Predigt zum Karfreitag – Christus der Versöhner

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 15.04.2022 in der Stephanuskirche in Gebersdorf zu Lukas 23, 32-49

Gemälde: Gekreuzigter Jesus, einfarbig in Orange auf schwarzem Hintergrund.
Kreuzigung in Orange, Ernst Volland, 2010, akg-images/Ernst Volland

Liebe Gemeinde,

wieviel Prozent der Evangelischen besuchen wohl heute zur Todesstunde einen Gottesdienst? Wieviel Prozent der Christen überhaupt – weltweit?
In Deutschland ist der prozentuale Anteil wahrscheinlich gering. So wie auch die Anzahl der Gottesdienstbesucher konstant schwindet.
Obwohl doch die Botschaft, die vom Karfreitag ausgeht, die ganze Welt betrifft:

Am Karfreitag wurde die Welt mit Gott versöhnt!

Die ganze Welt – mit Gott versöhnt!
Alles ist in Ordnung gebracht! Kein Ärger mehr!
Bahn frei für einen Neuanfang! Ein Neuanfang für alle!
Für Würdige und Unwürdige. Für Reine und Unreine. Für Fanatiker, Gleichgültige und Träumer.

Weshalb wir uns da so sicher sein können:
Jesus spricht: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!“
Jesus hat nicht gewartet, bis die Menschen unter seinem Kreuz Reue zeigten.
Gefasst und noch mit fester Stimme bittet er seinen Vater im Himmel um die Versöhnung mit der Welt!
Und dies, obwohl er ohne Zweifel auf sein Ende zuging.
Diese Selbstlosigkeit machte nicht nur die Menschen damals sprachlos.
Jesus gab sein Leben dahin für die Vielen! Er gab alles, was ein Mensch geben kann.

Genau deshalb brauchen wir uns nicht mehr zu fragen, sind wir durch unser Handeln vor Gott gerecht, sind wir seiner Gnade würdig?
Selbstverständlich sind wir das! Allein aus Gnade!
So drückte es auch schon Martin Luther aus.
Wenn uns das klar ist, fällt es uns nicht schwer, Botschafter dieser Versöhnung zu sein!
Wirklich eine ehrenvolle und überaus wichtige Aufgabe!
Denn Botschafter braucht es in unserer globalisierten Welt immer mehr.

Denken wir nur an die Botschafter, die sich weltweit für den Klimaschutz einsetzen, denken wir an Greta Thunberg oder an die Deutsche Lisa Neubauer. Unerschrocken reisen sie durch die Welt, um die Menschen vor dem Abgrund zu warnen, um die Menschen an ihre Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen zu erinnern.

Wir kennen auch Botschafter des Friedens wie Antonio Guterres von den Vereinten Nationen, oder den Dalai Lama, oder den Papst oder den einen oder anderen europäischen Politiker, der im furchtbaren Russland-Ukraine Krieg zu vermitteln versucht, um diesem Grauen ein baldiges Ende zu bereiten.

Diese Botschafter kennen wir aus den Medien.
Wir aber, alle, die wir hier sind, sind die Botschafter der Versöhnung der Welt mit dem Höchsten, mit Gott!

Als Christen sind wir zu dieser Aufgabe berufen. Das heißt aber auch, genau zu unterscheiden, wie wir die Lage sehen und wie Gott sie sieht.
Schaffen wir es, die Welt mit Gottes Augen zu sehen, mit dieser unbeschreiblichen Liebe, die er uns durch seinen Sohn erwiesen hat?
Das geht nicht so einfach.
Manchmal widerstrebt es uns sogar.
Gerade, wenn wir uns am Abend die Nachrichten anhören und die Bilder vom Leid in der Welt oder vom Leid in den Kriegsgebieten sehen.
Wie können wir mit Versöhnung und Liebe etwas ausrichten?
Auf Anhieb mag das illusorisch klingen, vielleicht etwas für Träumer, für Menschen, die leicht davon reden können, weil sie viele tausend Kilometer weg sind von den Katastrophengebieten.
Ja, es stimmt, Versöhnung kommt nicht mit Gewalt und auch nicht mit schweren Waffen daher, dennoch ist sie kraftvoll.
Versöhnung lebt von einem starken Glauben an das Gute!
Versöhnung sieht dort eine Beziehung, eine Gemeinschaft, wo sonst niemand eine sieht.
Wo alle nur Gräben und Abgründe sehen, sieht Versöhnung eine Brücke, die das überspannt.

Das sichtbare Zeichen für eine Versöhnung ist das Kreuz.

Jesus hält in seinem Kreuz diese Abgründe zwischen verschiedenen Welten zusammen, er umspannt sie, umfasst sie und bindet sie in seiner Liebe zusammen.
Durch Jesus geht zusammen, was nicht zusammengehört.
So spricht er zu dem Schwerverbrecher, der neben ihm am Kreuz hängt: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“

Genau um diese Selbstlosigkeit bitten wir regelmäßig, wenn wir das Vaterunser sprechen:
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“
Ob wir so eine Versöhnung schaffen, so wie es uns Jesus vorgelebt hat, wahrscheinlich nicht!

Im Münchner Sonntagsblatt habe ich diese Woche in einem Bericht der Theologin und Osteuropa Expertin Regina Elsner gelesen, dass die zwei orthodoxen Kirchen im Ukraine-Krieg keine Rolle spielen und wenn, dann vor allem die russisch-orthodoxe Kirche eine Unrühmliche, ist sie doch zerstritten mit der ukrainisch-orthodoxen Kirche und lässt sich von den russischen Machthabern benutzen.

Man kann nicht mit Gott versöhnt sein und selbst unversöhnt sein mit anderen!
Dabei sollten die Kirchen auf den schauen, der schon vor 2000 Jahren wusste, dass Gewalt nur Gewalt hervorbringt und absolute Liebe, ja sogar Feindesliebe die Lösung für einen Frieden sein kann.

Ein Versöhner zu sein, das kann viel kosten. Überwindung, Mut, Verzicht.
Das wissen wir alle, wenn wir in unsere Familien oder auch in unsere Nachbarschaft blicken.
Nicht jeder schafft es, den Weg einer Versöhnung zu gehen.
Versöhnung verlangt uns viel ab. Versöhnung kostet uns manchmal die letzten Nerven.

Jesus hat Versöhnung das Leben gekostet!

In dem Wissen, dass dieser hohe Preis unumgänglich ist, blieb ihm nur noch das Vertrauen auf seinen Vater im Himmel:

„Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“

Liebe Gemeinde, immer wenn uns das Gefühl der Ohnmacht und der Aussichtslosigkeit beschleicht, dürfen wir diese Worte Jesu nachsprechen.
Sie geben auch mir und Dir Ruhe und Kraft, durch eine schwere Zeit zu kommen!

Amen.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Ist Jesus für uns gestorben?

Symbolbild: Bibel


Von Anfang an verstanden Christen den Tod Jesu als Selbstopfer für andere. Die Bibel steigert das Motiv der Hingabe ins Mythische: Jesus habe ein Lösegeld bezahlt, um die Gläubigen freizukaufen, schrieb Paulus (1. Korinther 6,20). Jesus trage die Schuld der ganzen Welt, soll Johannes der Täufer gesagt haben (Johannes 1,29): „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünde der Welt“, singen Christen heute noch beim Abendmahl: „Erbarm dich unser.“ Eine schwierige Vorstellung, an deren Erklärung viele Theologen gescheitert sind.

Manche sagen: Ein gnädiger und gerechter Gott dürfe nicht alle Schuld ungesühnt lassen. Er müsse eine Sühne verlangen. Daher nehme Gottes Sohn die Strafe auf sich. So könne Gott gerecht und gnädig sein. „Ich will nicht, dass Jesus für mich stirbt“, sagen viele. Andere sagen: „Wie konnte Jesus die Verantwortung für Dinge übernehmen, die damals noch völlig undenkbar waren: die Ausrottung ganzer Indiovölker, die Versklavung von Millionen von Afrikanern, den millionenfachen Mord an Juden?“

Und doch hat das Bild viele Menschen getröstet: „Wenn ich einmal soll scheiden“, dichtete der Pfarrer Paul Gerhardt acht Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg, „so scheide nicht von mir. Wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür. Wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.“ Paul Gerhardt stellte sich vor, er müsse seine Taten vor seinem ewigen Richter verantworten. Doch die Sündenlast sei so groß, dass er Höllenstrafen befürchten müsse. Hier kommt die Bitte aus der Liedstrophe ins Spiel: Jesus tritt hervor, tritt für den Angeklagten ein, nimmt seine Schuld auf sich. So kann das sündige, aber doch gläubige „Ich“ zu Gott heimkehren.

Diese Hoffnung prägte über Jahrhunderte die protestantische Gewissenskultur: Du kannst nicht alles richtig machen. Aber du musst dich dem Bösen, das du anrichtest, stellen. Dann kannst du auf die Gnade Christi hoffen. Diese Gewissenskultur verband einen hohen moralischen Anspruch mit der Bereitschaft, die Gesellschaft zu gestalten – und dabei das Risiko einzugehen, auch Fehler zu machen.

In vielem, was Luther gelehrt hat, findet man diesen Zwiespalt wieder: Feindesliebe bis zur Selbstverleugnung. Schlägt dich der Feind, so halte ihm die andere Wange hin. Zugleich lehrte Luther, dass man für andere Verantwortung übernehmen soll. Bedroht der Feind das Leben deines Nächsten, musst du ihn verteidigen, auch mit der Waffe. Selbsthingabe ja, aber eben auch Verantwortung für andere.


Burkhard Weitz
Aus: „chrismon“, das Monatsmagazin der Evangelischen Kirche. www.chrismon

Predigt zum Karfreitag

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 02.04.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Liebe Mitchristen,

bei dem Mann auf unserem Bild handelt es sich – um Norbert Steiner aus Zirndorf, 46 Jahre alt. Wie man sieht, geht es ihm schlecht. Ziemlich verwahrlost sitzt er versunken da, während im Hintergrund die Sonne aufgeht. Schlaflos scheint er die ganze Nacht hier oben gesessen zu sein. Auch der heraufziehende neue Tag kann seine Miene nicht aufhellen.

Bis vor 10 Monaten war er KfZ-Mechaniker in einer Opel Werkstatt; dann – wie aus heiterem Himmel – traf ihn die Diagnose: Krebs, Nierenkrebs. Die ersten Behandlungen schlugen noch gut an und es bestand realistische Hoffnung. Doch inzwischen hat der Krebs aufgeholt und gestreut. Die Ärzte haben Herrn Steiner beigebracht, dass eine Heilung kaum noch möglich ist. Allerdings könnte man mit verschiedenen Mitteln das letzte, unangenehme Stadium noch anderthalb, vielleicht sogar zwei Jahre hinauszögern. Garantien gäbe es natürlich keine. „Unter Umständen geht alles schneller“, – sagt der Arzt.

„Ich muss hier raus!“, rief Herr Steiner gestern Abend. Er hat sich nur eine Decke über den verschwitzten Schlafanzug geworfen und ist in die Fränkische Schweiz gefahren. Und da sitzt er jetzt.
„Was wird kommen? Warum ich? Warum so früh? Ich bin Mitte Vierzig! Halte ich das aus? – Wozu überhaupt aushalten? Könnte ich das nicht früher – beenden? Bevor es richtig schlimm wird?“ So denkt er, einsam in der Steinwüste. – Wie weit wird er am Abend dieses Tages mit sich und seinem Leiden sein?

Liebe Mitchristen, es macht sich unter uns – in der Gesellschaft, aber vielleicht auch in dieser Kirchengemeinde – ein Konsens, eine einhellige Meinung, breit, dass die Würde des Menschen genau darin liegt, über sich selbst bestimmen zu können – und das heißt auch: selbstbestimmt Leid zu verhindern und zu sterben. Würdiges Leben und Leid schließen sich dieser Meinung nach aus. Leidendes Leben ist zu bedauern und auf Dauer nicht lebenswert.

Ich weiß nicht, ob Sie’s gesehen haben. Als im November das Sterbehilfe-Schauspiel „Gott“ im Fernsehen lief, stimmten 71% der Zuschauer dafür, dass der Sterbewillige das tödliche Mittel bekommt. Daher kommt der Druck, die Gesetzeslage zur Sterbehilfe zu lockern. Und was sonst als unbedingt zu verhütendes Übel gefürchtet wird, steht auf einmal da als Erfüllungsgehilfe wahren Menschseins: der Selbstmord. – Denn um nichts anderes handelt es sich ja bei der Aktion, die man beschönigend „Sterbehilfe“ nennt.

Seltsam ist nur: Bei einem 16jährigen Mädel, das sich aus Liebeskummer umbringen will, weil sie sich auf immer verletzt sieht, zu der würde keiner sagen: „Ja, hast recht.
Deine Würde kannst Du nur wahren, wenn Du diesem Leid selbstbestimmt ein Ende machst. Hier hast Du eine Ampulle gelöstes Natrium-Pentobarbital, – du kennst doch diese Hütte im Wald; da hast du die Ruhe dazu.“ – Jesus würde sagen: Wer einen jungen Menschen so „zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde.“ (Mk 9,42). Aber was berechtigt dann zur tödlichen Selbstbestimmung? Altersreife? Muss man über vierzig oder über fünfzig sein? Oder gilt nur körperliches, nicht aber seelisches Leid, um sich „berechtigt“ umzubringen? Kaum, denn der Sterbewillige im Film „Gott“ war kerngesund.

Die Befürworter der Sterbehilfe argumentieren mit dem Recht auf Selbstbestimmung. – Gegner der Sterbehilfe sagen, es gehe letztlich nur um die Angst und die könne man den Menschen mit Palliativmedizin, als Schmerzbetäubung nehmen. Was hier ignoriert wird ist, dass es nicht nur um die Angst vor dem Schmerz geht, sondern um die Angst, sich in die Hände anderer auszuliefern, sein Schicksal aus der Hand zu geben. – Nun – die zweite Variante gibt sich gern als die „christliche“ aus. Aber ist sie es auch? – Beide Positionen gleichen sich ja darin, dass sie sagen: Würde und Leid schließen sich aus. Beide sagen: Lieber Norbert, wir verhindern, dass Du leidest, und genau so erhalten wir deine Würde. Genau das, liebe Gemeinde, ist aber nicht christlich. – Ich muss hier den ansonsten recht katholisch-verstockten Bischof aus dem Stück „GOTT“ zitieren: „Leben bedeutet
zu leiden. Das Christentum, wenn man es ernst nimmt, ist die Religion des Leidens. Das ist schwer und passt nicht in die Moderne.“ Damit hat er recht.

Ich lese Ihnen jetzt den Bibeltext, der den Karfreitag mit der Sterbehilfe zusammenbindet. Paulus schreibt im 2. Brief an die Korinther im 4. Kapitel: V. 8-12.17

„Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde. Denn wir, die wir leben, werden immerdar in den Tod gegeben um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu offenbar werde an unserm sterblichen Fleisch. So ist nun der Tod mächtig in uns, aber das Leben in euch. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.“

2. Korinther 4,8-12.17

Was heißt das? Es heißt: Der Christenmensch hat seine Würde gerade darin, dass er das Schicksal seines Herrn teilt. „Wir tragen allezeit – allezeit! – das Sterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.“ Wahres Leben gibt es also nicht als Gegensatz zum Leiden, sondern gerade das Leid, das im Glauben getragene Leid, gebiert das wahre Leben. „Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.“

Diese Wahrheit verraten die Kirchen immer dann, wenn sie den christlichen Glauben als Wellness-Kur für ein erfülltes oder glückliches Leben anpreisen. Nicht Glück, sondern Leidensfähigkeit ist ein untrügliches Kennzeichen von Christsein. Die Altvorderen haben das gewusst: „Und wer dies Kind – das Jesus-Kind – mit Freuden umfangen, küssen will, muss vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel, danach mit ihm auch sterben und geistlich auferstehn, das ewig Leben erben, wie an ihm ist geschehn.“ So habe ich’s vorhin gesungen. Darum genau geht es. Und wir sehen: Es geht da schon um Glück, sogar Glücksgefühle: Das Kind, Christus, umfangen, küssen, das ewige Leben erben. So kann man die Hoffnung unseres Glaubens schon ausdrücken. Ihre Stärke besteht aber nicht darin, Leid auszuschließen, sondern es zu bestehen. Aber warum leiden – und wozu? Ist Gott ein Sadist? Darauf läuft’s doch hinaus. Und gerade angesichts der Kreuzigung Jesu ist dieser Vorwurf oft schon erhoben worden.

Damit die Sache nicht theoretisch bleibt, wende ich mich an Norbert Steiner und versuche ihm zu erklären, warum er lieber leidend sterben sollte als sich umzubringen. – Gott bewahre mich davor, dabei zynisch zu werden oder etwas zu sagen, was ich selbst nicht mehr hören könnte, wenn mich eine Krebsdiagnose träfe. – Also los: Lieber Herr Steiner, Ihre Lage ist zum Verzweifeln. Das sehe ich. Da gibt’s auch nichts zu beschönigen. Auch ich würde wahrscheinlich an Ihrer Stelle in ein paar Monaten in ein Hospiz gehen. Niemand braucht mehr leiden als nötig, auch kein Christ. Aber – Sterben ist auch im Hospiz nicht schön. Sie werden wegdämmern, Ihr Bewusstsein wird vielleicht getrübt werden. Ihr Aussehen, Ihre Geräusche, Ihre Gerüche, – Sie werden recht erbarmungswürdig daliegen. Und Sie fragen sich jetzt, warum Sie diese letzte Lebensphase des Verfalls mitmachen sollten? Tiere schläfert man auch ein, aus humaner Tierliebe.

Ich weiß nicht, ob Sie ein überzeugter Christ sind, Herr Steiner, aber nehmen wir mal an, Sie versuchen sich jetzt mal wirklich, in den christlichen Glauben reinzudenken. Also nicht in so ein Chrismon-Gutelaune-Christentum zum Leute-Anfüttern, sondern wirklich in den hardcore Glauben, wie er in der Bibel steht.
Da haben wir Jesus, den Menschen, mit dem Gott sich 1 zu 1 identifziert. In ihm zeigt Gott, was er von uns will und was er für uns will; anders gesagt: Gerechtigkeit und Liebe. Und an diesem Menschen behandelt er das Problem, dass der Mensch normalerweise erstmal Gerechtigkeit und Liebe gar nicht haben will, sondern Ego, Ego, Ego. Die Bibel nennt das Sünde.

„Stop, Pfarrer, unterbricht mich Herr Steiner, „ich sitze auf dem Stein hier oben, nicht weil ich besonders lieblos oder ungerecht bin, ich bestimmt nicht, sondern ich sitze hier, weil ich verrecke. Willst du mir sagen, ich hätte den Krebs, weil ich so ein Super-Egoist bin? Was du da erzählst von Sünde, Liebe und dem Schmarrn – das ist bereits zynisch. Also geh weg und lass mich in Ruhe!“ Herr Steiner, sorry, so war’s nicht gemeint. Sie haben recht, ich erspar mir den Anmarsch-Weg. Aber noch lass ich nicht locker. – Mit Ihrem Leiden sind Sie nicht nur unter Menschen, sondern sogar bei Gott nicht allein. Jesus hat gelitten, Folter bis zum Tod am Kreuz. Und auch er war verzweifelt. Aber er hat es ausgehalten, weil er erkannt hat: Nur so kommt die Gottlosigkeit dieser Welt zu Ende, wenn ich den Preis dafür bezahle. Und der Preis dafür, Gottes Liebe und Gerechtigkeit abzuwürgen, der Preis dafür kann nur der Tod sein.

„Und das soll ich getan haben, dieses Abwürgen?“, fragt Steiner. – Pfr.: „Naja, nicht nur Sie speziell, aber Sie auch. Sie sind sicherlich kein Haupttäter, aber Mitläufer. Ob KfZ-Mechaniker oder Pfarrer. Wir sind alle Mitläufer. Es ist die Grundhaltung, in der die Menschheit sich vorfindet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie davon nichts in sich haben. – „Naja …“
So, und Gott kann über die Gottlosigkeit nicht einfach hinweggehen. Er muss sie richten, sonst wäre er nicht gerecht. Und wie gesagt: Da alles Leben von Gott kommt, bedeutet Gott-Losigkeit: Tod. Paulus meint: durch den Menschen ist die ganze Welt dem Tod verfallen und seufzt unter der Sünde des Menschen. Das ist ja gar nicht so schlecht nachzuvollziehen, wenn man an die ganze Umwelt-Sache denkt.“ – „Du schweifst schon wieder ab, Pfaffe: Ich soll in ein bis zwei Jahren tot sein! Die Umwelt interessiert mich grad einen Dreck.“

„Hm, ok, also Jesus hat diesen Tod der Gottlosen auf sich genommen, weil der Tod der Ort ist, wo wirklich alles menschliche Werkeln, Tüfteln, Schaffen, Leisten, Gestalten, Vermurksen zu Ende ist. Im Sterben bin ich so passiv wie der Erdklumpen, aus dem Gott den Adam geformt hat. Im Tod kann ich nur noch eines: empfangen. Genau an den Punkt wollte Jesus.“ – „Na bravo! Eigentor, Pfarrer! Da will ich auch hin, gib mir das Gift, dann bin ich dort!“ „Eben nicht, Steiner! Denn statt zu empfangen, bestimmst du eigenmächtig, wie’s laufen soll und bist gerade nicht passiv. Jesus blieb passiv – er ist sogar am Kreuz verzweifelt – aber dann hat er empfangen: Gott hat ihm an Ostern ein neues, ein völlig neuartiges Leben gegeben. Kurz: In Jesus hat sich Gott den Weg gebahnt zu uns. Und Jesus hat uns durch Karfreitag und Ostern den Weg gebahnt zu Gott.“ – „Was Pfarrer reden können … So, aber jetzt bring’s mal auf den Punkt, also auf mich endlich; – mir geht nämlich die Geduld aus!“ „Ok, Herr Steiner, der Punkt tut aber weh: Ihr Krebs ist ein Splitter vom Kreuz Jesu. Sie leiden Gottes Urteil über uns sündige Menschen – mit Jesus mit – und wie er es aushielt und am Kreuz fixiert aushalten musste, – so sind Sie in die Nachfolge gerufen, zum Leiden, zum Sterben und damit zum radikalen Empfangen. Gerade so bleiben Himmel, Frieden, ewiges Leben ‘ Ihre Hoffnung, begründet in der Ostertat Gottes. Und diese Hoffnung ist keine Vertröstung, sondern Trost im Leiden selbst. „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde.“ – Und „Leib“, das heißt: schon hier in der Welt vor dem Tod. Also hier im Leid des Leibes, im Leib des Leidens, kann das Leben Jesu schon an uns und in uns aufleuchten. Etwa, wenn wir mit unserer Hoffnung anderen Hoffnung geben. Indem wir ausstrahlen, dass jetzt nichts mehr an uns, aber alles an Gott liegt. Und mit in den Tod – nehmen wir die Verheißung, dass wir – so wie wir mit Christus gestorben sind, auch mit ihm leben werden. (Röm 6,8)

Herr Steiner, hören Sie überhaupt noch zu? – „Jaja. – Und weißt Du, Pfarrer, was mir aufgefallen ist? So wie ich hier oben sitze, sehe ich schon fast aus wie dein Jesus. Komisch was?“ – „Äh, ich wollt‘ ja nichts sagen, aber das is mir gleich schon aufgefallen. Das könnte ja der erste Schritt sein in die richtige Richtung, also in die Nachfolge Jesu. – Alles Gute, Herr Steiner, gute Besinnung, gute Entscheidung! Gott mutet Ihnen was zu; das sehe ich. Aber er traut Ihnen auch was zu. Und er hat mit Ihnen noch was vor; viel vor.“

Amen.

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer

Predigten Landesbischof Bedford-Strohm

Drei Kreuze an denen drei Statuen symbolisch gekreuzigt wurden. Der Blick des Betrachters geht in Richtung Himmel, die Kreuze sind von der Rückseite aus zu sehen.
Kreuzigungsgruppe auf dem Kreuzberg in der Rhön (Bayern) – Foto: epd bild/Neetz

Der bayerische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm predigt im Gottesdienst an Karfreitag, 2. April, um 10 Uhr in der Kirche St. Matthäus, München. Liturg ist Pfarrer Gottfried von Segnitz. Es wirken mit Solisten des Residenzorchesters München und ein Ensemble des Münchner Motettenchores.

Hier findet sich der Livestream auf Facebook.

Der Landesbischof hält auch die Predigt im Fernsehgottesdienst zur Osternacht in der Landshuter Christuskirche am Karsamstag, 3. April, um 22 Uhr. Liturgin ist Dekanin Nina Lubomierski. Es singt das Ensemble Singerpur, die musikalische Leitung hat Kirchenmusikdirektor Volker Gloßner. Das Bayerische Fernsehen überträgt live ab 22 Uhr. Die ARD überträgt den Gottesdienst zeitversetzt ab 23.55 Uhr.