Predigten Landesbischof Bedford-Strohm

Drei Kreuze an denen drei Statuen symbolisch gekreuzigt wurden. Der Blick des Betrachters geht in Richtung Himmel, die Kreuze sind von der Rückseite aus zu sehen.
Kreuzigungsgruppe auf dem Kreuzberg in der Rhön (Bayern) – Foto: epd bild/Neetz

Der bayerische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm predigt im Gottesdienst an Karfreitag, 2. April, um 10 Uhr in der Kirche St. Matthäus, München. Liturg ist Pfarrer Gottfried von Segnitz. Es wirken mit Solisten des Residenzorchesters München und ein Ensemble des Münchner Motettenchores.

Hier findet sich der Livestream auf Facebook.

Der Landesbischof hält auch die Predigt im Fernsehgottesdienst zur Osternacht in der Landshuter Christuskirche am Karsamstag, 3. April, um 22 Uhr. Liturgin ist Dekanin Nina Lubomierski. Es singt das Ensemble Singerpur, die musikalische Leitung hat Kirchenmusikdirektor Volker Gloßner. Das Bayerische Fernsehen überträgt live ab 22 Uhr. Die ARD überträgt den Gottesdienst zeitversetzt ab 23.55 Uhr.

Predigt zum Sonntag Reminiszere

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 28.02.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Symbolfoto: Weinberg

Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg

„Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing.
Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war blutiger Rechtsbruch; und auf Gerechtigkeit, siehe, da war schreiende Schlechtigkeit.“

Jesaja 5,1-7

Liebe Mitchristen hier in Gebersdorf,

Dieses Lied ist in seiner Härte und in seiner berechnenden Konsequenz ein gefährliches Wort der Heiligen Schrift. Denn in ihm klingen vertraute und belastende Erfahrungen von uns allen an, – ja vielleicht sind es sogar Grunderfahrungen nicht nur eines reifen sondern auch eines jungen Lebens. Es spiegeln sich in ihm Verhaltensweisen und Erfahrungen, die wir selber als Kinder
schon erlebt und gefürchtet haben, und die wir, so vermute ich, unseren eigenen Kindern, unseren Freunden, Arbeitskollegen, ja auch gerade den Menschen, die wir lieben, nicht ersparen, nämlich die Strafe durch Liebesentzug: Liebesentzug und Schweigen, Abbruch der Beziehung, die unser Das ein Tag für Tag trägt. Davon singt Jesaja hier. Kalte Abwendung, Preisgabe an das zerstörerische Chaos, das kennen wir eigentlich alle, selbst wenn wir es nicht so konsequent machen wie manche Familien
noch heute, die ihre Kinder, Jungen und Mädchen, gnadenlos fallen lassen, wenn sie den Wünschen der Eltern nicht entsprechen, oder wie manche ehemals Liebende, die einander erbarmungslos bekriegen, nachdem ihre Liebe wodurch auch immer abgestorben ist. Selbst wenn wir nur kurzfristig unsere Liebe entziehen, oder Liebe entzogen bekamen, – das Modell dieser Art von Erziehung ist uns allen sicher vertraut, seine Logik sitzt tief in unserer Seele. Sie treibt in Anpassung, in Unfreiheit und in Angst! Gefährlich.

Aber auch die anderen Erfahrungen, die dem Liebesentzug vorausgehen, kennen wir alle, nämlich die Erfahrungen von Vergeblichkeit und vom Umsonst unserer Mühe, von Anstrengungen ohne Erfolg. Im Beruf, in den Beziehungen der Liebe, in der Erziehung unserer Kinder, in der Arbeit in und an der Kirche, in Gesellschaft und Politik – alles umsonst, alles vergeblich. Lebensträume scheitern und lassen uns dann verbittert zurück. Ein Sohn, eine Tochter bricht ihre Ausbildung ab, Kinder finden sich im Leben nicht zurecht, obwohl wir alles für sie getan haben, – oder schon in der Jugend: der Freude der gerade erwachten Liebe folgt ihr schneller Tod. – Trotz allem, was man investiert hat, implodieren Freundschaften, und der Vorrat an Vertrauen reicht nicht. Alles, was wir an Liebeskraft, an Zeit, auch an Geld und Energie investiert haben – es war umsonst.

Gefährlich ist dieses sogenannte „Weinberglied“, weil es diesen Schmerz, diese Kränkung, diesen Frust, und v.a. die Strafe auch bei Gott sieht. Nicht nur wir kennen das Umsonst, nicht nur wir strafen mit dem Entzug unserer Liebe, nicht nur wir geben den Menschen preis, der unsere Zuwendung ausschlug, nicht nur wir pochen darauf, dass Leistung sich lohnen muss, sondern Gott selber tut es. Hat Gott diese Form des strafenden Rückzuges, diese Logik selber seiner Schöpfung eingegeben, so dass es nicht nur ein menschliches Verhalten ist, sondern sogar ein schöpfungsgemäßes Grundgesetz des Lebens? Dann wäre all dies Verhalten von Gott sogar so gewollt, sozusagen sanktioniert. Dann könnte ich mich, wenn ich mich so verhalte, immer auf Gott selbst berufen. Und umso leichter kann ich es gegen mich wenden und verstehen, dass ich schutzlos mir selbst überlassen bleiben muss, wenn ich mich Gott widersetze und seine Reaktion auf mein Tun provoziere. Gefährlich in nochmal anderem Sinn ist dieses Lied, wenn wir es deuten auf die Schwierigkeiten unserer Kirche: den immensen Traditionsabbruch, – oder unser dramatisches Kleinerwerden. Steckt hier in Jesajas Lied vom enttäuschten Weingärtner der Schlüssel zur Antwort auf unsere Fragen zur Misere und Zukunft der Kirche:

  • Warum muss gerade unsere Generation so stark abbauen, einschränken, zurücknehmen, auflösen, umstrukturieren? Ich sage nur PUK.
  • Was haben wir falsch gemacht?
  • Sind wir vielleicht nicht glaubwürdig genug, als Pfarrer, als Kirchenvorstand, als Gemeinde, als Kirchenleitung?
  • Trifft uns daher Gottes Zorn?
  • Hat Gott uns preisgegeben und pflegt er seine Kirche nicht mehr?

Der verstorbene hessische Kirchenpräsident Peter Steinacker, bei dem ich noch studiert habe, hat zu diesen Fragen angesichts unseres Weinberg-Lieds ein beeindruckendes Zeugnis gegeben. Er schreibt:

„Ich gestehe, dass ich mich von diesem Text, den ich kenne und liebe, seit ich ihn im Theologiestudium in der Jesaja-Vorlesung gehört habe, oft verführen ließ. Ich habe in Situationen meines Lebens, in denen mich die Reue über Schuld, Fehlverhalten und Angst vor Folgen und Liebesentzug sowieso schon niederdrückte, diesen Eiseshauch als verdiente Reaktion Gottes geglaubt. Nicht nur meine Schuld, auch der Rückzug meines Gottes, dessen liebevolles, mich stets tragendes Erbarmen mir dann auch noch entschwand, das drohte mir dann den Boden unter den Füßen völlig wegzuziehen. Ich nahm meine Verzweiflung über mich und mein Fehlverhalten, über meine Kirche, mein Umsonst-aller-Mühe als logische Folge der strafenden Abwendung Gottes, der meinen Hochmut dämpft und meine Sorglosigkeit einfach nicht hinnimmt.“

So würde dieses Weinberglied eine destruktive, zynische Wirkung entfalten. Darin liegt seine Gefahr. Die Botschaft wäre dann das, was man heute schwarze Pädagogik nennt. Steinacker wollte das Lied dann so nicht mehr verstehen und auch wir haben alles Recht, es schöner zu verstehen, weil es sonst auch nicht in die Gesamtbotschaft Jesajas passen würde – und der Bibel schon gar nicht. –

Gut, immerhin, es bleibt dabei: Dieses Lied zeigt uns Gott nicht als lieben Gott. Hier redet kein gefühlloser, unberührbarer Gott, keiner, der unser Harmoniebedürfnis kosmisch befriedigt. Der Gott des Weinbergliedes kennt Angst, Sorge, Verletzung, Wut und Enttäuschung, denn er ist einer, der Antwort haben will, der unser Schweigen, unseren Lebens-Unsinn nicht erträgt. Ein Gott, dessen Liebe enttäuscht wird und der darauf reagiert – auch mit Strafe. Immer wieder höre ich den Satz: Wir haben keinen strafenden Gott mehr. Also wer das Alte Testament stehen lässt, hat den strafenden Gott noch. Und vorhin hörten wir aus dem Johannesevangelium (Joh 3,14-21), dass auch Jesus das Gericht verkündet. Aber gerade dort wurde deutlich, dass das Gericht eine Folge von Gottes Liebe ist. Gott will nicht richten, sondern retten. Gott ist aber ebensowenig ein Rettungs-Automat wie er kein Straf-Automat ist. Wer sich seiner Barmherzigkeit entzieht, landet im existentiellen Chaos. Ja, aber es gibt immer die Tür zurück, den Weg in die rettende Liebe. Auch als Richter kennt Gott nicht den Triumph des: „Da hast Du’s! Das hast du dir selbst zuzuschreiben. Schau, wie du da wieder rauskommst.“

Und auch im Weinberglied geht es eigentlich nur um die Liebe. Auch die zornige Reaktion Gottes ist eingerahmt in die Liebe. Man sieht es an der Wendung: „die Männer Judas sind seine Pflanzung, an der sein Herz hing“. Jesaja singt ein Liebeslied. Er singt vom Schmerz der Liebe Gottes.

Ein Liebeslied?

Es ist sogar ein Liebeslied mit eindeutig erotischem Unterton. Der Weinberg, das ist ein allen Zuhörern vertrautes Bild für die Braut. An vielen Stellen der Bibel, besonders im Hohen Lied, ist der Vergleich des Weinbergs mit der erotisch Geliebten gewählt. Als Kostprobe lese ich Hoheslied 7: Er fängt an:

„Wie schön und wie lieblich bist du, du Liebe voller Wonne! Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum, deine Brüste gleichen den Weintrauben. Ich sprach: Ich will auf den Palmbaum steigen und seine Zweige ergreifen. Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock und den Duft deines Atems wie Äpfel“. – Und sie antwortet: „Meinem Freund gehöre ich, und nach mir steht sein Verlangen. Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen und unter Zyperblumen die Nacht verbringen, dass wir früh aufbrechen zu den Weinbergen und sehen, ob der Weinstock sproßt und seine Blüten aufgehen, ob die Granatbäume blühen. Da will ich dir meine Liebe schenken.“

Hld 7,7-9.11-13

Das ist der Ton, in dem Jesajas Hörer normalerweise vom Weinberg hören. Gott scheut sich also nicht, sein Verhältnis zu uns sogar in erotischen Bildern zu beschreiben. So wie einem enttäuschten Bräutigam mit seiner treulosen und seiner Liebe nicht würdigen Braut geht es Gott mit uns. Dennoch: Es geht bei allem Vergleich mit unserer Liebe um die Liebe Gottes. Und von Gott verkündet uns ein anderer Prophet den entscheidenden Unterschied zwischen der erotischen Liebe unter uns und der Liebe Gottes: „Ich bin Gott und kein Mann!“, heißt es beim Propheten Hosea (Hos 11, 9). Das heißt, auch wenn seine Liebe nicht erwidert wird, pocht Gott nicht auf sein Recht und holt – etwa bei Hosea – sein Volk nach Hause. Gott ist eben „kein Vertilger“. Seine Enttäuschung führt nicht automatisch zu Vergeltung und ewigem Hass. Anders herum ist es: Gott lässt sich so auf uns ein, dass er in all seiner Allmacht eingestehen muss: „Auch ich kann hier nichts mehr tun. Sie haben meine Liebe enttäuscht. Aber wenn ich sie jetzt zwingen würde, würde ich die Liebe auch noch von meiner Seite aus zerstören. Das will ich nicht.“

Und wie es Gott jetzt geht, auch das kennen wir von uns: Es gibt Phasen auch in unserem Leben, in denen wir vom Leben und von anderen so enttäuscht sind, dass wir nur noch uns selber haben. Dann warten wir vergeblich darauf, angesprochen zu werden, angesehen und herausgeholt zu werden aus unserer Menschen- und Gottverschlossenheit. Wüste, Dornen und Disteln, auch das gehört zu unserem Leben, auch zu unseren Glaubenserfahrungen als Gotteserfahrungen. Zur Liebe und zum Glauben, das lehrt uns das Weinberglied, gehört auch die Passion: das Leiden aus Leidenschaft.

Und hier möchte ich den eigentlichen Schlüssel zum Lied von Gott, dem enttäuschten Liebhaber seiner Braut finden. Gott selber ist in das Gelingen seiner Liebe unwiderruflich verliebt. Darum geht er trotz Rechtsanspruchs und Enttäuschung in seine große Passion – uns zum Heil.

So dienen sein Zorn, seine eiskalte Abwendung, seine Emotionen letztlich auch wieder nur dazu, den Bann der bitteren Erfolglosigkeit zu brechen. Gott, der uns von Jesus als die unsterbliche Liebe ins Herz gesenkt wurde, Gott geht selber den Passionsweg der Liebe, deren „Umsonst“ nicht endgültig ist, weil es für Gottes Gnade kein Aus und Vorbei gibt. Das zeigt der Kreuzweg. Jesus zeigt uns, dass Gottes Liebe ins Gelingen verliebt ist, dass er selber sich ins Leid der Welt begibt, damit der Schatten des Umsonst und des vernichtenden Zorns, die Dornen und die Wüste unseres kleinen Lebens und des ungeheuren Leides der Welt nicht das letzte Wort haben.

Niemand hat das welt- und lebenserfahrener beschreiben können als Martin Luther. Seine Worte weisen den Weg aus dem Umsonst und der Angst – zur dankbaren Freude an unserem hilfreichen Hirten. Damit schließe ich:

„Wenn du diesen Hirten kennst, so kannst du wider Teufel und Tod dich schützen und sagen: Ich habe ja leider Gottes Gebote nicht gehalten; aber ich krieche dieser lieben Henne, meinem lieben Herrn Christo, unter ihre Flügel und glaube, dass er ist mein lieber Hirte, Bischof und Mittler vor Gott, der mich deckt und schützt mit seiner Unschuld und schenkt mir seine Gerechtigkeit; denn was ich nicht gehalten habe, das hat er gehalten, ja, was ich gesündigt habe, das hat er mit seinem Blute bezahlt. Sintemal er ist nicht für sich, sondern für mich gestorben und auferstanden, wie er denn … spricht: Er lasse sein Leben nicht für sich, sondern für die Schafe. Also bist du denn sicher, und muss dich der Teufel mit seiner Hölle zufrieden lassen; denn er wird freilich Christo nichts anhaben können, der ihn schon überwunden [hat] und dich, so du an ihn glaubst, schützt und erhält.“

Amen.

Wesentliche Anregungen zu dieser Predigt stammen von Prof. Dr. Peter Steinacker (†)

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer

Die Hochzeit zu Kana

Predigt zu Joh. 2, 1-11 am 2. Sonntag nach Epiphanias
von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext steht im Johannes-Evangelium. Sie haben ihn vorhin bei der Evangeliumslesung schon gehört.

Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.
Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
Seine Mutter spricht zu den Dienern „Was er euch sagt, das tut“.
Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte und in jeden gingen zwei oder drei Maße.
Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.
Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.
Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten -, ruft der Speisemeister den Bräutigam
und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.
Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Das Szenario: Eine Hochzeitsfeier ist in vollem Gang und der Wein droht auszugehen. Wirklich oberpeinlich für den Gastgeber!
Doch der Gastgeber, der Bräutigam, hat Glück.
Jesus hilft ihm aus der Patsche, er verwandelt das Wasser in den Krügen zu Wein, sechs Krüge a zwei oder drei Maße, das sind ungefähr 600 Liter bester Wein. 

Fast jeder kennt diese Geschichte aus der Bibel. Es ist eine der bekanntesten Wundergeschichten.

Doch worum geht es hier eigentlich genau? Geht es nur darum zu zeigen, dass Jesus Wunder tun kann? Oder geht es um weit mehr als das?

Am Ende heißt es: „Das war das erste Zeichen, das Jesus tat – und er offenbarte seine Herrlichkeit.“
Aha – Die Herrlichkeit Gottes auf Erden! – darum geht es also in dieser Geschichte vom Weinwunder, es geht um das Licht Gottes, das in Jesus Christus zu uns gekommen ist. Deshalb ist dieser Predigttext auch für die Epiphanias Zeit ausgewählt worden, die Zeit im Kirchenjahr, in der es um die Erscheinung Gottes in der Welt geht. 
„Das war das erste Zeichen, das Jesus tat“, sagt der Evangelist. Das Weinwunder war also mehr als ein spektakuläres Kunststück, das alle bewundern sollten. Es war ein Zeichen, das für etwas steht, eine Art Wegweiser, der in eine Richtung zeigen will, zu etwas Größerem hin, etwas Wichtigerem als Wein für eine Hochzeit.
Jesus ließ die Menschen durch dieses Zeichen ein Stück des Himmels sehen, ein Stück göttlicher Liebe, Macht und Kraft – er offenbarte seine Identität:
Er war der Sohn des lebendigen Gottes! –  nicht nur der Sohn des Zimmermanns Josef aus Nazareth.
Deshalb ist es so eine schöne Geschichte, dieses Weinwunder von Kana. Denn die Botschaft scheint klar: Gott ist mit seiner Herrlichkeit mitten unter uns – und hilft uns in unseren Nöten, egal, worum es geht.

Wenn wir aber noch einmal genau auf den Text schauen, stellen wir fest, dass sich Jesus zunächst gar nicht offenbaren wollte; ja, dass er sich geradezu weigerte, einzugreifen. Sehen wir auf den Dialog mit seiner Mutter Maria. Sie, die gesehen hatte, dass der Wein ausgeht – und die wusste, wer Jesus war und was er vermochte, spricht ihn an: „Sie haben keinen Wein mehr!“ Die ungesagte Botschaft dahinter lautet: „Sohn, mach doch was!“
Doch was antwortet ihr Sohn darauf?
„Was geht’s dich an, Frau, was ich tue: Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“
Jesus weist sie deutlich zurück. In Luthers Übersetzung klingt es wirklich schroff.
Aus heutiger Sicht geht das gar nicht. Ein unmögliches Verhalten!

Weder Maria noch das Problem, das sie anspricht, scheinen Jesus zunächst zu interessieren.
In diesem Moment leuchtete noch nichts von der Herrlichkeit Gottes auf Erden auf.
Doch dann fügt Jesus seiner Abweisung eine interessante Anmerkung hinzu, die für das Verständnis seiner Reaktion sehr wichtig ist. Er sagt: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen!“
Was meinte er damit? Wollte er mit dieser Ansage Maria auf später vertrösten, auf später am Tag?  Wohl kaum.

Wenn man das Johannes-Evangelium aufmerksam liest, fällt auf, dass der Evangelist diesen Begriff öfter gebraucht, dass Jesus öfter von seiner Stunde redet, die „kommt“ oder später dann „gekommen ist“.
Wenn Jesus von seiner Stunde redet, meint er damit die Zeit, in der sich sein göttlicher Auftrag erfüllt. Der Auftrag, nach Jerusalem zu gehen, um am Kreuz das Leid und die Schuld aller Menschen auf sich zu nehmen und durch sein Sterben die Menschheit zu erlösen. Und der Auftrag, dem Tode die Macht zu nehmen – und in der Auferstehung die Herrlichkeit Gottes in Kraft zu offenbaren.

Und diese Zeit, diese Stunde Jesu, war am Tag der Hochzeit zu Kana noch nicht gekommen.

 Als Maria ihren Sohn auf den fehlenden Wein ansprach, stand der erst ganz am Anfang dieses schweren Weges, den er gehen sollte.
Vielleicht reagierte Jesus deshalb so schroff auf seine Mutter.  Weil im Vergleich zu dem Großen, was vor ihm lag, dieses Weinproblem nun wirklich uninteressant war.
Jesus war nicht für solche Kleinigkeiten von Gott gesandt, nicht, um punktuell Heilung zu bringen oder im Bedarfsfall Probleme zu lösen.

 Jesus Christus war von Gott gesandt, um das Ganze zu heilen, um alles zu überwinden, was uns Geschöpfe von unserem Schöpfer trennt, wirklich alles, bis hin zu unserer Endlichkeit – und uns wieder zu vereinen und zu versöhnen mit unserem himmlischen Vater!

Warum Jesus sich dann schließlich um das Weinproblem kümmerte – und die Wasserkrüge füllen ließ, wissen wir nicht.

Maria, seine Mutter, hoffte auf seine Barmherzigkeit.
„Was immer er euch sagt, das tut!“, sagte sie zu den Dienern.

 Und so setzte Jesus ein Zeichen: Das Wasser wurde zu Wein. 
 Es war das erste Zeichen von vielen, die folgten, um deutlich zu machen, dass bei Gott nichts unmöglich ist – und er alles vermag. Ein Zeichen, das auf den Gesalbten, den Sohn Gottes, hinwies, nicht mehr und nicht weniger.
Solch ein Zeichen Gottes kann auch uns Mut machen, aber es kann nicht die einzige Grundlage unseres Glaubens sein, dann würden wir scheitern.

Wie gerne hätten wir in der momentanen Zeit ein klares Zeichen der Hoffnung. Zumindest einen festen Zeitpunkt in der nahen Zukunft, an dem wir mit dem Ende der Pandemie rechnen können.
Aber so einfach ist das leider nicht.
Uns bleibt nur das Vertrauen darauf, dass der, der vor 2000 Jahren Wunder getan hat, unserem Leben das Fundament gibt, auf dem wir sicher stehen können.
Die Zeichen, die er gab, dienen dazu, unseren Glauben daran zu stärken, dass Gott da ist und Interesse an uns hat. 

In den vergangenen Wochen hörte ich in vielen Gesprächen häufig von negativen Erlebnissen, von Frust, von Verzweiflung, von Aussichtslosigkeit.

Dem können wir entgegenwirken:
Psychologen lassen ihre Patienten aufschreiben, was sie über den Tag hinweg Gutes erlebt haben. Jedem schlechten Erlebnis müssen die Patienten ein gutes Erlebnis gegenüberstellen.
Das müssen keine spektakulären Ereignisse sein. Auch Kleinigkeiten können unser Herz erfreuen!
Freude über das pfiffige Verhalten des Enkels oder Freude über den Anruf einer alten Freundin!

 Ich bin mir sicher: Wenn wir uns aufmachen, nach Zeichen Gottes in unserem Leben und um uns herum zu suchen, werden wir fündig.
Dazu braucht es einen Moment der Stille, ein offenes Herz!
Dann finden wir Gott, der da ist, auch in unserem Leben, mit seiner Liebe, mit seinem Licht!

 Sollte das nicht gleich gelingen, so wollen wir Gott darum bitten, dass er uns wachrüttelt aus der Lethargie,
dass er uns die Augen öffnet für die schönen Dinge im Leben,
damit wir uns freuen können und spüren, wie lebendig unser Gott ist!

Amen

Predigt zum 1. Sonntag n. Epiphanias

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 10.01.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Detailansicht Taufbecken in der Stephanuskirche

Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes,
dass er sich von ihm taufen ließe.
Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass
ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?
Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn
so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm
zu.
Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den
Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.
Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein
lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Matthäus 3,13-17

Liebe Brüder und Schwestern,

Johannes der Täufer tauft Jesus. Schöne, klare Geschichte. Ich vermute, es gibt jetzt hier drei Gruppen:
Die einen sagen: Ja! Ganz wichtige Grundgeschichte des Christentums. Kenne ich. Ist so passiert. Die ganze Dreieinigkeit tritt hier erstmals auf den Plan. Eine Geschichte, die jeder Konfirmand kennen muss.
Dann die zweite Gruppe, die sagt: Oh nee, wieder mal so ne typische Bibel-Geschichte: Treffen sich zwei Superfromme, planschen irgendwie im Wasser und dann spricht Gott höchstpersönlich vom Himmel runter. – Fast genau wie im richtigen Leben! Wozu muss ich das wissen?
Und dann könnte ich mir als dritte Gruppe noch die Kritischen denken – die Skeptiker. Die wissen: Johannes der Täufer taufte zur Vergebung der Sünden als dem letzten Ausweg vor dem ewigen Verderben.
So – und zu dieser Veranstaltung kommt jetzt ausgerechnet Jesus – und muss dann mit Johannes fast schon auskarteln, wer hier wen zu taufen hat. Dann kriegt Jesus seine emergency-exit-Taufe und darauf sagt Gott: Leute, das hier ist übrigens mein Sohn, den ich liebe. – Toll, warum braucht einer, zu dem sich Gott vor aller Welt bekennt, noch einen emergencyexit, einen Notausgang knapp vor der Sünden-Hölle?

Komische Geschichte.

So, aber jetzt beschwert sich vielleicht schon die erste Gruppe wieder und sagt: Jetzt ist das mal so ne schöne, eigentlich einfache Geschichte, da muss der Pfarrer die wieder kompliziert zerfieseln. – Ja, muss ich, denn erstens muss ich die Geschichte auch den Mitchristen aus Gruppe 2 und 3 nahebringen und zweitens haben wir die Geschichte nicht dann begriffen, wenn wir uns den Ablauf wie einen Film vorstellen können und sagen: Jawoll, das glaub ich, dass das so war. – Sondern richtig für meinen Glauben hab ich das hier erst begriffen, wenn mir klar wird, was mir das was bringt, dass Jesus hier getauft wird. Da müssen wir hin – und das hat ganz viel zu tun mit den Anfragen von Gruppe 2 und 3.

Zuweilen sind zur Interpretation der Bibel Seitenblicke hilfreich. Und so werfe ich einen ersten Seitenblick auf den Evangelisten Markus, der uns die gleiche Geschichte erzählt, aber nicht dieselbe. Bei Markus nämlich gibt es nicht dieses seltsam-schwülstige Gespräch: Wer von uns beiden ist würdiger? Warum ist die Taufe jetzt doch ok. Jesus sagt bei Markus kein Wort. Dafür spricht aber die Himmelsstimme Gottes nur zu ihm: Du bist mein lieber Sohn! – statt wie bei Matthäus, wo es eine Verlautbarung an alle Welt ist: Das ist mein lieber Sohn. – Diese Unterschiede sind schon einmal eine Warnung an alle, die meinen: So und nicht anders isses passiert. Matthäus erlaubt sich hier eine gewisse Erweiterung, die einen tiefen Sinn hat, auch wenn ein Regisseur vielleicht nur hätte filmen können, was Markus erzählt. Bei Markus übrigens ist die Taufe gleich das erste, was er überhaupt von Jesus erzählt. Johannes tauft ihn. Gott adoptiert ihn quasi: Du bist mein lieber Sohn. So! Ab jetzt ist er es. – Matthäus hingegen erzählt ja vorher schon, wie Jesus von der Jungfrau Maria geboren, von Herodes verfolgt und von den Weisen aus dem Morgenland besucht wird. Hier ist Jesus längst der Sohn Gottes von Geburt an, kommt aber jetzt zu Johannes und will ausgerechnet die Buß-Taufe zur Vergebung der Sünden haben. Matthäus lässt uns spüren: Das ist irgendwie peinlich. Peinlich für den Täufer, der ja den Größeren angekündigt hatte, dem er nicht würdig ist, die Schuhriemen zu lösen. Den soll er jetzt taufen, damit er seine Sünden los wird. Peinlich v.a. für Jesus. Aber auch peinlich für die ersten Christen und die Gemeinde, für die Matthäus schreibt. Der Messias sollte doch diese Taufe nicht brauchen. Das sagt jetzt auch Johannes zu Jesus. Und Jesus antwortet und das sind seine allerersten Worte bei Matthäus: „Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Eine schwierige, erstmal rätselhafte Erklärung: Der Ober, also Jesus, lässt sich vom Unter taufen, also von Johannes, und das soll gerecht sein – sogar total gerecht. Hm – gerecht kann ja viel sein: Jedem das Gleiche, oder jedem das Seine, oder das Gesetzesgemäße. Hier bei Matthäus heißt Gerechtigkeit umfassend das, was Gott will, also – alles, was Gottes Reich bringt und ausmacht, ist „Gerechtigkeit“ – und dazu gehört eben auch, dass Jesus, der Gottessohn, sich taufen lässt, wie die , für die er gekommen ist in diese Welt. Johannes hat ja gepredigt: Leute, demütigt euch endlich vor Gott, lasst ab von Eurem falschen Weg an Gott vorbei, lasst Eure Sünde abwaschen und kehrt um auf den neuen Weg mit Gott. Und genau diesen Gehorsam und diese Demut bringt Jesus auch. Modern gesagt: Er solidarisiert sich mit uns. Krass gesagt: Er deklariert sich selbst zum Sünder. Der Immanuel, der „Gott mit uns“, der Maria verheißen war, ist kein Gott, der heilig überm Boden schwebt und uns unantastbar den wahren Weg weist, nein! Wir haben einen Retter, der selbst da anfängt, wo wir immer wieder sitzen: In der Sünde, in der selbstgewählten Sackgasse, in Mist und Trotz und Eitelkeit und Gewalt. An Weihnachten mit dem Krippenkind hat Gott uns das schon gezeigt. Jetzt in der Taufe vollzieht Jesus diese Erniedrigung als mündiger Mensch selbst: „Ich ziehe Euch nicht von oben heroisch raus“, meint Jesus, „ich schiebe euch von unten aus dem Dreck der Gottlosigkeit.“ – Kein Wunder, dass das den Christen peinlich war. Matthäus dreht den Spieß um: Genau in dieser Peinlichkeit liegt die Gerechtigkeit, die das Reich Gottes bringt. Lukas – erwähnt die Taufe Jesu nur noch in einem kurzen Schlenker und der Evangelist Johannes lässt sie ganz weg.

Zweiter Seitenblick

Die großen Reformatoren vor Nürnberg. Holzschnitt eines unbekannten Künstlers, um 1560. (Bild: Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen)


Sie haben von mir einen Abzug der sog. „Großen Nürnberger Reformation“ bekommen, ein in echt 1,5 m breiter Holzschnitt von 1560. Erstmal ein
verwirrend volles Bild. Links und rechts aufgereiht eine ganze Menge Leute: Links die Fürsten, die die Reformation unterstützt haben und rechts die Theologen der Reformation, angefangen von Jan Hus, dann Luther und als dritter Melanchthon. Die versammeln sich alle vor unserer Stadt Nürnberg, wie wir alle hier klar erkennen. Und auch die Wappendreiheit wird am Himmel kenntlich. So, aber jetzt kommt’s: Das Eigentliche, worum diese ganze evangelische Elite sich versammelt, das ist die Taufe Jesu in der Pegnitz vor Nürnberg. Wir sehen Gottvater im geöffneten Himmel, wir sehen die Geist-Taube auf Jesus herabschweben und natürlich sehen wir Jesus im Wasser, der mit gesenktem Kopf, also in Demut die Taufe von Johannes empfängt.

Was soll das denn jetzt? Wie kann man denn die Pegnitz mit dem Jordan verwechseln? Nein verwechselt haben das die Nürnberger im 16. Jahrhundert nicht, sondern sie haben sich den Jordan als ihren Fluss angeeignet, also als Pegnitz. Das Ereignis, von dem Matthäus berichtet, haben sie im Glauben angenommen – als das, was hier in Nürnberg gilt. Das ist der Gehorsam der Glaubens. Nicht nur glauben, dass da mal irgendetwas Seltsames vor hunderten von Jahren im fernen Israel passiert ist, sondern für sich annehmen, dass das hier und jetzt für mich passiert und Geltung hat. Und wenn sogar Gottes Sohn Jesus, Gottes geliebter Sohn, sich vor Gott für uns demütigt, dann sollten wir das erst recht tun und – wir können es auch, weil wir ihn ja in unserer Mitte haben als den Anfänger und Vollender von Glauben und Gehorsam. – Wenn wir „unten“ sind, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht, wenn wir Umkehr, einen neuen Weg brauchen, dann ist ER gerade nicht fern von uns; dann ist er direkt neben uns. Darum knien auch all die mächtigen Männer links und die Weisen rechts, weil wir ja nicht stolz dastehen können, während sich unser Herr und Heiland unter die Taufe beugt. Das ist Nürnberger Glaube, der verstanden hat und insofern sollen und dürfen wir uns einreihen bei den großkopferten Tauf-Anbetern – und ich überlasse es Ihnen, ob sie das lieber bei den Mächtigen links oder den Schlau-Studierten rechts machen wollen. Vielleicht wollen ja die Frauen, die bislang gar nicht auf dem Bild sind, sogar eine neue dritte Reihe aufmachen … Für den Schluss-Teil möchte ich noch einen dritten Seitenblick riskieren – und der ist wirklich riskant. V.a. Paulus und der Hebräerbrief betonen, dass Jesus ohne Sünde
war, ja gewesen sein muss, um für uns Sünder zu büßen. Der stellvertretend Verurteilte kann die Menschheitssünden nur tragen, wenn er selbst davon rein ist. So war und ist es christliche Grundüberzeugung bis in neue Dogmatiken hinein.

Aber muss das wirklich so sein? Müssen wir daran festhalten, wenn Jesus sich doch selbst unter die Umkehr-Taufe zur Vergebung der Sünden beugt, wie es Matthäus selbst peinlich berichtet? Hebt das Dogma der Sündlosigkeit Jesus nicht doch wieder heraus, als hätte er sich nicht radikal mit uns solidarisiert? Wenn er sich selbst das Etikett „Sünder“ umhängt, erst in der Taufe am Jordan, und dann am Kreuz auf Golgotha, sind wir dann nicht guru-versessene Gläubige, dass wir seine Heiligkeit in zeitloser Reinheit behaupten statt eben in seiner Umkehr, durch die er sich gleichgemacht hat mit uns? Die Stimme Gottes aus dem Himmel sagt wörtlich übersetzt: „Das ist mein Sohn, der geliebte; an ihm habe ich Wohlgefallen gefunden.“ Und das klingt eigentlich schon nach dem Sünder, der radikal umgekehrt ist.

Martin Luther hielt zwar an der Schuldlosigkeit Christi fest, betont aber:

„Wir müssen erkennen, dass Christus ebenso wie Fleisch und Blut, so auch Sünde, Tod und alle Strafen angezogen hat. Wer es nicht wahrhaben will, dass Christus ein Sünder ist, der leugnet auch den Gekreuzigten.“

WA 40 I, 434

„Ich habs oft gesagt, und sag es noch: Wer Gott erkennen … will, der schau in die Krippe, heb unten an und lerne erstlich erkennen der Jungfrau Maria Sohn, geboren zu Bethlehem, so der Mutter im Schoß liegt und säugt oder am Kreuz hängt, danach wird er fein lernen, wer Gott sei. Solches wird alsdann nicht schrecklich, sondern aufs allerlieblichste und tröstlichste sein.“

An Weihnachten ist Gott Mensch geworden; zu Epiphanias wurde er kenntlich nicht nur als Retter Israels, sondern der ganzen Welt. Und heute wird uns klar: Um diese ganze Welt und uns hier vor den Toren Nürnbergs zu retten, hat er sich radikal zum Sünder gemacht, um eingehakt mit uns aufzubrechen ins Reich Gottes. Das ist unser Trost. Halleluja.

Amen.

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer

Predigt an Epiphanias

Von Pfarrerin Eva-Maria Kaplick (Nikodemuskirche) am 06.01.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Ein Teddybär ist in der Kindheit wohl sehr häufig ein Trost-Anker

Liebe Gemeinde,

„Botschaft voller Freude und Trost“ – so heißt eine Sammlung von Weihnachtsliedern, die ich sehr mag. Und an dem Wort „Trost“ bin ich hängengeblieben. Es gibt Wörter, die strahlen einen an, und „Trost“ ist so eines. Ja, das haben wir immer wieder nötig. Trost. Besonders wenn der Lockdown verlängert und verschärft wird. Ich möchte mit Ihnen darüber nachdenken, was die tieferen Gründe dafür sein können, warum wir Trost brauchen. Und was uns dann tröstet und was nicht. Heute am Dreikönigstag, zu dem wir Evangelischen lieber Epiphanias sagen, Erscheinungsfest, weil die Bibel weder was von Königen erzählt noch davon dass es drei waren. Aber drei Geschenke haben sie gebracht. Und das ist für mich ein zusätzlicher Aufhänger, um über Trost zu sprechen. Denn Geschenke und Trost haben etwas gemeinsam: Trost ist etwas, das wir uns nicht selbst geben können. Wir können ihn uns nur schenken lassen.
In vielen Familien wird der Christbaum heute Abend leergeräumt und aus dem Zimmer gebracht. Diese besondere Zeit mit ihren Liedern voll Freude und Trost erklingen heute meist zum letzten Mal. Was bleibt von Weihnachten?
Der Trost bleibt uns.
Ich habe mir überlegt, wann ich eigentlich Trost brauche, und solche Situationen vor meinem inneren Auge vorbeiziehen lassen. Das ist mir dabei deutlich geworden: Wenn ich mich klein fühle, brauche ich Trost. Wenn etwas anderes mir zu groß ist: eine Aufgabe, eine Verpflichtung oder andere Menschen. Wenn mich etwas bedrückt. Wenn mir etwas Angst macht. Wenn ich mich gedemütigt fühle, hilflos und allein gelassen, dann sehne ich mich nach Trost. Wenn ich das Gefühl habe, der Boden, auf dem ich vorher selbstbewusst gestanden bin, gut geerdet, wird mir unter den Füßen weggezogen, und ich falle. Dann wünsche ich mir einen, der mich hält, auf den ich mich verlassen kann.
Das Wort kommt aus der gleichen Wurzel wie das englische „trust“: Vertrauen. Dahinter steckt die Vorstellung von einem Vertrag: wie vereinbaren, sich auf einander zu verlassen. Dadurch entsteht ein Fundament. Etwas, das Halt gibt.

Psalm 23

Der Psalm 23 ist für viele Menschen so ein Halt. Er hat schon unzählig viele getröstet.
Der Dichter stellt sich vor, ein Schaf zu sein. „Dein Stecken und Stab trösten mich“ singt er. Den Trost, den Schutz, den Halt, den das hilflose, ängstliche Schäfchen im finsteren Tal braucht, umgeben von Feinden und anderen Gefahren, diesen Trost findet es in einem einfachen Stecken, den der Hirte immer dabei hat. Mit diesem Stab kann es der Hirte notfalls mit einem wilden Tier aufnehmen. So verdichtet sich eine große Wahrheit in einem kleinen Gegenstand.
Ich möchte jetzt mit Ihnen den Psalm 23 beten. Wenn Sie in den nächsten Wochen das Gefühl haben: Mir fällt die Decke auf den Kopf, mir nervt nur noch alles, tun sie das doch auch: Diese uralten Worte beten. Einmal, zweimal… und sich verbinden mit denn unzähligen Menschen, die dieser Psalm schon getröstet hat. Es wird etwas verändern.

Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit
werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben
im Hause des HERRN immerdar.

Psalm 23

Trost-Anker

Doch zurück zu dem Stecken, von dem im Psalm die Rede ist. Ich glaube, jeder Mensch kennt solche Gegenstände, die trösten. Manchen ist das sehr bewusst. Für andere ein Aha-Effekt, wenn sie sich bewusst machen: Mein zerfledderter Teddybär aus der Kindheit ist so ein Trost-Anker oder die Sammlung von Modelleisenbahnlokomotiven oder die Schmuckdose der Tante. Es gibt ganz verschwiegene Trost-Anker, mysteriöse, faszinierende Dinge, Wert nur wir kennen. Sie gehören zu uns. Das müssen andere Menschen gar nicht verstehen. Manchmal stellen sie eine geheimnisvolle Verbindung zu unseren Vorfahren her: die Taschenuhr des Onkels, die so beruhigend tickt oder ein wärmender Muff, wie ihn die Großmutter immer trug.
Wir brauchen uns für solche Trost-Anker nicht zu schämen, so verschroben sie nach außen auch wirken mögen. Hinter den Dingen leuchtet ein wärmendes Licht. So ist Epiphanias auch das Fest der kleinen Dinge, die mild von innen strahlen wie ein ferner Stern. Gut und tröstlich sind die geliebten Dinge, so lange sie das Licht dahinter nicht vollständig bedecken, sondern noch ein wenig durchlässig sind dafür.
Manchmal ist dieser Gegenstand auch ein Musikstück. Eine Melodie, eine gesungene Textzeile, die einem nahe geht. Eine Freundin von mir ist Opernfan. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es eher traurige Stücke waren, die sie in ihrer Trauer getröstet haben, wie zum Beispiel die Arie, die die entführte Tochter in der Gefangenschaft singt:  „Lass mich mit Tränen mein Los beklagen“ in der Oper „Rinaldo“ von Georg Friedrich Händel.
Trost scheint ähnlich zu funktionieren wie Homöopathie. Trauer wird nicht getröstet durch Lachen und Witze, sondern durch gestaltete, geklärte Trauer. In einer kläglichen Situation bringt ein Klagelied weiter, wenn es genau auf meiner Frequenz schwingt, wenn es in meinem Inneren Resonanz hervorruft. Dann bin ich nicht mehr allein, und das bewahrt mich davor, in den Fluten der Trauer zu ertrinken.

Wie tröstet man richtig?

Im Lateinischen heißt Trösten „consolatio“, wörtlich übersetzt „Mit-Einsamkeit“. Wer Trost braucht, fühlt sich allein gelassen mit seinem Schmerz und seiner Not. Ihm auf die Schulter zu klopfen und ein paar aufmunternde Worte zu sprechen – das ist da fehl am Platz. So, Ende der Einsamkeit, jetzt bin ich da! So einfach geht das nicht. Wer allein ist mit seinem Schmerz, der braucht jemanden, der mit ihm zusammen einsam ist. Der die Trauer und das Elend mit aushält. Jemand, die leise eintritt in das Haus der Trauer, ohne dort sofort zu lüften oder gar aufzuräumen.
Das kann man gut sehen, wenn man ein Kind tröstet. Man braucht es nur in den Arm zu nehmen und zu sagen: „Ich bin da“. Und darf sich nicht abweisen lassen, aber auch nicht zu sehr einlassen auf die Tränen. Wer mit in den Untiefen des Trost Suchenden untergeht, kann nicht mehr helfen. Helfen kann nur, wer selbst festen Boden unter den Füßen hat.
Vielleicht erinnern Sie sich an den Lutherfilm, der vor vielen Jahren in den Kinos kam und später im Fernsehen. Da wird das deutlich durch den Beichtvater von Staupitz. Wenn sei Schützling, der junge Mönch Martin in seiner Zelle mit dem Teufel kämpft und um Hilfe schreit, nach Trost sucht, dann ist er mitfühlend, aber ohne Mitleid dabei. Er bietet keine schnelle Lösung, keinen Sofort-Trost, aber er lässt Martin Luther auch nicht mit leeren Händen allein. Von Staupitz gibt ihm sein Kruzifix. „Schau auf Jesus Christus!“ Und das bedeutet: Schau auf den Gott, der selbst verzweifelt war, der am Kreuz nach Trost geschrien hat.
Trost ist weniger eine Handlung als vielmehr eine Haltung. Es ist nicht noch eine Aktion, sondern endlich einmal keine Aktion mehr. Wer einen anderen trösten will, der braucht einen Moment der Sammlung, des Zu-sich-selbst-Findens. Trösten heißt nicht: dem oder der anderen ein Lied vorsingen, sondern: wie ein Instrument werden, auf dem Gott seine Melodie spielt. Offen werden für die Melodie Gottes. So gesehen ist Trost eigentlich ganz einfach. Was dazu nötig ist, könnte man „Gebetsatmosphäre“ nennen. Sie entsteht, wenn ich etwas von der „Heiligen Idee“ erfasse, die Gott für diesen Trost suchenden Menschen hat. Normalerweise ist es schwierig, sie zu sehen. Aber im Augenblick der Trauer und des schmerzlichen Alleinseins ist sie leichter wahrzunehmen als sonst.
Wenn Sie in den nächsten Wochen des Lockdown einen Nachbarn, eine Freundin treffen, denen die Situation zu schaffen macht, vielleicht mögen Sie das ja mal ausprobieren, ob Sie etwas von dieser „Heiligen Idee“ spüren.
In der „Heiligen Idee“ ist der echte, wahre und tiefe Trost Gottes enthalten. In der Bibel gibt es verschiedene Worte dafür. Im Johannesevangelium sagt Jesus zu seinen Jüngern:

„Ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben, damit der bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit.“

Johannes 14,16f


Wer Trost braucht, kommt sich bruchstückhaft vor, unvollständig, in einzelne Teile zerlegt, die nicht zueinander passen. Was er im Augenblick der Trostlosigkeit vermisst, ist die Ganzheit. Die erschafft der Geist der Wahrheit. Er umhüllt uns, hebt uns aus dem Chaos der Zerrissenheit. Der Geist der Wahrheit heilt und ist echter Trost. Solcher Trost verwandelt die Trauer und den Schmerz. Getröstete Trauer lähmt nicht mehr, sondern führt einen in das Geheimnis des eigenen Seins und in das Geheimnis von Jesus Christus. Getröstete Trauer ist der Weg in die Freiheit, der Weg in eine verwandelte Welt.

Als das Land Israel von den Babyloniern dem Erdboden gleichgemacht worden war, der Tempel verbrannt, die meisten Menschen in der Gefangenschaft, in der völligen Trostlosigkeit tritt ein Prophet auf, dessen Worte aufgeschrieben sind als Anhang zum Buch Jesaja. „Trostbuch von der Erlösung Israels“ wird es genannt. Und es beginnt mit dem wohl schönsten Text, den es zum Thema Trost gibt:

„Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat…Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel werden niedrig, und was uneben ist, soll gerade werden. Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht müde werden.“

Jesaja 40,1ff

Wir werden getröstet durch kleine Dinge, kleine Gesten, durch das Mit-Alleinsein des anderen, durch kleine Stücke von Musik. Aber der volle Trost, den Gott für uns bereithält, ist alles andere als klein. Er verändert die Welt. Die Täler werden nach oben gedrückt, die Berge flach gepresst. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Nichts muss so bleiben, wie es ist.

Ich glaube, es gibt eine Stelle, wo wir Menschen ungetröstet bleiben. Das ist die Stelle, die nur von Gott, vom unendlich Großen, ausgefüllt werden kann. Das ist gut zu wissen, damit wir von den lieben Menschen um uns herum und von den Dingen und der Musik nichts Unmögliches erwarten.
Die Untröstlichen sollte man sich deshalb genau ansehen. Unter ihnen gibt es so manch große, tapfere Seele, der Menschentrost nicht genug ist. Sie besteht darauf, dass Gott selbst sie tröstet und mit seiner Barmherzigkeit erfüllt. Martin Luther und viele andere Mystiker waren solche Menschen. In ihrer Unerbittlichkeit erkunden sie Gebiete der Seele, zu denen wir normalerweise nicht gelangen. Dabei finden sie Wahrheiten, die auch uns ernähren, so wie das wunderbare Gebet von Teresa von Avila: „Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe. Alles erreicht der Geduldige. Und wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt. Ja, Gott allein genügt. Basta.

Eva-Maria Kaplick, Pfarrerin

Predigt zur Jahreslosung 2021

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Lk 6,36

von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

wieder stehen wir am Beginn eines neuen Jahres!
Bestimmt haben Sie heute im Laufe des Tages viele Neujahrswünsche erhalten und auch selbst ausgesprochen.
Die Neujahrswünsche, die wir uns gegenseitig zusagen, haben in diesem Jahr bei den meisten in erster Linie die Gesundheit im Blick, sie ist angesichts der Pandemie das zentrale Thema unserer Hoffnungen.

Ich möchte heute mit Ihnen einen Blick auf die Jahreslosung für das neue Jahr werfen. Sie lässt unseren Blick noch weiter kreisen.
Der Evangelist Lukas hat die Worte Jesu aufgeschrieben:

„Jesus Christus spricht:
seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

„Barmherzigkeit“ – was für ein althergebrachter Begriff!
Kaum einer von uns verwendet dieses Wort im Alltag.
Und doch berührt uns das Wort „Barmherzigkeit“ im Innersten.

Vielen von uns kommt sogleich die biblische Erzählung vom barmherzigen Samariter in den Sinn.
Sie erinnern sich: das war der Wanderer, der auf seinem Weg einem Überfallenen, einem übel zugerichteten und ausgeraubten Mann geholfen hat.
Jesus erzählt seinen Zuhörern dieses Gleichnis auf ihre Frage hin, wie man sich seinem Nächsten gegenüber verhalten soll.
Und typisch für Jesus … er verpackt seine Antwort in eine Geschichte.

Mit dieser Geschichte provoziert er seine Zuhörer, damit diese die Antwort begreifen, ja selbst finden.

Jesus erzählt, dass an dem Überfallenen zuerst ein Priester vorbeizieht; dieser darf sich aufgrund der Priestergesetze nicht mit Unreinem in Verbindung bringen. Dann kommt ein Levit daher; auch er kennt alle Kultvorschriften genau und er hat es eilig, um rechtzeitig zum Tempeldienst zu kommen.
Schließlich sieht ein Samariter den Mann am Boden liegen. Der Samariter handelt ohne zu überlegen, ohne lang zu fragen, ob er das darf, ob er sich dabei beschmutzt, ob es ihn seine Zeit und natürlich auch sein Geld kostet.

Provokant für Jesu Zuhörer ist die Geschichte deshalb, weil sie einem Samariter das barmherzige Handeln niemals zugetraut hätten. Hatten doch die Samariter keinen guten Ruf und galten als sektiererisch in dem Sinne, dass sie sich nicht streng an die jüdische Gesetzgebung hielten.
Doch Jesu Zuhörern wird dadurch klar:
Unser Nächster ist der, der unsere Hilfe braucht!
Diese Aussage sitzt!

Trotz Kontaktbeschränkungen konnte ich in den vergangenen Wochen viele Menschen zumindest zwischen Tür und Angel besuchen. Manchmal konnten wir auch nur vom Gehweg zum Fenster hin ein kurzes Gespräch führen. Was mich dabei geschmerzt hat, war die Aussichtslosigkeit, von der vor allem die älteren Menschen erzählten.
Die Sorge und die Angst vor dem Virus paarte sich mit einer großen Sehnsucht nach Nähe, nach einem Gespräch, nach Kontakt.  Der Lebenssinn schien nicht selten verlorengegangen zu sein.

Ein befreundeter Pfarrer schickte mir vor einigen Tagen ein Zitat Martin Luthers, das passender zur gesamten Situation nicht sein könnte:
„Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde. Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.“

Das ist es!
Wir sind barmherzig im Sinne Jesu, wenn wir die Not eines anderen zum Besseren wenden!

Voraussetzung dafür ist aber, dass wir mit uns selbst im Reinen sind. Nur wenn wir uns mit allen Fehlern und Macken selbst akzeptieren, können wir auch für andere ein großes Herz haben.
Wie kann uns das gelingen, unser eigenes Herz geschmeidig werden zu lassen?
Eine Portion Humor mit sich herumzutragen, kann oftmals schon der erste Schritt für eine Entspannung sein.
Und der zweite Schritt, der in die richtige Richtung führt, ist eigentlich ein Schritt zurück. Ein Blick in mein Innerstes.
Was mache ich aus meinem Leben. Welche Gaben habe ich von meinem Schöpfer bekommen? Was macht mich stark?

An Weihnachten haben wir uns an das schönste Geschenk Gottes erinnert.
Da fiel unser Blick auf den, der aus der Weite des Himmels als Kind zu uns kam, Gott wurde Mensch, mit allen Herausforderungen und Befindlichkeiten, die es in einem Menschenleben gibt.
Auch Jesus haderte mit sich und der Welt.
Aber er war sich seines göttlichen Auftrags bewusst, die Welt besser zu machen.
Die innerste Ergriffenheit und Überzeugung wollte er auch seinen Zuhörern zuteilwerden lassen.
Er gab ihnen damals vor 2000 Jahren und gibt uns für das Jahr 2021 die Richtung vor:

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Amen.

Predigt zum 1. Sonntag n. d. Christfest

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 27.12.2020 in der Stephanuskirche in Gebersdorf


Und als die Tage ihrer [Marias] Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem, um ihn [Jesus] dem Herrn darzustellen.

Und siehe, ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:

Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.

Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.

Lukas 2, 22.25-35


Liebe Mitchristen hier in Gebersdorf, aus Großreuth und von weiter weg,

Weihnachten ist zum Sterben schön! Das meint jedenfalls der alte Simeon, der heute sicherlich in einer geriatrischen Demenz-Abteilung entmündigt eingesperrt wäre. Vom Heiligen Geist (Vogel zeigen) ist ihm versprochen, er werde erst sterben, wenn er den Trost Israels, den Gesalbten Gottes gesehen hat. – Oje, sagt da der gesunde Menschenverstand, jetzt hat’s auch den erwischt.

Dadurch, dass wir die gesamten Senioren ab 75 mit einem generellen Demenz-Verdacht überziehen, sind wir – scheint mir – kaum noch offen für die hellsichtigen Einsichten unserer Groß- und Urgroßeltern. Nicht dass es nicht auch gewisse Verschrobenheiten und gedankliche Fixierungen gäbe bei bestimmten Senioren, ich sag’s mal vorsichtig, aber solche Simeons, die auch uns heute die Wirklichkeit aufschließen und weiter sehen als die MittVierziger oder –Fünfziger, solche Simeons gibt es auch heute. Und ich persönlich bin froh, dass ich in meinen jüngst vergangenen dunkelsten Wochen solche weisen Senioren an meiner Seite hatte. Viele waren es nicht. Aber diese wenigen sind unverzichtbar.

Zur Ehre des Alters möchte ich Ihnen von einem 76-jährigen Mann erzählen, der im Sommer 1989 folgende Sätze aufschreibt: „Warum?, mit welchem Recht? und aufgrund welcher Erfahrung ausschließen, daß eines Tages [in der jetzigen DDR] … nicht Hunderte, sondern Hunderttausende auf den Beinen sind und ihre staatsbürgerlichen Rechte einfordern? (…) Und Berlin? Und die Mauer? Die Stadt wird leben!, und die Mauer wird fallen.“

Der Mann hieß Willy Brandt. Am 1. September 1989 – die Mauer steht noch immer – sagt er im Bundestag, es gehe jetzt um mehr, als „durch vielerlei kleine Schritte den Zusammenhalt der getrennten Familien und damit der Nation wahren zu helfen“. Für Brandt steht nun die „Selbstbestimmung und Einheit“ der Deutschen auf der Tagesordnung. Dann fällt die Mauer am 9. November. Tags darauf fliegt Brandt nach Berlin und formt sein geflügeltes Wort: Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört. Am 3. Oktober 1990 geht mit der Einheit Deutschlands der gemeinsame Traum der Bundeskanzler Kohl und Brandt in Erfüllung. Mit Tränen in den Augen verfolgt Brandt die Zeremonie auf der Ehrentribüne vor dem Reichstag – dem Tempel der deutschen Demokratie sozusagen. 1992 stirbt er.

Warum erzähle ich das? Die deutsche Einheit war kein Heilsereignis. Aber die Einstellung des alten Willy Brandt kann uns zeigen, dass wir nicht zu trennen brauchen: Hier sind diese seltsam irreal frommen Menschen in der Bibel – und dort sind die echten Menschen unseres Lebens und unserer Welt. Simeon und Brandt haben ja viel gemeinsam: Sie erwarten das Große, das Entscheidende von der Zukunft. Aber nicht am St.-Nimmerleins-Tag, sondern noch vor ihrem Tod. Sie sind keine Nostalgiker, sie leben voll auf die Zukunft zu, obwohl sie wissen, dass sie an dieser besseren Zukunft kaum noch teilhaben werden. Beide wissen: Es geht nicht nur um eine bessere Zukunft für mich und meine Familie. Es wird für alle besser werden. Simeon besingt mit dem Jesuskind auf dem Arm, wie das Kind Juden und Heiden, also alle Nicht-Juden zusammenführt. Und er schließt: Nun kann ich in Frieden abtreten.

Und weniger umfassend, aber doch auf dieser Spur lautet das geflügelte Wort Willy Brandts wörtlich: „Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammenwächst, was zusammengehört. Das gilt für Europa im Ganzen.“ Dieser Nach-Satz wird meist weggelassen. – Also ich will Brandt nicht zum kleinen Mit-Messias machen, ich möchte nur zeigen, dass dieser alte, fromme Simeon durchaus ganz bei Trost war bei seinem auf den ersten Blick verwunderlichen Ausbruch angesichts eines „normalen“ Babys im Tempel.

Gehen wir seinem kurzen Lobgesang nochmal genauer nach: Er kann in Frieden sterben, weil Gott erfüllt hat, was er versprochen hat. Darum hören wir ja an Weihnachten auch die Prophezeiungen aus dem Alten Testament. Denn auch wenn Gott im Neuen Testament mit Jesus Christus einen neuen Bund setzt, so ist Gott doch derselbe und zumindest im Rückblick lässt sich ein Plan erkennen. Gott hatte schon länger einen irgendwie gearteten Heilsbringer „in petto“ – und Simeon darf ihn jetzt sehen. „Requiescat in pace“ – jetzt kann er in Frieden ruhen.

Luthers Worte „Heil“ und „Heiland“ klingen für uns ja so bibeldeutsch, religiös-pathetisch und irgendwie lebensfern. Da müssen wir uns einfach immer klar machen, dass dahinter der Begriff Rettung, Retter steht. Bei Heiland denke ich an die berühmte, millionenfach kopierte Statue Jesu von Berthel Thorvaldsen in Kopenhagen: Der sanftautoritäre, segnende, rein-weiße Gottesmann. Bei „Rettung“ denke ich an die Blaulicht-Retter auf unseren Straßen. Eine ganz andere Welt. Dieses Herausziehen aus prekärer Not, das dachten aber die griechischen Schreiber des Neuen Testaments immer mit. Wenn Simeon vom Heil spricht, ist die Rede davon, dass die Welt im Argen liegt – und dass nicht irgendwann, sondern so schnell wie möglich Abhilfe kommt. Und Simeon weiß, dass der Mensch mit dieser Abhilfe überfordert wäre: Gott selbst muss sie uns bringen, er hat es versprochen und sein Wort nicht gebrochen. Das heißt aber auch, dass diese Rettung nicht mit politischen Mitteln zu erreichen ist; das wäre ja wieder Menschenwerk. Es geht nicht um menschliche Weltverbesserei. Es geht nicht um die Rettung der Welt, sondern um unsere Rettung aus der Welt.

Das weiß das ganze Neue Testament, dass diese Welt eben tickt, wie sie tickt und dass sich das kaum verändern lässt. Das Heil, das uns der Glaube verspricht, ist darum immer eine Ent-weltlichung – auch lange vor dem Tod. Paulus sagt es so:

„Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist“

Röm 12, 2

Die Kraft zu dieser Änderung kommt aus dem Bruch, den Jesus in die Welt brachte: Gottes Sohn ein Kind im Stall, ein Verdammter am Kreuz. Die Welt will andere Helden. Aber Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Und sein Sohn verteilt selbst diese Kraft – in bloßen Worten, in einer schwächlichen Hostie und einem
Schluck Wein. Wie klein, ja kümmerlich empfängt er uns an der Krippe im Stall? Und doch – wieviel Kraft und inneres Licht haben Sie, liebe Mitchristen, nicht allein daraus schon empfangen? – Aber was heißt Rettung aus der Welt konkret? Was heißt es jetzt in Corona-Zeiten? Es gibt Christen, die glauben: Der Glaube – oder letztlich Gott – feit uns vor dem Virus. Wer richtig fest glaubt, bleibt ungefährdet. Die psychologische Variante dazu lautet: Die Angst steckt sich an. Wer keine Angst hat, kriegt es auch nicht. – Diese Ignoranz gegenüber medizinischen Einsichten hat mit der Entweltlichung des Glaubens nichts zu tun. Sondern diese meint die innere Beheimatung bei Gott. Und die bewirkt zwei Dinge: Einmal die Hoffnung für diese Welt, – dass wir Menschen getröstet und aufgerichtet werden durch die Kraft Gottes im Angesicht selbst unserer Feinde, zu denen auch das Virus gehört. – Und das zweite, was diese Gottes-Heimat bewirkt, ist die Gelassenheit dem hiesigen Leben gegenüber. – Beide Wirkungen dieser inneren Heimat sehen wir an Simeon: All sein Hoffen und Sehnen ist auf den Trost der Völker dieser Welt gerichtet. Aber er muss sich nicht darein verbeißen, diesen Frieden zu erreichen. Er lässt Gott wirken und tritt selbst ganz gelassen ab.

Beispielhaft auf Corona übertragen würde das heißen:
Hoffen, dass die Welt diese Geißel namens Corona bald los wird – und auch alles Menschen mögliche dafür tun – jeder an seinem Platz – so wie wir es gerade eben hier auch tun. Aber zweitens heißt es: Nicht die Welt retten wollen durch Corona-Maßnahmen. Nicht überspannt in Corona den Hebel sehen, um die Welt zu verbessern oder die Menschen zu erziehen. Sondern entspannt das Mögliche tun und warten, dass mit Gottes Kraft bald das Not-Wendende kommt. Dieses entspannte Warten in Gottvertrauen werden wir sicher noch einige Wochen brauchen.

Für uns nicht entscheidend, aber interessant ist, wie Simeon das Verhältnis zwischen Israel und den übrigen Völkern, also auch uns, bestimmt. Die Rettung ist bereitet vor allen Völkern: Sie ist Licht, das die Nicht-Juden aus der Finsternis führt und Licht-Glanz, Glorie, für Gottes Volk Israel. Die Besonderheit Israels besteht also nicht etwa darin – wie heute oft sogar in Kirche und Theologie gelehrt wird -, dass Israel über den alten Bund zum Heil kommt und Christus gar nicht braucht. Die Sonderstellung Israels wird gerade darin gewahrt, dass der Retter für alle, für Juden wie Nicht-Juden, ein jüdisches Kind ist, beschnitten und im Tempel Gott geweiht. An Simeon sehen wir, dass der Heilige Geist von einem so frommen, wahrhaftig-jüdischen Glauben aus eine Brücke bauen kann, im Jesuskind den Heiland, den Retter, den Messias des Alten Testaments zu erkennen. Und das tun wir ehemalige Heiden zusammen mit dem Juden Simeon.

Nachdem Simeon seinen berühmten Lobpreis gesprochen und die Familie Jesu gesegnet hat, hat er noch Worte extra an die Mutter Maria, die weit weniger bekannt sind:

„Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.“

Lukas 2, 34-35

Hier ist es spätestens Schluss mit der Weihnachtsidylle. Der holde Knabe im lockigen Haar wird also nicht nur Frieden, Liebe und Glück bringen, sondern er wird bewirken, dass das innerste der Menschen offenbar wird. Das kleine, „nackerte“ Christkind macht uns alle nackt – sogar unser Herz.

Dreimal kommen „die vielen“ vor: „Viele in Israel fallen und viele stehen auf; aus vielen Herzen wird offenbar, was da drin [Brust klopfen] eigentlich gedacht wird.“ Stünden diese Sätze im Johannesevangelium, wäre die Vorstellung die, dass der kindliche Offenbarer die Menschen rigoros teilt in Gläubige und Ungläubige. Die einen fallen, die anderen stehen auf zum ewigen Leben. – Hier aber, in dieser Rede des alttestamentlich-frommen Juden Simeon, dürfte es jüdischer gemeint sein. Dann nämlich sind „viele“ und „alle“ kaum zu unterscheiden. Er meint also: „Israel als ganzes wird fallen – und wieder aufstehen. Israel als ganzes wird deinem Kind, Maria, widersprechen – von Ausnahmen abgesehen – , sodass der Ungehorsam Israels offenbar wird. Dies wirst du miterleben und es wird dir wie ein Schwert durch die Seele fahren.“ Wie in einer Zeitraffer-Diashow laufen hier die Bilder so mancher Jesus- und Passions-Filme vor meinem inneren Auge ab. Jesu hartes Ringen mit den Schriftgelehrten und Pharisäern – und die Konsequenz am Kreuz.

Auch hier spricht Simeon Jesus nochmals speziell als Offenbarer und Heilsbringer der Juden an. Das heißt nicht, dass uns diese Worte nichts angehen. Auch uns gilt die Botschaft, zumal wir ja nun auch ‘ das schon 2000-jährige Gottesvolk des Neuen Bundes sind: Wenn uns Gott selbst besucht, um hier in dieser Welt zu unserem Heil einzugreifen; – wenn der einzige, wahre Gott sich auf ein Menschenleben auf Erden einlässt, dann bringt uns das kein Heil zum Billig-Tarif, dann bringt er nicht Wohlgefühl mit der Gießkanne. Gerade wenn er sich herabbeugt in ein kleines Windelkind und den höchsten Preis zu zahlen bereit ist, den man in dieser Welt zahlen kann – sein Leben. Gerade dann bleibt Gott auch der Gerechte, der seinem Willen treu bleibt, – und der also auch richtet. Wer Gott begegnet, kann fallen, – und es sind viele, die fallen. Das auf die Juden abzuschieben, war immer schon schäbig. So wie Simeon sein Volk anspricht, so müssen wir es auf uns beziehen. Gott besucht uns aus Gnade. Aber wer verkennt, dass nur ein Richter Gnade walten lassen kann, der macht aus Gnade – Kitsch. Das Paket „Gnade“ bringt immer das Gericht mit – deshalb fallen viele. Die Gnade verhindert auch nicht das Urteil, sondern „nur“ die letzte Konsequenz des ewigen Todes.

Deshalb stehen die Vielen dann auch wieder auf und können versöhnt von und mit und bei Gott weiterleben – in Ewigkeit. So sieht es auch Paulus für das Volk Israel und ist sich mit dem Simeon des Lukas einig: Dies alles wird geschehen im Glauben an Christus (Röm 11). Und genauso gilt es uns. – In diesem ganzen Prozess – das ist hier das richtige Wort – wird deutlich, wo jemand steht, wie jemand denkt, wie wir unsere Prioritäten setzen, wie wir letztlich das Verhältnis bestimmen zwischen unserem Ego – und Gott.

Das mitanzusehen wird die Mutter hart ankommen. Aber all dies ist notwendig, damit Heil, Rettung und Trost sein können, ohne dass etwas unter einen billigen Teppich gekehrt wird. Um Rettung und Trost geht es. Das ist das, was Simeon in Frieden scheiden lässt. Dafür, dazu hat Gott das Kindlein in die Welt geschickt.
[Tonwechsel: leicht] Zja – und schon Willy Brandt hat erzählt, dass der Stellvertreter Christi seinem Chef da in nichts nachsteht: „Auf dem SPD-Parteitag wird angekündigt, dass der Papst seine nächste Reise zur SPD mache. – Warum? – Weil er immer dorthin fährt, wo das Elend am größten ist.“

Und so können auch wir gelassen und heiter einstimmen: Herr, nun lässt du uns, deine Diener in dieser verlorenen Welt, früher oder später in Frieden scheiden. „Welt ging verloren; Christ ist geboren. Freue, freue dich, du Christenheit!“.

Amen.

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer

Vom Kommen des Reiches Gottes

Predigt zu 1. Thess. 5,1-6 am 08.11.20 in der Stephanuslirche
von Pfarrerin G. Edelmann-Richter

Liebe Gemeinde,

Wie schon in unserer Evangeliumslesung, so geht es auch in unserem heutigen Predigttext um den Tag des Herrn, uns besser bekannt als der Jüngste Tag, mit dem das Reich Gottes beginnen soll.
In früheren Zeiten war dies eine gewichtige und allgegenwärtige Vorstellung, die großen Einfluss auf das Leben und Handeln der Christen hatte.

Vielen Menschen der Moderne sind diese Vorstellungen fremd.
Da will man nicht mehr an den Tag glauben, der alles Dagewesene verändern soll, der wie ein großes Gericht Gottes über alle hereinbricht und schließlich in einem ungeheuren Sturm die Spreu vom Weizen trennt.

Zu fremd und zu alt hergebracht sind doch diese apokalyptischen Vorstellungen, die schon die Propheten des 8.Jahrhunderts vor Christus – allen voran Amos –  ausschmückten, oder die Vorstellungen, die wir aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, kennen.
Dramatische Szenen werden da geschildert, die doch eher an einen Untergang als an einen Neuanfang erinnern.
In etlichen Kinofilmen wurden diese Motive aufgenommen:
So in Tolkiens Ring-Trilogie, in „Armageddon“ oder in der endzeitlichen Schlacht um Hogwards, in der der Widersacher Harry Potters, der böse Lord Voldemort, vernichtend geschlagen wird.
Die Vorlagen zu diesen Endzeitgeschichten finden sich in den apokalyptischen Büchern der Bibel.

Sowohl zu Jesu Lebzeiten als auch zur Zeit des Paulus waren diese Vorstellung vom Ende der alten Welt, vom bald hereinbrechenden Beginn eines neuen Äons, eines neuen Zeitalters, in allen Köpfen.
Das müssen wir wissen, wenn wir den heutigen Predigttext verstehen wollen:

 1.Thess. 5,1-6:

Von diesen Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben, denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt, wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen: „Friede und Sicherheit“, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entrinnen.

Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichts und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen, wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.

Liebe Gemeinde,

 Jesus und auch Paulus erwarteten den baldigen Anbruch des Reiches Gottes. Jesus spricht dabei vom Menschensohn, der da kommen wird. Die ersten Christen identifizierten damit ihn selbst.  Als dann aber geschichtlich nichts Umwälzendes nach Jesu Tod gekommen ist, nimmt Paulus den Gedanken noch einmal auf und predigt abermals den baldigen Anbruch des Reiches Gottes.

Heute nach über 2000 Jahren wissen wir, dass mit der Hoffnung auf ein neues Zeitalter etwas anderes gemeint sein musste als eine spektakuläre Zeitenwende.
Wir gehen heute davon aus, dass die Zeit immer weiter geht.
Auch wenn sich die Menschheit in den nächsten Jahrhunderten aus Rücksichtslosigkeit gegenüber der Natur selbst die Lebensgrundlagen vernichtet, würde unser Sonnensystem noch Jahrmilliarden weiterbestehen.

Was hat es also mit dem Reich Gottes auf sich?

Jesus bringt es auf den Punkt: „Das Reich Gottes beginnt schon jetzt und ist mitten unter euch“, so sagte er es seinen nicht schlecht staunenden Zuhörern. Und dann erzählte er ihnen Gleichnisse wie das vom Barmherzigen Samariter und Geschichten, wo Menschen von Krankheiten geheilt und von bösen Dämonen befreit werden.
In diesen Handlungen, in diesen Geschehnissen ist Gottes Reich schon angebrochen.
So begegnet Jesus Fanatikern, die selbst Hand anlegen wollen, um das Reich Gottes mit aller Gewalt herbeiführen zu wollen.
Ich denke dabei an Judas, der ihn später verriet, weil er ähnlich den Zeloten das Reich Gottes zügig durchsetzen wollte.
Durch seine Erzählungen rüttelt Jesus auch die Gleichgültigen wach oder auch die Ängstlichen, die sich selber in allem zurückhalten, was für sie gefährlich oder zumindest nicht gleich von Nutzen sein könnte.

Und Paulus – auch er bezähmt die Endzeitfanatiker und bringt die Lethargiker in Schwung, indem er mahnt: „Der Tag des Herrn kommt, wie der Dieb in der Nacht!“
Das sollte heißen: „Ihr müsst ihn nicht herbeizwingen, aber verschlafen sollt ihr ihn auch nicht!“

Liebe Gemeinde,
was also dürfen wir hoffen, wenn es um den Tag des Herrn oder um das Reich Gottes geht?
Wissen wir doch, dass wir Hoffnung brauchen, da wir selbst oft machtlos vor einer Krankheit oder einer existentiellen Krise stehen.
Da stehen Fragen im Raum wie z.B. „werde ich meinen Schulabschluss schaffen?“, „finde ich eine Arbeit, die mir auch gefällt?“, „finde ich den richtigen Lebenspartner?“, „bleibe ich bis ins Alter geistig fit?“ und „wer versorgt mich, wenn ich alt geworden bin?“
Wahrlich, wir sind keine Hellseher und die, die sich als solche ausgeben, sind meist Scharlatane.

Und so hoffen wir alles in allem, dass es gut mit uns wird, dass unser Leben ein Ziel hat, das von Gott festgelegt wurde! Kein Produkt des Zufalls, sondern genauso von Gott gewollt!

Zwar möchten wir vieles planen oder zumindest die Wahrscheinlichkeit dafür ausrechnen, um uns sicherer zu fühlen, aber eigentlich müssen wir bekennen, dass sich der „Faktor Gott“ nicht in solche Pläne und Diagramme zwängen lässt.
Ein altes Sprichwort lautet ja: „der Mensch denkt – und Gott lenkt!“
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass uns diese Erkenntnis guttut.
Das passt gut zu unserem Predigttext.

Wir sind gefragt, hinzuschauen, anzupacken und einzugreifen, wo unsere Hilfe gebraucht wird, den Jüngsten Tag im wahrsten Sinne des Wortes nicht zu verschlafen, alles aber in der Hoffnung, dass nicht alles Gelingen in unserer Hand liegen muss, sondern wir der Macht und Kraft Gottes Etliches zutrauen können.
Eine Vertröstung auf den „Sanktnimmerleinstag“ wäre also hier völlig fehl am Platz.
Wir dürfen, sollen bereit sein für Spontanes, für Unvorhersehbares, ja sogar für Herausforderndes, weil wir die Zusage Gottes haben, dass er bei uns ist, heute und bis zum Ende aller Tage!

Paulus ging es in seinem Brief an die Thessalonicher um die Kunst des Lebens.
Selbst von Krankheiten gezeichnet, vom Schicksal hart gebeutelt, machte er der von ihm gegründeten Gemeinde Mut, auch mit Widersprüchen leben zu können.
Dem tieferen Sinn des Lebens auf der Spur zu bleiben, trotz des Hin und Her, das Ziel in Verantwortung Gottes gegenüber zu leben, nicht aus den Augen zu verlieren.

Der momentane Blick auf unsere Familien und der Blick nach vorne für unsere Gesellschaft gewinnen dann an Bedeutung, wenn wir unseren Weg als Kinder des Lichts und als Kinder des Tages gehen:

  • Nicht über das Vergangene zu lange nachgrübeln.
  • Den Krisen nicht zu viel Macht und Raum geben.
  • Die Sorgen bewusst vor Gott bringen.
  • Bereit sein für die Herausforderungen der Zeit.

Liebe Gemeinde,
Sie sehen, mit den Worten Jesu und den Briefen des Paulus werden die Zuhörer gecoacht!
Die Botschaft ist klar:
Christen dürfen sich umfangen lassen von der auf keine Zeiten festgelegte, unendlichen Liebe Gottes, die stark macht in guten wie in schlechten Zeiten.

AMEN

Predigt zum Reformationsfest

Von Prädikant Wilfried Kohl am 01.11.2020 in der Thomaskirche in Großreuth anlässlich des Brückengottesdienstes

Symbolfoto Jona und der Wal

Vor der Predigt wurde durch das Team ein Spielstück aufgeführt, welches zum besseren Verständnis hier mit aufgenommen wurde.

Spielstück „Jona und Gnade?“

Sprecherin (1): Gnade ist nicht ein Wort, was der Apostel Paulus erfunden hätte. Gnade spielt schon bei Noah und der Sintflut eine Rolle. Auch der Prophet Jona im Alten Testament stellt sich die Frage: „Wie gnädig ist Gott?“ Gott schickt Jona, den Propheten, in die große Stadt Ninive. Jona soll dort predigen gegen die Bosheit der Bewohner.

Jona: Ich will nicht! Ich mag nicht! Ich drücke mich einfach. Ich gehe an Bord eines Schiffes und fliehe nach Tarsis.

Sprecherin (2): Jona geht an Bord des Schiffes und das Schiff legt nach Tarsis ab. Doch Gott lässt einen Sturm aufkommen und das Schiff gerät in Seenot. Die Mannschaft des Schiffes und ihr Kapitän kommen auf den Gedanken, dass mit Jona irgendwas nicht stimmt. Sie stellen ihn zur Rede.

Jona: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen.

Sprecherin (1): Doch das Meer tobt weiter, obwohl sie Jonas’ Gott anriefen, Jona doch zu verschonen. Als sie Jona doch ins Meer warfen, legte sich der Sturm.

Sprecherin (2): Da ließ Gott einen großen Fisch kommen und Jona wurde von ihm verschlungen. Im Bauch des Fisches betete Jona zu Gott und versprach seinen Auftrag zu erfüllen. Daraufhin wurde er wieder an Land gespült. Jona predigte in Ninive.

Jona: Nur 40 Tage bleiben euch, dann geht Ninive unter.

Sprecherin (1): Aus Angst vorm Untergang glaubten die Menschen von Ninive fortan an Gott und hüllten sich in Sack und Asche. Selbst der König von Ninive legte seinen Purpur ab.

König: Mensch und Vieh soll fasten und heftig zu Gott rufen, dass er uns verschont. Ein jeder von uns kehre in sich und lass ab von bösen Machenschaften.

Sprecherin (2): Und Gott bereute sein bisheriges Vorhaben und verschonte Ninive. Jona aber wurde zornig und sprach zu Gott.

Jona: Ich habe es vorhergesehen, dass du es nicht machst. Daher habe ich mich gedrückt. Du bist einfach zu gnädig – zu barmherzig! Ich möchte jetzt lieber tot sein als leben.

Liebe Gemeinde,

„so nimm nun meine Seele von mir“, so spricht Jona in seinem Verdruss und Zorn über Gott, denn er möchte lieber tot sein als leben.

Jona nimmt plötzlich seine Aufgabe als Unheils Verkünder für Ninive ernst und wirft Gott vor A aber nicht B zu sagen.

Gott ist ihm zu gnädig und zu barmherzig, denn er verschont die Bürger von Ninive.
Was nun? Jona schmollt und beobachtet die Situation um Ninive weiter. Er lässt sich östlich von der Stadt Ninive in einer selbstgebauten Hütte nieder. Und Gott ist sogar noch um Jonas Wohlergehen bemüht, indem er einen großen Rizinus oder auch Wunderbaum genannt, wachsen lässt, der ihm Schatten vor der Sonne spendet. Doch die schattenspendende Wohltat Gottes an Jona hält nur kurze Zeit an, denn der Rizinus verdorrt durch die Zünzlerraupen. Jetzt sticht Jona die Sonne und er ermattet. Nun wünscht sich Jona erneut den Tod. Gott frägt Jona, ob er mit Recht zürnt, da Jona den Rizinus keine Pflege angedeihen ließ. Und Gott zieht den Vergleich mit Ninive, die große Stadt mit 120000 Einwohnern, die ihm nicht jammern sollte – Menschen, die weder rechts noch links wussten? Wohlergehen für sich selbst, lässt sich Jona gerne gefallen – doch für andere kennt Jona keine Gnade – nur Gerechtigkeit.

Fast auf den Tag genau feierten wir hier in der Thomaskirche vor 3 Jahren 500 Jahre Reformation und damit den Geburtstag der evangelischen Kirchen in Deutschland. Martin Luther, der Reformator und Augustinermönch, stand dabei im Mittelpunkt. Doch auch heute passt Luther zu Jona und zu unserem heutigen Predigttext aus dem Epheserbrief.

Zwischen dem Propheten Jona und seinem Umgang mit der Gnade und Martin Luther lassen sich gewisse Übereinstimmungen finden. Ich meine jetzt nicht die Parallele, dass Luther im Augustinerkloster weltabgewandt lebte – ähnlich dem Zustand Jonas im Bauch des großen Fisches. Vielmehr meine ich Luthers Ringen um Gottes Gnade. Martin Luther suchte für sich den gnädigen Gott und fand ihn über Jahre nicht. Die Angst plötzlich vor dem himmlischen Richter gerufen zu werden, setzte Martin Luther derart zu, dass er sich selbst in einem Beichtgespräch, wie er später bekannte, wie eine tote Leiche- also seelisch toter als tot fühlte. Paulus schreibt dazu im Brief an die Epheser:

„Gott hat uns seine ganze Liebe geschenkt und uns zusammen mit Christus lebendig gemacht. Das tat er, obwohl wir doch tot waren aufgrund unserer Übertretungen.“

Epheser 2, 4-5

In seiner Todesangst dachte Luther stets an den Höllenschlund. Dagegen half auch sein Eifer für fromme Übungen, wie stundenlanges Beten, Wachen, Fasten und intensive auch blutige Selbstkasteiungen, sowie Wallfahrten, nichts. Erst durch viel Nachdenken, Sinnieren, Bibellesen, Zuspruch von Freunden, Diskutieren mit ihnen und im Bekanntenkreis gewann Luther im Frühjahr 2018 – also erst nach dem Thesenanschlag, die Erkenntnis, dass wir nicht durch Werke, sondern allein durch den Glauben an Christus gerecht und selig werden. Dazu hat Luther wohl mehrfach den Text des Paulus im Brief an die Römer gelesen, wo es heißt:

Im Evangelium „wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welcher kommt aus Glauben in Glauben.“

Römer 1, Vers 17

Von Jona wissen wir nicht, ob er nach langem Nachdenken zu der Erkenntnis gelangte, die Gnade Gottes für Sünder und auch für sich selbst anzunehmen. Luther kam nach langem Ringen mit sich selbst dazu.

Philipp Melanchthon hat im Augsburger Bekenntnis (abgedruckt in unserem Gesangbuch auf Seite 1564 ff.) festgehalten unter dem Artikel 20: Vom Glauben und guten Werken: „Erstlich, dass unsere Werke uns nicht mit Gott versöhnen und uns nicht Gnade erwerben können, sondern das geschieht allein durch den Glauben – wenn man nämlich glaubt, dass uns um Christi willen die Sünden vergeben werden, der allein der Mittler ist, um den Vater zu versöhnen.“

Ich habe mich gefragt, was ist Gnade für mich und bin anders wie Martin Luther an für mich diesseitig Lebensnotwendigen hängen geblieben. Die Angst vor dem Fegefeuer spielte dabei keine Rolle. Alles gipfelt in der Beantwortung der Frage: „Was ist mir wichtig in meinem Leben?“ Gnade ist für mich: unsere funktionierende Ehe; die Beziehung zu meinen Kindern und zu meinen Enkeln, meine Arbeit und meine Hobbies und Gnade ist auch die Verkündigung des Wortes Gottes und natürlich auch Gesundheit. Gnade finde ich gut beschrieben im 3. Vers des Kirchenliedes Lobet den Herren alle, die ihn ehren:

„Dass unsere Sinnen wir noch brauchen können und Händ und Füße, Zung und Lippen regen, das haben wir zu danken seinem Segen. Lobet den Herren!“

Wenn ich meine 86-Jährige Mutter frage was ihr wichtig ist, dann kommt meist die Antwort, dass mein Hirnkästchen noch funktioniert. Von manch einem der Vätergestalten des Altes Testament heißt es er starb lebenssatt. Auch das kann Gnade sein. Und der Vater im Gleichnis Jesu sagt hinsichtlich seines zurückgekehrten und verlorenen Sohnes im Lukasevangelium:

Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden

Lukas 15, 24

Alles, was wir uns selbst als Gnade vorstellen und dies sagt uns Paulus im Brief an die Epheser mehr als deutlich ist Gottes Geschenk. Ohne Gnade und ohne Gottes Zuwendung sind wir innerlich tot. Mitunter aus Tatortverfilmungen kennen sie einen EKG-Monitor: tot ist da der Ermordete mit lang ertönenden Piep-Ton.

Wie ein verlorener Sohn sind wir, die wir uns zu Christus bekennen jedoch zum Leben gelangt. Wir sind mit einem Bein bereits wiedergeboren und mit Christus auferweckt. Das ist unser Glaube und unsere Hoffnung und Gottes unendlich reiches Geschenk. Wir können also lachen und müssen kein Trübsal blasen – und auch gerade jetzt in den Pandemiezeiten nicht.

Für die letzten beiden Sätze unseres Predigttextes hab ich mir gedacht: Ist es eine gewisse Naivität von Paulus, dass wenn wir an Christus glauben, tatsächlich nur noch Gutes tun? – oder schafft Gott einen Automatismus für uns – wir können nur noch gut handeln? Und kommt durch die Hintertür unseres Predigttextes doch die Werkegerechtigkeit wieder? Ich habe mir dann selbst folgende Antworten gegeben. Glaube braucht tägliche Übung und Praxis – ich muss meine Lebenseinstellungen und Lebensführungen täglich überprüfen: Mag ich mich und liebe ich auch meine Nächsten, mit all meinen und den ausgemachten Fehlern der anderen. Kann ich mir meine Fehler verzeihen und auch denen, denen ich täglich begegne. Kann ich dies alles in ein Gebet kleiden und vor Christus bringen?

Der Evangelist Lukas hat ganz bewusst in die Aufforderung Jesu an seine Jünger – sein Kreuz auf sich zu nehmen und Jesu Weg zu folgen, die beiden Worte „jeden Tag“ eingefügt.

Wir benötigen daher liebe Gemeinde jeden Tag Gottes Geschenk der Gnade, aber auch jeden Tag Übung und Praxis – unser Kreuz – im Glauben zu tragen. Nur so bleiben wir lebendig. Und übrigens, beschenken lassen muss man sich schon und nicht wie Jona schmollen.

Amen

Prädikant Wilfried Kohl

Predigt zum 19. So. n. Trinitatis

Von Prädikant Wilfried Kohl am 18.10.2020 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Wer von ihnen kennt nicht Lukas Podolski, den Weltfußballer, Star des 1. FC Köln und des FC Bayern München. Er dürfte heute einer der bekanntesten Lukasse sein. Schon weniger bekannt ist Lukas der Lokomotivführer – eine Kinderbuchromanfigur des Michael Ende. 2018 kam der Film „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ in die Kinos und derzeit läuft „Jim Knopf und die wilde 13“. Auch die Augsburger Puppenkiste hat diesen Roman umgesetzt.

Noch weniger bekannt ist wahrscheinlich Lukas Cranach der Ältere – ein Zeitgenosse von Martin Luther, Maler, Grafiker und Buchdrucker, der die Reformation Luthers kräftigt mit Buchdruck und Malerei unterstützte. Lukas ist auch in Deutschland, nach Österreich, ein beliebter Jungen-Name. Der Evangelist Lukas, dessen Gedenktag wir heute begehen, ist vielleicht nur Bibelkennern und dem christlichen Glauben Nahestehenden bekannt.

„Hand auf Herz“, kannten sie die Bauernregeln zum heutigen Festtag:

„Wer an Lukas Roggen streut, es im Jahr darauf nicht bereut – und ist St. Lukas mild und warm, folgt ein Winter, dass Gott erbarm.“

So wenig bekannt, wie diese Ernte- und Wetterregeln sind, so wenig bekannt ist auch über die Evangelisten Lukas selbst.

Neben manchen weiß man jedoch, der Autor des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte, wollte 60 oder 80 nach unserer Zeitrechnung schriftlich festhalten, was Zeitzeugen von Jesus von Nazareth mit ihrem Glauben bezeugten und was Lukas bekannt war von der Urgemeinde und der Ausbreitung des Glaubens an Jesu den Auferstanden bis an die Grenzen der damaligen Welt. Lukas wollte ein Werk schaffen, was alle Zeiten überdauert und den Glauben an den einzigartigen Gott der Juden und seinem Sohn Jesus in die Herzen der Menschen bringt.

Auch der Autor unseres heutigen Predigttextes, Deuterojesaja oder 2. Jesaja genannt, wollte mit diesen für heute ausgesuchten Zeilen Gott als unseren Heiland bezeugen. Hören wir aus dem Buch des Propheten Jesaja im 43 Kapitel die Verse 8-13.

Es soll hervortreten das blinde Volk, das doch Augen hat, und die Tauben, die doch Ohren haben! Alle Völker sind zusammengekommen und die Nationen versammeln sich. Wer ist unter ihnen, der dies verkündigen kann und uns hören lasse, was früher geweissagt wurde? Sie sollen ihre Zeugen aufstellen, dass sie recht bekommen, so wird man´s hören und sagen: Es ist die Wahrheit.

Ihr seid meine Zeugen, spricht der Herr, und mein Knecht, den ich erwählt habe, damit ihr wisst und mir glaubt und erkennt, dass ich´s bin. Vor mir ist kein Gott gemacht, so wird auch nach mir keiner sein.

Ich bin der Herr, und außer mir ist kein Heiland. Ich hab´s verkündigt und habe auch geholfen und hab´s euch hören lassen; und es war kein fremder Gott unter euch. Ihr seid meine Zeugen, spricht der Herr, und ich bin Gott. Auch künftig bin ich derselbe, und niemand ist da, der aus meiner Hand erretten kann. Ich wirke; wer will´s wenden?

Jesaja 43, 8-13

Liebe Gemeinde,

„gibt es den da Oben überhaupt?!“Diese Frage stellen sich Zweifler und auch Gläubige seit Jahrtausenden und auch zu Jesajas Zeit. Insbesondere in einer solchen Ausnahmezeit, wie der babylonischen Gefangenheit, 597 -539 vor Christus. Das Volk Juda durchlebte in dieser Zeit Entbehrungen und Unterdrückung. Religionswissenschaftler machen in dieser Zeit der Bedrängnis durch die Babylonier und vorher durch die Assyrer die Entstehung des Monotheismus fest. Monotheismus heißt, ich glaube ausschließlich an einen Gott.

Jesaja will seinem blinden und tauben Volk mit Gottes Versprechen und Zusage, dass es heimkehren kann, beweisen, dass es ihren Gott Jahwe gibt. Die Götter der anderen Völker dagegen sind nur Hirngespinste, Gestirnen Abbilder und nutzloses Holz, das ohne Sinn angebetet wird.

Gott selbst tritt mit Jesajas Worten, den kosmologischen Beweis an, dass er ewig ist, indem er sagt: „Vor mir ist kein Gott gemacht, so wird auch nach mir keiner sein.“ Sie wissen, schon des Längeren stellen unsere Physiker die Frage, „Was war vor dem sogenannten Urknall?“ Eine Antwort darauf wurde bis dato nicht gefunden.

Jesaja erbringt in unserem Text einen weiteren Beweis für Gottes Einzigartigkeit. Unser Gott Jahwe hat sich nicht nur einem einzelnen Menschen offenbart, sondern vielen. Angefangen von Noah, Abraham, Jakob, Saul und David, Elia und vielen anderen Propheten. Der Gott Israels und der Vater Jesu ist kein verborgener Gott und damit einzigartig in der Religionsgeschichte. Ihr seid meine Zeugen, spricht Gott.

Und Jesajas und damit Gottes dritter Beweis ist Gottes Wirken in unserer Welt. Gott selbst sagt „ich bin der Herr und außer mir ist kein Heiland.“

Wir Christen sind aufgerufen, Gottes Wirken in der Welt und auch in unserer eigenen Lebenswelt zu bezeugen. Auch ich kann schon mehrfach den 3. Vers des Liedes „Lobe den Herrn, meine Seele“ singen – „Der mich vom Tode errettet hat“ – als täglicher Radfahrer war ich dem Tod schon mehrfach nahe.

Der Evangelist Lukas, dem wir heute gedenken, bezeugt in der Tradition des Propheten Jesaja stehend, Gottes weiteres Wirken mit dem Evangelium und der Apostelgeschichte. Jesus von Nazareth, Gottes Sohn, steht für Lukas, obwohl er ihn persönlich nie gekannt hat, für das lebenswichtigste weltgeschichtliche Ereignis und die Zeitenwende Gottes.

Die Botschaft Jesu an Güte zu glauben, statt an Gewalt, an Gnade statt an Gerechtigkeit, an Vergebung statt an Vergeltung und an Gottes unsagbare Liebe zu uns Menschen, statt an Angst und Hass. Diese geradezu menschliche und lebensschützende Botschaft Jesu ist auch nach mehr als 2000 Jahren nach Jesu Geburt nicht mal in Ansätzen von uns Menschen umgesetzt. Für Lukas jedenfalls war Jesus, der das Undenkbare nicht nur dachte und verkündigte, sondern auch noch in die Tat umsetzte, indem er Menschen heilte und von Dämonen befreite, der von Gott gesandte Heiland und Messias.

Lukas sah in Jesu freimachender Botschaft auch noch mehr soziale Konsequenzen, als die anderen Evangelisten. Hungernde werden von Gott beschenkt und Reiche gehen leer aus; „verkauft was ihr habt und gebt Almosen,….denn wo euer Schatz ist, wird auch euer Herz sein, lesen wir in Lk.12, 33ff. Und im großen Abendmahl Gottes nehmen am Schluss bei Lukas die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen teil. Nur im Lukasevangelium findet sich die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus.

Gleich zu Beginn von Jesus Wirken in Galiläa, lässt Lukas Jesus mit den Worten Jesajas sein Programm, seine Mission in seiner Heimatstadt verkündigen:

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen und den Blinden, dass sie sehen sollen und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.

Lukas 4,18-19

Daher wird Lukas, der eigene Akzente in Jesu Botschaft sah, gerne auch als Sozialist unter den Evangelisten und nicht nur als Befreiungstheologe gesehen. Lukas wollte in seinem Evangelium von Jesus Christus und in der Apostelgeschichte „Heilsgeschichte“ Gottes schreiben, die uns Menschen von Sorgen und Ängsten befreit. Vertrauen zu Gott, dass will er uns mit seinen Glaubensgeschichten vermitteln. So lässt Lukas schon zu Beginn mit der Geburt unseres Heilands durch den Engel Gottes verkünden: „Fürchtet euch nicht!“ Es geht dem Lukas auch in der Apostelgeschichte nicht um eine alleinig historische Darstellung – es geht vielmehr tatsächlich um Predigten die Lukas schrieb.

Eben ratlos bin ich jedoch, wie soll das Evangelium vom Reich Gottes unter uns Wirklichkeit werden? Kaum realistisch erscheint Jesu Botschaft in unserer Welt: Gewaltverzicht um des Friedens willens, freiwillige Armut um Gerechtigkeit zu schaffen, Helfen statt Strafen, Verstehen statt Verurteilen und Aufrichten statt Hinrichten. Wie soll uns das alltäglich als Menschen gelingen?

Ich höre sie schon die religiösen Strategen, die Disziplin, sich am Riemen reißen und Verzicht einfordern. Doch äußerer Zwang und Fremdbestimmung führt zu nichts.

Allein Freiwilligkeit, überzeugende Liebe zu uns selbst, schafft auch Vertrauen zu anderen Menschen und zu Gott. Letztlich ist es wohl Gnade oder die Zuwendung Gottes, die uns den Mut gibt an seinem Reich mitzubauen.

Oder viel besser ausgedrückt und von Konfirmanden oft gewählt als Konfirmationsspruch ist die unserem heutigen Predigttext in Jesaja 43 vorangestellte Zusage Gottes: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen. Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.“

Und zum Schluss die Frage an jeden von ihnen: „Gibt es den da oben?“

Ich weiß, dass mein Heiland lebt und ich verkündige gerne seine gute Botschaft. Amen

Prädikant Wilfried Kohl