Bereitsein für den Schalom / den Frieden Gottes

Predigt zum drittletzten Sonntag im Kirchenjahr vom 7.11.2021 von Pfarrerin Gabriele Edelmann-Richter

Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich, wann waren Sie das letzte Mal im Kino?
Ich gebe zu, seit Beginn der Pandemie habe ich mich auch, dank Netflix und Co., auf das Heimkino beschränkt.
Aber egal für welches Genre ich mich entschieden habe, eine Szene mit einem großen Kuss war immer mit dabei!
Wenn Sie gerade auch so eine Szene im Kopf haben, dann sind Sie heute bei unserem Predigttext ganz nah dran!
Nach bangem Hin und Her, nach erstickter und dann doch wieder aufgeflammter Hoffnung geschieht es endlich … zwei Menschen küssen sich und reißen die Zuschauer mit in die Welt der Gefühle, der Träume, der besseren Welt.

Unser heutiger Predigttext aus dem Psalm 85 könnte, wenn er denn verfilmt wäre, ganz großes Kino sein.
Es geht um die Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk.
Sämtliche Gefühlszustände zwischen Zorn und Freude sind da mit dabei.

Predigttext in der Übersetzung der Basisbibel:

Herr, du hast dein Land wieder liebgewonnen und das Schicksal Jakobs zum Guten gewendet. Du hast deinem Volk die Schuld vergeben und alle Sünden hast du ihm verziehen. Du hast deinen ganzen Ärger aufgegeben und deinen glühenden Zorn verrauchen lassen.
Gott, du bist unsere Hilfe, stell‘ uns wieder her!
Sei nicht länger so aufgebracht gegen uns!
Willst du denn immer auf uns zornig sein?
Soll sich dein Zorn noch ausdehnen von der einen Generation auf die andere? Willst du nicht wieder neues Leben schenken?
Dann wird sich dein Volk über dich freuen.
Gott erweise uns deine Gnade und gib uns dein Heil. –

Ich will hören, was Gott zu sagen hat. Der Herr redet vom Frieden.
Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen.
Sie sollen nicht mehr zurückblicken zu den Dummheiten der Vergangenheit!
Seine Hilfe ist denen nahe, die zu ihm gehören.

Dann wohnt seine Herrlichkeit wieder in unserem Land.
Güte und Treue finden zueinander. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. Treue wächst aus der Erde empor. Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab.
Auch schenkt uns der Herr viel Gutes und unser Land gibt seinen Ertrag dazu.
Gerechtigkeit zieht vor ihm her und bestimmt die Richtung seiner Schritte.

Liebe Gemeinde,
wenn wir uns den Text verfilmt vorstellen, sehen wir in der ersten Szene, dass der Psalmbeter Gott daran erinnert, dass er schon einmal gnädig gehandelt hat. Ein Blick also in die Vergangenheit.

Dann schwenkt die Kamera in die Gegenwart: Gott wird wieder um Gnade gebeten, damit sich sein Volk freuen kann.

Die dritte Szene wirft den Blick dann auf die Zukunft. Der Psalmbeter möchte nicht nur selbst sprechen, er möchte gerne Hörer sein!
Er möchte eine Antwort von Gott. Und zwar nichts weniger, als dass Gott den Menschen seinen Frieden verspricht!

Kurze Verschnaufpause… dann ganz großes Finale, ganz großes Kino:

Gerechtigkeit und Friede küssen sich!

An dieser Stelle schauen wir das Drehbuch genauer an:

Was ist hier wohl mit Gerechtigkeit gemeint?
Die Bedeutung geht weit über unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit hinaus!
Gerechtigkeit Gottes ist mehr als gleicher Lohn für gleiche Arbeit oder mehr als gleiche Strafe für gleiches Vergehen.
Wenn der Psalmbeter auf Gottes Gerechtigkeit hofft, dann hofft er, dass Gott seinen Zorn, den er durchaus immer wieder seinem Volk gegenüber zeigt, überwinden kann und sich seinem Volk immer wieder auf’s Neue zuwendet.

Schließlich geht es um Gottes Barmherzigkeit, die die Nähe zu den Menschen sucht!
Gerechtigkeit ist also nicht das Einhalten von Prinzipien; Gerechtigkeit meint im Gebet des Psalmbeters, dass auch nach schlimmstem Versagen ein Neuanfang möglich ist, im Vertrauen darauf, dass Gott ein guter Gott ist.

Das war auch für Martin Luther so. Viele Jahre war er auf der Suche nach innerem Frieden gewesen, bis er erkannte, dass man sich Gottes Gerechtigkeit nicht verdienen kann; sie wird uns geschenkt, allein durch Gnade und allein durch den Glauben an Jesu Versöhnungstat.
Erst nachdem Luther das erkannt hatte, erhielt er einen inneren Frieden.

Liebe Gemeinde,
unser Psalm schlägt eine Brücke von Gottes Gerechtigkeit zum Frieden Gottes.
Und Frieden, hebräisch: „Schalom“, hat eine umfassende Bedeutung: „Schalom“ bedeutet „Wohlergehen“.
Lebt ein Mensch mit Schalom, so führt er ein Leben in Würde und Freiheit, erfährt Gerechtigkeit im Alltag.

In unserer Stephanus Gemeinde gibt es schon seit vielen Jahren einen Schalomladen.
Die Waren, die hier angeboten werden, ermöglichen den Produzenten ein würdevolles Leben und Arbeiten. Die Zertifizierung sorgt dafür, dass es gerecht zugeht, bei der Herstellung und beim Verkauf. So können die weltweiten Produzenten mit sich und ihrer Umgebung in Frieden leben.

Und wie sieht es bei uns hier in Nürnberg mit dem „Schalom Gottes“ aus?
Zwar ist trotz anhaltender Coronakrise die Arbeitslosigkeit auf einem relativ niedrigen Niveau, trotz Lieferengpässen gibt es ein Wirtschaftswachstum.
Aber die Beschäftigungen im Niedriglohnsektor nehmen zu. Zeitarbeit verwehrt vielen auch in unserer Gemeinde eine Planung in die Zukunft.
Die Mieten steigen in astronomische Höhen und der Traum vom Eigenheim ist gerade dabei, sich in Luft aufzulösen angesichts der horrenden Immobilienpreise.

Aber noch leben wir in einem Sozialstaat, der das Schlimmste immer wieder auffängt. Wir können im weltweiten Vergleich ziemlich gut leben!
Gott sei Dank!
Und trotzdem ist es für uns wichtig, die Zusage Gottes, seinen Schalom, immer wieder neu zu hören.
Denn die Angst vor der Macht des Virus, aber auch die Angst vor den unglaublich schnellen Veränderungen unseres Klimas macht auch vor unseren Türen nicht halt. Schalten wir die Nachrichten ein, so hören wir zwar die wohlmeinenden Zielsetzungen auf den Gesundheitsgipfeln der WHO oder die hochgesteckten Klimaziele der Konferenz in Glasgow, doch die Wohlstandsmehrung einiger Länder und die korrupten Methoden einiger Präsidenten machen es dem Schalom Gottes auf Erden nicht leicht, sich auszubreiten.

Liebe Gemeinde,
Gottes Drehbuch für diese Welt zielt auf ein gutes Ende hin.
Es verspricht uns Güte, die uns erkennen lässt, wie wir in das Weltgeschehen eingebunden sind, Güte, die uns die Augen öffnet für die Gemeinschaft mit anderen Menschen, Güte, die uns den Weg weist in ein Leben im Einklang mit der Natur, den Weg in unsere Beziehung zu unserem Schöpfer.
Gottes Drehbuch sieht unsere Rolle als treue Gläubige, die das, was Sie sagen, auch tun, auf die Verlass ist.

Wenn dann die Interessen dieser Welt zu einem Ausgleich kommen und jeder Mensch von sich sagen kann, dass er als Geschöpf und Person gesehen und behandelt wird, dann ja, dann küssen sich Gerechtigkeit und Frieden!

Bis es so weit ist, dürfen wir mit Leidenschaft die Hoffnung und die Sehnsucht danach nicht aufgeben, wenn wir zu Gott beten oder ihn mit unseren Liedern loben.
Wenn wir jeden Tag unsere Schritte den Spuren der Gerechtigkeit Gottes folgen lassen, den Frieden lieben und zur Versöhnung mit der Welt und mit Gott bereit sind, dann ja, dann wird aus dem großen Kino eine bessere Welt!

AMEN

Ökumenisches Friedensgebet

Herzliche Einladung zum Ökumenischen Friedensgebet am Montag, den 08.11.2021 um 19 Uhr in Heilig Kreuz.

Plakat "Reichweite Frieden" mit Logo "Schwerter zu Pflugscharen" der Ökumenischen FriedensDekade. Zu sehen ist eine Weltkugel mit Tauben die diese umfliegen und dabei ein Netz bilden.

Die diesjährige Ökumenische Friedensdekade (7. bis 17. November 2021) steht unter dem Motto „Reichweite Frieden“. Wie weit reicht mein Frieden im Alltag? Bis zum übernächsten Nachbarn? Wie steht es mit dem Frieden in meinen Beziehungen, in der Familie, im Freundeskreis, in der Arbeit, im Verein, im Stadtteil?

Stichwort Frieden zwischen den Völkern: Kann ich da was tun? Eine Unterschrift leisten bei Amnesty international für die Freilassung eines Gefangenen? Bei der nächsten Bundestagswahl eine Partei wählen, die sich für den Frieden einsetzt?

FRIEDEN für die Welt erscheint unerreichbar, wenn wir die täglichen Nachrichten hören. Und trotzdem sind wir aufgerufen, das Unmögliche stets im Blick zu haben.

Das Gebet hat eine Wirkung, daran glauben wir Christen. Wir wollen nicht beim Gebet allein stehen bleiben, sondern aus dem Gebet Kraft schöpfen für die Tat.

Roswitha Laufkötter