädt uns, Dich und Dich und Dich immer wieder zum Abendmahl ein und er guckt eifersüchtig, wer dem zustimmt und wer absagt. Wer das Abendmahl verschmäht, wer weltliche Belange vorzieht, hat nicht kapiert, was das Abendmahl wert ist, hat nicht kapiert, dass hier die festliche Gelegenheit ist, unserem Retter und Heiland persönlich zu begegnen. Und wer das eben nicht kapiert, bleibt für immer ausgeschlossen von seinen Heilsgaben, als da wären: Vergebung und ewiges Leben. Und wer sich spontan einladen lässt – und fühlt er oder sie sich noch so unwürdig und fernstehend, – der darf Jesu Gemeinschaft im Hl. Sakrament genießen.

So deutet hier der Maler, wobei er zwischen den Spontan-Gästen aus der der Stadt und von außerhalb kaum unterscheidet. Links sieht man eine Krücke, sonst verschwimmen die zwei Gruppen. – So passt es natürlich auch stimmig als Ausmalung einer Kirche, – aber: Es ist schon eine Verengung des Gleichnisses.

Denn Jesus meint mit dem Hausherrn nicht sich selbst, sondern Gott, seinen Vater und unseren Vater, – und mit dem großen Abendmahl meint er nicht unser Sakrament, sondern überhaupt das heilvolle Zusammensein und Feiern im Reich Gottes. 

Gott lädt uns ein!

Damals wie heute herrscht ja, liebe Mitchristen, ein Gottesbild vor, wonach Gott, wenn er groß ist, auch großzügig sein muss. Drum wird er sich schon noch etwas gedulden, bis wir sein Werben, sein Rufen, seine Einladung annehmen. Sterben sollten wir vielleicht im Frieden mit ihm; aber vorher können wir ihn doch hinhalten und erstmal noch die Dinge verfolgen, die uns wichtig sind. Gottes Reich kommt! Ja, – schön und gut, aber doch nicht heute und nicht morgen bitte.

Mit diesem lahmen Bild von Gott und seinem St.-Nimmerleins-Himmelreich räumt Jesus hier auf: Gott lädt uns ein – und zwar dringlich, weil er alles schon vorbereitet hat, weil alles fertig auf uns wartet, was er uns geben will. Und das ist eigentlich nicht dieses oder jenes, sondern es ist das festliche Zusammensein, die unbeschwerte Beziehung, die erleichterte Festfreude in seiner Gegenwart. Dazu lädt er uns ein – und zwar unaufschiebbar JETZT. Der eifersüchtige Hausherr im Gleichnis soll uns aufrütteln: Es gibt ein Zu-spät. Es gilt: Jetzt oder nie! Du kannst Gott nicht zusätzlich haben, quasi „Gott on top“ – zusätzlich zu allem, womit du dein Leben selbst bereicherst. Sondern Gott verlangt, dass du deine Prioritäten umschichtest und ihn vorziehst! Und bitte: Die Dringlichkeit dieser Entscheidung für Gott wird nicht mit Unheil und Strafe verdeutlicht, sondern mit dem unaufschiebbaren Fest. Das die Ersteingeladenen dann am Schluss für immer ausgeschlossen werden, ist keine angedrohte Strafe, sondern einfach die Konsequenz ihres eigenen Tuns. Aber auch diese Konsequenz gilt.

Die sozialpädagogische Integration aller, egal wie sie sich zu Gott stellen oder gestellt haben; – das unterschiedslose Gießkannen-Heil für alle; die Scheu, irgendjemanden auszuschließen, – all diese Rettungsanker einer postmodernen Rückzugs-Religiosität sind Jesus fremd! Es bleibt ein Drinnen und Draußen, ein Dabeisein und der Ausschluss; es bleiben Heil und Unheil.

Wir können uns auch nicht beruhigen, dass wir schon die sein werden, die einst wie von den Wegen und Zäunen noch genötigt werden, hinzuzukommen. Denn anders als diese und gleich wie die Schriftgelehrten und Pharisäer- damals – wissen wir ja längst von Gott, von seinem Willen, von seiner Offenbarung, die uns ruft. Also sind wir gerufen: Entscheide dich, die Einladung anzunehmen; schließ‘ dich nicht selber aus! Was dir blüht, wird ein Fest sein, gewährt in Liebe und Gnade. Was dir blüht wird Freude und Genuss, Leichtigkeit und Glück sein, was alles du nicht verdient hast, was aber Gott gehört und er mit dir teilen will. Komm herzu, denn es ist alles bereit. Der Herr sehnt sich mit Leidenschaft, dich zu deinem Platz an der Tafel zu führen. 

Amen.  

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer

Kirchweih-Predigt zum Johannis-Fest

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 27.06.2021 (4. Sonntag nach Trinitatis) in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Grashüpfer, hier noch in Freiheit – bald auch frittiert am Gemeindefest?

Predigttext

Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Denn dieser ist’s, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat:

»Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!«
(Jes 40,3)

Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig. Da ging zu ihm hinaus Jerusalem und ganz Judäa und das ganze Land am Jordan und ließen sich taufen von ihm im Jordan und bekannten ihre Sünden.

Matthäus 3,1-6

Liebe Kirchweih-Gemeinde, liebe Mitchristen,

ich habe Ihnen was zu essen mitgebracht, den Johannis-Snack (zur Kirchweih). – Die Heuschrecken hier drin krabbeln zwar noch ganz schön, aber wenn wir’s richtig anstellen, nicht mehr lange. Ja! Johannes der Täufer mochte Heuschrecken. Zum Fressen hatte er sie gern, berichten die Evangelien. Warum mochte er ausgerechnet diese Tierchen so? Gut, sie waren damals wie heute weit verbreitet, sie sind billig und sie haben viele Nährstoffe. Aber so ein tief denkender Mann wie Johannes, der hat doch noch andere Gründe! 

Ich erinnere mich, wie gern ich als Kind auf einer Sommerwiese Grashüpfer, also unsere kleine Ausgabe davon, gejagt habe. Vielleicht haben Sie sowas auch gemacht. In der hohlen Hand wollte ich sie fangen und sprang ihnen nach, zick zack über die Wiese. Und dann hatte ich endlich einen. Vorsichtig öffnete ich die Hände – und schwupp sprang er mir wieder davon. WENN – , diese zwei übergroßen Sprungbeine noch intakt waren. Die sind nämlich empfindlich. Manchmal habe ich sie beim Fangen ungewollt verletzt und dann zog der so ein Bein schlaff nach – oder es war gar ganz abgefallen. Das tat mir zwar leid, aber interessant fand ich’s doch, wie sich der Kerl jetzt bewegt: Das gesunde Bein hupft schon noch, aber viel weniger weit und schräg zur Seite. So einen Kandidaten hatte ich dann schnell wieder.

Die Sache Gottes

Warum also mochte Johannes der Täufer diesen Wüsten-Snack Heuschrecke so gern? Ich behaupte: Weil man da sieht: Nur mit zwei gleichstarken Sprungbeinen kommt die Sache Gottes richtig voran. Nur mit zwei gleichstarken Sprungbeinen sind wir seine getauften Jünger. Das eine Bein heißt Glaube, das andere heißt Tat. Wenn die nicht beide funktionieren, hinkt das ganze Christentum. „Tut Buße!“, sagt er, oder „kehrt um!“, wie man auch übersetzen könnte. Damit ist der Glaube gemeint. „Bereitet dem Herrn den Weg!“ Das ist die Tat. Das Tun von Gottes Willen. – Wenn immer nur geschafft und gewerkelt wird, werkelt man bald ziellos vor sich hin. Die Richtung geht verloren – oder man sucht sich eine menschliche statt der göttlichen Richtung. –  Und wer nur immer still im Kämmerlein betet, der kann zwar sagen „Dein Wille geschehe“. Aber umgesetzt wird Gottes Wille so nicht. Es braucht eben beides. 

Nun frage ich: Wie steht es da mit unserer Kirche?

Springen da Glaube und Tun im Gleichtakt? Mein Eindruck ist ein anderer. Nämlich einmal der, dass in Glaubensfragen fast alles vertreten und verteidigt werden kann. Es muss nur noch ganz oberflächlich nach Gott oder Spiritualität klingen. Vor allem muss sich gut anfühlen, was noch als Glaube auf dem Meinungsmarkt angeboten wird. Da ist von Liebe, Harmonie, Geborgenheit oder sogar Entspannung die Rede – als ginge es um einen psychosomatischen Wellness-Workshop. Dass der Begründer unseres Glaubens ans Kreuz musste für seinen Glauben, wird ungern zugestanden. Wenn, dann war es eine Solidaritätsaktion mit den anderen Verfolgten dieser Welt. Dass es bei der Taufe des Johannes – wie beim Kreuz Jesu – wie bei der christlichen Taufe heute – um Sündenvergebung geht, wird nur noch ungern zugestanden. Das verschreckt nur die Leute, heißt es. Diese fortschreitende Lähmung verdichtet sich z.B. in den sogenannt „Notwendigen Abschieden“, die ein Theologe am Starnberger See den christlichen Glaubensinhalten gibt, wenn er etwa Erbsünde, die Abendmahlslehre oder den Opfertod am Kreuz ebenso im See absaufen lassen will wie einst den König Ludwig.  Dagegen wird das andere Bein, das Bein der Tat, mit muskelstärkenden Anabolika geradezu aufgepumpt. Während das schwächliche Glaubensbein richtungslos nachschlurft, weiß das Tat-Bein der Kirche ganz genau, wo es hinhupfen will. Ja, es ist so stark, dass ständig davon die Rede ist, das Mittelmeer „liege vor unserer Haustür“. Andere fliegen nach Sizilien oder fahren drei Tage Bus. Aber die Kirchen-Heuschrecke macht nur einen Hupferer und fährt mit eigenem Schiff zur See, um ihr Christsein zu beweisen. Aber hier höre ich auf, sonst muss ich nochmal sechs Monate weg …
Wir können ganz andere Themen nehmen: Klimaschutz, Genderfrage, Bildungs-„Gerechtigkeit“ – in all solchen Fragen tut sich die evangelische Kirche mit großer öffentlicher Eindeutigkeit hervor und weist eine bestimmte gesellschaftspolitische Position als „die christliche“ aus. Und dahinein werden dann Geld, Personal und eben Tat und Tatkraft hineingesteckt. – 
Wie benannte noch Johannes der Täufer das Sprungbein der Tat? „Bereitet dem Herrn den Weg!“, sagte er. Aber vom „Herrn“ ist bei vielen dieser Aktionen nurmehr wenig bis gar nicht die Rede. Allenfalls spricht man noch von „Gott“, weil da ein paar mehr Menschen beistimmen können. Aber wo geht es bitteschön darum, etwas zu tun, damit der Herr Jesus Christus unter uns Platz greifen kann? Unsere Landeskirche setzt derzeit 150 Mio. Euro daran, den Betonblock Bayreuther Str. 1 umzubauen und baut gleichzeitig per Landesstellenplan überall Pfarrstellen ab. Mit beidem ist vorweisbar etwas getan. Ja. Aber ob es dem Herrn den Weg bereitet, würde ich schwer anzweifeln. Kurz: Meine Diagnose ist. Das eine Bein lahmt, das andere kann vor Kraft kaum Laufen. Und wenn das Tier jetzt einen Hupfer macht, geht das nicht in die gewollte Richtung, sondern eben schräg zur Seite raus.

Glaube und Tat koordinieren

Jetzt könnte man sagen: Dann machen wir jetzt eben eine Glaubens-Initiative; sowas wie Glaubenskurse, volksmissionarische Projekte, Erwachsenenbildung etc. Aber erstens widerstrebte das schon wieder dem Mainstream, wonach bitte jeder bei seinem Eigenen bleiben und niemand einen anderen von seinem Eigenen überzeugen soll. Überzeugung gilt heute als kolonialistisch! Verrückt, ist aber so. Zum anderen würde ein irgendwie notdürftig aufgepumptes Glaubens-Bein ja noch lange nicht im Gleichtakt mit dem Tat-Bein springen. Das ist aber gerade der – im wahrsten Sinne – „springende“ Punkt an der Heuschrecke: Kopf und Leib setzen die beiden Beine parallel abgestimmt zusammen ein. Die beiden Sprungbeine sind koordiniert: Das Tat-Bein hupft für den Glauben und der Glaube glaubt für die Tat. 

Das will der Täufer „internalisieren“ und „multiplizieren“ – und dafür futtert er Heuschrecken. In der wissenschaftlichen Literatur ist diese These noch nicht allzu verbreitet. Aber – würd‘ ich sagen: Wir arbeiten daran .

Wie?

Naja wie es der Täufer meint: Du selbst, Du als einzelner Mensch musst beginnen. Natürlich kann man die Kirche kritisieren. Kardinal Marx hat sogar gesagt, seine katholische sei „am Nullpunkt angekommen“. Schlimm. Aber bessern wird sich mit Strukturanalysen nur dann etwas, wenn der und die Einzelne anfängt. Also: Was will Gott von mir? – Tu ich das? – Was steht in den 10 Geboten? Tu ich das? – Wofür ist Jesus eingetreten? Tu ich das? – Ist Gott nur mein Strohhalm in der Not oder handle ich auch in Lust und Freude, wie es Gott gefällt? – Handle ich, um weniger glauben zu müssen? Oder glaube ich, um weniger handeln zu müssen? – Und wenn ich – einen Scherbenhaufen angerichtet habe: Worauf verlasse ich mich dann? Nur auf meine Kraft, um alles wieder gerade zu biegen? Oder lasse ich mir beide Sprungbeine abbrechen und resigniere? Oder: weiß ich eben, dass ich getauft bin zur Vergebung meiner Sünden? Erinnere ich mich rechtzeitig, dass ich ja das Glaubensbein habe und voll Vertrauen an‘s Kreuz Jesu hüpfen könnte? Zugegeben ein groteskes, schon lustiges Bild. Aber das wäre wahrhaft christlich: Mit beiden Beinen ans Kreuz hüpfen! Und immer nur von dort aus – mitten hinein in die Welt.

Also das ist die Lehre Johannes des Täufers an uns: Kehren wir um zum Prinzip Heuschrecke! So gierig wie eine Heuschrecke frisst, so gierig sollten wir das Prinzip Heuschrecke fressen, also Glauben plus Tun im Doppelsprung. Und was hilft da besser, als selbst Heuschrecken zu essen. Rezept! – ich hab’s ausprobiert: Öl erhitzen, Heuschrecke sanft hineingleiten oder –hupfen lassen. Sie hupft dann noch einmal, dann ist Ruhe. Schön knusprig braun braten. Dann herausnehmen und mit einer gesalzenen Curry-Mischung bestreuen. Nochmal kurz durchs Öl ziehen und in gerösteten Sesamkörnern wälzen. Die Beine natürlich mitessen. – Die knuschpern so schön.

Amen.

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer

Predigt zum 2. So. n. Trinitatis

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 13.06.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!
Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist verleiht – vor allem aber danach, als Prophet zu reden. Wer in fremden Sprachen redet, spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott. Denn niemand versteht ihn.Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt, bleibt vielmehr ein Geheimnis. Wer dagegen als Prophet redet, spricht zu den Menschen. Er baut die Gemeinde auf, ermutigt sie und tröstet sie.
Wer in fremden Sprachen redet, baut damit nur sich selbst auf. Wer aber als Prophet redet, baut die Gemeinde auf.
Ich wünschte mir, dass ihr alle in fremden Sprachen reden könntet.
Noch lieber wäre es mir allerdings, wenn ihr als Propheten reden könntet. Denn wer als Prophet redet, ist bedeutender als derjenige, der in fremden Sprachen redet.
Es sein denn, er legt seine Rede auch aus. Das hilft dann mit, die Gemeinde aufzubauen.
Brüder und Schwestern, jetzt stellt euch doch nur einmal vor:
Ich komme zu euch und rede in fremden Sprachen.
Was habt ihr davon, wenn ich euch nichts Verständliches vermittle – zum Beispiel eine Offenbarung oder eine Erkenntnis oder eine prophetische Botschaft oder eine Lehre.
So ist es ja auch bei den hölzernen Musikinstrumenten, zum Beispiel bei einer Flöte oder Leier: Wenn sich die einzelnen Töne nicht unterscheiden, wie soll man dann erkennen, was auf der Flöte oder auf der Leier gespielt wird?
Oder wenn von der Trompete nur ein gepresster Ton kommt – Wer rüstet sich dann zum Kampf?
Genauso wirkt es, wenn ihr in fremden Sprachen redet. Wenn ihr keine verständlichen Worte gebraucht, wie soll man das Gesagte verstehen können? Ihr werdet in den Wind reden!
Wer weiß, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt, ja, nichts geschieht ohne Sprache. Wenn ich eine Sprache nicht spreche, werde ich für den, der sie spricht ein Fremder sein. Und wer sie spricht, wird umgekehrt für mich ein Fremder sein.
Bei euch ist es genauso. Ihr strebt doch nach den Gaben des Heiligen Geistes.
Strebt danach, an solchen Gaben reich zu werden, um die die Gemeinde aufzubauen!

1. Kor. 14,1-12

Liebe Gemeinde,

eigentlich wollten wir heute unser Gemeindefest feiern. Mit Begeisterung, Musik und gutem Essen. Doch noch dürfen wir hier nicht feiern.
Die Pandemie hat uns fast vergessen lassen, wie man sich fühlt, wenn man ausgelassen feiern kann und ganz unbeschwert einen Sommertag genießen kann.
Aber die Profifußballer geben uns seit Freitagabend einen Vorgeschmack davon.
Vielleicht haben Sie auch das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft in Rom gesehen – Italien gegen die Türkei!?
18.000 Zuschauer haben im Stadion mitgefiebert, getobt, gebrüllt, gestöhnt oder Sprechchöre angestimmt.
Da gab es Gesten und Laute, die nur von eingefleischten Fans verstanden werden.
Ich gestehe, dass ich nicht immer alles deuten und verstehen kann, was bei einem Fußballspiel so abläuft.
Wenn ich jetzt zur Sommerzeit das Fenster meines Amtszimmers geöffnet habe, höre ich nachmittags neben den lauten Glockenschlägen auch immer wieder die Kinder unseres Kindergartens toben. Sie scheinen ihr Glück herauszuschreien, genauso wie ihre Wut oder ihre Enttäuschung. Manchmal scheinen sie von einer Woge der Begeisterung erfasst zu werden, dass sie vor lauter Aufregung nur noch Stammeln und Stottern. Wirklich verstehen kann ich da kaum was.

Anhand der zwei Beispiele sehen wir, dass es eine Art der Kommunikation gibt, die auch ohne verständliche Worte erfolgen kann.

Szenen der Aufregung gab es auch in der Gemeinde von Korinth. Allerdings nicht im Sportstadion oder im Kindergarten, sondern auf den Plätzen und in den Wohnungen, in denen sich die Mitglieder der von Paulus gegründeten Gemeinde getroffen haben.
Obwohl das Ganze vor 2000 Jahren passierte, können wir mitreden, da es auch heute in unseren Gemeinden ähnliche Aufregungen gibt.
Damals stritt man sich über die richtige Praxis beim Abendmahl oder den Ablauf des Gottesdienstes. Dazu kam damals der Brauch, dass einzelne Gemeindeglieder in Ekstase gerieten, anfingen zu tanzen und dabei in unverständlichen Worten redeten.
Das deuteten manche aus der Gemeinde als Wirken des Heiligen Geistes.  Zungenrede – so nannte man das.

Paulus respektiert dies zunächst, denn schon in den alten Schriften kamen solche Begeisterungsszenen vor.
Aber er warnt davor, nur die Zungenrede als Zeichen des Heiligen Geistes zu sehen. Denn was ist mit all denen, die diese Sprache, diese Zeichen nicht verstehen?
Werden da nicht viele verschreckt und wenden sich gar mit Kopfschütteln ab?

Ein Kapitel vorher versucht Paulus in seinem Brief den Korinthern klarzumachen, worauf es beim christlichen Glauben und im Leben in der christlichen Gemeinschaft ankommt.
Da hat er wunderbare Worte gewählt, die sich bis heute viele Brautpaare für ihre Trauung wünschen:
„Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen … sie rechnet das Böse nicht zu … sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“

Uns sind diese Worte vertraut, wir meinen sie auch zu verstehen.

Aber stellen Sie sich vor, Paulus wäre heute unser Gast.
Die Ruhe und Getragenheit unseres Gottesdienstes würde ihm zwar gefallen, denn alle unsere Worte werden verständlich, nicht in Zungenrede gesprochen, doch, wenn er so in die Runde schauen würde, würde ihm doch auch auffallen, dass trotz verständlicher Sprache relativ wenige Gemeindeglieder im Gottesdienst sind.

Mag es daran liegen, dass viele die Sprache unserer Gottesdienste nicht mehr verstehen?

Paulus würde uns daraufhin folgende drei Ratschläge geben:

1. Eure prophetische Rede soll aufbauen!

D.h., wenn wir jemanden sehen, der belastet oder bedrückt oder einsam ist, dann soll unser Umgang herzlich sein!
Das miteinander Reden und auch das miteinander Schweigen ist ein sichtbares und auch ein machbares Stück Liebe.
Die liebevolle und geduldige Haltung dem andern gegenüber, auch wenn er gerade nervt oder wieder mal nichts kapiert, das sind Kennzeichen eines Christen.

2. Eure prophetische Rede soll ermahnen!

Na ja, wer mag das schon, ermahnt zu werden? Die Jungen wollen sich von den Älteren nichts sagen lassen, sie möchten ihre eigenen Erfahrungen machen, und die Älteren bekommen einen dicken Hals, wenn ihnen Jüngere besserwisserisch etwas unter die Nase reiben.
Aber, es gibt auch Menschen, denen es gelingt, anderen etwas beizubringen, ohne dass gleich schlechte Stimmung herrscht.
Kennen Sie solche Menschen? Ich hoffe doch!
Ist es doch deren liebevolle und selbstlose Art, ihr Wissen und ihre Erfahrung mit anderen zu teilen.

3. Eure prophetische Rede soll trösten!

Paulus weist darauf hin, dass es ganz wichtig ist, im Namen Gottes, auf Trauernde zuzugehen, Verletzten zu helfen, Verzweifelten eine Stütze zu sein.
Schließlich kommt es bei all dem prophetischen Reden darauf an, den richtigen Ton zu finden. Nicht jeder kann einem Blasinstrument die passenden Töne entlocken und nicht jeder in der Gemeinde hat die Fähigkeit prophetisch zu reden.
Paulus will uns einladen, im Streben nach Liebe die richtige Sprache zu suchen.
In einem Gebet heißt es: Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton, Worte, die klären und nur nicht zerstören, gib mir genug davon!

Liebe Gemeinde, ich bin mir sicher, dass wir auch bei uns prophetische Worte finden können, dort wo sie aus dem Herzen kommen.

Dass wir nicht müde werden, danach zu streben, dazu möge uns Gott helfen.

AMEN.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Predigt über das Vaterunser

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 16.05.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zum Sonntag Rogate

Liebe Brüder und Schwestern, 

Rogate! heißt dieser Sonntag. Betet! – Aber wie? Mit dieser Frage sind schon die Jünger an Jesus herangetreten, den sie ja immer wieder beten sahen. Die Antwort, die er den Jüngern gibt, steht in der Mitte der Bergpredigt und ist heute unser Predigttext. Es ist das Vaterunser. Ich lese es im Zusammenhang und wähle für das Gebet selbst meine wörtliche Übersetzung:

Christius spricht: Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. […] Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. […] Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: 

Unser Vater in den Himmeln, 
geheiligt werde dein Name, 
es komme deine Königsherrschaft, 
es geschehe dein Wille – wie im Himmel auch auf der Erde!
Unser Brot für morgen gib uns heute!
Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldnern!
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel!

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Matthäus 6,5-15

In wenigen, einfachen Worten nimmt Jesus uns hinein in das Vertrauen zwischen ihm und dem Vater, seinem Vater und unserem Vater. So beten heißt als Geschwister beten. – – – Im Gegensatz zu schwülstigen Gebetsanreden, wie sie in Antike und Orient üblich waren, spricht Jesus unseren Gott einfach mit Vater an, aramäisch vielleicht nur mit „Abba“, Papa. – Nun leben wir in Zeiten einer völlig überhitzten Gender-Debatte und manche runzeln bei der Anrede „Vater“ für Gott die Stirn. Ich halte mich kurz dazu: Natürlich ist Vater nur eine Metapher. Gott ist WIE ein Vater. Das zeigt schon der einzige Zusatz: „im Himmel“. Wir haben einen Vater neben unserem leiblichen Vater. Einen unsichtbaren neben dem sichtbaren. Einen mächtigeren neben dem nur manchmal mächtigen und sterblichen Vater. Wir alle wissen, was ein guter Vater sein kann – und zwar auch, wenn wir’s nicht erlebt haben. „Vater“ steht für einen frommen Juden wie Jesus für die Verbindung von Liebe mit gerechter Strenge; für das Oberhaupt der eigenen Sozialgruppe, sprich Familie.

„Vater“ ist als der Erzeuger auch der Ursprung, – der, ohne den es mich nicht gäbe, weil er mich wollte. Ein „Vater“ ist für Jesus eine Autorität – und genauso der, der mir barmherzig unter die Arme greift. 

Geheiligt werde: Dein Name

Der Name ist in der Bibel immer mit der Macht des Trägers verbunden. Dann: Dein Reich komme; wörtlich: Kein abgegrenztes Gelände, sondern deine Königsherrschaft komme. Und: Dein Wille geschehe. Damit bitten wir, dass Gott sich bei uns durchsetzt – im Großen und Ganzen wie auch in unserem einzelnen Leben. So wie das Reich Gottes, seine Herrschaft, überall aufgeleuchtet hat, wo Jesus auftrat, – wo er geheilt und versöhnt hat, aber auch ermahnt hat, so bitten wir, dass es auch bei uns passiert. Dass bei uns weitergeht, was mit Jesus begonnen hat: das Reich Gottes ist mitten unter euch! Überall, wo das Reich Gottes hinkommt, ist es, wie wenn der Himmel die Erde berührt. Und wer darum bittet, der stellt sich mit seinem Denken, Wollen und Tun darauf auch ein. So wie ein Reisender am Bahnsteig, wenn es heißt: „Der Zug fährt ein!“. Dann raffe ich mein Gepäck, taste nach meiner Fahrkarte, drücke vielleicht noch die Zigarette ausdrückt. Der Zug komme! Dein Reich genauso! Ich stelle mich drauf ein.

Also verändert uns das Beten. Da können uns andere Mächte und Menschen noch so gewaltsam ihre Macht aufzwingen wollen, sie sind doch auch nur Geschöpfe unseres gemeinsamen Schöpfers. So hat das Beten fast einen rebellischen Zug. Oder zumindest: es verleiht mir einen festen Stand. Denn es zeigt mir, wo oben und unten ist. Betend bin ich so, wie ich bin: Mensch, Sünder, geliebtes Kind, zum Himmel ausgerichtet, aufrecht. Betend entthrone ich die, die sich zu Götzen aufspielen. Ich lasse mir mein Menschsein gefallen und lasse Gott Gott sein. 

Dein Wille geschehe

Nochmal: Dein Wille geschehe. Das ist hier weniger defensiv gemeint als das Gebet Jesu in Gethsemane: „Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Wir beten hier nicht um das demütige Annehmen unseres Schicksals, sondern wie beim Namen und beim Reich darum, dass Gott sich durchsetzt. Aber was will Gott denn? Gott will, dass allen Menschen geholfen werde, heißt es im 1. Tim. Gott will uns helfen durch die 10 Gebote und das Kreuz, durch Gesetz und Versöhnung. Er will den Tod der Sünde und das Leben der Liebe. Er will die ewige Ehe von Liebe und Gerechtigkeit. Und wie sie im Himmel gelebt wird, so soll sie auch hier auf der Erde Raum greifen. 

Halten wir kurz inne nach den ersten drei Bitten und achten darauf, was Jesus hier besonderes macht. Wenn wir – naiv sag ich mal – beten, dann bitten wir um Aktivität:

„Gott, mach bitte das und das!“ Oder wir bitten ihn, dass er uns zur Aktivität verhilft: „Gott, schenk mir Kraft, oder deinen Geist, dass ich das und das schaffe“ – oder ähnlich. – Jesus dagegen lässt uns um etwas Passives bitten, um ein Geschehen, um das sich der allmächtige Gott ohnehin kümmert. Gott wird seinen Namen, seine Herrschaft, seinen Willen ohnehin durchsetzen. Warum also darum bitten? Weil Gott und Jesus wollen, dass all dies nicht an uns vorbei oder ohne uns geschieht, sondern durch uns hindurch – mit uns zusammen. Gottes Name ist an sich schon heilig, aber er soll auch durch uns und bei uns geheiligt werden. Sein Reich kommt eh! Aber wir bitten, dass wir uns drauf einstellen, dass wir drin sind und nicht draußen! Und sein Wille soll auch durch und bei uns umgesetzt werden. Durch diese eigentümlichen Formulierungen macht uns Jesus zu Kooperationspartnern Gottes – sicher nicht auf Augenhöhe, aber so, dass wir uns nicht auf die Aufgabenteilung zurückziehen können: Ach, das macht schon Gott – und das kann ja dann noch ich machen. Wie beim Gottessohn Jesus selbst soll auch bei uns ununterscheidbar sein, was an unserem Tun Gottes- und was Menschen-Werk ist.

Bitte nach dem täglichen Brot

Keine Bitte erdet unseren christlichen Glauben so wie die Bitte nach dem täglichen Brot. Das berühmte Wort von Bert Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“ – Jesus hat es gewusst und beherzigt. Unser tägliches Brot steht für alles Lebenswichtige: Nahrung, Kleidung, Gesundheit natürlich auch, ein Dach über dem Kopf, die Arbeit, den Respekt der anderen, der mich leben lässt. 

Die deutsche Übersetzung verschleiert die Pointe der Bitte: Wörtlich heißt es nämlich: Unser Brot für morgen gib uns heute. Also: Nimm uns die Sorge, wie wir über den morgigen Tag kommen, damit uns unsere leiblichen Bedürfnisse nicht einschnüren. Aber Hamstern, Horten, Sich Bereichern; das ist nicht gemeint. Denn Gott weiß, wie leicht uns der irdische Vorrats-Luxus bindet und wie leicht wir dann seinen Namen, sein Reich, seinen Willen auf die Plätze zwei, drei, vier hintanschieben. Nur die Sorge um den nächsten Tag soll uns, wenn wir abends zu Bett gehen, genommen sein. Wir können ruhig schlafen, weil wir mit dem Nötigen für morgen versorgt sind. Und nur wer diesem Nötigsten nicht hinterherhecheln und betteln muss, behält auch seine Würde. Die hat Jesus mit seiner Bitte für uns im Blick. 

So führt uns diese Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ auch zur Dankbarkeit, dass Gott uns schon so lange und für die meisten von uns – nicht alle! – so verlässlich die Sorge um unser Auskommen abnimmt. Doch auch hier hat die Corona-Krise unsere Selbstverständlichkeiten ins Wanken gebracht. Wer kauft ein, wer bringt mich zum Arzt? Wie regle ich dringende Geschäfte, wenn persönlicher Kontakt und Rat gar nicht möglich sind? – – – Wieviele Unternehmer bitten heute: Unseren täglichen Umsatz gib uns heute! Denn daran ist oft gar nichts mehr selbstverständlich. – Auch dafür steht das „tägliche Brot“ und so gewinnt die Brot-Bitte zur Zeit wieder ungeahnte Brisanz. 

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Niemand von uns lebt, ohne dass er anderen weh tut. Ich bleibe dir etwas schuldig, weil ich gefangen bin in mir selbst. Ich verstricke mich in meinen Willen, verfolge meine Ziele und füge dir Schmerz zu. Ich verletze dich: manchmal ohne es zu wollen, manchmal nehme ich‘s bewusst in Kauf, um meine Interessen durchzusetzen. Und es ist zu einfach zu sagen, wir sind eben Menschen und es ist eben so: damit machen wir es uns zu leicht. Als könnten wir nicht anders. Wir können in der Tat nicht alles davon abstellen. Aber wir können mehr verbessern, als wir meist zuzugeben bereit sind.

Auch bei dieser Bitte ist die Übersetzung problematisch, weil sie verdeckt, dass Jesus hier ziemlich un-evangelisch denkt. Da Luther von Johannes und Paulus aus denkt, sind wir evangelisch gewöhnt, dass Gott immer in Vorleistung geht und wir mit dem, was er uns schenkt, dann wuchern können. Mit seiner Liebe, seinem Geist, seiner Gerechtigkeit geht das so. Am deutlichsten zeigt es sich vielleicht in der Säuglingstaufe. Gott adoptiert mich zu seinem Kind, bevor ich noch irgendetwas begreifen oder tun kann. – Jesus aber lässt uns hier wörtlich bitten: Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben. – Wir sind es also, die in Vorleistung gehen und wenn Gott sieht, dass diese Bedingung erfüllt ist, dann ist er willig, auch uns zu vergeben. Interessanterweise wird nur diese Bitte direkt nach dem Vaterunser von Jesus nochmals festgeklopft:

„Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“

Matthäus 6, 14f

Nun darf man diese Bedingung allerdings nicht herausschneiden aus dem ganzen Vaterunser mit der schlichtintimen Anrede: Unser Vater oder „Papa“. Das Gebet bittet ja nicht, dass Gott aufgrund meines Tuns eine Beziehung zu mir erst eröffne, sondern es setzt ja diese Beziehung, die Gott angeknüpft hat, schon voraus. Und also bitten wir in der Vergebungsbitte, dass wir im Beziehungsraum mit Gott – da, wo Versöhnung herrscht – bleiben. Wie bei den ersten drei Bitten zu Name, Herrschaft und Wille so wird auch hier deutlich: Was Gott will und tut – etwa vergeben – das tut er nicht ohne uns oder statt unser, sondern mit und durch uns. Und er schaut eifersüchtig, ob wir das auch umsetzen. Wenn nicht, zieht er sich selbst auch zurück und vergibt nicht. Wir können uns das gut an einer Mutter mit zwei Kindern vorstellen. Die jüngere Tochter Mira, sie ist 12, hat von ihrer älteren Schwester Jenny ordentlich eins ausgewischt gekriegt. Der älteren Jenny tut das aber inzwischen leid. Nun müsste Mira ihr das vergeben, wenn ihr Verhältnis wieder eingerenkt werden soll. Allerdings hat Mira wiederum ihrer Mutter gegenüber ordentlich was ausgefressen, was die Familie im Ganzen noch viel mehr belastet. Wenn Mira jetzt bitten würde: Mama, vergib mir meine Schuld. Ob ich auch der Laura vergebe, geht nur uns zwei was an und kann dir ja egal sein. – Wenn sie so bitten würde, merken wir: Da stimmt was nicht, charakterlich, bei Mira. Wenn sie hingegen kommt und sagt: Mama, bitte vergib mir. Übrigens hab ich der Laura auch schon vergeben. Es soll doch bei uns allen wieder Friede sein.“ Dann klingt das schon anders – und so eben will Jesus, dass wir Gott, unseren Vater, um Vergebung bitten.

Führe uns nicht in Versuchung

Auch in der sechsten und letzten Bitte geht es um die Überwindung von Egoismus, Zwist und Schuld. Die Bitte ist ins Gerede gekommen, seit Papst Franziskus im Jahr 2017 dafür plädierte, die Bitte umzuformulieren. „Führe uns nicht in Versuchung“ erwecke fälschlich den Eindruck, Gott wolle uns womöglich versuchen, was doch in Wahrheit allein Sache des Teufels sei. Deshalb solle es nun heißen: Und lass uns nicht in Versuchung geraten. Im Französischen und Italienischen wird inzwischen auch so gebetet. In Wahrheit ist an dieser Stelle die Übersetzung völlig eindeutig: Führe uns nicht in Versuchung! Der griechische Urtext kann nichts anderes heißen. Allerdings: Die Frage, ob wir Menschen selbst in Versuchung hineinstolpern, ob uns der Teufel da hinführt oder Gott – diese Alternativen spielen für Jesus hier keine Rolle. Sondern er spricht wie in den anderen Bitten von Gott so, dass er die gesamte Wirklichkeit in seinen Händen hält – und will, dass wir mit ihm kooperieren. Wir kommen in Versuchungen, wir begegnen dem Bösen: Jesus lässt uns hier bitten, dass uns das Böse nicht übermannt. Wer hier wie der Papst ein dunkles Gottesbild herausliest, missversteht Jesus an dieser Stelle. Allerdings ist Gott nicht der Oberpfleger auf einem sozialpädagogischen Ponyhof. Er nimmt sich zuweilen heraus, unseren Glauben, unsere Treue zu testen. Bei Abraham war das so, der zum Schein seinen versprochenen Sohn opfern sollte. Auch bei Hiob lässt Gott dem Teufel freien Lauf zur Versuchung. Und auch bei Jesus selbst war es so: Nach der Taufe, berichtet Matthäus, „wurde Jesus vom [Hl.] Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.“ (4,1) Wenn also etwas wie der Teufel mitgedacht ist, dann ist auch er abhängig von Gottes Führung. Jesus weiß also aus eigener Erfahrung genau, was er uns hier bitten lässt.

Es war für ihn schon schwer, der Versuchung zu widerstehen, als der Teufel „ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zeigte und sprach: Das alles will ich dir geben“. Wieviel schwerer ist es für uns. Z.B. die CoronaPandemie jetzt, die so viele krank macht und etliche tötet. Ein listiges Zeug ist das. Die Gefahr redet uns nämlich wieder ein, dass körperliche Gesundheit das Allerwichtigste ist – Gesundheit und Geld. // Bildung, die Seele und Gott können warten. Auch so geht Versuchung! Deshalb sollen wir den Vater bitten, dass er uns tunlichst nicht auf die Probe stellt. Einem kühl-kontrollierenden Chef gegenüber traut man sich das nicht, aber einem liebenden Vater schon: „Bitte, Papa, mach’s mir nicht zu schwer – und halte das Böse bitte gleich und vollständig weg von mir!“ Mit „dem Bösen“ ist auch hier nicht der Teufel gemeint, sondern alles, was für uns schlecht ist. Insofern war die alte Übersetzung mit „Übel“ eindeutiger. Ein Ponyhof ist aber auch hier nicht heraufbeschworen. Jesus weiß, dass es kein Leben gibt, das dem Bösen nicht begegnet. Gerade versucht uns Gott eben doch mit der Pandemie – und wehe denen, die sagen: Das sei der Teufel.

Aus Gottes Hand haben wir alle Prüfung zu nehmen – in der Hoffnung auf den, der uns prüft. Darum weist die Schlussbitte „Erlöse uns“ voraus in Gottes Ewigkeit, wenn wir endlich total von der Liebe und dem Vertrauen umschlossen sein werden, die wir jetzt im Gebet erahnen. 

Ich komme zum Schluss

Mit Jesu Gebet lassen wir uns hineinziehen in das Vertrauen zwischen Vater und Sohn. Wir werden zu Kindern Gottes, die vertrauensvoll mit ihrem Vater sprechen können, voller Zuversicht, dass unser Vater uns geben wird, was wir brauchen. Beten ist Einstimmen in die Liebe, die Gott längst schon für uns hat. Uns ausrichten auf das, was das Leben trägt – und auf das, was uns hinausträgt über dieses Leben in den Himmel, wo der König unser Vater ist. 

Amen. 

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer

Predigt Kantate, Einführungsgottesdienst

Einführungsgottesdienst von Pfarrerin Dr. Judith Böttcher am 02.05.2021 in der Thomaskirche in Großreuth

Symbolbild Kantate: Rotkehlchen singt auf einem Ast
Der Corona-Lockdown ließ Singvögel schöner zwitschern – haben Forscher herausgefunden. Im Gottesdienst dürfen wir nicht singen, die Vögel können wir aber den ganzen Tag hören und uns daran erfreuen.

Liebe Gemeinde,

„singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ – diese uralte Aufforderung aus dem Psalm 98 ist uns heute als Wochenspruch gesagt, und er wird auch den Anhängerinnen und Anhängern Jesu damals, vor langer Zeit, in Jerusalem bekannt gewesen sein. Als Jesus auf einem Esel den Ölberg hinunterritt, wurde er neugierig und freudig begrüßt, von denen, die von ihm gehört hatten. Nachdem sie den Weg mit Tüchern und Kleidern gegen den Staub ausgelegt hatten, sangen sie auch. Wir hören den Predigttext aus dem Lukasevangelium:

Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Lukas 19, 37-40

Wenn diese schweigen, dann werden die Steine schreien.

Hören wir es, das Schreien der Steine? Wir sind hier heute zum Gottesdienst versammelt, aber statt gemeinsam als Gemeinschaft und Gemeinde zu singen am Sonntag Kantate, – das heißt schließlich „singet!“ -, müssen Sie schweigen. Wenn Jesus heute hier in Thomas einziehen würde, müssten wir uns mit 2 m Abstand in eine Reihe stellen, FFP-2-Masken vor Mund und Nase, und dürften nur entweder leise summen oder, nicht zu laut, herzlich Willkommen sagen. Hand schütteln geht natürlich auch nicht.

„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“. Es gibt viele hier in der Gemeinde, die gerne Musik machen, die gerne singen, und da schließe ich mich selbst unbedingt mit ein. Der Sonntag Kantate gehört ja in vielen Gemeinden zu den Höhepunkten des kirchenmusikalischen Jahres. Viele kommen zusammen, um an einem Werk mitzuwirken. Und viele kommen, um zuzuhören. Musik geht unter die Haut. Immerhin haben wir ja heute das Glück, dass wir nicht nur die Orgel hören, sondern auch den Posaunenchor. Da spüren wir: Musik weckt Emotionen, rührt an, bringt Seiten in uns zum Schwingen, die sonst ohne Resonanz bleiben. Schon Kinder lassen sich von Musik ansprechen. Mein zweijähriger Sohn wünscht sich abends im Bett Lieder. „Der Mond scheint“- ein Lied, das ansonsten auch bekannt ist unter dem Titel „Der Mond ist aufgegangen“, mag er allabendlich am liebsten ein paar Mal hintereinander hören, mit allen vier Strophen, die ich auswendig kann.

„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ – wir alle wissen, warum wir dieser Aufforderung hier im Gottesdienst am Sonntag Kantate im Jahr 2021 nicht nachkommen, sondern lieber schweigen. Wir wollen andere Menschen schützen, sie vor der Gefahr einer Ansteckung bewahren, Solidarität zeigen, mit denen, die besonders gefährdet sind. Als Kirche müssen wir besonders vorsichtig sein. Wir dürfen unser durch das Grundrecht verbürgtes Privileg, zu öffentlicher Versammlung und Gottesdienst einladen zu dürfen, nicht leichtfertig verspielen.

Und trotzdem schmerzt es, wie so vieles schmerzt in dieser Zeit. Wir alle müssen mit den Belastungen dieser Zeit leben, die einen trifft es härter, die anderen weniger hart. Wie schon im vergangenen Jahr spüren wir den Kontrast zwischen der Natur, die gerade sprießt und grünt und blüht und in vollem Saft steht, und den Nachrichten von Krankheit, Leiden und Tod. Wenn wir uns nach Lösungen aus der Krise umblicken, türmen sich Probleme und es eröffnen sich nur mühsame, steinige Wege. Vielleicht spüren wir in uns den Schrei nach Freiheit, nach Rückkehr in den vertrauten Trott, als man selbstverständlich die Kinder zur KiTa und Schule schicken konnte, als man zur Arbeit gegangen ist, sich auf einen Kaffeeplausch mit den Kollegen in der Pause gefreut hat. Nicht wenige werden Sehnsucht verspüren nach den Zeiten, als es völlig normal war, sich mit Freunden zum Essen zu treffen, ins Museum oder Fitnessstudio zu gehen. Oder natürlich auch, sich abends zur Chorprobe zu treffen.

Angesichts dessen ist uns nicht unbedingt nach Lachen oder fröhlichem Singen zu Mute. Gerade auch dann nicht, wenn wir uns bewusst machen, dass wir immer noch auf einem höchst privilegiertem Niveau leben. Blicken wir nach Brasilien, merken wir, dass die Krise nicht alle gleich trifft. Da gibt es menschliche Tragödien und soziale Abgründe, von denen wir uns kaum eine Vorstellung machen können. Es ist dann unsere innere Stimme der Vernunft, die uns das fröhliche Liedchen verbietet.

Manchmal hilft da ein Blick in die Vergangenheit.

Wie haben Menschen vor uns Krisen gemeistert – Krisen, die die Menschen noch weit dramatischer getroffen haben? Und vor allem: Wie haben sie Auswege gefunden und wie blicken sie heute auf diese Zeiten zurück?

Vor wenigen Jahren habe ich die Kathedrale von Coventry in Mittelengland besucht. Dort findet man heute eine Ruine. Die mittelalterliche Kathedrale wurde 1940 von der  deutschen Luftwaffe in Schutt und Asche gelegt. Übriggeblieben sind der Glockenturm und Trümmer, die uns noch eine Ahnung von der alten Größe und Schönheit des Bauwerks geben. Singen kann hier niemand mehr. Stattdessen reden, ja schreien die Steine von Gewalt und Krieg und sinnloser Zerstörung.

Daneben jedoch steht ein modernes Bauwerk, die neue Kathedrale, 1962 eingeweiht. An der Stirnseite hängt ein riesiger Wandteppich, das den auferstandenen Christus zeigt, der segnend zur Versöhnung aufruft. Ebenfalls in der Kathedrale findet man das berühmte Nagelkreuz, das zu einem Symbol der Versöhnungskraft und der transnationalen Verbindung wurde. In diesem Bauwerk wird sehr viel gesungen, viel englische, ergreifende Chormusik aufgeführt, die Menschen zusammenführt zu Gottes Lob.

Für mich ist diese Doppelkathedrale ein Sinnbild dafür, wie Krisen gemeistert werden können. Man muss nicht krampfhaft in jeder Krise die Chance suchen. Trümmer dürfen stehenbleiben. Schwere, harte Steine, auch in unseren Seelen, müssen nicht wegdiskutiert und beschönigt werden. Sie dürfen schreien, und wir dürfen ihnen Raum geben. Aber daneben kann es Platz für anderes geben. Für Neues, für Lichtes und Helles. Auch für die jubelnde Chormusik.

„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“ – er tut Wunder auch heute. Wie können wir davon singen, wenn wir hier im Gottesdienst schweigen müssen? Wie heißt es so schön im Wochenlied: „Du meine Seele, singe, wohl auf und singe schön. Dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn.“ Wir dürfen hier nicht in Gemeinschaft oder im Chor singen. Aber jeder für sich darf zuhause gerne ein Lied anstimmen.

Wer sich traut, kann ohne Begleitung zuhause dieses Kirchenlied singen. Oder sie machen das Radio an mit der Musik, die Ihnen am besten gefällt und singen dann völlig ungehemmt mit. Oder Sie stellen sich unter die Dusche und trällern dort, was Ihnen gerade in den Sinn kommt.

Denn Musik kann glücklich machen. Und Musik verweist immer auf den Schöpfer, der uns mit dieser wunderbaren Gabe ausgestattet hat. Wo Musik ins Herz einzieht, kann auch Gott einziehen. Martin Luther wird das Zitat zugeschrieben: „Musik ist die beste Gottesgabe.“ Und noch weiter: „Wer singt, betet doppelt.“ So lade ich Sie ein, heute am Sonntag Kantate zuhause doppelt zu beten. Und hier zu schweigen. Wer aber schweigt, kann umso besser zuhören. Zum Beispiel auch jetzt auf die Orgelmusik und den Bläserklang.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.     

Dr. Judith Böttcher, Pfarrerin

Predigt Jubilate

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 25.04.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Idealisierte Ansicht der Akropolis mit Athena Promachos und dem Areopag
(Leo von Klenze, 1846)

Areopag-Rede: Der unbekannte Gott stellt sich vor!

Liebe Schwestern und Brüder,
Eine Handvoll yogaseliger Damen mittleren Alters sitzt im Schneidersitz auf hellbeigem Teppichboden. Ein türkiser Vorhangstoff dimmt das Sonnenlicht und der Duft orientalischer Räucherstäbchen weht einem um die Nase? Mittendrin sitzt noch jemand. Und zwar genau – Sie! Und Sie fühlen sich – in offensichtlichem Gegenteil zu allen anderen hier – irgendwie unwohl und fragen sich: „Bin ich hier richtig?“ – – – „Bin ich hier richtig?“, das könnte sich auch Franziska fragen, die heute zufällig unseren Gottesdienst besucht. Der jungen Physiotherapeutin aus dem Osten erginge es bei uns vermutlich ebenso exotisch wie uns in jener Yoga-Stunde. Lauter ältere Leute hier, merkwürdig altmodische Musik, ein Mann in einer schwarzen Robe ähnlich der bei einer Nachmittags-Gerichts-Show bei RTL. – Diese geschraubte Sprache, und über allem ein riesiger Gefolterter aus der Zeit der Antike. Alles sehr, sehr „strange“ für eine junge Frau aus dem Osten. Es bleibt die skeptisch interessierte Frage:

„Bin ich hier richtig?“

„Kirche“ kann noch so offen sein – die Welt um uns herum hat sich verändert. Unsere Kirchen – egal ob katholisch oder evangelisch oder noch anders – sind den meisten Menschen von heute ziemlich fremd geworden. Ich merke das daran, dass ich bei Beerdigungen das Vaterunser in aller Regel allein sprechen muss. Es gehört nicht mehr zum allgemeinen Repertoire. Und das ist sicher nur die Spitze des Eisbergs.
Aber unsere Zeitgenossen bieten uns eine wertvolle Außenperspektive. Wir denken ja oft, unsere eigene Kirchenwelt sei schon das große Ganze – und übersehen dabei, wie exotisch sie auf Menschen wie Franziska wirkt. Für sie ist der Altar, um den wir uns heute hier versammelt haben, genau das, wovon Paulus in der BibelLesung gerade gesprochen hat: der Altar eines unbekannten Gottes. – Wir meinen, diesen Gott zu kennen – für unsere ostdeutsche Physiotherapeutin aber ist er denkbar fremd und für viele normale Nürnberger heute ebenso. Aber diese Menschen zeigen uns, dass wir den Gott dieses Altars vielleicht gar nicht so gut kennen wie wir meinen. Wir meinen, oder besser: Wir hoffen ja, dass der Glaube uns Antwort gibt auf unsere entscheidenden, die existentiellen Fragen. Aber unter diesem glatten FrageAntwort-Schema verbergen sich auch unsere Zweifel, unser Zittern angesichts der Fragen von Leben und Liebe, von Glück und Tod. Denn Leben, Liebe, Glück und Tod fühlen sich so viel eindeutiger schön oder schlecht an – als der Gott, der uns an diesem Altar Antwort verspricht.

Das zu leugnen, wäre unehrlich.

Unsere nicht-religiösen Zeitgenossen zeigen uns die Lebensfragen und Lebenssehnsüchte oft ganz unverstellt und konfrontieren uns immer wieder mit dem eigenen Brodeln, das unter unseren christlichen Antworten lauert. Denn – auch wir – kennen das: In der Kirche zu sitzen und sich zu fragen: Bin ich hier richtig?

Nun, wie kommen wir weiter? Heften wir uns dem Apostel Paulus an die Fersen! Er ist ja nicht gleich auf den Gerichtshügel Areopag gegangen, sondern wird erst einmal in aller Ruhe durch Athen flaniert sein – diese flirrende antike Großstadt mit ihrem brodelnden Gemisch aus Lebensstilen, Glaubensweisen und Weltanschauungen. Aufmerksam schlendert Paulus durch ihre Straßen und Gassen, bleibt hier stehen, dort hängen. Denn er sucht nach den „Heiligtümern“ der Athener – nach jenen Orten, an denen sie bereit sind, dem, was ihnen heilig ist, Opfer zu bringen. – – – Und ich stelle mir vor, wie er zweitausend Jahre später – sagen wir vor zwei Jahren, also vor Corona, unsere quirlige Stadt besucht hätte. Welche Heiligtümer fände er dort? Wofür sind wir bereit, etwas zu opfern: Zeit, Geld und Herzblut? Ich stelle mir vor, wie er durch die Fußgängerzone schlendert und aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, was es da in normalen Zeiten alles zu kaufen gibt. Vielleicht setzte er sich aber auch ins Frankenstadion und zittert mit dem Club – hört wie seine Anhänger schreien und singen. Womöglich hätte ihm das echt gefallen. Käme er heute in Pandemie-Zeiten, würde er vielleicht einen offiziellen Stadt-Tempel wie die Sebalduskirche besuchen und gleich daneben das wunderschöne Klima-Camp. Und ins Impfzentrum im Messegelände würde er gehen und staunen, wie wichtig uns die Gesundheit ist.

Heiligtümer von heute – und damals

An all solchen Orten fände er ‚Heiligtümer’ von heutigen Nürnbergern. Der Soziologe Peter Berger spricht von Altären der Moderne. Und vielleicht würde Paulus überall dort auch das finden, was er auf seiner Suche nach einem Anknüpfungspunkt für das Evangelium bereits in Athen entdeckte: Altäre eines unbekannten Gottes. Damit beginnt er dann auch seine Predigt auf dem Areopag – hören wir noch einmal hinein:

„Athener, nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: DEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch. Gott, der die Welt erschaffen hat […] wohnt nicht in Tempeln […].
Er lässt sich auch nicht von Menschen bedienen, als brauche er etwas – er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt. […] Er wollte, dass die Menschen nach ihm suchen – ob sie ihn vielleicht spüren oder entdecken können. Denn keinem von uns ist er fern. In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“

Apg 17, 23-28

Was macht Paulus hier? Er knüpft an bei dem, was die Menschen kennen und tun, bei dem, was ihnen wichtig ist, – und sagt: Keinem von Euch ist Gott fern. Gott ist nahe dem, was ihr alles versucht, was ihr verehrt, was ihr versteht. Er, der All-Schöpfer, hat alles gemacht. Darum seid ihr schon immer – als seine Geschöpfe – Teil seines Plans, Teil seiner Welt. Ja, ihr verehrt ja schon Dinge, die ihm wichtig sind: Eure Gesundheit zum Beispiel, aber auch dass es Euch gut geht, bis in Luxus hinein, will er. Spiritualität und Kunst will er – und Engagement. Dass Euch das alles auch wichtig ist, freut ihn. Ihr sucht das Richtige.

Gerade weil auch wir Kirchenchristen aller Konfessionen längst keine gesellschaftsdominierende Mehrheit mehr sind, verweist diese Botschaft uns auf die vielen nichtkirchlichen, säkularen ‚Altäre’ Gottes in unserer Stadt – auf inspirierende Orte voll sozialer Phantasie und mit kulturellem Sexappeal, an denen man sich über die großen Dinge des Seins austauscht. Dass diese Altäre derzeit wegen Corona alle unbespielt und un-beweihräuchert bleiben, tut nicht nur denen da draußen nicht gut, sondern auch uns nicht. Wir werden nicht mehr neuartig in Frage gestellt. Das einzige quasi-religiöse Hochamt scheinen die Pressekonferenzen von Wiehler, Drosten und Spahn zu sein. So sehr sie sich mühen, das kann nicht alles sein. Jetzt haben Schauspieler versucht, einen Gegenpol zu bilden – und scheitern schon wieder an sich selbst.

Und jetzt?

Aber es gibt sie weiter: Die Fragen, die viel tiefer dringen als die Pandemie. Aber: Fragen sind nicht Antworten, Fragen beantworten sich nicht von selbst. Deshalb meint Paulus, nachdem er die richtigen Ansätze der Athener gewürdigt hat: Wir sollen „nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.“ Wir können nur fragen, wir können sogar radikal fragen – Kunst und Literatur und Philosophie tun das auch – aber antworten sie auch? Sie versuchen es, sicher, aber tragen menschliche Antworten auf menschliche Fragen? Kann man aus dem Material menschlicher Fragen und Sehnsüchte rettende Götter fabrizieren?

Paulus meint natürlich: Nein! Deshalb setzt er seine Rede auf einmal als Bußprediger fort, – ganz unerwartet:

„Nun – Gott sieht nachsichtig über die Zeiten hinweg, in denen die Menschen ihn nicht gekannt haben. Aber jetzt fordert er alle Menschen an allen Orten auf, ihr Leben zu ändern. Denn Gott hat einen Tag festgesetzt, um über die ganze Welt zu richten.“

Paulus beginnt hier damit, den unbekannten Gott bekannt zu machen. D.h.: Nach der Würdigung der richtigen Fragen, bringt er die richtige Antwort. Und die klingt nicht angenehm: Man soll sein Leben ändern! – Dafür hatten die Athener ihren Altar für den unbekannten Gott sicher nicht gebaut. Dafür ist auch kein Karstadt, kein Frankenstadion, keine Meistersingerhalle gebaut. Gott, sagt Paulus, will die Welt richten. Und diese Gerichtsbotschaft soll bewirken, dass möglichst viele sich noch darauf einlassen und sich darum umstellen. Dass das erste, womit sich dieser Gott bekannt macht, „Gericht“ ist, ist natürlich eine Spitze gegen den Areopag selbst. Denn nicht nur der Hügel heißt so, sondern auch die Gerichtsbehörde die darauf tagt. Paulus sagt hier also zwischen den Zeilen: Areopag-Gericht schön und gut, aber der eigentliche Richter ist Gott. Und das bedeutet, dass es diesem Gott entscheidend, lebensentscheidend um Gerechtigkeit geht. Bei den Griechen gehört die Göttin der Gerechtigkeit Diké nicht einmal zu den olympischen Hauptgöttern; sie ist eine Untergöttin unter vielen.

Und wie sieht es bei uns aus?

Der Justiz haben wir immerhin Paläste gebaut wie an der Fürtherstr., wo sogar Weltgeschichte geschrieben wurde. Aber den Bereich der Religion halten wir gern von Justiz-Fragen fern. Religion muss doch das Leben erleichtern, befreien und nicht mit Paragraphen einengen. Religion, da muss es doch um einen fröhlichen, lieb-reizenden Schwebezustand gehen – oder zumindest um frohgemute Lebens-Motivation. Aber nicht um Rechtsfragen!

Wie stark diese Abwehr von Recht in der Kirche ist, erlebe ich gerade hautnah, da ich mich mit Recht und Rechtsanwalt gegen meine Vertreibung aus der Melanchthonkirche wehre. Das wird als sehr unpassend empfunden. Und ob sich das Recht durchsetzt, ist bis heute fraglich. Wie sehr unser Glaube mit dem Recht verschmolzen ist, zeigt letztlich das Kreuz Christi. Denn er stirbt hier zum einen an der fehlgeleiteten Gesetzlichkeit der Schriftgelehrten, zum anderen von Gott her an unseren Gesetzesbrüchen. Und typisch für das Religionsverständnis unserer Zeit ist auch hier, dass das Kreuz heute gern aus der Mitte des Glaubens weggeräumt wird, – bis hin zu Neugestaltungen von Kirchenräumen.

Paulus dagegen predigt: Recht und Gerechtigkeit gehören ins Zentrum unseres Glaubens und sind nicht das Kleingedruckte in irgendwelchen Fußnoten. Und dies sei nicht bloß eine Botschaft vom Himmel, sondern sie ist beglaubigt und geerdet durch den auferstandenen Menschensohn:

„Dann wird er Gerechtigkeit walten lassen – durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Dass dieser Mann wirklich dafür bestimmt ist, hat Gott allen Menschen durch dessen Auferweckung von den Toten bewiesen.«

Gott hat seinen Generalbevollmächtigten, diesen Mann Jesus, durch den Tod hindurch bestätigt. Nicht der Tod besiegelt die Bilanz seines Lebens wie bei Sokrates oder Cäsar, wie bei Mahatma Gandhi oder Prinzessin Diana, sondern Jesu Siegel ist sein neues Leben. Das neue Leben im Reich der Gerechtigkeit, das uns allen versprochen ist. Das ist ja eigentlich die Pointe, wenn Gott zu Buße aufruft, zum „Ändert Euer Leben!“. Dieses geänderte Leben soll nicht einer ideologischen Weltverbesserung dienen; das geänderte Leben ist auch nicht der Preis, mit dem wir Gott etwas abkaufen könnten. Sondern es könnte einen Vorgeschmack geben auf das gerechte, ewige Leben.

Aber soweit kommt Paulus gar nicht, weil das Stichwort Auferstehung die Zuhörer endgültig spaltet und die meisten abwinken lässt. „Darüber wollen wir dich ein andermal hören“, sagen sie und gehen weg. Nur wenige bleiben. Wer auf dem „Markt der Möglichkeiten“ spricht, darf nicht mit einem überwältigenden Massenerfolg rechnen.

Wir dürfen Gott selbst fragen: Bin ich hier richtig?

Die Landeskirche schreibt uns gerade im Zuge des Struktur-Prozesses PuK vor, wir sollten jetzt endlich nicht nur für das Häuflein klein im Gottesdienst arbeiten, sondern wir müssten jetzt die Unerreichten erreichen. Was dem für ein Erfolg beschieden sein wird, sieht man an Paulus. Aber – biblische Begründungen finden sich in den PuKPapieren ohnehin nur ganz wenige.

„Bin ich hier richtig?“ Das war ja die Einstiegsfrage. Die meisten Athener, die sich durchaus richtig fühlten am Altar des unbekannten Gottes, fühlten sich nach seiner Bekannt-Machung durch Paulus nicht mehr richtig. Und wir? Auch wir sollen uns in unserem Nachfragen und Nachhaken durchaus durch die scharfen Fragen unserer atheistischen Kulturträger radikalisieren lassen. Aber dann können wir an diesem (zeigt auf den Kirchenaltar) Altar damit ernst machen, dass wir keinen unbekannten, sondern einen offenbaren Gott haben. Wir dürfen Gott selbst fragen: Bin ich hier richtig? Und die Apostel damals und wir Pfarrer und Pfarrerinnen heute sind Ihnen schuldig zu antworten, warum und inwiefern sie hier eben richtig sind. Mit weniger müssen Sie sich nicht zufrieden geben. Der christliche Glaube denkt! Das Wunder und das Absurde sind eben NICHT des Glaubens liebstes Kind! Das früheste Zeugnis davon ist die Botschaft des Paulus – und die finden wir am besten allerdings nicht in der Apostelgeschichte, sondern in seinen echten Briefen. Darin nun weiterzulesen, ist so schwierig wie das Leben, Aber genauso lohnend.

Amen.

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer

Predigt zum Sonntag Misericordias Domini – „Der Herr ist mein Hirte“

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 18.04.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Hes, 34,1-2.10-16.31

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im AT beim Propheten Hesekiel im 34. Kapitel:
Und des Herrn Wort geschah zu mir: Du Mensch, weissage als Prophet zu den Hirten Israels und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich nur selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
Ja, so spricht Gott der Herr: Seht her, ich werde meine Schafe suchen und mich selbst um sie kümmern. Ich mache es genauso wie ein guter Hirte, wenn seine Schafe sich eines Tages zerstreuen. Ja, so werde ich mich um meine Schafe kümmern. Ich rette sie von allen Orten, an die sie zerstreut waren – an dem Tag, der voll finsterer Wolken sein wird. Ich führe sie weg von den Völkern und sammle sie aus den Ländern. Ich bringe sie zurück in ihr eigenes Land. Ich werde sie auf den Bergen und Tälern Israels weiden, an allen Weideplätzen des Landes. Ihr Weideland wird auf den hohen Bergen Israels liegen. Ja, ich lasse sie dort auf gutem Weideland lagern. Auf den Bergen Israels finden sie eine grüne Weide. Ich weide meine Schafe und ich lasse sie lagern. So lautet der Ausspruch von Gott dem Herrn. Verirrte suche ich und Verstreute sammle ich wieder ein. Verletzte verbinde ich und Kranke mache ich stark. Ich will sie weiden, wie es recht ist.
Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide und ich will euer Gott sein, so spricht der Herr.“

Liebe Gemeinde,

Hesekiel, ein Prophet des 6.Jhdts. v. Chr., ist ein klassischer Prophet. Er bemüht sich, das Volk Israel zur Umkehr zu rufen.
Wenn das gelingt, so verspricht er ihnen, wird das Volk Gottes Güte und die daraus entspringende Hoffnung erfahren.
Aber zunächst geht Hesekiel mit den Mächtigen des Landes ins Gericht. Im alten Israel wurden diese als Hirten bezeichnet. Sie sorgten für das Volk und verteidigten es gegen Feinde.

Wenn Sie den Predigttext genau verfolgt haben, ist Ihnen aufgefallen, dass aber etwas schiefgelaufen sein muss. Denn im 6. Jhd. v. Chr. kam es zur Deportation der Oberschicht Jerusalems nach Babylon, das liegt im heutigen Irak.
Hesekiel, der selbst als Sohn eines Priesters der Oberschicht angehört, ist sauer.
Er wirft den Mächtigen vor, ihr Land verraten zu haben, sich nicht genügend um das eigene Volk gekümmert zu haben, auf eigene Vorteile geschaut zu haben.
All das seien Gründe, die zu dieser Katastrophe des Exils geführt haben.

Ganz schön mutig, wie sich Hesekiel da gegen seine eigenen Leute stellt.

Ich bin mir sicher, wenn sich Menschen zurzeit treffen dürften, in der Kneipe oder im Biergarten, da würden momentan viele in diese Klage miteinstimmen.
Viele von uns haben das Gefühl, dass „die da oben, vor allem die in Berlin, ihre Macht nur für sich selbst gebrauchen. Uns fallen spontan Politiker ein, die vor allem ihre Wiederwahl vor Augen haben, und da fallen beim Regieren die Nöte des Volkes und der Schwachen der Gesellschaft schon mal aus dem Blick.

Uns fallen auch die großen börsennotierten Unternehmen ein, die nach jahrelangen satten Gewinnen sich nicht scheuen, bei den Coronahilfen kräftig die Hand aufzuhalten.

Uns fallen auch Kirchenleute ein, die unsere Gemeinden wie Zahlenspiele auf dem Schreibtisch liegen haben und gar nicht wissen, was eigentlich an der Basis los ist.

Hesekiel sagt uns im Namen Gottes: Macht bedeutet, Verantwortung für die Schwachen, für die Verirrten und Bedürftigen zu übernehmen.
Als Sprachrohr Gottes sagt er, dass zu einer guten Regierung immer auch die Sorge um die gehört, die nicht mitkommen, die am Rand stehen.

Ja, wir könnten lang mitjammern.
Aber ganz so einfach dürfen wir es uns doch nicht machen!

Denn wir sind auch Hirten!

Ich als Pfarrerin, Sie als Chef, als Kollegin, als Kirchenvorsteherin, als Vater oder als Mutter, als Nachbar…
Wir sollen füreinander Hirten sein, sagt Gott – füreinander da sein und füreinander sorgen.

Die Kritik von Hesekiel trifft also letztlich alle Menschen, die in der Verantwortung für einen anderen Menschen sind.
Weil er die Missstände sieht, schreibt Hesekiel weiter in unserem Bibeltext:
Euch wird die Verantwortung entzogen. Euch gehört die Herde nicht mehr.
Ein wirklich vernichtendes Urteil über die menschlichen Hirten!

Angesichts der ernsten und sehr schwierig zu beurteilenden momentanen Krise, in der jeden Tag Entscheidungen gefällt werden, die wir nicht ganz überblicken, wächst die Sehnsucht nach einer Kraft und einer Macht, die alles überblickt und richtig macht.
Obgleich natürlich keiner von uns wie ein dummes Schaf geführt werden will.
Ist es doch so, dass ein guter Hirte hinter seiner Herde her läuft und aufpasst, dass sich keines seiner Tiere verirrt und verloren geht.

Damals verkündet Hesekiel dem Volk Gottes den Heilsplan:
Gott ist der Hirte! Er selber wird sein Volk behüten!
Das heißt:
Gott nimmt die Menschen an.
Er sucht die Verirrten.
Er rettet die Zerstreuten.
Er verbindet die Wunden.

Klar, das Bild des Guten Hirten berührt die Sehnsucht, die tief in der Seele des Menschen verwurzelt ist.
Jeder Mensch sehnt sich nach einem behüteten Leben.
Jeder Mensch hat den Wunsch nach Geborgenheit bei einem anderen Menschen, gerade in der momentanen Zeit.

Hesekiels Prophezeiung hat sich damals erfüllt.
Das Volk Gottes durfte nach einigen Jahrzehnten im Exil wieder nach Jerusalem zurück und dort den Tempel neu aufbauen. Will heißen, auch die Menschen nahmen ihre Verantwortung wahr an dem Platz, an den sie gestellt wurden.

Etwa 500 Jahre später kam dann wieder einer, der zu seinem Volk gesagt hat:
„Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen!“

Liebe Gemeinde,
diese unendliche Liebe Jesu wird uns bei der Taufe zugesprochen und gilt einem jeden von uns ganz persönlich.

Der berühmte protestantische Theologieprofessor Karl Barth wurde einmal gefragt, was denn nun für ihn die Zusammenfassung seines Glaubens sei. Er antwortete mit einem alten Kirchenlied:

„Weil ich Jesu Schäflein bin, freu ich mich nur immerhin über meinen guten Hirten, der mich wohl weiß zu bewirten, der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt!“

So einfach ist das mit dem Glauben. Und das aus dem Mund eines hochangesehenen Professors.

AMEN

Predigt zum Osterfest

von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 5. April in der Stephanuskirche zum Predigttext 2. Mo. 14 Fürchtet euch nicht, der Herr hat Großes an euch getan!

Liebe Gemeinde,

die momentane Lage ist wirklich bedrückend. Von allen Seiten her heißt es, dass wir Kontakte meiden, am besten unser Haus oder unsere Wohnung nicht verlassen sollen, und das selbst über die Osterfeiertage.
Kein Treffen der Großfamilie!
Das ist wirklich schwer zu verkraften. Kaum einer spricht von Hoffnung, höchstens, dass es besser sein wird, wenn Dreiviertel der Bevölkerung geimpft sein wird, eine Herdenimmunität eintritt … und das kann noch lange dauern.
Über uns schweben Inzidenzwerte, die über unser erlaubtes Verhalten bestimmen.

Der bayerische Landesbischof Bedford -Strohm hat dementsprechend ein neues Wort erfunden: „Depressionsinzidenz“.

Schon im vergangenen Jahr beklagten die Sozialstationen und auch die Arztpraxen, dass die Anzahl derer, die über die Lockdowns hinweg an Depressionen leiden, stetig größer wird.
Wann hört das Ganze endlich auf? Wer gibt uns Hoffnung?

Zum heutigen Ostermontag möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen, in der wir uns wiederfinden können. Eine Geschichte aus vergangener Zeit, eine Geschichte der Hoffnung:

Die Familie saß im Zimmer beieinander.
Die Großmutter Lydia, die Eltern Jonas und Rahel, sowie die Kinder Phoebe und Benjamin.
Sie waren ans Haus gefesselt.
Seit Freitag, als Jesus mit zwei Verbrechern ans Kreuz genagelt wurde, herrschte in Jerusalem der Ausnahmezustand.
Die Römer versuchten, die Lage in den Griff zu bekommen, indem sie aufbegehrende Anhänger dieses Jesus aus Nazareth, der sich angeblich „König der Juden“ nannte, kurzerhand verhafteten.
Keiner wagte sich mehr auf die Straße.
Keiner traute mehr dem andern.
Es hieß sogar, dass Judas, ein Jünger Jesu, seinen Freund verraten habe und Jesus dann von den Römern im Garten Gethsemane abgeführt wurde.
Selbst Petrus, einer der engsten Vertrauten Jesu verleugnete seinen Freund, als die Römer ihn fragten, ob er nicht auch zu den Jüngern gehöre.
Die Lage war sehr angespannt.
Viele Anhänger blieben also zuhause, um nicht aufzufallen, um jegliche Gefahr für die Familie abzuwehren.
Die Großmutter Lydia hatte in ihrem Leben schon viel erlebt.
Sie konnte von kriegerischen Auseinandersetzungen berichten, von Vertreibung und Flucht erzählen.
Das tat sie immer wieder, wenn jemand zu Besuch kam.
Das Schlimmste aber, das ihr widerfuhr, war der plötzliche Tod ihres Mannes. Das ging ihr besonders nah.
Damals machte sie täglich lange Spaziergänge, solange, bis ihr leichter ums Herz wurde.
Doch jetzt:
Niemand wusste, wie lange die Lage noch so ernst und so gefährlich war.
Ihren Hoffnungsträger Jesus hatten die Römer ans Kreuz genagelt wie einen Schwerverbrecher, der Mob war aufgestachelt und rief wie irr: „Kreuziget ihn, kreuziget ihn“.
So hing Jesus dann nach einem kurzen Prozess am Kreuz und verschied vor Beginn des Passahfestes um die 9. Stunde.
Unglaublich, wie schnell die Stimmung doch kippen konnte:
Noch vor wenigen Tagen wurde Jesus von vielen umjubelt, als er nach Jerusalem ein- zog. Mit Palmwedeln und lauten Hosianna-Rufen hieß man ihn willkommen und jetzt …
Die absolute Katastrophe!
Was tun?
Lydia holte tief Luft und sagte dann in die Stille hinein:
„Also, liebe Familie,
wir leben doch von der Hoffnung!
Fürchtet euch nicht, der Herr hat Großes an uns getan!
Erinnert Euch an die Befreiung unseres Volkes aus Ägypten. Als die Truppen des Pharao hinter dem Volk Israel herjagten und Gott einen Ostwind schickte, der das Volk trockenen Fußes durch das Schilfmeer ziehen ließ, die Ägypter aber ertranken.
Ich schlage vor, dass jeder von uns nun eine Geschichte der Hoffnung erzählen soll. Das wird uns beruhigen! “
Jonas, der Vater, überlegte kurz, dann erzählte er die Geschichte von dem Gichtbrüchigen, der von seinen Freunden durch das Dach gelassen wurde und von Jesus geheilt wurde.

Rahel, die Mutter, lächelte und erzählte dann die Geschichte vom Weinwunder auf der Hochzeit zu Kana. Phoebe fiel noch die Geschichte von der Auferweckung des Töchterchens des Jairus ein und Benjamin konnte es kaum erwarten dranzukommen, um von der Kindersegnung durch Jesus zu berichten.

Während sich die Familie das alles erzählte, verging die Zeit schnell.
Es fing schon an zu dämmern, da klopfte es plötzlich an die Tür.
Jakob, der Nachbar, stand aufgeregt davor und rief:
„Stellt Euch vor:
Jesus lebt!
Er ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden!

Das war ein Befreiungsschlag!
Die Familie konnte es kaum fassen!

Liebe Gemeinde,

Jesus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!
Welch eine Botschaft! Tod und Angst sind überwunden!
Sicherlich haben Sie es gemerkt, die damalige Stimmung war ähnlich wie die Stimmung heute:
Verzweiflung, Wut, Hilflosigkeit, Sprachlosigkeit und eigentlich nur noch ein Kopfschütteln … all das zeichnet auch unsere momentane Zeit aus.

Aber, wenn wir nicht im Selbstmitleid versinken wollen, müssen auch wir uns Geschichten der Hoffnung erzählen,  über den Gatenzaun, übers Telefon, über Zoom oder Skype!
Auch wir dürfen nicht müde werden, von der Hoffnung zu berichten. Das macht unser Herz leichter.
Die Angst muss überwunden werden.
Haben Sie Rezepte gegen die Angst?
Ich weiß nicht, wie Sie mit der momentanen Lage umgehen.

In meiner Familie blättern wir in Fotobüchern, planen schon mal künftige Reisen und auch Familienfeste werden angedacht. Manch einer träumt auch von einem Besuch im Stadion oder in der „Arena“.

Hätten sich Jesu Anhänger damals aufgegeben, dann wäre Jesu Botschaft vom Leben verlorengegangen.
Damals vertrauten sie seiner Verheißung: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!“

Und dann: Jesus hat den Tod besiegt!
Was konnte da seinen Anhängern noch schaden?

Jesus hat den Tod besiegt!
Das ist die Osterbotschaft.
Die Osterbotschaft ist eine Aufforderung zum Leben!

Liebe Gemeinde, lassen Sie uns deshalb planen!
Lassen Sie uns nach vorne schauen!

Amen.


FROHE OSTERN!

Predigten Landesbischof Bedford-Strohm

Drei Kreuze an denen drei Statuen symbolisch gekreuzigt wurden. Der Blick des Betrachters geht in Richtung Himmel, die Kreuze sind von der Rückseite aus zu sehen.
Kreuzigungsgruppe auf dem Kreuzberg in der Rhön (Bayern) – Foto: epd bild/Neetz

Der bayerische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm predigt im Gottesdienst an Karfreitag, 2. April, um 10 Uhr in der Kirche St. Matthäus, München. Liturg ist Pfarrer Gottfried von Segnitz. Es wirken mit Solisten des Residenzorchesters München und ein Ensemble des Münchner Motettenchores.

Hier findet sich der Livestream auf Facebook.

Der Landesbischof hält auch die Predigt im Fernsehgottesdienst zur Osternacht in der Landshuter Christuskirche am Karsamstag, 3. April, um 22 Uhr. Liturgin ist Dekanin Nina Lubomierski. Es singt das Ensemble Singerpur, die musikalische Leitung hat Kirchenmusikdirektor Volker Gloßner. Das Bayerische Fernsehen überträgt live ab 22 Uhr. Die ARD überträgt den Gottesdienst zeitversetzt ab 23.55 Uhr.

Predigt zum Sonntag Reminiszere

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 28.02.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Symbolfoto: Weinberg

Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg

„Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing.
Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war blutiger Rechtsbruch; und auf Gerechtigkeit, siehe, da war schreiende Schlechtigkeit.“

Jesaja 5,1-7

Liebe Mitchristen hier in Gebersdorf,

Dieses Lied ist in seiner Härte und in seiner berechnenden Konsequenz ein gefährliches Wort der Heiligen Schrift. Denn in ihm klingen vertraute und belastende Erfahrungen von uns allen an, – ja vielleicht sind es sogar Grunderfahrungen nicht nur eines reifen sondern auch eines jungen Lebens. Es spiegeln sich in ihm Verhaltensweisen und Erfahrungen, die wir selber als Kinder
schon erlebt und gefürchtet haben, und die wir, so vermute ich, unseren eigenen Kindern, unseren Freunden, Arbeitskollegen, ja auch gerade den Menschen, die wir lieben, nicht ersparen, nämlich die Strafe durch Liebesentzug: Liebesentzug und Schweigen, Abbruch der Beziehung, die unser Das ein Tag für Tag trägt. Davon singt Jesaja hier. Kalte Abwendung, Preisgabe an das zerstörerische Chaos, das kennen wir eigentlich alle, selbst wenn wir es nicht so konsequent machen wie manche Familien
noch heute, die ihre Kinder, Jungen und Mädchen, gnadenlos fallen lassen, wenn sie den Wünschen der Eltern nicht entsprechen, oder wie manche ehemals Liebende, die einander erbarmungslos bekriegen, nachdem ihre Liebe wodurch auch immer abgestorben ist. Selbst wenn wir nur kurzfristig unsere Liebe entziehen, oder Liebe entzogen bekamen, – das Modell dieser Art von Erziehung ist uns allen sicher vertraut, seine Logik sitzt tief in unserer Seele. Sie treibt in Anpassung, in Unfreiheit und in Angst! Gefährlich.

Aber auch die anderen Erfahrungen, die dem Liebesentzug vorausgehen, kennen wir alle, nämlich die Erfahrungen von Vergeblichkeit und vom Umsonst unserer Mühe, von Anstrengungen ohne Erfolg. Im Beruf, in den Beziehungen der Liebe, in der Erziehung unserer Kinder, in der Arbeit in und an der Kirche, in Gesellschaft und Politik – alles umsonst, alles vergeblich. Lebensträume scheitern und lassen uns dann verbittert zurück. Ein Sohn, eine Tochter bricht ihre Ausbildung ab, Kinder finden sich im Leben nicht zurecht, obwohl wir alles für sie getan haben, – oder schon in der Jugend: der Freude der gerade erwachten Liebe folgt ihr schneller Tod. – Trotz allem, was man investiert hat, implodieren Freundschaften, und der Vorrat an Vertrauen reicht nicht. Alles, was wir an Liebeskraft, an Zeit, auch an Geld und Energie investiert haben – es war umsonst.

Gefährlich ist dieses sogenannte „Weinberglied“, weil es diesen Schmerz, diese Kränkung, diesen Frust, und v.a. die Strafe auch bei Gott sieht. Nicht nur wir kennen das Umsonst, nicht nur wir strafen mit dem Entzug unserer Liebe, nicht nur wir geben den Menschen preis, der unsere Zuwendung ausschlug, nicht nur wir pochen darauf, dass Leistung sich lohnen muss, sondern Gott selber tut es. Hat Gott diese Form des strafenden Rückzuges, diese Logik selber seiner Schöpfung eingegeben, so dass es nicht nur ein menschliches Verhalten ist, sondern sogar ein schöpfungsgemäßes Grundgesetz des Lebens? Dann wäre all dies Verhalten von Gott sogar so gewollt, sozusagen sanktioniert. Dann könnte ich mich, wenn ich mich so verhalte, immer auf Gott selbst berufen. Und umso leichter kann ich es gegen mich wenden und verstehen, dass ich schutzlos mir selbst überlassen bleiben muss, wenn ich mich Gott widersetze und seine Reaktion auf mein Tun provoziere. Gefährlich in nochmal anderem Sinn ist dieses Lied, wenn wir es deuten auf die Schwierigkeiten unserer Kirche: den immensen Traditionsabbruch, – oder unser dramatisches Kleinerwerden. Steckt hier in Jesajas Lied vom enttäuschten Weingärtner der Schlüssel zur Antwort auf unsere Fragen zur Misere und Zukunft der Kirche:

  • Warum muss gerade unsere Generation so stark abbauen, einschränken, zurücknehmen, auflösen, umstrukturieren? Ich sage nur PUK.
  • Was haben wir falsch gemacht?
  • Sind wir vielleicht nicht glaubwürdig genug, als Pfarrer, als Kirchenvorstand, als Gemeinde, als Kirchenleitung?
  • Trifft uns daher Gottes Zorn?
  • Hat Gott uns preisgegeben und pflegt er seine Kirche nicht mehr?

Der verstorbene hessische Kirchenpräsident Peter Steinacker, bei dem ich noch studiert habe, hat zu diesen Fragen angesichts unseres Weinberg-Lieds ein beeindruckendes Zeugnis gegeben. Er schreibt:

„Ich gestehe, dass ich mich von diesem Text, den ich kenne und liebe, seit ich ihn im Theologiestudium in der Jesaja-Vorlesung gehört habe, oft verführen ließ. Ich habe in Situationen meines Lebens, in denen mich die Reue über Schuld, Fehlverhalten und Angst vor Folgen und Liebesentzug sowieso schon niederdrückte, diesen Eiseshauch als verdiente Reaktion Gottes geglaubt. Nicht nur meine Schuld, auch der Rückzug meines Gottes, dessen liebevolles, mich stets tragendes Erbarmen mir dann auch noch entschwand, das drohte mir dann den Boden unter den Füßen völlig wegzuziehen. Ich nahm meine Verzweiflung über mich und mein Fehlverhalten, über meine Kirche, mein Umsonst-aller-Mühe als logische Folge der strafenden Abwendung Gottes, der meinen Hochmut dämpft und meine Sorglosigkeit einfach nicht hinnimmt.“

So würde dieses Weinberglied eine destruktive, zynische Wirkung entfalten. Darin liegt seine Gefahr. Die Botschaft wäre dann das, was man heute schwarze Pädagogik nennt. Steinacker wollte das Lied dann so nicht mehr verstehen und auch wir haben alles Recht, es schöner zu verstehen, weil es sonst auch nicht in die Gesamtbotschaft Jesajas passen würde – und der Bibel schon gar nicht. –

Gut, immerhin, es bleibt dabei: Dieses Lied zeigt uns Gott nicht als lieben Gott. Hier redet kein gefühlloser, unberührbarer Gott, keiner, der unser Harmoniebedürfnis kosmisch befriedigt. Der Gott des Weinbergliedes kennt Angst, Sorge, Verletzung, Wut und Enttäuschung, denn er ist einer, der Antwort haben will, der unser Schweigen, unseren Lebens-Unsinn nicht erträgt. Ein Gott, dessen Liebe enttäuscht wird und der darauf reagiert – auch mit Strafe. Immer wieder höre ich den Satz: Wir haben keinen strafenden Gott mehr. Also wer das Alte Testament stehen lässt, hat den strafenden Gott noch. Und vorhin hörten wir aus dem Johannesevangelium (Joh 3,14-21), dass auch Jesus das Gericht verkündet. Aber gerade dort wurde deutlich, dass das Gericht eine Folge von Gottes Liebe ist. Gott will nicht richten, sondern retten. Gott ist aber ebensowenig ein Rettungs-Automat wie er kein Straf-Automat ist. Wer sich seiner Barmherzigkeit entzieht, landet im existentiellen Chaos. Ja, aber es gibt immer die Tür zurück, den Weg in die rettende Liebe. Auch als Richter kennt Gott nicht den Triumph des: „Da hast Du’s! Das hast du dir selbst zuzuschreiben. Schau, wie du da wieder rauskommst.“

Und auch im Weinberglied geht es eigentlich nur um die Liebe. Auch die zornige Reaktion Gottes ist eingerahmt in die Liebe. Man sieht es an der Wendung: „die Männer Judas sind seine Pflanzung, an der sein Herz hing“. Jesaja singt ein Liebeslied. Er singt vom Schmerz der Liebe Gottes.

Ein Liebeslied?

Es ist sogar ein Liebeslied mit eindeutig erotischem Unterton. Der Weinberg, das ist ein allen Zuhörern vertrautes Bild für die Braut. An vielen Stellen der Bibel, besonders im Hohen Lied, ist der Vergleich des Weinbergs mit der erotisch Geliebten gewählt. Als Kostprobe lese ich Hoheslied 7: Er fängt an:

„Wie schön und wie lieblich bist du, du Liebe voller Wonne! Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum, deine Brüste gleichen den Weintrauben. Ich sprach: Ich will auf den Palmbaum steigen und seine Zweige ergreifen. Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock und den Duft deines Atems wie Äpfel“. – Und sie antwortet: „Meinem Freund gehöre ich, und nach mir steht sein Verlangen. Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen und unter Zyperblumen die Nacht verbringen, dass wir früh aufbrechen zu den Weinbergen und sehen, ob der Weinstock sproßt und seine Blüten aufgehen, ob die Granatbäume blühen. Da will ich dir meine Liebe schenken.“

Hld 7,7-9.11-13

Das ist der Ton, in dem Jesajas Hörer normalerweise vom Weinberg hören. Gott scheut sich also nicht, sein Verhältnis zu uns sogar in erotischen Bildern zu beschreiben. So wie einem enttäuschten Bräutigam mit seiner treulosen und seiner Liebe nicht würdigen Braut geht es Gott mit uns. Dennoch: Es geht bei allem Vergleich mit unserer Liebe um die Liebe Gottes. Und von Gott verkündet uns ein anderer Prophet den entscheidenden Unterschied zwischen der erotischen Liebe unter uns und der Liebe Gottes: „Ich bin Gott und kein Mann!“, heißt es beim Propheten Hosea (Hos 11, 9). Das heißt, auch wenn seine Liebe nicht erwidert wird, pocht Gott nicht auf sein Recht und holt – etwa bei Hosea – sein Volk nach Hause. Gott ist eben „kein Vertilger“. Seine Enttäuschung führt nicht automatisch zu Vergeltung und ewigem Hass. Anders herum ist es: Gott lässt sich so auf uns ein, dass er in all seiner Allmacht eingestehen muss: „Auch ich kann hier nichts mehr tun. Sie haben meine Liebe enttäuscht. Aber wenn ich sie jetzt zwingen würde, würde ich die Liebe auch noch von meiner Seite aus zerstören. Das will ich nicht.“

Und wie es Gott jetzt geht, auch das kennen wir von uns: Es gibt Phasen auch in unserem Leben, in denen wir vom Leben und von anderen so enttäuscht sind, dass wir nur noch uns selber haben. Dann warten wir vergeblich darauf, angesprochen zu werden, angesehen und herausgeholt zu werden aus unserer Menschen- und Gottverschlossenheit. Wüste, Dornen und Disteln, auch das gehört zu unserem Leben, auch zu unseren Glaubenserfahrungen als Gotteserfahrungen. Zur Liebe und zum Glauben, das lehrt uns das Weinberglied, gehört auch die Passion: das Leiden aus Leidenschaft.

Und hier möchte ich den eigentlichen Schlüssel zum Lied von Gott, dem enttäuschten Liebhaber seiner Braut finden. Gott selber ist in das Gelingen seiner Liebe unwiderruflich verliebt. Darum geht er trotz Rechtsanspruchs und Enttäuschung in seine große Passion – uns zum Heil.

So dienen sein Zorn, seine eiskalte Abwendung, seine Emotionen letztlich auch wieder nur dazu, den Bann der bitteren Erfolglosigkeit zu brechen. Gott, der uns von Jesus als die unsterbliche Liebe ins Herz gesenkt wurde, Gott geht selber den Passionsweg der Liebe, deren „Umsonst“ nicht endgültig ist, weil es für Gottes Gnade kein Aus und Vorbei gibt. Das zeigt der Kreuzweg. Jesus zeigt uns, dass Gottes Liebe ins Gelingen verliebt ist, dass er selber sich ins Leid der Welt begibt, damit der Schatten des Umsonst und des vernichtenden Zorns, die Dornen und die Wüste unseres kleinen Lebens und des ungeheuren Leides der Welt nicht das letzte Wort haben.

Niemand hat das welt- und lebenserfahrener beschreiben können als Martin Luther. Seine Worte weisen den Weg aus dem Umsonst und der Angst – zur dankbaren Freude an unserem hilfreichen Hirten. Damit schließe ich:

„Wenn du diesen Hirten kennst, so kannst du wider Teufel und Tod dich schützen und sagen: Ich habe ja leider Gottes Gebote nicht gehalten; aber ich krieche dieser lieben Henne, meinem lieben Herrn Christo, unter ihre Flügel und glaube, dass er ist mein lieber Hirte, Bischof und Mittler vor Gott, der mich deckt und schützt mit seiner Unschuld und schenkt mir seine Gerechtigkeit; denn was ich nicht gehalten habe, das hat er gehalten, ja, was ich gesündigt habe, das hat er mit seinem Blute bezahlt. Sintemal er ist nicht für sich, sondern für mich gestorben und auferstanden, wie er denn … spricht: Er lasse sein Leben nicht für sich, sondern für die Schafe. Also bist du denn sicher, und muss dich der Teufel mit seiner Hölle zufrieden lassen; denn er wird freilich Christo nichts anhaben können, der ihn schon überwunden [hat] und dich, so du an ihn glaubst, schützt und erhält.“

Amen.

Wesentliche Anregungen zu dieser Predigt stammen von Prof. Dr. Peter Steinacker (†)

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer