Anderen helfen! Wem? Wie? Warum? Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter

Predigt von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter zum 13. So.n.Trin. 2022,
LK 10, 25-37

Liebe Gemeinde,

die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, die wir vorhin als Evangeliumslesung gehört haben, ist wohl eine der bekanntesten biblischen Erzählungen.
Unzählige Male habe ich diese Geschichte meinen Schülern erzählt.
Die Jüngeren hatten jedes Mal großes Mitleid mit dem Verletzten. Beim Nachspielen der Geschichte wollten die meisten Kinder den Helfenden, den Samariter spielen. Sie fragten nicht, wer der am Boden Liegende war, welchen Beruf er hatte, ob er arm oder reich war.
Allein das Elend bedauerten die Kinder.

Bei den Konfirmanden sieht es schon anders aus. 
Nicht selten melden sich sofort Freiwillige, die die Räuber spielen möchten, obwohl die ja in der Erzählung nur als Ursache des Leids genannt werden und eigentlich keine Rolle mehr spielen. Die Opferrolle hingegen will keiner übernehmen.

In der Oberstufe ging es dann nicht mehr um Rollenspiele. Oft haben wir heiß darüber diskutiert, wie verlogen doch der Priester und auch der Levit waren, die aufgrund ihres Berufsstandes mit dem Opfer nichts zu tun haben wollten und den Schwerverletzten einfach liegen ließen.

Ursprünglich berichtet der Evangelist Lukas, dass der Erzählung Jesu die Frage eines Schriftgelehrten vorausging, der wissen wollte, was ein frommer Mensch tun solle, um das ewige Leben zu erlangen.
Natürlich wollte der Schriftgelehrten den Wanderprediger Jesus damit auf die Probe stellen. Er wollte sehen, ob sich Jesus mit den heiligen Schriften auskenne.
Jesus durchschaute die Fangfrage und drehte den Spieß um.
„Was steht in den Schriften?“  So stellte er geschickt die Gegenfrage und der Schriftgelehrte antwortete – wie aus der Pistole geschossen – mit dem Doppelgebot der Liebe aus den Büchern Levitikus und Deuteronomium:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst!“
Darauf sagte Jesus: „Du hast recht geantwortet, tu das, so wirst du leben!“
Der Schriftgelehrte aber ließ nicht locker:
„Wer ist denn mein Nächster?“ wollte er wissen.
Da erzählte ihm Jesus die Geschichte vom Überfallenen.

Für den Zuhörer, den Schriftgelehrten vor 2000 Jahren, war das eine provokante Erzählung.
Denn ausgerechnet ein Samaritaner, ein verachteter, ja religiöser Außenseiter mit eigenen religiösen Bräuchen, Gebeten und Liedern erfüllte mit seinem Handeln jenes Gebot, das in der hebräischen Bibel eine ganz zentrale Stellung einnimmt!
Dieses Doppelgebot der Liebe besagt ja, dass die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Mitmenschen untrennbar zusammengehören!
In den Büchern Mose gibt es keine Einschränkung dazu, ob sich das gute Handeln und Tun nur am eigenen Volk, nur an den Verwandten, Freunden oder auch an Fremden ausrichten solle.

Genau das nimmt Jesus zum Anlass für seine Erzählung.
Und macht damit wieder einen erfolgreichen Schachzug.
Ganz einleuchtend macht Jesus seinen Zuhörern klar, dass der Mensch Anteil am echten Leben hat, wenn er im rechten Augenblick dem Menschen hilft, der seine Hilfe braucht, egal welcher Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Profession der Hilfsbedürftige ist.

Liebe Gemeinde,

vor 2000 Jahren lautete die Frage:
Was soll man als guter Mensch machen, um das ewige Leben zu erhalten.

Wie würden wir heute die Frage formulieren?
Vielleicht so: 
Was ist der Sinn meines Lebens?
Was soll ich aus meinem Leben machen?
Warum hat mich Gott ins Leben gerufen?
Bin ich berufen – und wenn ja wozu?

Es wäre sicher sehr spannend, wenn wir jetzt miteinander ins Gespräch kämen.
Denn jede/r von uns hat seine eigene Geschichte mit Gott.
In unserer Stephanusgemeinde gibt es etliche, die hier eine sinnvolle Aufgabe für sich entdeckt haben.
Mal mehr, mal weniger schenken sie von ihrer Zeit her.
Ich kenne aber auch viele, die sagen: „Mögen tu ich wohl, doch ich weiß nicht, wem und wie und ob ich das auch schaffe…“
Dabei denke ich, dass kaum einer von uns einem Verletzten oder akut Hilfsbedürftigen die spontane Hilfe verweigern würde.

Doch es gibt bei uns auch viele Angebote, sich für andere öfters einzusetzen.
Ich denke da an den Besuchsdienst für unsere Senioren, an die Integration unserer sozial benachteiligten Kinder im Kindergarten, in der Schule, an die Mithilfe bei gemeinsamen Festen, oder überhaupt in Nürnberg an die Obdachlosenhilfe, an die Hospizarbeit, an die Tafeln… 

Liebe Gemeinde,

Jesus legt mit seiner Erzählung alle Aufmerksamkeit auf den Mitmenschen, ohne jegliche Bedingung. 
Damit will er uns auch sagen, dass ein jeder von uns jeden Tag Liebe und Zuwendung empfangen kann, wenn er/sie dazu bereit ist, auch jeden Tag ein wenig vom eigenen Glück an den Nächsten weiterzugeben.

In den nächsten Monaten werden wir es vermehrt wahrnehmen und sehen, dass Menschen in Not geraten. Wer Gott begegnen will, der verschließe seine Augen nicht, ja, der suche die Nähe des bedürftigen Menschen. Denn Gott begegnet uns im bedürftigen Menschen.
Wer an seinem Nächsten vorbeigeht, der geht an Gott vorbei! 

Die Fragen des 2002 verstorbenen Schriftstellers Wilhelm Willms beschreiben diese Nähe zum und das eigene Angewiesensein auf den Nächsten auf eindrückliche Weise:
Willms schreibt:

wussten sie schon
dass die nähe eines menschen
gesund machen
krank machen
tot und lebendig machen kann

wussten sie schon
dass die nähe eines menschen 
gut machen böse machen
traurig und froh machen kann

wussten sie schon
dass das wegbleiben eines menschen
sterben lassen kann
dass das kommen eines menschen
wieder leben lässt

wussten sie schon
dass das zeithaben für einen menschen
mehr ist als geld

wussten sie schon
dass das anhören eines menschen
wunder wirkt
dass das wohlwollen
zinsen trägt
dass ein vorschuss an vertrauen
hundertfach zurückkommt (…)

wussten sie das alles schon


Liebe Gemeinde, 

mit diesem Wissen wünsche ich Ihnen einen guten Start in die neue Woche.
Viel Kraft für die anstehenden Aufgaben und Vertrauen in das Band der Liebe, das uns mit den Mitmenschen verbindet und das uns in schweren Zeiten trägt.  

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.  

AMEN

Das Scherflein der Witwe

Predigt von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter zum 8. Sonntag nach Trinitatis, 07.08.2022 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zu Markus 12,41-44

Liebe Gemeinde,
nach jedem Gottesdienst leeren wir die Messingbüchsen oder die Körbchen und die Opferstöcke und freuen uns über die Einlagen, die wir je zur Hälfte an die von der Landeskirche angeordnete Stelle und unserer Gemeindearbeit zuführen.
Manchmal kommt es da auch vor, dass ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen kann.
Denn neben Münzen und Scheinen finden sich da auch Chips für Einkaufswägen, Knöpfe, ausländische Münzen, Heftklammern usw.
Tja, welche Gründe hinter so einer geschmacklosen Einlage stehen, darüber kann ich nur spekulieren. Schließlich macht jeder mit sich selbst aus, wieviel oder was er aus seinem Besitz für wohltätige und gemeinnützige Zwecke spendet.

Es wäre aus unserer heutigen Sicht aber auch unangemessen, die Gottesdienstbesucher beim Spenden zu beobachten.

In unserem heutigen Predigttext aus dem Markusevangelium geht es um eine am Jerusalemer Tempel beobachtete Szene, die uns gerade deshalb aufhorchen lässt:

Und Jesus setzte sich dem Opferkasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Opferkasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. Und Jesus rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich ich sage euch: diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt, diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“

Mk 12,41-44

Liebe Gemeinde,

wie verhält sich Jesus da am Tempel? Aus unserer Sicht ist es, wie bereits erwähnt, unangebracht, ja ein „No go“, die Leute dabei zu beobachten, wieviel sie in den Opferstock oder in die Körbchen/Büchsen einwerfen.

Doch Jesus geht es nicht um die eigentliche Höhe der Spende.
Jesus hat eine andere Absicht. Sein Blick geht tiefer.
Auch wenn wir vielleicht eine Diskussion darüber angefangen hätten, was denn nun gerade diese zwei kleinen Münzen gebracht haben und ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, dass die Witwe ein Brot für sich gekauft hätte.
Jesus zeigt hier, trotz der merkwürdigen äußeren Umstände, wieder einmal sehr deutlich, dass er einen anderen Blick, dass er andere Maßstäbe hat als wir. Er sieht in das Herz der Witwe.
Was die Witwe in den Gotteskasten gegeben hat, war herzlich wenig – gewiss, aber es ist von Herzen gekommen. Mit großer Selbstverständlichkeit ließ die Witwe ihre Münzen in den Gotteskasten fallen. Mehr hatte sie offensichtlich nicht, aber sie hätte immer noch die beiden Scherflein teilen und eines für sich zurückbehalten können. Sie teilte nicht auf in die Kategorien „Behalten“ und „Geben“.
Sie fasste keinen Gedanken, was sie vielleicht noch brauchen würde. Nein, sie hat alles gegeben und machte von sich und ihrem Tun kein großes Aufheben. 

Jesus zeigt an dem Beispiel der Witwe auf, dass es vor Gottes Auge nicht darauf ankommt, eine große Leistung zu vollbringen und daraus gar einen Anspruch im Ansehen vor Gott abzuleiten. Die Witwe verlässt sich ohne große Worte auf Gott und vertraut darauf, dass er ihr auch weiterhin Möglichkeiten zum Leben lässt.

Diese kleine Erzählung gehört zur Abfolge von entscheidenden Gedanken und Äußerungen, die Jesus nach seinem Einzug in Jerusalem seinen Anhängern noch mit auf den Weg geben möchte, ehe er dann den Weg ans Kreuz geht.
In den Versen, die unserer kleinen Erzählung vorausgehen, spricht er von seiner Vollmacht, vom Neid und der Missgunst der Menschen, von der Steuer, die man dem Kaiser geben soll und was nun eigentlich das höchste Gebot ist, auch davon, was nach dem Tod kommt.
Das sind allesamt Gedanken zur „richtigen“ Nachfolge. Damit bereitet er seine Jünger und seine Anhänger auf die Zeit ohne ihn vor.
Kurz vor dem Ende seines irdischen Weges möchte Jesus seinen Zuhörern etwas ganz Besonderes mitgeben.
Keine ethisch-moralischen Worte mit erhobenem Finger sollen es sein, nein, es sollen Worte sein, die seinen Zuhörern ganz tief ins Herz dringen.
Jesus sieht in der Hingabe der Witwe ein unglaublich großes Vertrauen, das sie ihrem Schöpfer gegenüber hat.
Am Tempel, wo über den Glauben gelehrt wird, will die Frau mit dem, was ihr zur Verfügung steht, ihre Dankbarkeit zeigen. Sie drückt mit ihrer Gabe aus, wie sehr sie ihr Schicksal und ihr Leben in die Hand Gottes legt. 
Sie vertraut darauf, dass ihr Weg behütet bleibt, obgleich sie als Witwe finanziell am Abgrund steht.
Denn zur damaligen Zeit gab es weder eine Witwenversorgung in Form einer Rente, noch konnten sich die Frauen in erlernten Berufen selbst etwas verdienen.
Sie mussten sich auf die Mildtätigkeiten ihrer alten Familie verlassen. 
Und wenn das nicht klappte, waren sie verlassen.

Obwohl wir in einem reichen Land leben mit einer Sozialversorgung, gibt es bei uns immer mehr arme Menschen. Im Alltag sehen wir diese Menschen kaum.
Doch wenn ich an der Ausgabestelle der Tafeln in Stein oder an der Sigmundstraße vorbeifahre, erschrecke ich, wenn ich sehe, dass die Schlangen von Monat zu Monat länger werden.
Viele Menschen schämen sich, weil sie nichts haben, denn Wohlstand gilt als Zeichen der eigenen Tüchtigkeit. 
Wer nichts hat, hält sich möglichst im Hintergrund. Es soll ja keiner merken, wie es ihm geht. Wer nichts hat, kann sich nicht beteiligen am Leben. Hat kein Geld für Urlaub, kein Geld für modische Kleidung, kein Geld für die dritten Zähne. Die Kinder können nicht in einen Sportverein, können nicht mithalten mit den anderen, deren teuren Turnschuhen und neuesten Handys.

Die Witwe, die Jesus beobachtet, ist anders. Sie will trotz Armut beteiligt sein. Sie zeigt mit ihrer Spende: Dieser Tempel ist auch mein Tempel. Nicht bloß der Tempel der Wohlhabenden. Sie hält sich nicht raus. 

Liebe Gemeinde,
was Jesus also meinte, als er seine Jünger auf die Frau aufmerksam machte, war, dass jeder, egal was er hat, was er ist, welchen Platz er in der Gesellschaft einnimmt, darauf vertrauen darf, von Gott gehört zu werden.
Und umgekehrt, dass jeder vertrauen darf in und Zuflucht suchen darf bei Gott.

Von dieser Frau können wir lernen: 
Geben, sich hingeben tut gut!
Das kann auch sein, wenn wir unser Leben Gott übergeben.
Aber für uns moderne Menschen ist das eine echte Herausforderung! 
Denn am liebsten haben die meisten von uns ihr Leben selbst im Griff!
Selbstbestimmen, wo es lang gehen soll. Kalkulieren, überlegen und dann Entscheidungen treffen, die wir dann natürlich auch selbst verantworten müssen.
Ja, das klingt gut, solange wir jung, stark, mutig und selbstbewusst sind.
Trifft uns aber im Laufe unseres Lebens ein Schicksalsschlag, sieht es schon ganz anders aus.
Da werden wir plötzlich lahmgelegt. Da brechen vertraute Beziehungen weg, da tauchen plötzlich existentielle Probleme auf.

Was dann?
Dann wird es entscheidend, dass wir uns auf unsere Fundamente besinnen, darauf, woher wir kommen, 
darauf, worin wir den Sinn unseres Daseins legen. 

Jesu Botschaft für uns lautet heute:
Pflege dein Vertrauensverhältnis zu Gott – auch durch die guten Zeiten hindurch – das gibt dir dann Stärke und Mut in schlechten Zeiten!
Unser Glück finden wir, wenn wir die Hoffnung, dass wir mit Jesus im Licht stehen, nicht aufgeben, wenn uns Visionen nach vorne treiben.

Dass Gott uns dafür belohnt, mit mehr als wir uns vorstellen können, daran möchte ich glauben! 

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Im Gebet geborgen sein

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am Sonntag Rogate, 22.05.2022 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zu Lukas 11, 5-13

Frau hält die Hände zum Gebet gefaltet und blickt dabei nach oben.
Grafik auf Holz.

Liebe Gemeinde,

immer wieder höre ich von Menschen den Satz: Frau Pfarrerin, beten Sie für mich, das ist doch Ihre Aufgabe!
Nun ja, das mach ich gerne. Doch manchmal kommt mir die Aufforderung auch mit einem spöttischen Unterton entgegen. Mag es daran liegen, dass die Menschen in unserer säkularisierten Welt nur noch von den Kirchenvertretern das Beten erwarten oder dass die Menschen keinen Bezug mehr zum Beten haben?
Manchmal erscheint es mir auch so, dass das Sprechen über das Beten ein Tabu ist oder so persönlich, dass es keinen was angeht.

Woran mag es liegen, dass sich im Gegensatz zu den Kindern die Erwachsenen zum „Thema Gebet“ eher nicht äußern?
Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir uns beim Beten verletzlich zeigen.
Denn wenn wir beten, geht es um Gefühle der Freude, der Liebe, aber auch der Enttäuschung, der Angst, der Wut. Diese großen Gefühle tragen wir, weil wir sie keinem Menschen zumuten wollen, vor Gott.

In Augenblicken des Betens entsprechen wir nicht mehr dem Bild, das doch ein jeder von uns haben soll: stark zu sein, optimistisch zu sein, entspannt zu sein. Nein, beim Beten sind wir verletzlich, weil wir da ganz ehrlich sind.
Ein weiterer Grund, weshalb sich Erwachsene nicht übers Beten äußern wollen, liegt darin, dass viele Menschen große Zweifel haben, ob Beten überhaupt was bringt.
Denn das Gegenüber, Gott, an den sich die Gläubigen wenden, kann ja nicht bewiesen werden.
Könnte ja alles nur fromme Einbildung sein.

Wenn wir uns die Katastrophen der letzten Monate ansehen, kann schon auch der Frömmste unter uns Zweifel in Bezug auf die Allmacht Gottes haben:
Wann endlich bereitet er dem Krieg in der Ukraine ein Ende?
Warum lässt er stets neue Corona-Varianten auftauchen?
Und was ist mit dem ganz persönlichen Unglück, wenn trotz intensiven Betens der Partner stirbt, die Kinder sich scheiden lassen, der Erbstreit sich nicht beilegen lässt?

Solche Ereignisse treffen uns ins Herz, das Gebet verliert seine Unschuld und uns drängt sich die Frage auf, was vermag ein Gebet und was nicht?

Unseren heutigen Predigttext haben wir vorhin als Evangeliumslesung schon gehört.
In seiner Rede versucht Jesus seinen Anhängern und Freunden die Augen dafür zu öffnen, was Beten bedeutet.
Dabei ist er nicht zimperlich. Seine Ausführungen sind nicht von sanften Worten geprägt, sondern von drastischen Bildern:
Da klingelt ein Mann mit Vehemenz seinen Freund mitten in der Nacht heraus, weil er für seinen Überraschungsgast bei sich zuhause nichts mehr im Vorratsschrank findet.
Jesus erzählt auch von einem Sohn, der seinen Vater um einen Fisch bittet, den Fisch bekommt, nicht etwa eine Schlange.
Erzählt wird von einem zweiten Sohn, der seinen Vater um ein Ei bittet, das Ei bekommt, nicht etwa einen Skorpion.

Liebe Gemeinde,

wie damals Jesu Zuhörer, so werden auch Sie sagen: Na, das ist doch selbstverständlich, dass wir einem guten Freund aushelfen und dass es ein Vater mit den Söhnen gut meint!
Dennoch wissen alle Eltern, dass man den Kindern nicht alle Wünsche erfüllen darf.
Nur das, was man als Eltern mit gutem Gewissen verantworten kann, kann gewährt werden. Aus der Pädagogik wissen wir: Geben Eltern immer nach und erfüllen jeden Wunsch, wird es das Kind im Leben schwer haben, da es keinen Verzicht gewohnt ist.

Wie verhält es sich nun mit unseren Bitten, die wir an Gott richten? Was erwarten wir da von Gott?
Jesus verspricht in seiner Rede: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt und wer da sucht, der findet und wer da anklopft, dem wird aufgetan!“
Hmm … Eins zu eins auf unser Leben und auf unsere Wünsche umsetzen, lässt sich das sicher nicht.
Denn auf welche Weise wir auch immer an Gott glauben, wir wissen doch, dass Gott keine Maschine ist, die uns per Knopfdruck unseren Wunsch erfüllt.
Entscheidend ist doch, wie wir uns Gott vorstellen.
Wir Christen glauben daran, dass Gott uns begleitet, dass Gott in unser Leben hineinwirkt, dass Gott uns Lasten auferlegt, aber uns auch hilft, sie zu tragen!

Gott ist nicht der Verursacher des Übels, sondern der Tröster und der Begleiter durch das Übel hindurch!
Wie Gott im Einzelnen wirkt, weiß keiner von uns.
Keiner von uns kann die Existenz Gottes beweisen.

Aber was wir können ist, Gott radikal zu vertrauen!
Wir können uns faszinieren lassen von den biblischen Geschichten, die von Gottes Macht erzählen, wie sie sein Volk und auch die ersten Christen erfahren haben.
Wie die Gläubigen aber auch immer wieder auf die Probe gestellt wurden und dem Schöpfer trotz allem bis heute vertrauen.
Durch seine Menschwerdung in Jesus hat sich Gott dem Elend der Welt ausgesetzt.
Gott weiß, wie es uns geht, wenn wir von Sorgen und Angst geplagt werden.
Durch seinen Sohn hat er alles selbst durchgemacht.

Gott kennt unsere Gedanken, ehe wir diese in Worte fassen.
Deshalb ist es für Gott nicht wichtig, wie wir unsere Bitten formulieren, ob wir sie in das Vaterunser hineinlegen oder in einen Psalm oder ob wir frei heraus sprechen, alleine oder in der Gruppe. Selbst ein Satz oder ein Schrei zum Himmel genügen.

Gebete sind für uns wichtig, um uns zu befreien.
Beim Beten geht es um unseren Sinneswandel, d.h. das ewige Kreisen unserer Gedanken hat ein Ende, wir geben unseren Gedanken eine Richtung. Die Richtung hin zu Gott!
Beten bedeutet, alles bei Gott abzuladen, uns zu erleichtern, damit wir wieder nach vorne laufen können.
Und aus der Bitte um Hilfe kann dann die Frage:
„Was kann ich tun?“ werden.

Ich bin sicher, dass viele von uns von so einer Wandlung erzählen können.
Manche mögen das „Schicksal“ oder „Glück“ nennen.
Christen nennen das „Fügung“ oder „Vorsehung“.

Gottes Möglichkeiten auf unser Beten zu reagieren sind dabei unendlich:
Das können schon mal Worte eines Freundes sein oder biblische Worte, die uns zugesprochen werden.
Wir dürfen auf die Kraft des Heiligen Geistes hoffen, der uns im Gebet eine tiefe Freude und eine heitere Gelassenheit schenkt.
So verlieren die Widrigkeiten unseres Lebens ihre Macht, wenn wir unser Leben im Gebet ganz Gott anvertrauen.
Dann geht der Himmel über uns auf.
Heute und in den Zeiten, die vor uns liegen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Ostern bringt Licht in unser Leben

Predigt von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am Ostermontag, 18.04.2022 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zu Jona 2, 3-10

Drei Frauen vor dem nicht mehr verschlossenen Grab. Eine detailierte Bildbeschreibung folgt in der Predigt.
Illustration Copyright: Marion Goedelt

Liebe österliche Gemeinde,

auf ihrem Gottesdienstblatt sehen Sie eine Szene abgedruckt, die das ganze Ostergeschehen in typischer Weise beschreibt.
Die Sonne geht hinter den Bergen langsam auf. Der Garten der Felsengräber liegt noch im Halbschatten.
Die hellgrünen Blätter an den Büschen kündigen den Frühling an. Den Beginn des neuen Lebens.
Und da sind natürlich auch die drei Frauen Maria, Salome und Maria Magdalena, die erschrocken, verwundert aber doch schon mit einem Funken Hoffnung in den Augen auf das Grab hinschauen.
Noch am Freitagabend hörten sie von den Jüngern, dass die römischen Soldaten einen großen Rollstein vor Jesu Grabeshöhle gerollt hatten, damit ja keiner den Leib des Freundes verschwinden lassen konnte.
Und nun … der Stein ist weg, ein heller Lichtschein kommt ihnen entgegen, eine Stimme spricht zu ihnen:

„Wen suchet ihr?
Der, den ihr sucht ist nicht hier!
Er ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden.“

Die drei Frauen können es kaum fassen.
Jesus lebt! – welch‘ eine wunderbare Nachricht!
Der Engel spricht weiter zu den Frauen, dass sich Jesus seinen Freunden noch einige Male zeigen wird, ehe er dann zu seinem himmlischen Vater geht.
Dass sich das bewahrheitet hat, haben wir vorhin im Evangelium (Lk 24, 13-35) gehört.

Wenn Sie nun das Bild auf ihrem Liedblatt ganz genau ansehen, können Sie feststellen, dass es um die Grabesöffnung herum feine Linien gibt, die darauf hinweisen, dass da ein Grabstein, in Form einer Klappe hätte sein können.

Ich habe hier das Original der Karte …
Der große Stein liegt noch vor der Grabesöffnung.
Ehe es zu diesem verheißungsvollen Ostergeschehen kommt, herrscht erst einmal Dunkelheit im Grab. Von Karfreitag Abend bis Ostersonntag früh.
Viele Stunden Finsternis, Trauer, Schmerz …

Unser heutiger Predigttext greift diese Zeit der absoluten Finsternis, der Schockstarre auf.
Es mag den einen oder andern von Ihnen ein wenig verwundern, dass gerade dieser Text für Ostern ausgewählt wurde.
Doch dieser Predigttext trifft uns in unserer Schwachheit und Ohnmacht sehr.

Predigttext:

Und Jona betete im Leib des Fisches zu seinem Gott und sprach:
„Als ich in Not war, schrie ich laut. Ich rief zum Herrn und er antwortete mir. Aus dem Innern des Totenreichs rief ich um Hilfe. Da hast du mein lautes Schreien gehört.
In die Tiefe hattest du mich geworfen, mitten in den Strudel der Meere hinein. Wasserströme umgaben mich.
Alle deine Wellen und Wogen – sie schlugen über mir zusammen!
Da dachte ich, jetzt bin ich verloren, verstoßen aus deinen Augen. Wie kann ich je wieder aufschauen, um deinen heiligen Tempel zu sehen?
Das Wasser stand mir bis zum Hals. Fluten der Urzeit umgaben mich. Seetang schlang sich mir um den Kopf.
Zum Grund der Berge bin ich hinabgestiegen, in das Reich hinter den Toren des Todes. Sie sollten für immer hinter mir zugehen.
Du aber hast mein Leben aus dem Abgrund gezogen, du Herr, du bist ja mein Gott.
Als ich am Ende war, erinnerte ich mich an den Herrn.
Mein Gebet drang durch zu dir, bis in deinen heiligen Tempel. Ja, wer sich an Nichtigkeiten klammert, verliert seinen einzigen Halt im Leben.
Ich aber will dir mit lauter Stimme danken…“

Kaum hatte Jona nach langen bangen Stunden das gesprochen, wurde er vom Wal an Land gebracht.
Wie menschlich doch der Prophet Jona in diesem Gebet rüberkommt.
Etwa im 8.Jhd vor Christus hatte er als Prophet den Auftrag, den Menschen Gottes Willen kundzutun.
Das war nicht einfach, nicht immer machte er sich damit Freunde.
Genau das ahnt er bei seinem nächsten Auftrag:
Dieses Mal soll es gar eine Gerichtsrede in der Stadt Ninive sein (Ninive heißt heute Mossul und liegt im Irak).
Nein, denkt sich damals Jona, das geht gar nicht. Das kann Gott nicht von ihm verlangen. So eine Bußpredigt wird ihn den Kopf kosten.
Denn wer will schon hören, dass Gott auch bestrafen kann und auch wird, wenn es auf der Erde drunter und drüber geht.

Liebe Gemeinde,

Sie alle kennen die Geschichte. Jona flieht hin zum Mittelmeer, anstatt sich auf den Weg nach Osten Richtung Ninive zu machen.

Was erwartet den Nein-Sager auf seiner Flucht vor Gott?
Das Schiff, auf das er sich flüchtet, wird nicht seine Rettung, er wird von der Besatzung über Bord geworfen und landet im Bauch eines Walfisches. Also in der totalen Finsternis.
Drei Tage, so erzählt es die Bibel, sitzt er nun im schwarzen Loch und kann darüber nachdenken, was da gerade schiefgelaufen war.

Liebe Gemeinde, jetzt wird klar, was diese aufregende Erzählung über den Propheten Jona mit der Ostergeschichte, ja auch mit uns gemein hat.
Von Karfreitag bis zum Ostersonntag werden auch wir Christen still, haben Zeit darüber nachzudenken, was im eigenen Leben schiefgelaufen ist, was vermieden werden hätte können, oder was wir leider immer wieder als Kompromiss in Kauf nehmen müssen.
Jedem von uns wird dazu etwas einfallen …
An den stillen Tagen können wir zur Ruhe kommen.
Trotz Ferien und Urlaub keine Ausgelassenheit, kein Remmidemmi …
Nur so lässt sich das Geschehen von Ostern nachspüren!
Von der Dunkelheit ins Licht, so haben wir gestern früh in der Osternacht gefeiert.

Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Gott bringt Licht in die menschliche Dunkelheit, weil er uns was zutraut, weil er weiß, was in uns steckt!

Das galt auch damals für den Propheten Jona, der seine Mission schließlich erfolgreich zu Ende geführt hat.
Die Bibel schreibt ehrlicherweise auch darüber, dass Jona unter sengender Sonne seinen Ärger über Gottes Gnade nicht verbergen konnte, obwohl die Menschen von Ninive Jonas Predigt zur Umkehr überraschenderweise ernstgenommen haben.
Ihre Ehrfurcht vor Gott wuchs fortan.

Ebenso verhielt es sich mit der Auferstehung Jesu.
Der Sieg über den Tod faszinierte Jesu Anhänger auf so überwältigende Art und Weise, dass sie seitdem in alle Welt hinausziehen und allen Menschen von dieser großen Liebe Gottes erzählen.
Die Christen nehmen den Tauf-und Missionsbefehl ernst.
Gerade das Osterfest ist deshalb seit jeher das Fest im Kirchenjahr, an dem gerne getauft wird.

Wir taufen heute Rebecka, und tragen so den Willen Jesu in die Welt.
Ihr Taufspruch aus dem Buch der Sprüche verheißt ihr für ihren Lebensweg aber auch uns, die wir schon unterwegs sind, eine Weisheit, derer wir gewiss sein können, wenn wir uns vom Osterlicht umhüllen lassen.

Der Taufspruch lautet:
„Denn Weisheit wird in dein Herz eingehen und Erkenntnis wird deiner Seele lieblich sein, Besonnenheit wird dich bewahren und Einsicht dich behüten!“

Mit der Gewissheit von Ostern, mit der Gewissheit der Auferstehung Christi von den Toten gilt für einen jeden von uns:
Unser Leben bleibt nicht in der Finsternis, Gott schafft Licht für alle, die an ihn glauben!

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Predigt zum Karfreitag – Christus der Versöhner

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 15.04.2022 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zu Lukas 23, 32-49

Gemälde: Gekreuzigter Jesus, einfarbig in Orange auf schwarzem Hintergrund.
Kreuzigung in Orange, Ernst Volland, 2010, akg-images/Ernst Volland

Liebe Gemeinde,

wieviel Prozent der Evangelischen besuchen wohl heute zur Todesstunde einen Gottesdienst? Wieviel Prozent der Christen überhaupt – weltweit?
In Deutschland ist der prozentuale Anteil wahrscheinlich gering. So wie auch die Anzahl der Gottesdienstbesucher konstant schwindet.
Obwohl doch die Botschaft, die vom Karfreitag ausgeht, die ganze Welt betrifft:

Am Karfreitag wurde die Welt mit Gott versöhnt!

Die ganze Welt – mit Gott versöhnt!
Alles ist in Ordnung gebracht! Kein Ärger mehr!
Bahn frei für einen Neuanfang! Ein Neuanfang für alle!
Für Würdige und Unwürdige. Für Reine und Unreine. Für Fanatiker, Gleichgültige und Träumer.

Weshalb wir uns da so sicher sein können:
Jesus spricht: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!“
Jesus hat nicht gewartet, bis die Menschen unter seinem Kreuz Reue zeigten.
Gefasst und noch mit fester Stimme bittet er seinen Vater im Himmel um die Versöhnung mit der Welt!
Und dies, obwohl er ohne Zweifel auf sein Ende zuging.
Diese Selbstlosigkeit machte nicht nur die Menschen damals sprachlos.
Jesus gab sein Leben dahin für die Vielen! Er gab alles, was ein Mensch geben kann.

Genau deshalb brauchen wir uns nicht mehr zu fragen, sind wir durch unser Handeln vor Gott gerecht, sind wir seiner Gnade würdig?
Selbstverständlich sind wir das! Allein aus Gnade!
So drückte es auch schon Martin Luther aus.
Wenn uns das klar ist, fällt es uns nicht schwer, Botschafter dieser Versöhnung zu sein!
Wirklich eine ehrenvolle und überaus wichtige Aufgabe!
Denn Botschafter braucht es in unserer globalisierten Welt immer mehr.

Denken wir nur an die Botschafter, die sich weltweit für den Klimaschutz einsetzen, denken wir an Greta Thunberg oder an die Deutsche Lisa Neubauer. Unerschrocken reisen sie durch die Welt, um die Menschen vor dem Abgrund zu warnen, um die Menschen an ihre Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen zu erinnern.

Wir kennen auch Botschafter des Friedens wie Antonio Guterres von den Vereinten Nationen, oder den Dalai Lama, oder den Papst oder den einen oder anderen europäischen Politiker, der im furchtbaren Russland-Ukraine Krieg zu vermitteln versucht, um diesem Grauen ein baldiges Ende zu bereiten.

Diese Botschafter kennen wir aus den Medien.
Wir aber, alle, die wir hier sind, sind die Botschafter der Versöhnung der Welt mit dem Höchsten, mit Gott!

Als Christen sind wir zu dieser Aufgabe berufen. Das heißt aber auch, genau zu unterscheiden, wie wir die Lage sehen und wie Gott sie sieht.
Schaffen wir es, die Welt mit Gottes Augen zu sehen, mit dieser unbeschreiblichen Liebe, die er uns durch seinen Sohn erwiesen hat?
Das geht nicht so einfach.
Manchmal widerstrebt es uns sogar.
Gerade, wenn wir uns am Abend die Nachrichten anhören und die Bilder vom Leid in der Welt oder vom Leid in den Kriegsgebieten sehen.
Wie können wir mit Versöhnung und Liebe etwas ausrichten?
Auf Anhieb mag das illusorisch klingen, vielleicht etwas für Träumer, für Menschen, die leicht davon reden können, weil sie viele tausend Kilometer weg sind von den Katastrophengebieten.
Ja, es stimmt, Versöhnung kommt nicht mit Gewalt und auch nicht mit schweren Waffen daher, dennoch ist sie kraftvoll.
Versöhnung lebt von einem starken Glauben an das Gute!
Versöhnung sieht dort eine Beziehung, eine Gemeinschaft, wo sonst niemand eine sieht.
Wo alle nur Gräben und Abgründe sehen, sieht Versöhnung eine Brücke, die das überspannt.

Das sichtbare Zeichen für eine Versöhnung ist das Kreuz.

Jesus hält in seinem Kreuz diese Abgründe zwischen verschiedenen Welten zusammen, er umspannt sie, umfasst sie und bindet sie in seiner Liebe zusammen.
Durch Jesus geht zusammen, was nicht zusammengehört.
So spricht er zu dem Schwerverbrecher, der neben ihm am Kreuz hängt: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“

Genau um diese Selbstlosigkeit bitten wir regelmäßig, wenn wir das Vaterunser sprechen:
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“
Ob wir so eine Versöhnung schaffen, so wie es uns Jesus vorgelebt hat, wahrscheinlich nicht!

Im Münchner Sonntagsblatt habe ich diese Woche in einem Bericht der Theologin und Osteuropa Expertin Regina Elsner gelesen, dass die zwei orthodoxen Kirchen im Ukraine-Krieg keine Rolle spielen und wenn, dann vor allem die russisch-orthodoxe Kirche eine Unrühmliche, ist sie doch zerstritten mit der ukrainisch-orthodoxen Kirche und lässt sich von den russischen Machthabern benutzen.

Man kann nicht mit Gott versöhnt sein und selbst unversöhnt sein mit anderen!
Dabei sollten die Kirchen auf den schauen, der schon vor 2000 Jahren wusste, dass Gewalt nur Gewalt hervorbringt und absolute Liebe, ja sogar Feindesliebe die Lösung für einen Frieden sein kann.

Ein Versöhner zu sein, das kann viel kosten. Überwindung, Mut, Verzicht.
Das wissen wir alle, wenn wir in unsere Familien oder auch in unsere Nachbarschaft blicken.
Nicht jeder schafft es, den Weg einer Versöhnung zu gehen.
Versöhnung verlangt uns viel ab. Versöhnung kostet uns manchmal die letzten Nerven.

Jesus hat Versöhnung das Leben gekostet!

In dem Wissen, dass dieser hohe Preis unumgänglich ist, blieb ihm nur noch das Vertrauen auf seinen Vater im Himmel:

„Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“

Liebe Gemeinde, immer wenn uns das Gefühl der Ohnmacht und der Aussichtslosigkeit beschleicht, dürfen wir diese Worte Jesu nachsprechen.
Sie geben auch mir und Dir Ruhe und Kraft, durch eine schwere Zeit zu kommen!

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Predigt zum Sonntag Reminiszere

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 13.03.2022 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zu Matthäus 26,36-46

Liebe Gemeinde,
geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie stundenlang wachliegen und einfach nicht einschlafen können?
Aufregende Tage bescheren uns solche Situationen.
Zu viele ungelöste Fragen, zu große Probleme verfolgen uns nicht selten bis in die Nacht hinein. 
In den letzten beiden Wochen haben mir Menschen aus unserer Gemeinde immer wieder gesagt, dass sie seit Beginn der russischen Angriffe auf die Ukraine von großen Ängsten geplagt werden.
Für etliche Gebersdorfer ist es fast wie ein Dejavu, wenn sie die Bilder der Überraschungsangriffe, die Bilder der brutalen Zerstörung und die Bilder der Flüchtlingsströme in den Nachrichten sehen. 

In unserer Gemeinde leben Menschen, die so eine Katastrophe noch selbst miterlebt haben. Kein Wunder, wenn man da nicht einschlafen kann.
Ohnmächtig sind wir grad momentan.

Viele Menschen in Deutschland versuchen mit Spenden oder auch mit der Aufnahme von Flüchtlingen irgendwas zu tun, um die Anspannung zu lösen. Denn nichts ist schlimmer, als in der Schockstarre zu verharren und der Katastrophe ins Auge blicken zu müssen.

Schließlich hilft auch beten, sonst hält man es nicht aus.
Unser heutiger Predigttext passt sehr gut zu unserer momentanen Lage: 
Da geht es auch um einen, der wach liegt, nicht schlafen kann, weil er nicht weiß, wie es weitergeht, weil er spürt, dass sich Schlimmes anbahnt.

Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete. Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. Jesus sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir! Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst! Und er kam zurück zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! Und Jesus kam zurück und fand sie wieder schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. Und er ließ sie und ging abermals hin und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte. Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiterschlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

Mt. 26,36-46

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte trifft mich ins Herz, sooft ich sie höre.
Sie macht mich traurig und wütend zugleich. 
Denn Jesus, der für seine Freunde alles gab, was möglich war, wird in der höchsten Not allein gelassen. In seiner Angst und Einsamkeit bleibt ihm nur noch das Gebet zu seinem himmlischen Vater.
Wenige Tage vorher wurde Jesus noch gefeiert, sein Einzug nach Jerusalem hat die Menschen begeistert. Dank und Freundlichkeit kamen ihm, dem Prediger, dem Hoffnungsbringer, dem Wundertäter entgegen. 
Dann tags drauf sein Auftreten im Tempel. Da hat er den Geldwechslern und Händlern mit Worten und Taten seine Meinung kundgetan. Ein starker Jesus, ein furchtloser Jesus!
Und dann – nach dem Passahabendmahl mit seinen Jüngern, der Gang hinaus zum Garten Gethsemane – diese Einsamkeit!

Jesus ahnte, was auf ihn zukommt. Die Uhr tickte. Nur elf seiner Jünger kamen mit hinaus in den Garten. Judas hatte anderes zu tun…
Gerne hätte Jesus Rückendeckung von seinen Freunden gehabt. „Wachet und betet mit mir!“, so hat er zu ihnen gesagt.
Doch die Jünger sind zu müde, zu schwach. Sie schlafen ein. Jesus hadert mit seinem Schicksal. 
Schließlich hadert er auch mit Gott. Sollte sein irdischer Auftrag schon beendet sein? 
Jesus kämpft um die Einsicht zu dem, was nun auf ihn zukommt.
Schließlich ist er bereit, den schweren Weg zu gehen: Er spricht: „Wenn es nicht möglich ist, dass dieser Kelch an mir vorübergeht, dann werde ich ihn trinken. Gottes Wille soll geschehen!“

Liebe Gemeinde,
Sie alle wissen, wie die Geschichte weitergeht.
Jesus stellt sich souverän den römischen Soldaten. Er vermeidet einen Kampf, heilt sogar noch das Ohr des Malchus und lässt sich abführen. 

Welch‘ eine Geschichte! 
Weshalb hat sie Matthäus in sein Evangelium aufgenommen? 

Ich denke, es ist eine dramaturgische Notwendigkeit!
Denn nur wenn wir Leser und Hörer des Wortes diese schlaflose Nacht Jesu vor Augen haben, wird uns klar, welche Bedeutung der Karfreitag für uns hat, wie nah uns Gott im Leiden kommt. 
Und dann können wir auch verstehen, welch‘ große Kraft schließlich vom Ostergeschehen ausgeht, von diesem Geschehen, das dem Tod und der Finsternis alle Macht nimmt:
Jesus steht an unserer Seite. Auch er kennt Angst, Sorgen und Zweifel. All das, was uns im Alltag begleitet. 

Im Gebet dürfen wir darauf vertrauen, dass er uns versteht, dass er unsere Gedanken kennt, ehe wir sie aussprechen.
Wir wissen gerade nicht, wie es weitergehen wird mit dem Krieg in der Ukraine, was den Menschen dort noch alles bevorsteht. Wir wissen auch nicht, welche Auswirkungen dieser Krieg auf unsere Zukunft hier in Deutschland haben wird. 
Eigentlich bräuchten wir alle eine Rückkehr zur Normalität, die uns wegen Corona schon seit zwei Jahren versagt ist. Aber schon wieder steht die nächste Herausforderung vor der Tür.
Woher sollen wir die Kraft nehmen, das alles zu schaffen?

Liebe Gemeinde,
wohl dem, der Freunde hat, die nicht schlafen, sondern wachen, die bereit sind, mit anzupacken und in der Not zu helfen.
Und wenn uns dann die Einsamkeit und auch die Hilflosigkeit überkommt? 
Dann tut es gut, sich Jesus anzuvertrauen, sich Gott zuzuwenden und zu sagen: 

„Dein Wille geschehe! Wie im Himmel so auf Erden!“

Darum – lasst uns stark bleiben im Glauben daran, dass Krieg niemals eine Lösung ist!
Lasst uns stark bleiben im Glauben daran, dass Gott unsere Gebete erhört und uns die Kraft gibt, Zeichen des Friedens in unserer Welt weiterzugeben!

Weder Dunkelheit noch Krieg dürfen unsere Welt beherrschen!

Denn unser Gott ist ein Gott des Friedens, des Lebens und des Lichts!

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Predigt zur Jahreslosung 2022

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 01.01.2022 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Lesezeichen mit Jahreslosung 2022 - Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Johannes 6,37.
In der Mitte ist eine Art Amulett mit einer Abendmahlsszene und den Worten Ich bin bei euch.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Jesus Christus spricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen!“

Johannes 6,37

Was für eine Jahreslosung! Treffender könnte sie nicht sein!

Haben doch viele von uns in den vergangenen Monaten Abweisung erfahren. Gemeindemitglieder erzählten mir vor allem von der schwierigen Situation in den Krankenhäusern und in den Seniorenheimen.  Aber auch die verschärften Einlassbedingungen zu den Gasthäusern, der Zugang zu Konzerten und nicht zuletzt das komplette Zuschauerverbot für die Sportstadien.
Ganz zu schweigen von den harten Einschränkungen in unseren Kirchen und Gemeindehäusern.
Da tut es gut, so ein Wort, wie unsere Jahreslosung zu hören.

Jesus wurde oft aufgrund seiner deutlichen Worte von vielen seiner Zeitgenossen abgelehnt und von anderen nur aufgrund seiner materiellen Gabe gesucht. Aber er ließ sich nicht zum einfachen Brotkönig machen, es ging ihm nicht um bloße Wunscherfüllung.
Er wollte mit seinem Wort und seinem Sakrament Brot des Lebens sein, das nachhaltig satt und zufrieden macht.

Jesus ist offen für alle Menschen.

Das ist die gute Nachricht für 2022!
Jesus empfängt alle mit offenen Armen: diejenigen, die sich bei ihm sicher fühlen, aber auch die, die noch auf der Suche sind oder die, die von Jesus erstmal gar nichts erwarten.
Ich werfe hierzu einen Blick in unsere 3 Gemeinden: Stephanus, Thomas und Heilig Kreuz.
Bei vielen Aktionen wird eine prima Arbeit geleistet. Es gibt neue und zündende Ideen und doch können wir überall beobachten, dass sich viele hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter verausgaben, ja, dass sie bis zum Limit arbeiten und dann leider feststellen müssen, dass es immer dieselben sind, die kommen, die sich auf die offenen Kirchentüren hinbewegen.
In unseren Kirchenvorständen wird oft heiß diskutiert, was man noch besser machen könnte. Aber unterm Strich müssen wir gestehen, dass es nicht an uns liegt, ob die Menschen der Einladung Jesu folgen.
Wir würden uns ja total überschätzen, wenn wir für den Glauben an Gott die alleinige Verantwortung tragen wollten.

Manche von uns kommen erschöpft an der Schwelle von der alten zur neuen Zeit an. Weil ein wirklich anstrengendes Jahr hinter uns liegt.
Viele Monate voller Einschränkungen und Sorgen im Alltag … für die allermeisten einfach keine gute Zeit.

Wir brauchen Hoffnung!

Die Hoffnung, dass 2022 das Leben wieder besser weiter geht. Unbeschwerter. In Frieden und Sicherheit – weltweit. Und dass endlich wieder dauerhaft Nähe zwischen den Menschen möglich ist.

Auch für unsere Gottesdienste ist das eine schöne Vorstellung: Wieder von Herzen miteinander singen und im großen Kreis das Abendmahl feiern. In unseren Gemeindehäusern unbeschwert beisammen sein.

Aber, was gibt uns Sicherheit an dieser Schwelle zum neuen Jahr?

Die meisten Menschen hoffen auf den unermüdlichen Forschergeist der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie hoffen auf Fortschritte und Neuentdeckungen in der Medizin. Auf Weitsicht und Umsicht in der Politik. Und sicher auch auf eine Portion Glück.

Wir Christinnen und Christen hoffen das auch. Aber wir hoffen dazu noch anderes. Wir hoffen auf mehr als das, was Menschen tun können oder was sich zufällig ergibt. Wir hoffen auf Gott. Wir hoffen und vertrauen darauf, dass er unsere Zeit in seinen Händen hält.
Und so beginnen wir das neue Jahr in Gottes Namen. Als Eingangslied haben wir gesungen: Jesus soll die Losung sein!

Und nun gibt es heute auch noch, an der Schwelle zum neuen Jahr, einen Satz, der unheimlich guttut. Ein Wort Jesu. Er spricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Eines ist uns allen aber auch klar: Um Hilfe zu bitten ist nicht leicht.
In der Bibel stehen viele Geschichten, in denen Menschen Jesus um seine Hilfe bitten. In den unterschiedlichsten Situationen, manchmal auf umständliche Art und Weise.
Einmal kommt zu Jesus ein römischer Hauptmann. Einer, der sonst die Befehle gibt. Er kennt es nicht anders, als dass erfüllt wird, was er befiehlt. Dieser Hauptmann bittet für seinen Knecht, um den er sich Sorgen macht. Doch Umstände machen will er nicht: „Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.“ (Matth. 8,8)
Klein macht sich hier der mächtige Hauptmann. Doch große Hoffnung setzt er auf den, der retten kann.
Leicht hätte Jesus hier sagen können: Für Heiden bin ich nicht zuständig. Doch Jesus hilft!

Ich denke auch an die Erzählung von der Mutter aus Syrophönizien. Sie spürt Jesus auf, als er selbst Ruhe braucht. Sie wirft sich ihm buchstäblich vor die Füße. Und als er sie beinahe wegschicken will, legt sie jeden Stolz ab: „Wie die Hunde von den Krümeln satt werden, die vom Tisch der Herren fallen, so kannst du auch mir helfen.“ Diese unfassbaren Worte sagt sie. Und lässt nicht locker. „So lass doch bitte auch für mich und mein Kind etwas von deinem Heil übrig. Ein paar Krümel deiner Gnade werden reichen!“ Auch hier geschieht es: Jesus hilft!

Niemand, der zu Jesus kommt, bleibt vor verschlossener Tür stehen. Niemand muss ohne Antwort weitergehen.
Niemand wird allein gelassen
– mit dem Anliegen, das ihm unter den Nägeln brennt
– mit der Frage, die ihr auf der Seele liegt
– mit der Bitte, die keinen Aufschub mehr duldet.
Weil Jesus lebendig ist. Weil er es versprochen hat:

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

In beiden Erzählungen waren Hilfe und Rettung nicht selbstverständlich.
Doch Jesus hat die bekannten Grenzen einfach überwunden.  Er hat den Mut und den festen Glauben der Bittenden geschätzt.
Jesus kannte das selbst auch: Immer wieder gab es Situationen in seinem Leben, in denen er von den Menschen nicht angenommen wurde:
Schon in Bethlehem hatte es begonnen. Kurz vor seiner Geburt, noch im Mutterleib, gab es keinen Raum in einer Herberge für die werdenden Eltern.
Und die ersten Jahre verbrachte die kleine Familie im ägyptischen Exil, weil von Herodes verfolgt.
Später wurde Jesus in Samaria abgewiesen. Man hat ihn aus der Stadt gedrängt und hätte ihn beinahe getötet. „Was maßt sich dieser Mann an?“, haben die Führenden immer wieder gefragt. „Der Messias kann so einer jedenfalls nicht sein.“

Doch nicht einmal die, die ihn abgewiesen haben, gibt Jesus auf.
Er betet vielmehr noch auf seiner letzten irdischen Station für die, die ihn ans Kreuz brachten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Das macht uns sprachlos.

Jesu Liebe ist einfach unermesslich.

Gute Aussichten also für das Jahr 2022:
Jeder, der möchte, wird von Jesus angenommen, wenn er den Mut hat, sich auf den Weg zu machen.
Seine Zusage gilt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen!“

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. 

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Predigt zum Altjahresabend

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 31.12.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Liebe Gemeinde,

ich denke, viele von Ihnen kennen das Gebet:

„Gott gib mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden!“

Dieses Gebet des amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr, das er während des 2. Welkriegs geschrieben hat,  passt gut zur momentanen Stimmungslage.
Ein im wahrsten Sinn des Wortes verrücktes Jahr liegt zum zweiten Mal hinter uns.
Das Gefühl der Machtlosigkeit beschleicht uns allenthalben.
Unser Land befindet sich zwischen Impfaktionen, Versammlungsvorschriften und immer wieder neuen Wellen mit hohen Inzidenzen aufgrund neuer Virusvarianten.
Diese Pandemie setzt uns allen zu.

Gerne würden wir am Altjahresabend eine positive Bilanz ziehen, was sich im vergangenen Jahr für uns in der Familie oder am Arbeitsplatz verändert hat, welche Reisen wir unternommen haben, wie uns der Umbau der Wohnung gelungen ist, welch schönes Familienfest wir haben feiern können, wie lustig es auf der Kärwa war …
Eigentlich … denn vieles lief ganz anders.
Einige von uns haben auch schmerzliche Abschiede hinnehmen müssen, wurden gar von heimtückischen Krankheiten überfallen.
Und alle leiden wir bis heute unter der Verunsicherung, die Corona mit sich bringt.

 An der Schwelle vom Alten zum Neuen stehen viele Fragen. Wir suchen nach Orientierung:
Wohin wird der Zick-Zack-Kurs führen?
Wann geht es endlich wieder geradeaus?

Gott gib mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden!“
Dieses Gebet drückt aus, dass wir Menschen nach Vergewisserung, Halt und Orientierung suchen.
Aus der Psychologie wissen wir, dass wir das allein nicht schaffen.
Wir brauchen Unterstützung.

Kann uns der an Weihnachten menschgewordene Gott weiterhelfen?
Jesus macht uns in einem sehr praktischen Gleichnis einen Vorschlag, den wir vorhin bei der Lesung des Evangeliums (Mt 13,24 – 30) schon gehört haben.
Das neue Jahr wird mit einem Acker verglichen, der im Herbst mit bestem Saatgut bestellt wird:
mit guten Vorsätzen, Hoffnungen, festen Planungen, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich.

Doch der Feind, so nennt Jesus die Widrigkeiten des Lebens, sät still und heimlich Unkrautsamen auf das gut bestellte Feld.
Das wollen wir Menschen uns nicht gefallen lassen und möchten dieses Unkraut möglichst schnell herausziehen:
„Wehret den Anfängen!“

Doch Jesus fordert in seinem Gleichnis Gelassenheit.
Denn emotionsgeladenes Handeln führt nicht selten zu Schaden.

In den vergangenen Wochen kochen die Emotionen buchstäblich über.
Die einen versuchen ihren Unmut über die Coronamaßnahmen lautstark bei Demonstrationen zu äußern.
Andere getrauen sich aus lauter Angst gar nicht mehr aus dem Haus.
Und auch in der Politik lassen sich emotionsgeladene, von Aktionismus geprägte Vorschläge beobachten.
Fast täglich gibt es neue Ideen, wie wir am besten mit der Pandemie umgehen sollen.

„Gott gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Das wird wohl eines unserer wichtigsten Gebete im neuen Jahr sein.

Was wir neben gut überlegtem Handeln im neuen Jahr brauchen, um ein Stück von der Weisheit zu erlangen, kann  auch der gute Tipp eines Motivationstrainers sein:
„Erinnere dich an das, was dich in guten Zeiten durchs Leben getragen hat, denke an das, was dich innerlich zufriedengestellt hat!“
Im Bayerischen Rundfunk hatten sie diese Woche die Zuhörer nach ihren schönsten Erlebnissen des Jahres gefragt.
Das hat die Zuhörer angesprochen und die Telefone standen nicht still.
Die Sehnsucht nach Beständigkeit und Sicherheit ist groß.

„Gott gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.“

Seit dem Heiligen Abend habe ich in meinem Wohnzimmer eine Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge stehen.
Wenn ich zur Ruhe kommen möchte, zünde ich die Kerzen an, stelle die Drehflügel so, dass sich die Pyramide nur langsam dreht. Dann lässt sich sehr schön beobachten, wer und was sich da alles auf den verschiedenen Ebenen bewegt: Die Hirten, die Schafe, die Könige auf den äußeren Ebenen.
In der Mitte auf dem festen ruhenden Gehäuse ganz oben die verkündigenden Engel, weiter unten Maria, Josef und das Kind in der Krippe.

Während ich das Drehen so beobachte, frage ich mich, um welches Zentrum herum ich mich bewege?
Was sorgt in meinem Leben für Beständigkeit?

Da gibt es die Zentrifugalkräfte, die mich – je weiter ich mich von der Mitte entferne – nach außen ziehen und Gefahr laufen lassen, dass ich hinausgeschleudert werde.
Und da gibt es die Fliehkräfte, die mich – je näher ich in der Mitte bin – desto mehr Standhaftigkeit spüren lassen.
Das ist ein schönes Bild für unseren Stand im Leben.
Stets sind wir gefordert, den richtigen Platz einzunehmen, damit wir den Halt unter den Füßen nicht verlieren.

Mit Weihnachten hat es angefangen, da wurde Gott Mensch! Gott teilte mit uns seine große Liebe!
Mit dem Leben und Wirken Jesu wird uns klar, worauf es im Leben ankommt.
Mit seinem Tod und seiner Auferstehung gibt er uns Menschen Hoffnung auch über den Tod hinaus!
Jesus ist für uns Christen die Mitte, der Weg und das Ziel!
So wie wir es bei der Weihnachtspyramide sehen können.
Die Kräfte, die durch diesen Glauben nach innen wirken, sind so stark, dass wir nicht von unserer Lebenspyramide nach außen geschleudert werden, obwohl die Zentrifugalkräfte täglich auf uns einwirken.
Wenn wir auf einem festen Fundament stehen, haben wir das Aufgehen der verschiedenen Saaten gut im Blick, dann können wir das sichtbare Unkraut, das Schlechte, herausziehen und es schließlich verbrennen, sodass es auf unser Leben keinen großen Einfluss nimmt.
Das heimtückische Unkraut, wie Krankheiten oder der Verlust eines geliebten Menschen, gibt unserem irdischen Leben eine andere Richtung, schleudert uns aber nicht aus der Bahn.
Denn der auferstandene Jesus ist der Herr der Zeit – auch der Herr unserer Zeit!

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus! 

 Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Predigt zur Christmette

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 24.12.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Krippe in der Stephanuskirche mit Maria, Josef, Jesuskind und den Hirten

Liebe Gemeinde,

Der Prophet Micha ist zunächst eher unbedeutend gewesen. Meist stand er im Schatten des großen Propheten Jesaja.
Aber einige Jahrhunderte nach seinem Tod gewinnt er plötzlich an Bedeutung, denn da entdeckten drei Sternendeuter am orientalischen Nachthimmel einen außergewöhnlichen Stern.
Für die Drei war schnell klar, dass diese Himmels-Erscheinung der Hinweis auf die Geburt eines großen Königs sein musste.
So machten sich die Astronomen auf einen langen Weg und fragten unter anderem beim König Herodes nach, ob er in seinem Regierungsgebiet von einer besonderen Geburt gehört hätte.
Herodes hatte keine Ahnung und wenn er eine gehabt hätte, wäre er den drei Weisen zuvorgekommen und hätte den Nebenbuhler schleunigst ausgeschaltet, was er nach einigen Wochen dann auch versuchte.
Doch die Gelehrten forschten weiter nach und fanden in den damals bekannten Heiligen Schriften die Stelle im Prophetenbuch des Micha, die uns heute als Predigttext vorliegt:

Du Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir kommen der, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“

Micha 5,1

In dem kleinen Dorf Bethlehem also – 20 Kilometer südwestlich von Jerusalem entfernt – Hier ist es geschehen. Die Geburt des Friedenskönigs!
Hier wurde Gott Mensch! Was für eine Botschaft!

 Die Gelehrten staunten damals nicht schlecht.
Auch sie hatten große Ehrfurcht, großen Respekt vor der Nähe Gottes.
Die Bibel schreibt, dass es stets Engel waren, die den Menschen die Furcht vor der Größe und Erhabenheit Gottes genommen haben.
So sprach der Engel Gabriel zu Maria:

Fürchte dich nicht, Gott hat Großes mit dir vor!

 Auch sprach der Engel Gabriel zu den Hirten auf dem Feld: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkündige euch große Freude! Euch ist heute der Heiland geboren!“

„Fürchtet euch nicht!“

So werden auch wir heute angesprochen von dem Geschehen in Bethlehem.
Wir können darüber nur staunen, dass sich aus einem eher unbedeutenden Geschehen in einem Stall, in einem kleinen Dorf, so Großes entwickelt hat.
Genau deshalb ist die Weihnachtsgeschichte wie Balsam für die Schwachen, die Unbedeutenden, die Enttäuschten, für die, die keine Hoffnung mehr haben.
Wer sich auf diese Weihnachts-Geschichte einlässt, darf staunen wie ein Kind, von dem wird nichts gefordert.

Die Starken, die Emsigen unter uns werden sich aber fragen: Na, wird das gut gehen? Werden wir da nicht von der Welt belächelt, wenn wir uns gemeinsam mit den einfachen Hirten vor der Krippe niederknien, ganz in Gedanken versunken, die ganze Bedrohlichkeit der Welt hinter uns lassend?
Und vielleicht noch singend:
Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu du mein Leben!

Liebe weihnachtliche Gemeinde,

ich bin der Überzeugung: an Weihnachten dürfen, ja sollen wir an der Krippe innehalten und über die Menschwerdung Gottes staunen.

 Martin Luther sagte:

„Willst du gewiss sein und Gott in seinem Wesen recht kennenlernen, so musst du unten anfangen, wie der Prophet es tut, dass du zuerst nach Bethlehem kommst!“

Für den Propheten Micha, der 800 Jahre vor Jesu Geburt gelebt hat, wäre so ein stiller Ort vor den Toren Jerusalems ein Traum gewesen – tobte doch damals im Land ein heftiger Krieg.

Und wie ist das mit dem Frieden bei uns?

Äußerlich gesehen, können wir in Deutschland – Gott sei Dank – von einer Friedenszeit reden, wenngleich die Spannungen in unserer Gesellschaft zurzeit an Fahrt aufnehmen.
Mag es daran liegen, dass uns innerer Halt und Zuversicht abhandengekommen sind?
Viele von uns werden im Arbeitsalltag oft bis an die Grenzen herausgefordert.
Dazu kommt noch die Pandemie mit täglich neuen Verhaltensregeln – das alles bringt Unruhe in unser Leben.
Am liebsten würden wir das alles endlich hinter uns lassen!
Weil wir momentan am eigenen Leib spüren, dass uns die äußere Sicherheit abhandenkommt, haben wir Sehnsucht nach innerem Halt, nach festen Werten, nach Geborgenheit.

Der Prophet Micha verheißt seinen Lesern ein sicheres Wohnen, ein Dach über dem Kopf, wenn er die Geburt dessen ankündigt, der ein Herrscher der besonderen Art sein wird:

„Der Verheißene aber wird auftreten und wird sie weiden in der Kraft des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich und groß werden bis an die Enden der Erde. Und er wird der Friede sein!“

Micha 5,3 – 4a

Mit dem Friedenslicht aus Bethlehem halten Sie diese Weihnachtsbotschaft symbolisch auch in ihren Händen.
Auf der einen Seite im Lichtschein die Heilige Familie – eingebettet in ein tiefes beruhigendes Blau.

Auf der anderen Seite in hellem Weiß nur ein Wort: „Friedenslicht“. Nicht mehr, nicht weniger!
Das genügt erst einmal, um unsere Sehnsucht zu stillen.

Wer die Geburtskirche in Bethlehem besuchen möchte, der muss sich tief hinunterbeugen, um die Stelle zu sehen, an der die ersten Christen den Standort der Krippe vermuteten.
Vor einigen Jahrhunderten schon hat man aus Angst vor Plünderungen das Portal der Geburtskirche zugemauert und nur einen schmalen Gang gelassen.
Wer also heute zur Krippe kommen möchte, muss sich klein machen, muss im übertragenen Sinn Demut zeigen vor dem, der den inneren Frieden bringen wird.
Stolzes Gehabe hat an der Krippe nichts zu suchen.
Ja, wer sich in diesen Tagen auf den Weg zur Krippe macht, dem wird klar, dass sich Gott durch seine Menschwerdung in die tiefsten Abgründe unserer menschlichen Existenz begibt.

Dazu kommt noch, dass Jesus in Bethlehem Efrata geboren wird. Das heißt übersetzt. „Haus des Brotes“.

Wieder ein schönes Bild auch für uns.
Jesus gibt uns die Speise, die wir brauchen. Unseren Hunger nach Frieden, Liebe und Geborgenheit kann er stillen, wenn wir uns auf ihn einlassen.

Das kleine Bethlehem wird Großes hervorbringen!

Die drei Weisen haben den Prophezeiungen aus dem Micha Buch vertraut.
Zielstrebig sind Sie damals nach Bethlehem gezogen.

Ich wünsche uns allen, dass das Geschehen im kleinen Bethlehem auch für uns das bedeutendste Erlebnis in den kommenden Tagen, ja vielleicht sogar in unserem Leben wird.

Der Friede des Herrn, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus .

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Advent – eine gute Zeit, eine Zeit des Haushaltens

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 12.12.2021 (3. Advent) in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Drei Teelichthalter mit brennenden Kerzen warm erleuchtet inmitten von getrockneten Apfel- und Orangenscheiben, Sternanis, Zimtstanden, Beeren und Nüssen.

Liebe Gemeinde,

heute am 12. Dezember befinden wir uns gerade mitten in der Adventszeit.
In den letzten Wochen habe ich vielen Gemeindemitgliedern eine stille Zeit, eine besinnliche Zeit gewünscht.
Wahrscheinlich können Sie dasselbe berichten.
Denn in uns allen steckt die tiefe Sehnsucht, das Geheimnis von Weihnachten ganz langsam und behutsam zu lüften, nur so können wir am meisten davon haben.
Sonntag für Sonntag zünden wir eine Kerze mehr am Adventskranz an, um der Hektik des Alltags bewusst entgegenzusteuern.
Doch die Realität, den Alltag mit dem Mysterium, dem Geheimnis von Weihnachten in Einklang zu bringen, verlangt von uns viel Geduld und Kraft.

Vergangene Woche hatten wir in der Sitzung des Kirchenvorstands den neuen Haushaltsplan zu verabschieden. Da ging es in erster Linie um den sachgemäßen und verantwortlichen Umgang mit unseren Finanzen.
„Gemeinde an sich“ ist wahrhaftig kein Selbstläufer mehr. Die verantwortliche Verwaltung unseres Kindergartens, unseres Gemeindehauses und natürlich unserer Stephanuskirche, mitsamt den hauptamtlichen, nebenamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen fordert uns jedes Jahr aufs neue heraus.
Nach der Vorstellung des Haushaltsplanes durch unseren Kirchenpfleger konnten wir schon den Eindruck gewinnen, dass wir ein mittelständisches Unternehmen sind.
Auch wir hier in der Kirchengemeinde sind Ökonominnen und Ökonomen!

Die Bedeutung des guten Haushaltens griff schon Paulus in seinem Brief an die Korinther auf.

So lautet unser heutiger Predigttext zum 3. Advent:

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter (Ökonomen) über Gottes Geheimnisse.
Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.

1. Korinther 4,1-2

Die Worte des Paulus weisen uns darauf hin, dass die Adventszeit eine Zeit ist, in der wir auch als Christen Bilanz ziehen.
Nur, dass Paulus da nicht den finanziellen Haushalt meint, sondern den Umgang und das Haushalten mit den göttlichen Geheimnissen.
Nach Paulus sollen die Ökonomen der Gemeinde treu sein, zuverlässig im Handeln, aber auch in dem, was sie erreichen.

„Zielführend“ und „zielorientiert“ wären da die passenden Worte aus unserer modernen Zeit.
Der Unterschied zu einem Wirtschaftsunternehmen ist, dass wir in der Gemeinde, neben der ordnungsgemäßen Buchführung, die Geheimnisse Gottes gut verwalten.
Wir haben den Auftrag, diese Geheimnisse allen verständlich zu machen und öffentlich davon zu sprechen. Das ganze Leben eines Menschen mit allen seinen Wegen und Umwegen sollen wir mit Gott in Verbindung bringen.
Allem Gelingen, aber auch allem Scheitern sollen wir einen Sinn entlocken.
Wege zu erfrischenden Quellen aufzeigen und auf Überlebensstrategien hinweisen.

Nach Paulus muss die Adventszeit also so verstanden werden, Bilanz zu ziehen, wo wir momentan stehen, nachzuprüfen, ob wir wirklich bereit sind für das Kommen Gottes auf die Erde.

Dass diese Messlatte für uns Christen sehr hoch hängt, das wusste Paulus auch und so schreibt er weiter an seine Gemeinde:

Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht.
Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.

1. Korinther 4,3-4

Das kennen wir alle: unsere Mitmenschen neigen dazu, sich vor allem über die anderen das Maul zu zerreißen.
Und je mehr man im Fokus der Öffentlichkeit steht, desto mehr läuft man Gefahr, regelmäßig mit Kritik überhäuft zu werden.
Das gilt nicht nur für die Politiker und die Ökonomen in unserer Gesellschaft, das gilt auch für die Verantwortlichen in unseren Kirchengemeinden.
Aus eigenen Befindlichkeiten heraus und das Ganze wahrhaftig nicht wirklich im Blick habend, vielleicht auch, weil man mit dem eigenen Leben nicht zufrieden ist,
wird da über andere gemauschelt, gelästert und nicht selten gemobbt.

Paulus hält da mit einem gesunden Selbstvertrauen und mit einem tiefen Gottvertrauen dagegen.
Er lässt sich von keinem menschlichen Urteil den Weg vermiesen, sondern er nimmt allein Gottes Urteil ernst!

Danke Paulus! – Das ist wirklich eine befreiende Botschaft in der Adventszeit!

Er schickt sogar noch einen Appell hinterher. Einen Aufruf, der sich an die Geduld seiner Hörerinnen und Hörer wendet:

Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist und das Streben der Herzen offenbar machen wird.
Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.

1. Korinther 4,5

Die Adventszeit ist also auch eine Zeit der Umkehr von alltäglichen Verhaltensmustern, eine Zeit des Innehaltens, des Überdenkens:
Wie oft habe ich im vergangenen Jahr schon mal allzu schnell ein hartes Urteil über einen Mitmenschen gefällt, ohne wirklich was über sein/ihr Leben zu wissen?

Manche von uns hadern in dieser dunklen Jahreszeit auch mit sich selbst und ihrem Schicksal.
In solche Situationen hinein spricht uns Paulus Trost zu:

Am Ende rückt uns kein geringerer als Gott ins Licht!

Unsere Geduld mit anderen und auch mit uns selbst wird belohnt werden mit dem Glanz von Weihnachten.

Wir werden belohnt mit dem Kommen Gottes auf die Erde!

Das himmlische Licht umgibt uns und zeigt uns den Weg durch die größte Finsternis!

Das ist es, was wir in der Adventszeit erwarten: den Heiland, der uns heil macht, den Retter, der uns rettet und den Friedefürsten, der uns mutig macht, in unserem Leben immer wieder neu anzufangen, aufzubrechen und zuversichtlich nach vorne zu gehen.

Genau das ist das Geheimnis des Glaubens, welches wir gut verwalten sollen!

Die Wochen vor Weihnachten möchten uns Zeit und Raum geben, aus dem Alltagstrott herauszutreten, das Geheimnis des Glaubens ganz langsam zu enthüllen.

Alle unsere Sinne werden in diesen Wochen durch unser Handeln angesprochen:
Unsere Augen freuen sich über den Lichterglanz, unsere Nasen nehmen den Plätzchenduft auf, unsere Hände rascheln beim Basteln mit dem Stroh oder mit dem Glanzpapier, unsere Ohren lieben die Musik und die Lieder, die uns Beständigkeit und Geborgenheit vermitteln, unsere Spenden öffnen unsere Herzen für andere in Not.

Die Adventszeit ist eine gute Zeit, eine Zeit des Haushaltens.
Da können wir schon mal üben, wie es ist, wenn es Gott gut mit uns meint, wenn er uns im Stall an der Krippe willkommen heißt und den Lohn des Wartens gibt.

Der Friede des Herrn, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus!

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin