Eingehüllt von Gott

Symbolbild mit Monatsspruch Juli 2021: Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir (Apostelgeschichte 17,27)

Ich liebe es, im Meer zu schwimmen. Die Wellen tragen mich, die Sonne wärmt auch im Wasser meine Haut. Am liebsten bin ich da nackt, so ursprünglich schön ist das. Selbst wenn es regnet und das Meer nicht so sanft ist: Ich mag es. „Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir“ (Apostelgeschichte 17,27). Ich spüre, eingehüllt von Gott zu sein, ganz nah und direkt.

Paulus erzählt in Athen von seinem Gott, er geht dafür zum Areopag, dem Ort, der Weisheit, Ästhetik, Toleranz atmet. Dort hofft er beschreiben zu können, was Gottes Nähe bedeutet, wie sich das anfühlen kann. Der streng wirkende Paulus stellt sich genau auf die Menschen ein, die er erreichen will.

Spüren sie es, wenn sie von etwas ganz umschlossen und begeistert sind? Ein Sommerwald, in dem man die Sonne regelrecht riechen kann, die Ruhe hört und Wind eine Seite in uns zum Klingen bringt. Jede Faser meines Körpers genießt, staunt – Gott wird zu einem Teil von mir. Dann aber gibt es Gewitter und stürmische Fluten, Windbruch und Borkenkäfer, vertrocknete Wälder. Nichts mit Begeisterung, Gott scheint doch recht fern.

Ich weiß aber, wie das Meer ist, wie sich Moosbett anfühlt, wie großartig es ist, Wissen, Erkenntnisse aufzusaugen, Schönheit zu entdecken. Gott ist nicht fern von mir. Ich brauche diese Gewissheit, um Unwetter des Lebens, Stürme des Alltags zu überstehen.

Carmen Jäger

Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor

Der Videogruß von Heinrich Bedford-Strohm, EKD-Ratsvorsitzender

„Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor.“ Der heutige Lehrtext der Herrnhuter Losung aus dem zwölften Kapitel des Römerbriefs des Paulus hat eine hohe Alltagstauglichkeit. Denn wie wir miteinander umgehen, hat eine ganz entscheidende Bedeutung für das Lebensgefühl, mit dem wir leben. Ist es eine Kultur der Abwertung? Oder ist es eine Kultur der Achtung und des Respekts?

Achtung und Respekt sind vielleicht die modernen Worte für das, was mit Ehrerbietung gemeint ist. Eine Kultur der Abwertung entsteht, wenn man über andere Menschen immer nur das sagt, was sie falsch machen. Wenn man vielleicht sogar über sie herzieht. Eine Kultur der Achtung und des Respekts entsteht, wenn wir andere Menschen ganz unabhängig von ihren Leistungen erst einmal einfach als Menschen und deswegen mit Freundlichkeit begegnen. Es geht nicht um Höflichkeitsfloskeln, es geht um eine Haltung, um eine innere Haltung, eine Haltung, die man erstmal gewinnen muss.

Wie gewinnt man sie? Paulus hat da gleich im nächsten Vers eine klare Antwort: „Seid brennend im Geist, dient dem Herrn!“ Eine innere Haltung kann auch nur von innen kommen. Sie muss sozusagen aus der Seele kommen. Deswegen sagt Paulus: Lasst euch berühren vom Geist, von der Liebe Gottes. Wenn ihr in euch spürt, wie ihr bitter frustriert oder gar verächtlich gegenüber anderen Menschen werdet: Haltet inne, redet mit Christus im Gebet. Vielleicht spürt ihr dann, wie die Achtung und der Respekt zurückkommt und ihr zu einer lebendigen Antwort werdet auf diesen Satz: „Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor.“

Geht gesegnet und behütet in diesen Tag.

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm,
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Predigt zum 2. So. n. Trinitatis

Von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter am 13.06.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!
Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist verleiht – vor allem aber danach, als Prophet zu reden. Wer in fremden Sprachen redet, spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott. Denn niemand versteht ihn.Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt, bleibt vielmehr ein Geheimnis. Wer dagegen als Prophet redet, spricht zu den Menschen. Er baut die Gemeinde auf, ermutigt sie und tröstet sie.
Wer in fremden Sprachen redet, baut damit nur sich selbst auf. Wer aber als Prophet redet, baut die Gemeinde auf.
Ich wünschte mir, dass ihr alle in fremden Sprachen reden könntet.
Noch lieber wäre es mir allerdings, wenn ihr als Propheten reden könntet. Denn wer als Prophet redet, ist bedeutender als derjenige, der in fremden Sprachen redet.
Es sein denn, er legt seine Rede auch aus. Das hilft dann mit, die Gemeinde aufzubauen.
Brüder und Schwestern, jetzt stellt euch doch nur einmal vor:
Ich komme zu euch und rede in fremden Sprachen.
Was habt ihr davon, wenn ich euch nichts Verständliches vermittle – zum Beispiel eine Offenbarung oder eine Erkenntnis oder eine prophetische Botschaft oder eine Lehre.
So ist es ja auch bei den hölzernen Musikinstrumenten, zum Beispiel bei einer Flöte oder Leier: Wenn sich die einzelnen Töne nicht unterscheiden, wie soll man dann erkennen, was auf der Flöte oder auf der Leier gespielt wird?
Oder wenn von der Trompete nur ein gepresster Ton kommt – Wer rüstet sich dann zum Kampf?
Genauso wirkt es, wenn ihr in fremden Sprachen redet. Wenn ihr keine verständlichen Worte gebraucht, wie soll man das Gesagte verstehen können? Ihr werdet in den Wind reden!
Wer weiß, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt, ja, nichts geschieht ohne Sprache. Wenn ich eine Sprache nicht spreche, werde ich für den, der sie spricht ein Fremder sein. Und wer sie spricht, wird umgekehrt für mich ein Fremder sein.
Bei euch ist es genauso. Ihr strebt doch nach den Gaben des Heiligen Geistes.
Strebt danach, an solchen Gaben reich zu werden, um die die Gemeinde aufzubauen!

1. Kor. 14,1-12

Liebe Gemeinde,

eigentlich wollten wir heute unser Gemeindefest feiern. Mit Begeisterung, Musik und gutem Essen. Doch noch dürfen wir hier nicht feiern.
Die Pandemie hat uns fast vergessen lassen, wie man sich fühlt, wenn man ausgelassen feiern kann und ganz unbeschwert einen Sommertag genießen kann.
Aber die Profifußballer geben uns seit Freitagabend einen Vorgeschmack davon.
Vielleicht haben Sie auch das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft in Rom gesehen – Italien gegen die Türkei!?
18.000 Zuschauer haben im Stadion mitgefiebert, getobt, gebrüllt, gestöhnt oder Sprechchöre angestimmt.
Da gab es Gesten und Laute, die nur von eingefleischten Fans verstanden werden.
Ich gestehe, dass ich nicht immer alles deuten und verstehen kann, was bei einem Fußballspiel so abläuft.
Wenn ich jetzt zur Sommerzeit das Fenster meines Amtszimmers geöffnet habe, höre ich nachmittags neben den lauten Glockenschlägen auch immer wieder die Kinder unseres Kindergartens toben. Sie scheinen ihr Glück herauszuschreien, genauso wie ihre Wut oder ihre Enttäuschung. Manchmal scheinen sie von einer Woge der Begeisterung erfasst zu werden, dass sie vor lauter Aufregung nur noch Stammeln und Stottern. Wirklich verstehen kann ich da kaum was.

Anhand der zwei Beispiele sehen wir, dass es eine Art der Kommunikation gibt, die auch ohne verständliche Worte erfolgen kann.

Szenen der Aufregung gab es auch in der Gemeinde von Korinth. Allerdings nicht im Sportstadion oder im Kindergarten, sondern auf den Plätzen und in den Wohnungen, in denen sich die Mitglieder der von Paulus gegründeten Gemeinde getroffen haben.
Obwohl das Ganze vor 2000 Jahren passierte, können wir mitreden, da es auch heute in unseren Gemeinden ähnliche Aufregungen gibt.
Damals stritt man sich über die richtige Praxis beim Abendmahl oder den Ablauf des Gottesdienstes. Dazu kam damals der Brauch, dass einzelne Gemeindeglieder in Ekstase gerieten, anfingen zu tanzen und dabei in unverständlichen Worten redeten.
Das deuteten manche aus der Gemeinde als Wirken des Heiligen Geistes.  Zungenrede – so nannte man das.

Paulus respektiert dies zunächst, denn schon in den alten Schriften kamen solche Begeisterungsszenen vor.
Aber er warnt davor, nur die Zungenrede als Zeichen des Heiligen Geistes zu sehen. Denn was ist mit all denen, die diese Sprache, diese Zeichen nicht verstehen?
Werden da nicht viele verschreckt und wenden sich gar mit Kopfschütteln ab?

Ein Kapitel vorher versucht Paulus in seinem Brief den Korinthern klarzumachen, worauf es beim christlichen Glauben und im Leben in der christlichen Gemeinschaft ankommt.
Da hat er wunderbare Worte gewählt, die sich bis heute viele Brautpaare für ihre Trauung wünschen:
„Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen … sie rechnet das Böse nicht zu … sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“

Uns sind diese Worte vertraut, wir meinen sie auch zu verstehen.

Aber stellen Sie sich vor, Paulus wäre heute unser Gast.
Die Ruhe und Getragenheit unseres Gottesdienstes würde ihm zwar gefallen, denn alle unsere Worte werden verständlich, nicht in Zungenrede gesprochen, doch, wenn er so in die Runde schauen würde, würde ihm doch auch auffallen, dass trotz verständlicher Sprache relativ wenige Gemeindeglieder im Gottesdienst sind.

Mag es daran liegen, dass viele die Sprache unserer Gottesdienste nicht mehr verstehen?

Paulus würde uns daraufhin folgende drei Ratschläge geben:

1. Eure prophetische Rede soll aufbauen!

D.h., wenn wir jemanden sehen, der belastet oder bedrückt oder einsam ist, dann soll unser Umgang herzlich sein!
Das miteinander Reden und auch das miteinander Schweigen ist ein sichtbares und auch ein machbares Stück Liebe.
Die liebevolle und geduldige Haltung dem andern gegenüber, auch wenn er gerade nervt oder wieder mal nichts kapiert, das sind Kennzeichen eines Christen.

2. Eure prophetische Rede soll ermahnen!

Na ja, wer mag das schon, ermahnt zu werden? Die Jungen wollen sich von den Älteren nichts sagen lassen, sie möchten ihre eigenen Erfahrungen machen, und die Älteren bekommen einen dicken Hals, wenn ihnen Jüngere besserwisserisch etwas unter die Nase reiben.
Aber, es gibt auch Menschen, denen es gelingt, anderen etwas beizubringen, ohne dass gleich schlechte Stimmung herrscht.
Kennen Sie solche Menschen? Ich hoffe doch!
Ist es doch deren liebevolle und selbstlose Art, ihr Wissen und ihre Erfahrung mit anderen zu teilen.

3. Eure prophetische Rede soll trösten!

Paulus weist darauf hin, dass es ganz wichtig ist, im Namen Gottes, auf Trauernde zuzugehen, Verletzten zu helfen, Verzweifelten eine Stütze zu sein.
Schließlich kommt es bei all dem prophetischen Reden darauf an, den richtigen Ton zu finden. Nicht jeder kann einem Blasinstrument die passenden Töne entlocken und nicht jeder in der Gemeinde hat die Fähigkeit prophetisch zu reden.
Paulus will uns einladen, im Streben nach Liebe die richtige Sprache zu suchen.
In einem Gebet heißt es: Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton, Worte, die klären und nur nicht zerstören, gib mir genug davon!

Liebe Gemeinde, ich bin mir sicher, dass wir auch bei uns prophetische Worte finden können, dort wo sie aus dem Herzen kommen.

Dass wir nicht müde werden, danach zu streben, dazu möge uns Gott helfen.

AMEN.

Gabriele Edelmann-Richter, Pfarrerin

Predigt Jubilate

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 25.04.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Idealisierte Ansicht der Akropolis mit Athena Promachos und dem Areopag
(Leo von Klenze, 1846)

Areopag-Rede: Der unbekannte Gott stellt sich vor!

Liebe Schwestern und Brüder,
Eine Handvoll yogaseliger Damen mittleren Alters sitzt im Schneidersitz auf hellbeigem Teppichboden. Ein türkiser Vorhangstoff dimmt das Sonnenlicht und der Duft orientalischer Räucherstäbchen weht einem um die Nase? Mittendrin sitzt noch jemand. Und zwar genau – Sie! Und Sie fühlen sich – in offensichtlichem Gegenteil zu allen anderen hier – irgendwie unwohl und fragen sich: „Bin ich hier richtig?“ – – – „Bin ich hier richtig?“, das könnte sich auch Franziska fragen, die heute zufällig unseren Gottesdienst besucht. Der jungen Physiotherapeutin aus dem Osten erginge es bei uns vermutlich ebenso exotisch wie uns in jener Yoga-Stunde. Lauter ältere Leute hier, merkwürdig altmodische Musik, ein Mann in einer schwarzen Robe ähnlich der bei einer Nachmittags-Gerichts-Show bei RTL. – Diese geschraubte Sprache, und über allem ein riesiger Gefolterter aus der Zeit der Antike. Alles sehr, sehr „strange“ für eine junge Frau aus dem Osten. Es bleibt die skeptisch interessierte Frage:

„Bin ich hier richtig?“

„Kirche“ kann noch so offen sein – die Welt um uns herum hat sich verändert. Unsere Kirchen – egal ob katholisch oder evangelisch oder noch anders – sind den meisten Menschen von heute ziemlich fremd geworden. Ich merke das daran, dass ich bei Beerdigungen das Vaterunser in aller Regel allein sprechen muss. Es gehört nicht mehr zum allgemeinen Repertoire. Und das ist sicher nur die Spitze des Eisbergs.
Aber unsere Zeitgenossen bieten uns eine wertvolle Außenperspektive. Wir denken ja oft, unsere eigene Kirchenwelt sei schon das große Ganze – und übersehen dabei, wie exotisch sie auf Menschen wie Franziska wirkt. Für sie ist der Altar, um den wir uns heute hier versammelt haben, genau das, wovon Paulus in der BibelLesung gerade gesprochen hat: der Altar eines unbekannten Gottes. – Wir meinen, diesen Gott zu kennen – für unsere ostdeutsche Physiotherapeutin aber ist er denkbar fremd und für viele normale Nürnberger heute ebenso. Aber diese Menschen zeigen uns, dass wir den Gott dieses Altars vielleicht gar nicht so gut kennen wie wir meinen. Wir meinen, oder besser: Wir hoffen ja, dass der Glaube uns Antwort gibt auf unsere entscheidenden, die existentiellen Fragen. Aber unter diesem glatten FrageAntwort-Schema verbergen sich auch unsere Zweifel, unser Zittern angesichts der Fragen von Leben und Liebe, von Glück und Tod. Denn Leben, Liebe, Glück und Tod fühlen sich so viel eindeutiger schön oder schlecht an – als der Gott, der uns an diesem Altar Antwort verspricht.

Das zu leugnen, wäre unehrlich.

Unsere nicht-religiösen Zeitgenossen zeigen uns die Lebensfragen und Lebenssehnsüchte oft ganz unverstellt und konfrontieren uns immer wieder mit dem eigenen Brodeln, das unter unseren christlichen Antworten lauert. Denn – auch wir – kennen das: In der Kirche zu sitzen und sich zu fragen: Bin ich hier richtig?

Nun, wie kommen wir weiter? Heften wir uns dem Apostel Paulus an die Fersen! Er ist ja nicht gleich auf den Gerichtshügel Areopag gegangen, sondern wird erst einmal in aller Ruhe durch Athen flaniert sein – diese flirrende antike Großstadt mit ihrem brodelnden Gemisch aus Lebensstilen, Glaubensweisen und Weltanschauungen. Aufmerksam schlendert Paulus durch ihre Straßen und Gassen, bleibt hier stehen, dort hängen. Denn er sucht nach den „Heiligtümern“ der Athener – nach jenen Orten, an denen sie bereit sind, dem, was ihnen heilig ist, Opfer zu bringen. – – – Und ich stelle mir vor, wie er zweitausend Jahre später – sagen wir vor zwei Jahren, also vor Corona, unsere quirlige Stadt besucht hätte. Welche Heiligtümer fände er dort? Wofür sind wir bereit, etwas zu opfern: Zeit, Geld und Herzblut? Ich stelle mir vor, wie er durch die Fußgängerzone schlendert und aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, was es da in normalen Zeiten alles zu kaufen gibt. Vielleicht setzte er sich aber auch ins Frankenstadion und zittert mit dem Club – hört wie seine Anhänger schreien und singen. Womöglich hätte ihm das echt gefallen. Käme er heute in Pandemie-Zeiten, würde er vielleicht einen offiziellen Stadt-Tempel wie die Sebalduskirche besuchen und gleich daneben das wunderschöne Klima-Camp. Und ins Impfzentrum im Messegelände würde er gehen und staunen, wie wichtig uns die Gesundheit ist.

Heiligtümer von heute – und damals

An all solchen Orten fände er ‚Heiligtümer’ von heutigen Nürnbergern. Der Soziologe Peter Berger spricht von Altären der Moderne. Und vielleicht würde Paulus überall dort auch das finden, was er auf seiner Suche nach einem Anknüpfungspunkt für das Evangelium bereits in Athen entdeckte: Altäre eines unbekannten Gottes. Damit beginnt er dann auch seine Predigt auf dem Areopag – hören wir noch einmal hinein:

„Athener, nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: DEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch. Gott, der die Welt erschaffen hat […] wohnt nicht in Tempeln […].
Er lässt sich auch nicht von Menschen bedienen, als brauche er etwas – er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt. […] Er wollte, dass die Menschen nach ihm suchen – ob sie ihn vielleicht spüren oder entdecken können. Denn keinem von uns ist er fern. In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“

Apg 17, 23-28

Was macht Paulus hier? Er knüpft an bei dem, was die Menschen kennen und tun, bei dem, was ihnen wichtig ist, – und sagt: Keinem von Euch ist Gott fern. Gott ist nahe dem, was ihr alles versucht, was ihr verehrt, was ihr versteht. Er, der All-Schöpfer, hat alles gemacht. Darum seid ihr schon immer – als seine Geschöpfe – Teil seines Plans, Teil seiner Welt. Ja, ihr verehrt ja schon Dinge, die ihm wichtig sind: Eure Gesundheit zum Beispiel, aber auch dass es Euch gut geht, bis in Luxus hinein, will er. Spiritualität und Kunst will er – und Engagement. Dass Euch das alles auch wichtig ist, freut ihn. Ihr sucht das Richtige.

Gerade weil auch wir Kirchenchristen aller Konfessionen längst keine gesellschaftsdominierende Mehrheit mehr sind, verweist diese Botschaft uns auf die vielen nichtkirchlichen, säkularen ‚Altäre’ Gottes in unserer Stadt – auf inspirierende Orte voll sozialer Phantasie und mit kulturellem Sexappeal, an denen man sich über die großen Dinge des Seins austauscht. Dass diese Altäre derzeit wegen Corona alle unbespielt und un-beweihräuchert bleiben, tut nicht nur denen da draußen nicht gut, sondern auch uns nicht. Wir werden nicht mehr neuartig in Frage gestellt. Das einzige quasi-religiöse Hochamt scheinen die Pressekonferenzen von Wiehler, Drosten und Spahn zu sein. So sehr sie sich mühen, das kann nicht alles sein. Jetzt haben Schauspieler versucht, einen Gegenpol zu bilden – und scheitern schon wieder an sich selbst.

Und jetzt?

Aber es gibt sie weiter: Die Fragen, die viel tiefer dringen als die Pandemie. Aber: Fragen sind nicht Antworten, Fragen beantworten sich nicht von selbst. Deshalb meint Paulus, nachdem er die richtigen Ansätze der Athener gewürdigt hat: Wir sollen „nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.“ Wir können nur fragen, wir können sogar radikal fragen – Kunst und Literatur und Philosophie tun das auch – aber antworten sie auch? Sie versuchen es, sicher, aber tragen menschliche Antworten auf menschliche Fragen? Kann man aus dem Material menschlicher Fragen und Sehnsüchte rettende Götter fabrizieren?

Paulus meint natürlich: Nein! Deshalb setzt er seine Rede auf einmal als Bußprediger fort, – ganz unerwartet:

„Nun – Gott sieht nachsichtig über die Zeiten hinweg, in denen die Menschen ihn nicht gekannt haben. Aber jetzt fordert er alle Menschen an allen Orten auf, ihr Leben zu ändern. Denn Gott hat einen Tag festgesetzt, um über die ganze Welt zu richten.“

Paulus beginnt hier damit, den unbekannten Gott bekannt zu machen. D.h.: Nach der Würdigung der richtigen Fragen, bringt er die richtige Antwort. Und die klingt nicht angenehm: Man soll sein Leben ändern! – Dafür hatten die Athener ihren Altar für den unbekannten Gott sicher nicht gebaut. Dafür ist auch kein Karstadt, kein Frankenstadion, keine Meistersingerhalle gebaut. Gott, sagt Paulus, will die Welt richten. Und diese Gerichtsbotschaft soll bewirken, dass möglichst viele sich noch darauf einlassen und sich darum umstellen. Dass das erste, womit sich dieser Gott bekannt macht, „Gericht“ ist, ist natürlich eine Spitze gegen den Areopag selbst. Denn nicht nur der Hügel heißt so, sondern auch die Gerichtsbehörde die darauf tagt. Paulus sagt hier also zwischen den Zeilen: Areopag-Gericht schön und gut, aber der eigentliche Richter ist Gott. Und das bedeutet, dass es diesem Gott entscheidend, lebensentscheidend um Gerechtigkeit geht. Bei den Griechen gehört die Göttin der Gerechtigkeit Diké nicht einmal zu den olympischen Hauptgöttern; sie ist eine Untergöttin unter vielen.

Und wie sieht es bei uns aus?

Der Justiz haben wir immerhin Paläste gebaut wie an der Fürtherstr., wo sogar Weltgeschichte geschrieben wurde. Aber den Bereich der Religion halten wir gern von Justiz-Fragen fern. Religion muss doch das Leben erleichtern, befreien und nicht mit Paragraphen einengen. Religion, da muss es doch um einen fröhlichen, lieb-reizenden Schwebezustand gehen – oder zumindest um frohgemute Lebens-Motivation. Aber nicht um Rechtsfragen!

Wie stark diese Abwehr von Recht in der Kirche ist, erlebe ich gerade hautnah, da ich mich mit Recht und Rechtsanwalt gegen meine Vertreibung aus der Melanchthonkirche wehre. Das wird als sehr unpassend empfunden. Und ob sich das Recht durchsetzt, ist bis heute fraglich. Wie sehr unser Glaube mit dem Recht verschmolzen ist, zeigt letztlich das Kreuz Christi. Denn er stirbt hier zum einen an der fehlgeleiteten Gesetzlichkeit der Schriftgelehrten, zum anderen von Gott her an unseren Gesetzesbrüchen. Und typisch für das Religionsverständnis unserer Zeit ist auch hier, dass das Kreuz heute gern aus der Mitte des Glaubens weggeräumt wird, – bis hin zu Neugestaltungen von Kirchenräumen.

Paulus dagegen predigt: Recht und Gerechtigkeit gehören ins Zentrum unseres Glaubens und sind nicht das Kleingedruckte in irgendwelchen Fußnoten. Und dies sei nicht bloß eine Botschaft vom Himmel, sondern sie ist beglaubigt und geerdet durch den auferstandenen Menschensohn:

„Dann wird er Gerechtigkeit walten lassen – durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Dass dieser Mann wirklich dafür bestimmt ist, hat Gott allen Menschen durch dessen Auferweckung von den Toten bewiesen.«

Gott hat seinen Generalbevollmächtigten, diesen Mann Jesus, durch den Tod hindurch bestätigt. Nicht der Tod besiegelt die Bilanz seines Lebens wie bei Sokrates oder Cäsar, wie bei Mahatma Gandhi oder Prinzessin Diana, sondern Jesu Siegel ist sein neues Leben. Das neue Leben im Reich der Gerechtigkeit, das uns allen versprochen ist. Das ist ja eigentlich die Pointe, wenn Gott zu Buße aufruft, zum „Ändert Euer Leben!“. Dieses geänderte Leben soll nicht einer ideologischen Weltverbesserung dienen; das geänderte Leben ist auch nicht der Preis, mit dem wir Gott etwas abkaufen könnten. Sondern es könnte einen Vorgeschmack geben auf das gerechte, ewige Leben.

Aber soweit kommt Paulus gar nicht, weil das Stichwort Auferstehung die Zuhörer endgültig spaltet und die meisten abwinken lässt. „Darüber wollen wir dich ein andermal hören“, sagen sie und gehen weg. Nur wenige bleiben. Wer auf dem „Markt der Möglichkeiten“ spricht, darf nicht mit einem überwältigenden Massenerfolg rechnen.

Wir dürfen Gott selbst fragen: Bin ich hier richtig?

Die Landeskirche schreibt uns gerade im Zuge des Struktur-Prozesses PuK vor, wir sollten jetzt endlich nicht nur für das Häuflein klein im Gottesdienst arbeiten, sondern wir müssten jetzt die Unerreichten erreichen. Was dem für ein Erfolg beschieden sein wird, sieht man an Paulus. Aber – biblische Begründungen finden sich in den PuKPapieren ohnehin nur ganz wenige.

„Bin ich hier richtig?“ Das war ja die Einstiegsfrage. Die meisten Athener, die sich durchaus richtig fühlten am Altar des unbekannten Gottes, fühlten sich nach seiner Bekannt-Machung durch Paulus nicht mehr richtig. Und wir? Auch wir sollen uns in unserem Nachfragen und Nachhaken durchaus durch die scharfen Fragen unserer atheistischen Kulturträger radikalisieren lassen. Aber dann können wir an diesem (zeigt auf den Kirchenaltar) Altar damit ernst machen, dass wir keinen unbekannten, sondern einen offenbaren Gott haben. Wir dürfen Gott selbst fragen: Bin ich hier richtig? Und die Apostel damals und wir Pfarrer und Pfarrerinnen heute sind Ihnen schuldig zu antworten, warum und inwiefern sie hier eben richtig sind. Mit weniger müssen Sie sich nicht zufrieden geben. Der christliche Glaube denkt! Das Wunder und das Absurde sind eben NICHT des Glaubens liebstes Kind! Das früheste Zeugnis davon ist die Botschaft des Paulus – und die finden wir am besten allerdings nicht in der Apostelgeschichte, sondern in seinen echten Briefen. Darin nun weiterzulesen, ist so schwierig wie das Leben, Aber genauso lohnend.

Amen.

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer

Predigt zum Karfreitag

Von Pfarrer Dr. Matthias Dreher am 02.04.2021 in der Stephanuskirche in Gebersdorf

Liebe Mitchristen,

bei dem Mann auf unserem Bild handelt es sich – um Norbert Steiner aus Zirndorf, 46 Jahre alt. Wie man sieht, geht es ihm schlecht. Ziemlich verwahrlost sitzt er versunken da, während im Hintergrund die Sonne aufgeht. Schlaflos scheint er die ganze Nacht hier oben gesessen zu sein. Auch der heraufziehende neue Tag kann seine Miene nicht aufhellen.

Bis vor 10 Monaten war er KfZ-Mechaniker in einer Opel Werkstatt; dann – wie aus heiterem Himmel – traf ihn die Diagnose: Krebs, Nierenkrebs. Die ersten Behandlungen schlugen noch gut an und es bestand realistische Hoffnung. Doch inzwischen hat der Krebs aufgeholt und gestreut. Die Ärzte haben Herrn Steiner beigebracht, dass eine Heilung kaum noch möglich ist. Allerdings könnte man mit verschiedenen Mitteln das letzte, unangenehme Stadium noch anderthalb, vielleicht sogar zwei Jahre hinauszögern. Garantien gäbe es natürlich keine. „Unter Umständen geht alles schneller“, – sagt der Arzt.

„Ich muss hier raus!“, rief Herr Steiner gestern Abend. Er hat sich nur eine Decke über den verschwitzten Schlafanzug geworfen und ist in die Fränkische Schweiz gefahren. Und da sitzt er jetzt.
„Was wird kommen? Warum ich? Warum so früh? Ich bin Mitte Vierzig! Halte ich das aus? – Wozu überhaupt aushalten? Könnte ich das nicht früher – beenden? Bevor es richtig schlimm wird?“ So denkt er, einsam in der Steinwüste. – Wie weit wird er am Abend dieses Tages mit sich und seinem Leiden sein?

Liebe Mitchristen, es macht sich unter uns – in der Gesellschaft, aber vielleicht auch in dieser Kirchengemeinde – ein Konsens, eine einhellige Meinung, breit, dass die Würde des Menschen genau darin liegt, über sich selbst bestimmen zu können – und das heißt auch: selbstbestimmt Leid zu verhindern und zu sterben. Würdiges Leben und Leid schließen sich dieser Meinung nach aus. Leidendes Leben ist zu bedauern und auf Dauer nicht lebenswert.

Ich weiß nicht, ob Sie’s gesehen haben. Als im November das Sterbehilfe-Schauspiel „Gott“ im Fernsehen lief, stimmten 71% der Zuschauer dafür, dass der Sterbewillige das tödliche Mittel bekommt. Daher kommt der Druck, die Gesetzeslage zur Sterbehilfe zu lockern. Und was sonst als unbedingt zu verhütendes Übel gefürchtet wird, steht auf einmal da als Erfüllungsgehilfe wahren Menschseins: der Selbstmord. – Denn um nichts anderes handelt es sich ja bei der Aktion, die man beschönigend „Sterbehilfe“ nennt.

Seltsam ist nur: Bei einem 16jährigen Mädel, das sich aus Liebeskummer umbringen will, weil sie sich auf immer verletzt sieht, zu der würde keiner sagen: „Ja, hast recht.
Deine Würde kannst Du nur wahren, wenn Du diesem Leid selbstbestimmt ein Ende machst. Hier hast Du eine Ampulle gelöstes Natrium-Pentobarbital, – du kennst doch diese Hütte im Wald; da hast du die Ruhe dazu.“ – Jesus würde sagen: Wer einen jungen Menschen so „zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde.“ (Mk 9,42). Aber was berechtigt dann zur tödlichen Selbstbestimmung? Altersreife? Muss man über vierzig oder über fünfzig sein? Oder gilt nur körperliches, nicht aber seelisches Leid, um sich „berechtigt“ umzubringen? Kaum, denn der Sterbewillige im Film „Gott“ war kerngesund.

Die Befürworter der Sterbehilfe argumentieren mit dem Recht auf Selbstbestimmung. – Gegner der Sterbehilfe sagen, es gehe letztlich nur um die Angst und die könne man den Menschen mit Palliativmedizin, als Schmerzbetäubung nehmen. Was hier ignoriert wird ist, dass es nicht nur um die Angst vor dem Schmerz geht, sondern um die Angst, sich in die Hände anderer auszuliefern, sein Schicksal aus der Hand zu geben. – Nun – die zweite Variante gibt sich gern als die „christliche“ aus. Aber ist sie es auch? – Beide Positionen gleichen sich ja darin, dass sie sagen: Würde und Leid schließen sich aus. Beide sagen: Lieber Norbert, wir verhindern, dass Du leidest, und genau so erhalten wir deine Würde. Genau das, liebe Gemeinde, ist aber nicht christlich. – Ich muss hier den ansonsten recht katholisch-verstockten Bischof aus dem Stück „GOTT“ zitieren: „Leben bedeutet
zu leiden. Das Christentum, wenn man es ernst nimmt, ist die Religion des Leidens. Das ist schwer und passt nicht in die Moderne.“ Damit hat er recht.

Ich lese Ihnen jetzt den Bibeltext, der den Karfreitag mit der Sterbehilfe zusammenbindet. Paulus schreibt im 2. Brief an die Korinther im 4. Kapitel: V. 8-12.17

„Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde. Denn wir, die wir leben, werden immerdar in den Tod gegeben um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu offenbar werde an unserm sterblichen Fleisch. So ist nun der Tod mächtig in uns, aber das Leben in euch. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.“

2. Korinther 4,8-12.17

Was heißt das? Es heißt: Der Christenmensch hat seine Würde gerade darin, dass er das Schicksal seines Herrn teilt. „Wir tragen allezeit – allezeit! – das Sterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.“ Wahres Leben gibt es also nicht als Gegensatz zum Leiden, sondern gerade das Leid, das im Glauben getragene Leid, gebiert das wahre Leben. „Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.“

Diese Wahrheit verraten die Kirchen immer dann, wenn sie den christlichen Glauben als Wellness-Kur für ein erfülltes oder glückliches Leben anpreisen. Nicht Glück, sondern Leidensfähigkeit ist ein untrügliches Kennzeichen von Christsein. Die Altvorderen haben das gewusst: „Und wer dies Kind – das Jesus-Kind – mit Freuden umfangen, küssen will, muss vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel, danach mit ihm auch sterben und geistlich auferstehn, das ewig Leben erben, wie an ihm ist geschehn.“ So habe ich’s vorhin gesungen. Darum genau geht es. Und wir sehen: Es geht da schon um Glück, sogar Glücksgefühle: Das Kind, Christus, umfangen, küssen, das ewige Leben erben. So kann man die Hoffnung unseres Glaubens schon ausdrücken. Ihre Stärke besteht aber nicht darin, Leid auszuschließen, sondern es zu bestehen. Aber warum leiden – und wozu? Ist Gott ein Sadist? Darauf läuft’s doch hinaus. Und gerade angesichts der Kreuzigung Jesu ist dieser Vorwurf oft schon erhoben worden.

Damit die Sache nicht theoretisch bleibt, wende ich mich an Norbert Steiner und versuche ihm zu erklären, warum er lieber leidend sterben sollte als sich umzubringen. – Gott bewahre mich davor, dabei zynisch zu werden oder etwas zu sagen, was ich selbst nicht mehr hören könnte, wenn mich eine Krebsdiagnose träfe. – Also los: Lieber Herr Steiner, Ihre Lage ist zum Verzweifeln. Das sehe ich. Da gibt’s auch nichts zu beschönigen. Auch ich würde wahrscheinlich an Ihrer Stelle in ein paar Monaten in ein Hospiz gehen. Niemand braucht mehr leiden als nötig, auch kein Christ. Aber – Sterben ist auch im Hospiz nicht schön. Sie werden wegdämmern, Ihr Bewusstsein wird vielleicht getrübt werden. Ihr Aussehen, Ihre Geräusche, Ihre Gerüche, – Sie werden recht erbarmungswürdig daliegen. Und Sie fragen sich jetzt, warum Sie diese letzte Lebensphase des Verfalls mitmachen sollten? Tiere schläfert man auch ein, aus humaner Tierliebe.

Ich weiß nicht, ob Sie ein überzeugter Christ sind, Herr Steiner, aber nehmen wir mal an, Sie versuchen sich jetzt mal wirklich, in den christlichen Glauben reinzudenken. Also nicht in so ein Chrismon-Gutelaune-Christentum zum Leute-Anfüttern, sondern wirklich in den hardcore Glauben, wie er in der Bibel steht.
Da haben wir Jesus, den Menschen, mit dem Gott sich 1 zu 1 identifziert. In ihm zeigt Gott, was er von uns will und was er für uns will; anders gesagt: Gerechtigkeit und Liebe. Und an diesem Menschen behandelt er das Problem, dass der Mensch normalerweise erstmal Gerechtigkeit und Liebe gar nicht haben will, sondern Ego, Ego, Ego. Die Bibel nennt das Sünde.

„Stop, Pfarrer, unterbricht mich Herr Steiner, „ich sitze auf dem Stein hier oben, nicht weil ich besonders lieblos oder ungerecht bin, ich bestimmt nicht, sondern ich sitze hier, weil ich verrecke. Willst du mir sagen, ich hätte den Krebs, weil ich so ein Super-Egoist bin? Was du da erzählst von Sünde, Liebe und dem Schmarrn – das ist bereits zynisch. Also geh weg und lass mich in Ruhe!“ Herr Steiner, sorry, so war’s nicht gemeint. Sie haben recht, ich erspar mir den Anmarsch-Weg. Aber noch lass ich nicht locker. – Mit Ihrem Leiden sind Sie nicht nur unter Menschen, sondern sogar bei Gott nicht allein. Jesus hat gelitten, Folter bis zum Tod am Kreuz. Und auch er war verzweifelt. Aber er hat es ausgehalten, weil er erkannt hat: Nur so kommt die Gottlosigkeit dieser Welt zu Ende, wenn ich den Preis dafür bezahle. Und der Preis dafür, Gottes Liebe und Gerechtigkeit abzuwürgen, der Preis dafür kann nur der Tod sein.

„Und das soll ich getan haben, dieses Abwürgen?“, fragt Steiner. – Pfr.: „Naja, nicht nur Sie speziell, aber Sie auch. Sie sind sicherlich kein Haupttäter, aber Mitläufer. Ob KfZ-Mechaniker oder Pfarrer. Wir sind alle Mitläufer. Es ist die Grundhaltung, in der die Menschheit sich vorfindet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie davon nichts in sich haben. – „Naja …“
So, und Gott kann über die Gottlosigkeit nicht einfach hinweggehen. Er muss sie richten, sonst wäre er nicht gerecht. Und wie gesagt: Da alles Leben von Gott kommt, bedeutet Gott-Losigkeit: Tod. Paulus meint: durch den Menschen ist die ganze Welt dem Tod verfallen und seufzt unter der Sünde des Menschen. Das ist ja gar nicht so schlecht nachzuvollziehen, wenn man an die ganze Umwelt-Sache denkt.“ – „Du schweifst schon wieder ab, Pfaffe: Ich soll in ein bis zwei Jahren tot sein! Die Umwelt interessiert mich grad einen Dreck.“

„Hm, ok, also Jesus hat diesen Tod der Gottlosen auf sich genommen, weil der Tod der Ort ist, wo wirklich alles menschliche Werkeln, Tüfteln, Schaffen, Leisten, Gestalten, Vermurksen zu Ende ist. Im Sterben bin ich so passiv wie der Erdklumpen, aus dem Gott den Adam geformt hat. Im Tod kann ich nur noch eines: empfangen. Genau an den Punkt wollte Jesus.“ – „Na bravo! Eigentor, Pfarrer! Da will ich auch hin, gib mir das Gift, dann bin ich dort!“ „Eben nicht, Steiner! Denn statt zu empfangen, bestimmst du eigenmächtig, wie’s laufen soll und bist gerade nicht passiv. Jesus blieb passiv – er ist sogar am Kreuz verzweifelt – aber dann hat er empfangen: Gott hat ihm an Ostern ein neues, ein völlig neuartiges Leben gegeben. Kurz: In Jesus hat sich Gott den Weg gebahnt zu uns. Und Jesus hat uns durch Karfreitag und Ostern den Weg gebahnt zu Gott.“ – „Was Pfarrer reden können … So, aber jetzt bring’s mal auf den Punkt, also auf mich endlich; – mir geht nämlich die Geduld aus!“ „Ok, Herr Steiner, der Punkt tut aber weh: Ihr Krebs ist ein Splitter vom Kreuz Jesu. Sie leiden Gottes Urteil über uns sündige Menschen – mit Jesus mit – und wie er es aushielt und am Kreuz fixiert aushalten musste, – so sind Sie in die Nachfolge gerufen, zum Leiden, zum Sterben und damit zum radikalen Empfangen. Gerade so bleiben Himmel, Frieden, ewiges Leben ‘ Ihre Hoffnung, begründet in der Ostertat Gottes. Und diese Hoffnung ist keine Vertröstung, sondern Trost im Leiden selbst. „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde.“ – Und „Leib“, das heißt: schon hier in der Welt vor dem Tod. Also hier im Leid des Leibes, im Leib des Leidens, kann das Leben Jesu schon an uns und in uns aufleuchten. Etwa, wenn wir mit unserer Hoffnung anderen Hoffnung geben. Indem wir ausstrahlen, dass jetzt nichts mehr an uns, aber alles an Gott liegt. Und mit in den Tod – nehmen wir die Verheißung, dass wir – so wie wir mit Christus gestorben sind, auch mit ihm leben werden. (Röm 6,8)

Herr Steiner, hören Sie überhaupt noch zu? – „Jaja. – Und weißt Du, Pfarrer, was mir aufgefallen ist? So wie ich hier oben sitze, sehe ich schon fast aus wie dein Jesus. Komisch was?“ – „Äh, ich wollt‘ ja nichts sagen, aber das is mir gleich schon aufgefallen. Das könnte ja der erste Schritt sein in die richtige Richtung, also in die Nachfolge Jesu. – Alles Gute, Herr Steiner, gute Besinnung, gute Entscheidung! Gott mutet Ihnen was zu; das sehe ich. Aber er traut Ihnen auch was zu. Und er hat mit Ihnen noch was vor; viel vor.“

Amen.

Dr. Matthias Dreher, Pfarrer